Mein kleiner Fahrradladen

Willi lehnt sich zurück und führt langsam und genüsslich seinen doppelten Espresso zum Mund.

„Weißt du Thomas, du musst mit der Entscheidung nicht hadern, den Fahrradladen aufgeben zu wollen. Bei der Lektüre des Homo Oeconomicus steht zu lesen: Wenn alle Menschen, über alle Informationen verfügen und stets rational nutzenoptimal handeln, entscheidet am Ende nur noch der Preis.

Schau dich doch mal um, viele tolle Metzger, kleine Autohändler, Motorradhändler und Ärzte schließen ihre Läden und Praxen. Das sind alles Leute aus den geburtenstarken Jahrgängen, die mit unendlichem Freiheitsdrang das Ausleben wollten, was ihre Eltern als Nachkriegs-Generation angestoßen haben. Sie leben stets in zwei Welten. Einmal sind sie die Trümmergrundstück-Fußballspieler und Motorradfahrer und ein anderes Mal die Tablett und Smartphon Generation. Ihr Selbstverständnis ist daher etwas anders. Doch in einer Welt, wo jeder, jede Information, augenblicklich bekommen kann, wo dir jede Werbung und jeder Preis in Sekundenbruchteilen in deine Welt gespiegelt wird, werden Entscheidungen einfach anders gefällt. Es ist nicht verwunderlich wenn kein junger Mensch in deine Fußstapfen treten will. Wenn du gelernt hast, nutzenoptimiert weiter zu denken, dann geht es doch eigentlich nur noch ums Geld“.

Willi setzt wieder zufrieden seine Tasse auf den Tisch zurück, während ich ihn interessiert fixiere.

„Aber das würde ja bedeuten, dass es demnächst nur noch riesige Ladenketten, Internet-Apotheken und Online-Ärzte gibt. Wenn keiner mehr blickt, dass Geld nur ein Werkzeug, ein Mittel zum Zweck ist, wenn keiner mehr blickt, das nur der richtige Arzt oder der richtige Händler die Lösung weis und das es diesen zu finden und auf seine Seite zu ziehen gilt, dann geht es am Ende wirklich nur noch um Geiz ist Geil oder um Teuer aussehen und billig bezahlen“.

„Na ja, ich kenne auch junge Leute, die das anders sehen. Die auch Lust auf echten Genuss haben“!

Ich schnupperte an meinem Grappa.

„Vielleicht ist ja Genuss ein treibendes Element. Vielleicht sollten wir uns fragen, wie wir in allem was wir tun, etwas genüssliches Erleben können. Wie wird aus einer Autofahrt ein Genuss? Vielleicht wenn wir die Eisenbahn benutzen und dabei ein Buch lesen? Wie wird eine Einrichtung zum Genuss? Vielleicht wenn wir uns beim Aussuchen Zeit lassen, hier und da ein Teil dazustellen und durch viele Geschäfte stöbern. Ich erinnere mich an einen viktorianischen Schreibtisch. Meine Freundin Gabriele hatte solch einen. Lange Zeit hat sie danach gesucht und sie war dabei vom Fach. Für mich, und ich bin im Spannplattenlook aufgewachsen, war es am Anfang ein unnütz verspieltes Ding. Doch ein ums andere Mal, wenn ich daran gearbeitet habe und mich gefragt habe, wer alles hier gesessen und geschrieben hat, hat mir dieser Schreibtisch ein gutes Gefühl spendiert. Dieser Schreibtisch hat mich damals in seinen Bann gezogen und ich habe es stets genossen, daran zu sitzen. Sicher war er teuer, aber es war auch ein Möbelstück für Jahrzehnte und es hat auch Jahre gedauert ihn auszuwählen. Für mich aber war er sehr wertvoll. Was er gekostet hat, habe ich dabei aber nie gefragt. Vielleicht sollte es ja mehr um Genuss gehen. Wobei ich nicht unnütze Verschwendung meine, denn auch eine Pause auf einer Bank im Park kann ein Genuss sein. Wir müssen uns nur die Zeit nehmen uns zu setzen. Vielleicht ist aber auch schon Genuss, wenn es die besten Pommes der Stadt sein müssen, auch wenn ich eine halbe Stunde mit dem Fahrrad dorthin fahren muss“.

Während ich mir den Grappa mit kleinen Schlucken zuführe und dabei die Augen schließe, erwidert Willi:

„Du hast es doch schon vor Jahren auf deine Webseite geschrieben. Mit diesen Worten zieht er sein Tablett zu sich und öffnet meine Webseite und beginnt eine Textstelle vorzulesen:

Würden Sie in Gummistiefel joggen?

Ein kritischer Mensch ist doch eigentlich schon ein halber Genuß-Radfahrer. Auf jeden Fall macht es mir Freude, wenn ich nach einem stressreichen Tag auf mein Fahrrad klettere und nach Hause radele. Plötzlich treten die einfachen Dinge in den Vordergrund. Es geht um kalt oder warm oder um die Frage, warum der Laden gegenüber plötzlich leer ist. Ich genieße die Zeit und stelle mir manchmal vor, ich würde einfach bis zum Meer weiterradeln. Oft frage ich mich, warum ich so oft alleine mit dem Fahrrad nach Hause fahre. Wenn ich dann Bekannte oder Nachbarn danach frage, so sehe ich Gesichter, die an den mächtigen POPO-AUA denken oder an die schmerzenden Handgelenke. „Hmm …“ höre ich dann – und etwas von zu aufwändig und so! Obwohl ich den Verdacht habe, dass sie mich manchmal beneiden und auch mitfahren möchten. Wenn da nicht der Popo wäre, und die Handgelenke. Irgendwann sehe ich sie dann mal mit ihrem Fahrrad und verstehe vieles. Wenn sie darauf sitzen, ist das so, als wollten sie in Gummistiefel joggen. Stimmt, damit wäre mir der Aufwand auch zu groß. Aber wieso ist das so“?

Die Leute an den Nachbartischen beginnen unserem Gespräch zu lauschen. Ich vermute wir sind einfach zu laut. Ich signalisiere Willi, dass er etwas leise vorlesen soll. Doch der grinst mich einfach nur an und zitiert weiter:

„Alle haben einen ergonomisch angepassten, Super LUX beleuchteten EDV-Arbeitsplatz und kaufen ihre Laufschuhe nur beim Spezialisten. Das Auto ist farblich angepasst, besitzt ESP und ABS, verstellbares Lenkrad, elektrisch einstellbare Sitze, eine Stereoanlage vom feinsten und vieles mehr und das Fahrrad in der Garage ist quasi eine Schubkarre zum draufsetzen! Das ist ja förmlich wie im Taucheranzug wandern, es passt schlichtweg nicht und ist eine Tortur für den Fahrer. Schmerzende Handgelenke, Rückenschmerzen und grenzenlose Anstrengung sind mit so einem Ding garantiert, aber sicherlich ist es schön bunt und war auch bestimmt ein Schnäppchen. Aber zum genüsslichen Radfahren taugt es nicht, denn es ist ergonomisch wertlos. Eben wie besagtes „in Gummistiefel joggen“.

Aber wie ginge es besser?

Hey Leute, seid kritisch! Das Auto gab es auch erst nach langer Informationsphase, Abwägen und einer Probefahrt. Für die Laufschuhe bist du auch extra in deinen speziellen Laden gefahren. Und das Fahrrad? Das hast du dir von irgendwo mitgebracht oder einfach zuschicken lassen? Ich sag nur „Gummistiefel …“!
Mach’s doch wie mit den Laufschuhen und Deinem Auto. Geh zu einem Spezialisten, informiere dich über die Ergonomie des Fahrradfahrens, informiert dich über die Zusammenhänge beim Radfahren und dann fahr einige Fahrräder ausgiebig Probe. Dabei meine ich keine kleine Runde im Geschäft. Wenn Dich danach irgendwo der Schuh drückt, lässt Du das beheben. Nächste Probefahrt! Das machst du solange, bis sich bei dir Genuss einstellt und dann kaufst du das“.

 

Willi sieht wieder von seinem Tablett auf. Ich habe das untrügliche Gefühl als wenn wir in dem Restaurant gerade eine unfreiwillige Vorstellung geboten haben. Einige Leute schauen uns an. Eine Dame die mir schräg gegenüber sitzt, nickte mir lächelnd zu.

„Thomas, du bist wie ein Don Quichot. Du musst einsehen, dass du ein Kaufmann bist und wenn deine Kunden billiges Fleisch wollen und damit Gammelqualität in Kauf nehmen, dann musst du es ihnen verkaufen. Denn sonst machen es die Anderen“.

Ich blicke Willi schmunzeln an:

„Und du kaufst dir wirklich dein nächstes Fahrrad beim Discounter“?

Dabei denke ich an den Orange farbigen Reiserad-Prototypen den wir aufwändig für ihn speziell haben bauen lassen und den er über alle maßen liebt. Willi weiß natürlich genau auf was ich anspiele.

„Bist du irre? Ich weiß ja zum Glück wo du wohnst!“

Beide lachen wir herzlich und erinnern uns an die Entstehung seines und genau genommen auch meines Fahrrades.

 

Einige Jahre zuvor hatten wir schon einmal in diesem Restaurant gesessen und auf „Gott und die Welt“! geschimpft. Damals waren elektrische angetriebene Fahrräder so grade richtig auf den Markt gedrängt. Willi, der sein ganzes Leben mit seinem Rheuma und der ungebrochenen Wildheit in seinem Kopf zu kämpfen hatte, begann damals das Gespräch:

„Wir denken uns jetzt ein Pedelec aus. Aber eines, „was so RICHTIG voran macht“. Wir nehmen eines deiner schnellsten Fahrräder, eines dass auch ohne Stromeinsatz mit normalen Pedelec mithalten kann. Dieses gute Stück fertigen wir dann für dich und mich perfekt auf Maß, damit wir unsere kaputten Knochen im perfekten Zusammenspiel in Einsatz bringen können. Dann testen wir verschiedene Motoren. Wir müssen einen finden, der immer da Leistung bringen kann, wo ein Mensch schon rein physiologisch keine Leistung auf die Beine bekommt und wenn der Mensch Leistung bringt, muss sich der Motor zurückhalten, um Strom zu sparen. Wenn wir dann in der Lage wären, die Parameter des Motors so abzustimmen, dass sie ideal zu den körperlichen Eigenschaften und den Fahrkünsten des Fahrers passen würden, dann wäre es bestimmt ein Genuss mit so einem Gerät zu fahren. Du als der Fahrradspezialist brauchst natürlich auch so ein Gerät. Und wenn die Dinger fertig sind, gehen wir damit zu einem Rennrad-Training auf den Nürburgring.“

In der Folgezeit haben wir hier noch oft gesessen und „Fahrradspeichen geredet“. Irgendwann war unser Plan so perfekt, dass wir meinen Lieblings Fahrrad-Hersteller ins Boot geholt haben. Dieser fand uns am Anfang gar nicht so amüsant. Doch dann hat er uns verschiedene Test-Prototypen aus seiner Hexenküche zur Verfügung gestellt. Aus diesen Versuchsmodellen haben wir uns dann den richtigen Mix heraus gesucht und haben uns je einen Prototyp für uns bauen lassen. Da uns diese auch richtig Geld kosteten, war dies natürlich ein beträchtliches Wagnis. Aber auch mein Lieblings-Fahrradhersteller ging ein Wagnis ein, denn die Entwicklungsarbeit wurde ja nicht bezahlt.

So entstanden, ungefähr ein Jahr nach unserem ersten „Restaurantbesuch“, zwei Pedelec Prototypen. Für die damalige Zeit, oder sogar noch für heute, zwei unverschämt heftige Geräte. Die Dinger machten so voran, dass ich in der Stadt einen 23,5km/h Durchschnitt fahren konnte. An dieser Marke war ich zuletzt sogar mit meinem Rennrad gescheitert. Und was wichtiger war, Willi fuhr von Düsseldorf nach Leverkusen nach Hause. Er profitierte von dem Pedelec so sehr, das er seine Tabletten halbieren konnte und sein „Erhaltungszustand“ deutlich nach oben zeigte.

Wie der Tag kam, an dem wir den Plan über den Nürburgring zu fahren, verwirklichen wollten, war zufällig ein Werbetruck der ZEG mit den neusten Pedelec-Modellen am Nürburgring. Da ich selber Mitglied der ZEG bin, war der Stand für mich leider tabu, da mich die Leute erkenne würden. Doch Willi war mit seinem „Papiaussehen“ und 130kg Körpergewicht der richtige Testkandidat. Wir wollten die besten und neusten Pedelecs der ZEG gegen unsere Prototypen antreten lassen und sei es nur für uns zwei. So ging Willi zu dem Truck und bestaunte die wild aussehenden Geräte. Schnell war ein Mitarbeiter zur Stelle:

„Dieses MTB-Pedelec zählt zu den neusten und spektakulärsten Fahrrädern dieser Saison. Wenn sie mögen, lasse ich sie gerne einmal Probe fahren. Aber setzen sie bitte einen Helm auf uns seien sie vorsichtig, denn die Dinge gehen richtig los“.

Willi war echt beeindruckt. Dazu noch die beeindruckende Optik des hervorragend gestylten Gerätes, ließen ihn ehrfürchtig das Pedelec anfassen. Dann startete er auf seine Proberunde…..!

Ich konnte ihn bis zu mir, über den ganzen Platz hinweg, lachen hören. Es war kein höhnisches, belustigtes oder beleidigtes Lachen, nein, es war das Lachen einer tiefen Zufriedenheit. Ein Lachen, wie nach einer bestandenen Prüfung, die jemandem schon mehrfach die Stimmung verhagelt hat.

Immer noch grinsend, gab er einige Minuten später das schöne Stück zufrieden dem wartenden Mitarbeiter wieder.

„Sie dürfen mir nicht böse sein“, sagte er zu dem erstaunten Mann, „das Ding ist schön zu fahren, aber Richtig voran…..RICHTIG voran, macht das Ding im Leben nicht. Glauben sie mir, sie haben keine Ahnung, was RICHTIG voran macht“.

Mit diesen Worten zeigte er auf seinen Prototypen, der auf dem Kofferraumträger seines Autos, befestigt war. Schlicht und altmodisch aussehend, aber mit einer ungewöhnlichen Größe und Ausstattung, war es nur für Insider als „Kracher“ zu identifizieren.

„Glauben Sie mir, der Bock macht voran! Soll ich sie einmal damit fahren lassen“?

Der Mitarbeiter betrachtete sich das Fahrrad genau und blieb auf dem Markennamen und unserem Markenzeichen, dem lustigen Fahrrad fahrenden Papagei, hängen.

„Oh ja, jetzt verstehe ich, ein schönes Stück haben sie da. Neu…..“?

Stolz erzählte Willi ihm die ganze Geschichte dieses Fahrrades und das es für ihn gebaut wurde. Der Mitarbeiter lauschte seinen Worten und ich, ganz am anderen Ende des Platzes, konnte ihn bis zu mir hin leuchten sehen.

 

 

Bei dem Trainingstermin auf dem Nürburgring waren wir die absoluten Exoten. Die Rennradfahrer trainierten für die 24 Stunden auf der Nordschleife und meinten das sehr ernst, während wir nur spielen wollten. Uns ging es darum, heraus zu finden, ob die Technik so eine hohe Belastung aushalten würde. Da wir beide eine fundierte Ausbildung auf der Nordschleife als Sportfahrer hinter uns hatten und ich sogar als Instruktor (Ausbilder) meinem Hobby nachging, kannten wir die Nordschleife exzellent. Nur waren die Rennradfahrer schlanke durchtrainierte Figuren, währen wir 2m große humpelnde, alte Leute waren. Am Vorstart fragte eine junge durchtrainierte Lady, auf den Akku zeigend:

„Ist da Leben drin“?

Willi lächelte sie wissend an und nickte. Daraufhin sagte ein älterer Herr, der im Hintergrund stand und wie ein alter, erfahrener Kämpfer aussah:

„Mit dem fahren wir nicht“!

Dann ging es los. Willi und ich waren schnell vorne dabei. Es ging hier lange bergab und da wir die Strecke bei deutlich höherem Tempo gewöhnt waren, waren wir mit unserem hohen Gewicht deutlich im Vorteil. Willi hatte sofort die kleine Rennamazone am Hinterrad und die machte auch keine Anstalten, sich von diesem Platz verscheuchen zu lassen. So fuhren wir die halbe Strecke mit den Schnellsten. Danach ging es steil bergan. Willi hatte seinen Motor auf Volllast gestellt und auch sicherheitshalber einen zweiten Akku an der Strecke postiert. So flog er förmlich den Berg herauf. Nun muss man wissen, dass so ein Motor nur die menschliche Leistung verstärkt. Das bedeutet, dass Willi auch „volle Kanne“ trampeln und mit einer hohen Körperspannung fahren muss. Die Amazone blieb aber immer eisern an Willis Hinterrad und fuhr mit ihm im Windschatten.

Nachdem die größte Steigung auf dieser Runde, einige Kilometer weit, fast zu Ende war, machte Willi plötzlich Handzeichen und fuhr langsamer werdend rechts heraus. Sofort war die Amazone neben ihm:

„Batterie leer“?

„Nein“ Ich nehme Marcumar und habe einen Puls von 180 Schlägen in der Minute. Das ist viel zu viel, ich muss eine Pause machen“!

„Dann bleibe ich bei dir! Wir sind bis hierhin zusammengefahren, dann kommen wir auch gemeinsam an!“

Willi war spontan den Tränen nahe.

„Nein“, sagte er zu der zierlichen Dame,

„du trainierst für ein wichtiges Rennen, während ich nur zum Spaß hier herumturne. Fahr du weiter“!

„Nein“, erwiderte sie sehr ernst aussehend,

„und du wirst dich auch nicht hierhin setzen! Wir beide gehen jetzt ein Stück zusammen und wenn es dir besser geht, dann batteln wir uns bis ins Ziel….. o.K?!“

„Hör mal! Ich bin jetzt nicht wichtig. Mir geht es gut, ich muss nur den Puls unter 140 bekommen. Pass auf, wir machen einen Deal: Du fährst jetzt langsam weiter und ich hole dich da oben wieder ein und danach kommen wir zusammen an.

Dabei lächelte er sie stolz und gerührt an.

„O.K. ich fahre voraus, aber du gehst hier solange, bis dein Puls wieder zu Hause ist und machst hier jetzt nicht den Held!“

„Versprochen! Ich werde dich einholen. Fahr weiter!“

Dann fuhr sie weiter. Zwei Kilometer weiter war Willi wieder an Ihr dran. Eine Zeit fuhr er hinter ihr im Windschatten. Dann übernahm er wieder die Führung und fuhr mit ihr gemeinsam durchs Ziel.

Im Ziel traf ich dann auf einen Big Willi, der in Gesellschaft einer kleinen Lady, stolz durch das Fahrerlager spazierte und sich mit ihr auf Augenhöhe unterhielt, obwohl die Lady maximal ein Drittel von ihm war. Überschwänglich berichteten sie von den Erlebnissen aus der Strecke. Dabei hätten Willi`s  Ärzte vor einigen Monaten noch Stein und Bein geschworen, dass so etwas für ihn unmöglich sei. Aber er hatte es versucht. Natürlich hatte er sich dabei von seinem E-Antrieb helfen lassen, aber bei seiner Geschichte war das einfach nur vernünftig.

Plötzlich waren wir von Rennradfahrern umgeben und wir fühlten uns selber wie welche. Viele wollten etwas wissen oder einmal mit unseren Gefährten fahren. Auf jeden Fall war es ein großer Genuss und die Belohnung für die Anstrengungen.

Und mit demselben Gerät werden wir jetzt tagtäglich zur Arbeit fahren. Immer mit der Vorstellung wir könnten ja wieder um die Nordschleife donnern. Mit so einem Geschoß wird auch plötzlich ein Weg zur Arbeit wieder zu einem Ereignis, auf das man sich ausgiebig freuen kann.

 

Willi und ich schauen uns nachdenklich an. Ich breche als erstes das Schweigen.

„Mir geht nicht mehr aus dem Kopf, was du über den Homo Oeconomicus gesagt hast. Ich habe zu deiner Erläuterung neulich etwas Passendes gelesen:

Warren Buffet soll auf folgende Frage einmal geantwortet haben:

„Herr Buffet, wie kommt man zum Erfolg?“

Antwort:

„In dem sie genau das tun, was sie tun würden, wenn sie endlos viel Geld zur Verfügung hätten. Denn dann geht es Ihnen um die Sache und nicht nur ums Geld!“

Vielleicht ist das ja der entscheidende Weg? Vielleicht ist es ja schon ein Genuss wenn sie mit Freude zur Arbeit gehen, wenn sie morgens genüsslich mit der ganzen Familie zusammen sitzen und Frühstücken. Wenn sie an einem Schreibtisch sitzen, der ihnen etwas bedeutet oder wenn sie mit IHREM Fahrrad zu Arbeit fahren dürfen.

Willi hat sein Geschoss heute noch und viele Radfahrer haben sich zwangsweise seinen Gepäckträger von hinten beschauen dürfen. Ich habe mir meinen Antrieb einige Jahre später wieder ausgebaut um nicht zu vergessen, wie richtiges Radfahren geht.

Es ist uns beiden immer noch ein Genuss damit zu fahren….

und definitiv……. joggen wir nicht in Gummistiefel!

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