Fahren Sie Auto? Wenn ja, dann machen Sie doch einmal mit mir Kopf Kino. Sie fahren mit Ihrem Auto ganz entspannt mit 130 km/h über die Autobahn. Im Radio läuft ein schöner Song. Plötzlich löst sich rechts vor Ihnen, von einem Lastwagen, ein Anhänger und stellt sich vor Ihnen quer. Sie greifen mutig in die Handbremse und ziehen diese mit einem Ruck bis zu Ihrem rechten Ohr. Sonst machen Sie nix und warten …!

Ich gehe davon aus, dass Sie so nie handeln würden.

Bei einem Auto bremst die Handbremse nur die Hinterräder. Auf einem Fahrrad ist diese Story gleich zu setzen mit der aufgehenden Autotür und der ausschließlichen Benutzung der Rücktrittbremse.

Die Rücktrittbremse am Fahrrad stammt aus einer Zeit, als die Vorderradbremse noch wenig wirksam oben auf den Vorderreifen drückte. Sicherlich ist sie eine stabile und fast pflegelose Mechanik. Sie bremst aber eben nur das Hinterrad, das aus physikalischen Gründen nur eine begrenzte Bremskraft erzeugen kann. Damit taugt die Rücktrittbremse als gute Zusatzbremse, als alleiniges Brems- und Anhaltemittel ist Ihre Kraft aber zu gering. Das bedeutet, dass Sie die Vorderradbremse, die durch einen Ihrer Handbremshebel bedient wird, auf jeden Fall mitbenutzen müssen.

Stellen Sie sich jetzt bitte noch einmal die Situation mit dem Radfahrer und der Autotür vor. Wenn Sie erst einmal die Rücktrittbremse bis zum Boden durchdrücken, wird Ihr Hinterrad blockieren und ausbrechen. Danach hat Ihr Hirn mit Autotüre, Gleichgewicht und hinten wegrutschen so viel zu tun, dass Sie die Vorderradbremse im Leben nicht mehr anrühren – auf jeden Fall nicht gezielt einsetzen können. Die Chance, dass Sie dadurch dem Arzt in der Notaufnahme die Situation noch einmal schildern müssen, steigt damit deutlich.

Besser ist es, wenn Sie sich – bevor solch eine Situation auftritt – an Ihre Vorderrad-Bremse (egal ob Felgen-, Scheiben- oder Nabenbremse) gewöhnen und diese als Ihre Haupt-Bremse betrachten. Gehen Sie dazu mit Ihrem Fahrrad auf einem großen Platz. Malen Sie sich einen Strich auf dem Asphalt als imaginäre Autotüre. Jetzt ziehen Sie mit Ihrem Rad entspannt große Kreise. Immer wenn Sie Ihre „Autotüre“ sehen, bremsen Sie so spät wie möglich. Probieren Sie einmal alle Möglichkeiten des Bremsens aus. Bremsen Sie mal nur mit der Vorderbremse, mal nur mit der Rücktrittbremse und mal mit beiden.

Sie werden schnell feststellen, dass Sie beide Bremsen brauchen und dann tasten Sie sich langsam an Ihre perfekte Bremstechnik heran.

Ich verspreche Ihnen, dass einige von Ihnen sehr überrascht sein werden, wie kurz der Bremsweg mit dem Fahrrad, auch aus höheren Geschwindigkeiten, sein kann.

Ihr Thomas Just