Mein kleiner Fahrradladen

Wenn ich wieder einmal mit meinem Fahrrad auf einer kleinen Alltagsflucht unterwegs bin, setze ich mich gerne mit großer Freude auf eine Bank, auf einen umgestürzten Baum oder besser noch, auf die Terrasse einer Eisdiele. Ich sitze dann nur da und lausche der Umgebung. In Gedanken male ich mir dann aus den Geräuschen ein Bild, so wie es vielleicht ein Blinder machen würde. Wo bei ich mir im darüber im Klaren bin, dass mein stümperhafter Versuch des akustischen Bildes, bei einem Blinden maximal ein mildes Lächeln hervorrufen würde.

Ich erinnere mich in solchen Momenten gerne an Florian, den blinden Toningenieur. Ich bin Florian irgendwann bei einem Carrera-Auto-Rennen begegnet. Er war einer der Ehrgeizigsten und zugegebener Maßen auch einer der Schnellsten. Dabei konnte er die Autos gar nicht sehen. Er war darauf angewiesen sich ein akustisches Bild zu machen. Da ich in diesem Spiel nicht so begabt bin, passierte es mir regelmäßig, dass ich an einer bestimmten Kurve mein kleines Auto in die Umrandung gefeuert habe. Irgendwann dachte ich an Florian, wie er das schaffte und schloss mutig meine Augen und fuhr langsam mit meinem kleinen Auto weiter. Dabei ließ ich meine Ohren die Führung übernehmen. Wie ich an „meine“ Kurve komme, kann ich auf einmal ganz am anderen Ende des Raumes, über ein partymäßiges Stimmengewirr hinweg, Florian hören, wie er leise, über eine Kuchengabel hinweg murmelt:
„Zu Früh! Du gehst zu früh aufs Gas!“
Ich ändere darauf hin meine Strategie und fahre gleichmäßiger und gebe etwas später Gas. Prompt kommt, halb in eine Kaffeetasse gegurgelt:
„Viel besser! Nicht übel!“
Ich konnte mir ein gemeinsames Grinsen nicht verkneifen, da hat mir doch der „Blinde“ mitten durch die Menschenmenge beim Fahren unbeobachtet zugesehen. Ein wenig machte mir die Vorstellung Angst, dass mir so ein Mensch jederzeit durch eine geschlossene Tür „zusehen“ könnte.

 

 

Auf jeden Fall sitze ich gerne auf einer Bank und spiele Florian. Sie wären überrascht wie sich auf einmal ihre Umwelt verändert. Wie laut und leise, Hindernisse und Entfernungen gemeinsam ein Bild produzieren. Sogar wenn ich auf dem Fahrrad sitze, wende ich diese Technik an. Denn nach vorne kann ich sehen, im Gegensatz zu Florian J, aber zu den Seiten und nach hinten kann ich, wenn auch nur stümperhaft, den Florian mimen. Aber auch stümperhaft ist diese Technik ein echter Knaller. Es kommt fast einem 360 Grad Blick gleich, auch wenn ich mir sicher bin, dass auch das Florian vermutlich besser kann. Trotzdem ist es ein tolles Gefühl, wenn einem die Geräusche und das Gesehene von diesem einen Moment bewusst werden.

Während ich so dasitze und versuche die Zeit zu vergessen, schaue ich oft den vorüberfahrenden Fahrrädern zu. Dabei erzählen mir die Fahrräder meist ungefragt ihre ganze Geschichte. Sie erzählen auch von ihren Fahrern, was für ein Typ er ist, ob er regelmäßig fährt, ob er seinem Körper auch mal zuhört oder was er gerne darstellen würde. So schaue ich und lasse entspannt die Geschichten zu mir herüber wehen. Ab und an sehe ich auch ein Fahrrad (natürlich mit dem Fahrer) das mich anzuschreien scheint.

„Ich bin krumm! Ich bin krumm!“

Ich sehe dann genauer hin und in der Tat, ich kann sehen, dass dieses Fahrrad in der Tat eine krumme Gabel hat. Ich glaube, dass nennt man Augenmaß. Wobei so ein Augenmaß auch ein Fluch sein kann. Stellen sie sich doch bitte einmal vor, alles was nicht perfekt maßhaltig ist, schreit sie an. Dabei erscheint das fehlerhafte Maß vor ihrem geistigen Auge extrem übertrieben daneben zu liegen, denn ein Nachmessen bringt die Wahrheit zu tage und die liegt meist nur im Millimeterbereich.

Schon mein Vater konnte das. Ich erinnere mich an eine Situation in der ich als junger Werkzeugmacher-Lehrling, in seiner Schlosserei mithalf. Mit großem Stolz auf meine noch kurze Berufslaufbahn, legte ich als 15 jähriger Jüngling großen Wert auf das erlernte Grundwissen. Für mich war ich der große Meister aller Maße und Messinstrumente, da ich kurz vorher einen detaillierten Unterricht darüber erhalten und diesen mit einem Sehr Gut abgeschlossen hatte. Nun ließ ich in der Werkstatt meines Vaters den Besserwisser raushängen.

„Thomas, gib mal einen 5,3 er Bohrer!“
„Dazu brauche ich eine Schieblehre!“

Den Blick meines Vaters werde ich nie vergessen. In seinen Augen stand der Ausruf:

„….eine WAS?“

Er antwortete aber gelassen, drückte mir einen Zollstock in die Hand und antwortete:

„Versuchs mal damit!“

Mir erschien die Idee vollkommen unmöglich und ich setzte darauf, dass auf dem Bohrerschaft das Maß zu lesen stand. Ich schnappte mir die Dose mit den Bohrern. Diese waren aber von dem vielen Arbeiten in einem grundsätzlich anderen Zustand als bei uns in der Lehrwerkstatt. Die Bohrer hatten alle einen „abgefressenen“ Schaft und waren unmöglich mit einem Zollstock oder anhand der Bezeichnung festzustellen. Fünf Minuten, die mir wie eine Stunde vorkamen, versuchte ich mit großer Mühe den passenden Bohrer zu finden. Mein Vater blieb während dieser Wartezeit ganz gelassen. Ich reichte ihm dann einen Bohrer den ich ihm überzeugt als einen 5,3er übereichte.

„Das ist ein 5,8er“, sagte mein Vater ohne den Bohrer auch nur zu berühren.

„Gib mir mal die Kiste!“

Dann griff er in die Kiste, ohne auch nur einen Blick auf die Bohrer zu verschwenden. Er nahm verschiedene Bohrer zwischen zwei Finger und drehte sie, dann lies er ihn fallen und nahm einen anderen, um diesen wieder zu drehen. Nach drei, vier Versuchen hielt er einen Bohrer hoch und präsentierte ihn mir:

„Das ist ein 5,3er!“

Dann spannte er in ein und begann zu bohren. Schüchtern fragte ich nach:

„Wie machst du das?“

„Wenn ich ihn zwischen den Fingern drehe, kann ich das fühlen.“

„Konntest du das schon immer?“

„Weiß ich nicht und jetzt halt hier mal fest!“

Damit war der Unterricht beendet und ich blieb erschüttert zurück.

 

„Ich war mir sicher, dass ich das nie können werde und dass ich so etwas in meinem Berufsleben niemals tun werde.“

Heute, kann ich so schlecht sehen, dass ich mir die andere Brille holen müsste um den Nonius der Schieblehre genau ablesen zu können. Der Einfachheit halber greife ich dann in die Bohrerkiste und nehme mir verschiedene Bohrer zwischen zwei Finger und drehe sie. Dann lasse ich mich inspirieren. Dabei ist mir aber auch zugegebener Maßen das eine oder andere Zehntel egal und ich bin mir sicher, nur die Bohrer finden zu können, die in meinem Job auch Sinn machen. Hin und wieder aber beeindrucke ich meinen Freund Walter damit, dass ich den Bohrer einfach so aus der Kiste nehmen kann.

 

Bei den Fahrrädern habe ich an so vielen Unfallrädern gemessen und mit dem Augenmaß das gemessene überprüft, dass irgendwann das Augenmaß und eine sensible Probefahrt wichtiger wurden, wie Messen. Sicher musste am Ende immer ein Messergebnis stehen, aber das Augenmaß musste vorgeben, was es genau zu messen galt. Nach den endlosen Stunden, die ich mit dieser Tätigkeit verbrachte, war ich irgendwann soweit wie mein Vater. Das Fahrrad erzählte mir einfach und von ganz alleine, aus seiner eigenen Geschichte.

Um dieses Phänomen besser darzustellen, möchte ich ihnen eine Geschichte erzählen, die ganz gut dazu passt:

Eines Vormittages öffnet sich die Türe und zwei junge, erwachsene Leute betreten unseren Laden. Direkt dahinter folgt eine alte Dame mit einem Batavus Hollandrad, welches unser Firmenlogo trägt und sich damit als ein Fahrrad aus unserem Hause ausweist. Das Fahrrad stellen die Leute mitten in den Raum. Die Jungen beginnen sofort mit lautem Schimpfen und Protestieren.

„Eine Unverschämtheit ist das, meiner Mutter ein solches Fahrrad zu verkaufen!“

Ich komme aus der Werkstatt und gehe in den Verkaufsraum. Dann wische ich mir die Hände an einem Lappen ab, lächle höflich und spreche sie an:

„Was kann ich tun, wie kann ich helfen?“

Während ich die Leute anspreche, schaue ich mir das Fahrrad genau an. Es sieht aus, als wäre ein Elefant damit gefahren. Der Rahmen ist genau in der Mitte so durchgebogen, dass die Pedale fast an die Erde kommen. Dabei sah das Fahrrad aber blitzsauber und ansonsten vollkommen unbeschädigt aus.

„Meine Mutter hätte tot sein können! Sehen sie sich das Fahrrad an! Das ist während der Fahrt einfach so durchgebogen. Stellen sie sich doch bitte einmal vor, meine Mutter wären einen steilen Berg hinunter gefahren…..! Nicht auszudenken was hätte passieren können. Da wird definitiv etwas auf sie zukommen!“

Während mir diese Kunden immer mehr die Hölle heiß machen, knie ich mich vor das Rad und suche fieberhaft nach einer logischen Erklärung. Dass das Fahrrad während der Fahrt einfach so durchgebogen ich, lasse ich dabei völlig außer Acht, da das komplett unmöglich ist, denn wir sind mit solchen Fahrrädern schon mit zwei Mann und Gepäck gefahren und das Fahrrad hat es, außer einem Plattfuß und einer eingedellten Felge, gut überstanden. Während der Zeit, wo ich vor dem Fahrrad knie, redet der junge Mann immer intensiver auf mich ein und schreit mittlerweile den halben Laden zusammen. Auch wenn mich seine Kanonaden ganz bestimmt nicht unberührt lassen und ich immer mehr um meine Fassung ringen muss, lasse ich jetzt einmal das Fahrrad zu Wort kommen. Sanft fasse ich es an, drücke auf die Pedale, prüfe welche Belastung es noch aushält, schaue mir die Rohre im Detail an und lasse die Ergebnisse wie einen Kinofilm vor meinem geistigen Auge vorüberziehen. Auf einmal fällt mein Blick auf das Batavus Emblem vorne am Fahrrad auf dem Steuerrohr. Mitten auf dem Emblem ist deutlich der Abdruck eines Kettengliedes zu sehen und plötzlich erzählt mir das Fahrrad seine ganze Geschichte:

 

„Die alte Dame ist eines Abends einen netten Waldweg gefahren. Die Dämmerung legt sich schon langsam über den Weg, als die alte Dame merkt, dass es schon spät ist und sie eilig mit dem Fahrrad nach Hause muss. So fährt sie beherzt und mit hohem Tempo dahin. An einer Ecke biegt sie mit Schwung auf einen Weg ein, der für sie vermutlich eine Abkürzung bedeutet. Nur das heute Abend dieser Privatweg mit einer Kette versperrt ist. Da die Dame das Licht aber noch nicht eingeschaltet hat und sie mit den Gedanken schon zu Hause ist, fährt sie ungebremst vor die Absperrkette“.
In dem Film, der gerade in meinem Kopf abgespielt wird, sehe ich die Dame im hohen Bogen von dem Fahrrad fliegen und das Fahrrad mit einem Salto über die Kette purzeln. Mich erschaudert der Gedanke.

Ein wenig traurig schaue ich die alte Dame an, die bisher ganz am Rand von der Szene stand und bisher nur geschwiegen hat. Ich mustere sie und schaue auf ihre Hände und Knie. Die Dame kann meine Gedanken auf einmal erahnen und schaut mich erschreckt direkt an. Während der ganzen Zeit zetert der junge Mann weiter und lässt allerlei Gesetzbücher über mich abregnen. Die Dame aber schaut mich auf einmal traurig an und blickt dann beschämt auf den Boden. Mitten in einem gerade besonders laut vorgetragenen Vorwurf, richte ich meine Stimme, eher freundlich und mit deutlichem Bedauern, an die Dame:

„Die Kette nicht gesehen? Mensch……, Frau hätten sie doch das Licht eingeschaltet! Oh je, sie müssen so furchtbar geflogen sein. …… Haben sie sich dolle weh getan?“

Mit einem Mal ist es in unserem Laden mucksmäuschen Still. Man kann plötzlich eine Nadel fallen hören. Die alte Dame schaut mich wieder an:

„Ich hatte es doch so eilig und da hab ich das Licht nicht eingeschaltet und dann habe die Kette einfach übersehen. Oh Herr Just, ich bin so furchtbar geflogen, ich habe mir so wehgetan, aber das Schlimmste dabei ist, mein Fahrrad ist kaputt. Kann man da denn nichts machen?“

Der junge Man versucht gerade in einem Mausloch zu verschwinden, während ich ihn kurz ansehe und dabei ablehnend mit dem Kopf schüttele.
„Nein, gute Frau, so leid es mir tut. Schauen sie, dass was ich sehen kann, können die Fachleute bei Batavus auch sehen. Es tut mir leid, da ist nicht zu reparieren. Der Schaden ist zu groß und die Kosten sind einfach zu hoch. Sie werden sich ein neues Fahrrad kaufen müssen.“

Der eben noch so präsente junge Mann erscheint mir auf einmal unsichtbar. Er schnappt sich das Fahrrad und die alte Dame:

„Komm Mama!“

Dann verlassen die Leute bedröppelt den Laden.

 

„Tja, das ist Augenmaß. Danke Papa!“

 

 

 

Aber ich bin noch häufiger mit krummen Dingen in Kontakt gekommen und oft wurde dabei mein Gerechtigkeits-Gefühl, so wie hier auch, auf eine harte Probe gestellt, denn nicht immer ist Recht auch gerecht. So erinnere ich mich an eine Gegebenheit in meiner Anfangszeit. Geld war Mangelware und der jugendliche Übermut die entscheidende Triebfeder. Es war November, was vermutlich auch noch Heute den Tiefpunkt des Jahres in einem Fahrradgeschäft darstellt. Das Konto ist leer, die Einnamen sind dürftig und es gibt wenig zu tun. Dagegen herrscht im Sommer die blanke Hektik und man wünscht sich, man hätte im Winter vorgearbeitet. Nur hatte man da kein Geld auf dem Konto, um die übriggebliebene Ware der Saison für kleines Geld dem Großhändler abzukaufen. Nun war ich aber jung und rechnen konnte ich da auch schon.

 

Genau zu dieser Zeit veranstaltete unser Haus- und Hof-Großhändler, wie jedes Jahr, seine jährliche Hausmesse. Mich zog es direkt zu den Auslauf-Modellen der Saison und zu den Fahrrädern der Marke Batavus, die zu dieser Zeit so mit das Beste waren, was es zu kaufen gab. Mit traurigen Blick und leerem Bankkonto schaute ich auf die tollen Fahrräder.

„Plötzlich stand es da, ein leichtes Batavus Sportrad in einem fröhlichen Lila. Die Sitzposition war prima, die Ausstattung ein Gedicht um damit jeden Tag zur Arbeit zu fahren.“

O.K. die Farbe war ein wenig gewagt und vermutlich der Grund warum der Großhändler mit seiner Bestellung ein wenig daneben gelegen hatte. Ich blieb an dem Fahrrad stehen und dachte nach. Plötzlich stand ein mir gut bekannter Mitarbeiter des Großhändlers hinter mir.

„Moin Herr Just, wäre das Rad nicht etwas für ihr Geschäft? Das Rad lief nicht so gut dieses Jahr! Wir haben noch 50Stück davon. Es ist ein exzellentes Stück. Das Rad wäre ideal, um es für einen günstigen Preis zu Weihnachten anzubieten.“

Der Mitarbeiter schaute mich abschätzend an, da Weihnachten bei uns eigentlich keine Fahrradladenzeit ist. Ich dachte laut nach:
„Dann müsste der Preis aber schon Tote zum Kaufen bringen!“

Der Mitarbeiter schaute mich an und grinste.

„O.K. wenn sie alle nehmen, mache ich einen Preis, der auch Tote aufweckt. Aber Sie müssen alle nehmen und das schnell, denn auch wir bekommen wieder neue Ware.“

Ich rechnete im Kopf die zu bezahlende Summe zusammen. Heike, die neben mir stand und genauso gut rechnen konnte, schaute mich skeptisch an, da unser Konto jetzt schon im Minus war. Ich schaute sie überzeugt an und lächelte.

„Aber nur wenn ich erst in zwei Monaten zahlen muss!“

„O.K. dann aber ohne Skonto!“

„Einverstanden!“

 

Auf der Fahrt nach Hause, redeten wir kein Wort miteinander. Beide hatten wir die zu zahlende Summe im Kopf. Heike brach als erste das Schweigen:
„Da muss ein wahrhaft heftiges Schaufenster her! Wir müssen ein Schaufenster machen, das die Leute auf der Straße so auf die Bremse treten lässt, dass im Radio vor unserem Laden gewarnt wird.“

Ich schmunzelte. Ja, so konnte es gehen. Alle Fahrräder in einer Nacht und Nebel Aktion montieren. Alle mit einer Schleife am Lenker und einem wirklich heftigen Schaufenster anbieten.

Nun waren wir zu dieser Zeit einer der wenigen Fahrradläden, die wirklich kunstvolle Schaufenster machten. Wir waren jung, Walter war Fotograf, seine Schwester und meine Freunde Stephan und Bine, künstlerisch begabt und wir alle hatten Bock die übliche Vorstellung eines verstaubten Fahrradladens zu durchbrechen. So manches Mal hatten wir Fenster, die als Photomotiv herhalten durften. So gestalteten wir Fabrikmauern mit wilden Graphitis als Hintergrund und davor ein Laterne mit einem angeschlossenen edlen Fahrrad daran. Oder ein ganzes Wohnzimmer, mit einem Tannenbaum, Ohrensessel, Tisch, Teppich, Anrichte und einem verpackten Fahrrad unterm Weihnachtsbaum. Das Schwierige an diesen Schaufenster-Installationen war die Tatsache, dass unser Schaufenster nur 50cm tief war. Und nun gestalten sie mal ein komplettes Wohnzimmer auf nur 50cm Tiefe.

Ja, wir konnten wilde Schaufenster gestalten. Aber dieses hier, musste allem die Krone aufsetzen, denn im Januar flatterte die Rechnung über diese Fahrräder ins Haus und zu diesem Zeitpunkt mussten definitiv die meisten Fahrräder verkauft sein, sonst ging bei uns echt das Licht aus.

 

Wir zerbrachen uns gemeinsam den Kopf, wie wir so ein Weihnachts-Schaufenster gestalten sollten, bis mir eines Abends ein Märchenbuch in die Finger fiel. Ich schlug unbeabsichtigt die Seite mit dem Märchen -Sterntaler- auf. Das Bild mit dem vom Himmel regnenden Geld brannte sich förmlich in mein Hirn.
„Das isset! Bei diesem Anblick müsste doch, Geldgier sei Dank, Jedermann spontan stehen bleiben. Ja, warum den Spieß nicht einmal umdrehen. Wir packen die Leute an ihrer Geldgiernase. Wir machen ein Geldregen-Schaufenster mit einem riesigen Berg Zaster darin. Oben auf dem Zaster, wie in einem Zwergenfilm, thront unser Batavus Fahrrad. Über dem ganzen Szenario muss dann noch ein Schild stehen:
Sie wollen ein tolles Marken-Fahrrad?
Es soll erstklassig und von hervorragender Qualität sein?

Natürlich mit einer spitzenmäßigen Beratung und tollem Service?

Und das zu einem Spottpreis?

Haben wir, kommen sie rein!“

Ich besprach die Idee mit Heike, meinen Freunden und mit meinen Eltern. Mein Vater gab aber zu bedenken:
„Die kloppen dir die Scheibe ein, wenn du zu gut bist. Irgendein Besoffener hält das für echt und liegt dann eines Nachts in deiner Scheibe!“

Ich konnte mir zwar soviel Rausch gar nicht vorstellen, aber denkbar war das schon.

 

So zogen Heike und ich an einem freien Tag also los, die Zutaten für unser Schaufenster zu besorgen. Es mussten schließlich kiloweise Schokoladenmünzen herangeschafft werden. Die Geldscheine fotografierte ich und bearbeitete sie so, dass sie in quischbunten Farben und gefühlt doppelt so groß waren. Dann ging ich in einen Kopier-Shop und druckte einen ganzen Kopierer leer. Zu Hause schnitt ich dann alle Scheine aus, schnappte ich mir einen Edding und schrieb in endlose Arbeit auf jeden Schein das Wort MUSTER. Mit diesen Zutaten drapierte ich ein Bettlaken über Berge von alten Lappen und tackerte das Laken am Boden fest. Auf diese Mondlandschaft verteilte ich dann die Münzen und Scheine so, dass sie wie mit einer Schubkarre abgeworfen aussahen. Natürlich waren jeder Schein und jede Münze mit zweiseitigem Klebeband mit dem Boden verbunden. Dann schnappte ich mir fast durchsichtigen Nylonfaden und ließ Geld regnen. Ich kam mir vor wie im Märchen. Auf einmal beneidete ich jeden Bühnenbildner.
„Einmal so richtig der kindlichen Phantasie freien Lauf lassen!“

Dann drapierte ich obenauf unser Batavus Fahrrad, leuchtete es von überall wie einen wertvollen Schatz an und befestigte es an der Decke. Anschließend setzte ich mich vor eine große farbige Pappe und malte unser Schild mit genau der Aufschrift, die ich mir überlegt hatte.

Am frühen Morgen, nach einer fast durchgearbeiteten Nacht, schaute ich mir unser Schaufenster an.

„Es war ein Traum! Alles glitzerte und blinkte wie im Märchen! Ja, so sollte es sein!“

Am nächsten Tag saßen wir auf unserer Ladentheke und schielten auf die Straße und beobachteten die Passanten. Zwei Frauen, die mit einem Kinderwagen bewaffnet, die Straße hinunterschoben und dabei in einem intensiven Gespräch vertieft waren, traten vor unserem Laden so auf die Bremse, dass wir dachten sie würden über den Kinderwagen stolpern. Danach betrachteten sie sich ausgiebig und mit staunenden Augen unser Schaufenster.

„Genau für diesen Gesichtsausdruck, hatten wir fast rund um die Uhr gearbeitet,“!

Vor unserem geistigen Auge sahen wir schon eine Warnung in den Nachrichten:
„Es wir vor dem befahren der Moltestraße in Düsseldorf gewarnt. Mehrfach haben dort Autofahrer spontane Vollbremsungen wegen eines Schaufensters gemacht. Es ist eine spezielle Kommission gebildet worden“.

Wir saßen beim Ausmalen der Phantasien, vor lauter Lachen mit Tränen in den Augen auf der Theke und schauten den Passanten zu.

 

In den folgenden Tagen war dieses Batavus Fahrrad auch wirklich unser Renner. Die Kunden kamen mit einem Schmunzeln in den Laden und verlangten ein solches Fahrrad. Aber nur, wenn sie auch eine Schokomünze dafür stibitzen dürften. Wir verkauften in den Tagen bis Heiligabend glücklicher Weise so viel von den Fahrrädern, dass wir auch unsere Rechnung bezahlen konnten. Wir waren rundum zufrieden. Die Kunden bekamen ein wirklich phantastisches Rad, wir machten Gewinn um unsere Schulden weiter abzahlen zu können und was wichtiger war, wir hatten alle einen Heidenspaß dabei.

 

Am 24.Dezember machten wir den Laden noch einmal für ein paar Stunden auf, da noch einige Kunden ihre Geschenke abholen mussten. Gegen Mittag, kurz vor dem Feierabend, wir hatten uns schon zufrieden zurückgelehnt, betraten plötzlich zwei Herren den Laden. Beide hielten auf einmal Ihre Marke hoch:

„Kriminalpolizei! Uns liegt eine Anzeige wegen Falschmünzerei vor!“

Mit diesen Worten drehten sie sich um und schauten ins Schaufenster. Einer rupfte einen Geldschein aus der Auslage, betrachte sich das fast DIN A5 große, knallbunte Exemplar mir der Aufschrift Muster und zeigte es seinem Kollegen. Beide schmunzelten sie und schüttelten amüsiert den Kopf. Heike und ich schauten uns verblüfft an:

„Eine Anzeige? Uns hat jemand angezeigt? Wegen so einem tischdeckengroßen Stück Papier? Welcher Esel ist den so besoffen, dass er sich damit täuschen lässt?“

Die Polizisten schauten uns mitleidig an.

„Glauben sie mir, ich komme mir selber auch albern vor und hätte ihnen das gerne erspart, zumal heute Weihnachten ist, aber wir haben eine klare Anweisung erhalten. Wir haben bei ihnen alles Falschgeld zu konfiszieren und den genauen Tathergang festzustellen.“

„Wer hat uns denn angezeigt“?

„Das dürfen wir ihnen nicht sagen“, sagte der eine Sheriff, während sich der andere einmischte:

„das war anonym“!

In diesem Augenblick brach in mir eine Welt zusammen. Wer konnte uns so hassen? Wer wusste so viel, dass er genau die Regeln kannte, die wir anscheinend verletzt hatten? Wer timte so etwas, so präzise, dass genau unser Weihnachtsfest verdorben wurde? Warum?
„Muss ich mit auf das Revier?“

„Nein, sie erklären mir jetzt bitte einmal den ganzen Vorgang. Zum Ersten, wo kommen die Geldscheine her?“

Etwas kleinlaut erklärte ich dem Beamten unser Vorhaben.

„Die Kopierarbeiten habe ich in einem Kopier-Shop gemacht.“

„Wo ist den dieser Kopier-Shop?“

Immer noch wie in Trance antwortete ich:

„Der ist im Düsselcarre, direkt hinter dem Haupteingang.“

„Haben sie noch mehr Falschgeld?“

„Nein, wozu auch?!“

Die Polizisten notierten sich alles. Ich fragte noch einmal nach:
„….und was wird jetzt weiter?“

„Sie bekommen Bescheid!“

Dann machten die Herren Anstalten in das Schaufenster zu klettern. Da ich mein Schaufenster kannte, sprang ich hinzu und wollte den Polizisten helfen, das Schaufenster auszuräumen.
„Das ist sehr freundlich, aber wir haben die Anweisung, eigenhändig alle Geldscheine sich zu stellen. Sie dürfen uns dabei nicht helfen!“

Das erste Mal sah ich Justitia, mal abgesehen davon, dass mein Name ein Teil von ihr ist, mit anderen Augen. Was war davon jetzt gerecht? Das erste Mal musste ich lernen, dass Recht und Gerechtigkeit auf zwei unterschiedlichen Zetteln geschrieben steht.

 

Nach einer Weile hatten die Beamten das Schaufenster geräumt und verließen uns mit einem, mitleidigen, ernstgemeinten und traurigen:

„Ruhige und besinnliche Weihnachtstage!“

Schockiert räumte ich das zerzauste Schaufenster wieder zusammen. Das Fahrrad nahm ich aber raus. Wer weiß, was der Mensch oder Konkurrent, der dass hier initiiert hat, noch alles vollbringt um uns zu stoppen?

Die Weihnachtstage waren für uns eine einsilbige Angelegenheit. Unsere Familien und Freunde schlossen einen engen Ring um uns, um uns zu schützen. Ich aber war bis in die Grundfesten erschüttert. Nach Weihnachten bekamen wir Post von der Landeszentralbank, die in solchen Fällen die Staatsanwaltsstelle vertritt. In dem Schreiben stand:

„…..Androhung 15000Deutsche Mark Geldstrafe oder ersatzweise Haft!“

Mit wackeligen Knien ging ich zum Telefon und rief den Justiziar der Handwerkskammer an. Dieser machte mir nicht viel Hoffnung, da ein großer Autohändler gerade wegen so einer Nummer, richtig Strafe gezahlt hatte. Der Mann erläuterte mir, dass der Autohändler Flyer unter die Scheibenwischer geklemmt hatte, die auf einer Seite wie ein Geldschein aussahen.

Bestürzt legte ich auf.
„Würden wir jetzt durch diese eigene Dummheit oder die Gemeinheit der Anderen unseren Laden schließen müssen? Ja, würde ich vielleicht sogar ins Gefängnis wandern müssen?“

Ich war jung und unerfahren und machte mir riesige Vorwürfe.

Einige Tage später nahm ich mir allen Mut zusammen und rief den zuständigen Menschen in der Landeszentralbank an. Es meldete sich ein netter älterer Herr und forderte mich auf, ihm einmal alles genau zu berichten. Aufgeregt erzählte ich ihm die ganze Geschichte. Ich erzählte ihm von dem Großhändler, von dem Witz in den Nachrichten, von den begeisterten Kunden, von meinem Vater und dem Rat alle Scheine zu verfälschen und als Muster zu kennzeichnen. Ich erzählte von der Angst vor dem Besoffenen und das unser junges Geschäft kurz davor war, alle Rechnungen bezahlen zu können. Mein Gegenüber lauschte mir lange und geduldig. Ich war aufgebracht und aus mir sprudelte die ganze Anspannung der letzten Tage heraus. Kurz bevor ich anfing, vor lauter Enttäuschung zu Heulen, unterbrach mich der Herr am Telefon:

„Schauen sie, sie haben sich doch Gedanken gemacht, sie haben doch selber schon erkannt, dass es etwas Risikoreiches ist, was sie da vor hatten. Das alles ehrt sie, doch wenn sie Zweifel hatten, warum haben sie nicht jemanden Gefragt der auch Bescheid weiß. Wenn sie krank sind, gehen sie doch auch zum Arzt oder?“

Mir leuchtete das direkt ein.

„Was habe ich den falsch gemacht?“

„Die Scheine waren ein klein wenig zu klein und das Wort Muster musste eingedruckt sein und durfte nicht nachträglich aufgeschrieben werden!“

„… Das ist alles?“

„Ja, genau, dass ist alles. Sie waren so dicht dran und lagen doch daneben.“

„…. Und wegen so einer Kleinigkeit mache ich jetzt den Laden dicht!“

„Nun mal langsam! Was halte sie davon, wenn sie wegen … BLÖDHEIT… eine Strafe von 500DM akzeptieren? Denn ein wenig Blöd waren sie schon, ODER?“

Ich schmunzelte am Telefon.

„Ja! Das kann ich akzeptieren! Ein wenig BLÖD war das schon! Schicken sie mir den Bescheid, ich zahle! Und……. DANKE!“

„Da ist nicht zu danken!“

Aus dem Augenwinkel konnte ich Justitia winken sehen. Langsam rückte mein Weltbild wieder ins richtige Licht!

„Was ist denn eigentlich mit dem Kopier-Shop? Das arme Schwein konnte doch gar nicht dazu, der hat mich ja kaum gesehen!“

Der Mann am anderen Ende schwieg einen kurzen, nachdenklichen Augenblick.

„…. Der hat den Laden zumachen müssen!“

Ich kriegte plötzlich keinen Ton mehr raus. Was habe ich gemacht? Was hat der Mensch gemacht, der mich auf diese Weise in die Knie zwingen wollte? Mit belegter Stimme sagte ich:

„Ich schwöre, das arme Schwein kann nichts dafür, ich setze mich gerne für ihn ein.“

Der Herr an Telefon wurde plötzlich sehr sachlich:

„Nichts mehr zu machen und sie passen sie jetzt besser auf ihren eigenen Laden auf!“

Vollkommen am Boden zerstört hauchte ich ein,

„Danke“

ins Telefon.

 

Heute sind viele Jahre vergangen und mir ist das seltsame Spiel von Justitia noch ein paar Mal begegnet. Ich weiß bis heute nicht, ob ich immer dem gleichen Menschen auf den Füßen gestanden bin. Denn jedes Mal war es der gleiche, perfekt eingefädelte und immer komplett legale Taschenspielertrick, der uns und sehr oft auch Menschen in meinem Umfeld zu Schaden hat kommen lassen. Doch diese erste Situation hat mich nie mehr ganz losgelassen. Der Araber, der den Kopier-Shop betrieb, hat vermutlich genau so gekämpft wie wir und er hat vermutlich kaum mitbekommen was ich da an dem Kopierer trieb. Trotzdem hat ihn dieser Taschenspielertrick mit der vollen Härte getroffen.

„Dabei war der Arschtritt doch für mich gedacht“,

warf ich mir immer wieder vor. Und genau das hat mir noch lange zugesetzt. Das ich in meinem Kopf ein Falschmünzer war, hat mich noch lange belastet, obwohl ich vermute, dass es mit der Ordnungswidrigkeit erledigt war. Aber ich habe in der Folgezeit auch schmerzlich lernen müssen, dass ich in einer Geschäftswelt nicht mitspielen kann und mitspielen mag, in der es zum guten Ton gehört, wenn ein Kaufmann zum Anderen sagt:

„Oh, wir haben heute noch keine einstweilige Verfügung erhalten, wir sind noch nicht an unserem Limit, wir sollten etwas an unserem Verhalten ändern!“

 

Vielen Menschen und kleinen Kaufleuten oder Handwerkern sind solche Ereignisse auch nicht fremd. Manch einer hat für das Radio in der Werkstatt ein Schreiben der GEMA erhalten und für die öffentliche Vorführung von Musik, anschließend eine Rechnung bezahlt. Ich aber, bin schon ein wenig traurig, wenn wir uns nicht mehr aufeinander verlassen können und wenn wir nicht alle selber versuchen, in unseren Grenzen, gerecht zu sein. Denn es liegt doch an jedem von uns, für dieses hohe Gut einzutreten und dafür zu kämpfen.

Und eigentlich danke ich immer noch dem Beamten der Landeszentralbank, dass er versucht hat, in seinen Grenzen, gerecht und auch mit Augenmaß zu handeln.

Kapitel 11
Kapitel 13