Mein kleiner Fahrradladen

Am Berg verliert man unten und oben wird gewonnen. Hart auf die Pedale treten, in den Schultern locker bleiben und nie die Kontrolle verlieren, so geht schnelles Radfahren. Von diesen Weisheiten gibt es endlos viele und doch lassen sich oft Brücken zum alltäglichen Leben schlagen. Oder haben sie nicht auch schon mal ein Projekt stark begonnen und um es dann überfordert wieder einschlafen zu lassen.

Das Fahrrad hat mir geholfen einiges anders zu sehen. Viele kleine Dinge wurden auf einmal wichtig. Die Wolke am Himmel und der vielleicht zu erwartende Regen sind plötzlich eine Wichtigkeit, die sich weit in den Vordergrund schiebt. Ein paar farbige Sonnenschirme, am Ende eines langen Anstieges, gepaart mit der Erwartung eines kühlen Getränks, sind definitiv besser wie Fernsehen. Ein schlechter Sattel vermiest einem den ganzen Tag. Menschen, die man mit ihren Geschichten unterwegs trifft, sind meist eine willkommene Bereicherung. Man hört zu und erzählt, ohne zu wissen, mit wem man überhaupt redet. Man ist als Radfahrer auf Reise oder Tour schnell in Gesellschaft und wenn ein anderer Probleme hat, so hilft man, genauso wie man sich selber freut, wenn andere einem zu Hilfe kommen.

Der Versuch, mit diesem Wissen, die passenden Fahrräder an den Mann oder die Frau zu bringen, ist nicht einfach, denn auch hier muss es in erster Linie „preiswert“ sein oder noch besser, „preisreduziert“. Dabei hat sich anscheinend noch nie einer Gedanken gemacht, warum ein Artikel genau jetzt im Preis reduziert ist, wo er doch so toll ist, alle Ihn haben wollen und der Händler diesen Artikel gerade super verkauft. Und das, obwohl er gerade jetzt eine teure Werbung bezahlt, damit sie gerade jetzt den preisreduzierten Artikel kaufen. Seltsam, für viele Produkte die mir langfristig Freude machen, bin ich endlos herum gelaufen, habe lange gebraucht und habe mit vielen Leuten Gespräche führen müssen, bis ich hatte was ich wollte.

Mit der Zeit häuft sich bei uns Fachleuten endlos viel Wissen an, so dass man bei einigen Produkten kopfschüttelnd schmunzeln möchte, wenn man es nicht gerade verkaufen müsste. Was gilt es also zu tun? Kriegt der Kunde immer genau den Artikel, den er möchte, auch wenn der Händler oder Fachmann genau weiß, dass Er oder Sie damit ganz bestimmt nicht zurechtkommt. Natürlich geht es um den Umsatz und das Geld, aber geht es nicht auch um die Kunden? Wenn ich diesen Gedanken weiter denke, warum ist mir dann unter Umständen ein Reisegefährte wichtiger wie mein augenblicklicher Kunde, denn dem Reisegefährten würde ich ja hemmungslos sagen, welcher Meinung ich bin.

Über die Jahre als Fahrradhändler haben sich viele Geschichten angehäuft, in denen oft so manche einfache Weisheit steckt. Nachdem ich jetzt, nach vielen begeisterten Jahrzehnten, doch langsam kürzer treten muss, möchte ich sie lieber Leser, an meiner und der Begeisterung meiner Kunden teilhaben lassen. Ich möchte sie teilhaben lassen, an den amüsanten und doch zum Teil gesellschaftskritischen Geschichten, die rund um unseren Fahrradladen passiert sind und die vermutlich auch heute in vielen Fahrradläden genauso passieren.

In den folgenden Kapiteln möchte ich sie gerne mitnehmen. Ich möchte ihnen die kleine Welt in unserem Laden vorstellen und sie an den Gesprächen teilhaben lassen, die wir mit Fahrrad-Enthusiasten, zum Teil aus fernen Ländern, gemeinsam erlebt haben.

In den 35 Jahren, in denen ich über das Fahrrad und über das Fahrradfahren nachdenke und mir Fahrräder für die Fahrer ausdenke, ist viel passiert, lustiges, trauriges, philosophisches, technisches und wissenswertes.

Wenn sie Lust haben, folgen sie mir.

Kapitel 1