Mein kleiner Fahrradladen

Ich fasse den Lenker etwas weiter vorne um noch mehr Druck auf die Pedale zu bekommen.

„Hier, in der 40er Zone ist es immer ein großer Spaß mit den Autos gemeinsam die Straße entlang zu „feuern“.

Wobei diese sicherlich gerade nicht „durch die Gegend feuern“. Hinter mir kann ich Will spüren, wie er sich meiner Körperspannung anpasst und auch mit mehr Vorlage, beherzt in die Pedale steigt. Unser Tandem macht direkt einen Satz vorwärts. Mit deutlich über 40km/h sausten wir mit dem Autoverkehr dahin.

„So unterschiedlich kann ein Alltagsweg sein. Für uns war dieser Weg ein fettes Abenteuer und für die Autofahrer ein Grund sich zu langweilen“.

Konzentriert steuerte ich unser langes Gefährt die kurvige Straße entlang. An dem Supermarkt-Parkplatz vor uns entsteht gerade eine unübersichtliche Situation. Ich halte ein wenig Abstand und versuche, ohne groß Bremsen oder Beschleunigen zu müssen, durch diese Situation zu schlüpfen.

„So ein 200kg Vehikel mit 2Meter50 Länge ist eben nicht so leicht zu beschleunigen, also bremst man am besten gar nicht erst“.

 

Szenenwechsel:

Auf dem Parkplatz packt gerade eine ältere Dame ihren Einkauf in den Kofferraum ihres Kleinwagens. Ein wenig mühselig bugsierte sie dabei die schweren Taschen an ihren Platz. Dann geht sie noch einmal ihre Liste durch. Tee für Lisa, die Wurstsorten einzeln verpackt für Heinz, Brot, Milch, Kekse und für Albert sein Müsli. Seitdem sie ehrenamtlich für die Seniorengruppe den Sondereinkauf betreut, hatte ihr Leben wieder seinen alten Stellenwert eingenommen.

„Mir fehlt aber immer noch vernünftiges Obst für Thomas. Da freut er sich doch immer so drauf. Doch da muss ich noch zum Bauernladen“!

Ihr rennt wieder einmal die Zeit davon. Dabei huscht sogar ein Lächeln über ihr Gesicht. Es war fast wieder so wie früher, als die noch der Manager ihrer 5 köpfigen Familie war. Karl, der abends tot müde von seiner Arbeit in der Schlosserei nach Hause kam und die drei Rotzigen, die sie immer noch rumtollend vor ihren Augen hat. Jetzt ist sie schon seit 3 Jahren allein. Beherzt setzt sie sich hinter das Steuer und lenkte den Wagen in Richtung Ausfahrt, wo eine unübersichtliche Situation entstanden war. Sie reiht sich ein und hält sich links um gleich mit dem nächsten Schwung links abzubiegen.

„Direkt nach dem roten Auto mit der lauten Musik….“,

plante sie ihre nächsten Schritte. Das rote Auto fährt vorüber und sie damit auch los.

„Auf einmal war es da, wie aus dem Boden gestampft, ein Tandem mit zwei riesigen Fahrern drauf“.

Ich schaue an dem roten Auto vorbei auf den Parkplatz, wo sich alles „knubbelte“. Ein Kleinwagen machte sich auf, in den Verkehr einzubiegen.

„Die wird doch nicht? Ich habe doch Vorfahrt! Komm Mädel schau mich an! Los jetzt“!

Mit meinen ganzen telepatischen Fähigkeiten versuche ich die Situation zu beeinflussen. Mein Blick bleibt hoch konzentriert auf der älteren Dame am Steuer kleben. Dann fährt sie beherzt los. Genau in unsere Richtung, um vor uns mit dem Gegenverkehr nach links abzubiegen. In diesem Augenblicklich treffen sich unsere Augen. Sie sieht furchtbar erschreckt aus.

Ich brülle sie aus Leibeskräften an:

„STOOOOOP!! STOOOOOP!!“

Die Dame tritt daraufhin mit aller Macht auf die Bremse und bleibt einige Meter vor uns stehen. Panisch peitscht mir ein Gedanke durch den Kopf:

„WAS IST MIT WILLI? WAS MACHT DER JETZT“

In diesem Augenblick bemerkte ich, wie mein alter Kampfsportfreund seinen Helm, mit einem Ruck, in meinen Rücken rammt und sich steif wie eine Statue macht. Ein beruhigendes Gefühl machte sich in mir breit.

„Das ist mein Willi“!

Dann greife ich mit aller Kraft in die Bremse. Das Hinterrad, welches bei einem Tandem eigentlich nie den Boden verlassen kann, geht dabei bedrohlich in die Höhe. Die armdicke Federgabel verwindet sich dabei wie ein Korkenzieher. Hinter mir quietschten Reifen. Kurz vor dem Aufprall auf den Kleinwagen der älteren Dame lasse ich die Bremse los und kann fühlen wie Willi wieder geschmeidig wird. Dann schlage ich einen Haken um die Motorhaube des Kleinwagens, der einem ausgewachsenen Feldhasen zur Ehre gereicht hätte.

Die alte Dame schaut mich immer noch erschreckt an.

Nach dem Haken reihe ich mich wieder in den Verkehr ein und schaue mich schimpfend zu dem Kleinwagen um. Dann greife ich mit meiner linken Hand nach hinten, auf den hinteren Lenker und treffe dort auf Willis Hand.

„Willi, Du alter Krieger! Das nenne ich mal einen Stoker!“

Anerkennend klopfe ich Ihm dabei auf seine Hand. Er erwiderte, sich immer noch entspannend und um Atem ringend:

„Man tut was man kann, aber so einen Kapitän zu haben, ich einfach unersetzbar!“

 

Die alte Dame schaut schimpfend, dem Tandem mit den zwei riesigen Fahrern hinterher und biegt in den Gegenverkehr ab.

„Immer diese Radfahrer! Wo kamen die denn plötzlich her? Immer diese Raudis!“

 

Laut Wikipedia kommt das Wort Tandem aus dem Lateinischen und bedeutet „endlich“ oder „zuletzt“. Eigentlich habe ich es auch immer so empfunden. Wenn man viele Fahrräder kennen und lieben gelernt hat, kommt irgendwann –endlich- und vielleicht auch –zuletzt- ein Tandem.

 

Das Tandem ist die ganz hohe Schule, die Krönung des Fahrradbaus. Nichts ist so schwer zu bauen, nichts ist so schnell, so schnell kaputt und nichts ist so schwer zu fahren. Zwei Leute sitzen hintereinander im Windschatten und rollen auf zwei Laufräderrädern. Die bremsenden Widerstände sind ähnlich eines normalen Fahrrades, aber die Antriebs-Kraft hat sich locker verdoppelt. Nur sollten die Fahrer nicht gerade eine Ehekrise haben, denn dann geht auf dem Tandem gar nichts.

 

Die Schwierigkeit beim Tandemfahren besteht darin, dass der Vordermann (Kapitän) seinen Hintermann (Stoker oder Heizer) nicht sehen kann. Er hat auch keine Vorstellung davon, wie dieser gerade in Form ist, was er gerade macht oder besser nicht macht. Der Hintermann hingegen, kann nicht Lenken, nichts nach vorne sehen, nicht bremsen und fühlt sich oft wie ein transportierter Gegenstand. Das Besondere des Tandemfahrens ist, dass die Fahrer gleichberechtigt sind und sich gegenseitig fühlen müssen. Sie müssen ein blindes Vertrauen ineinander haben. Sie müssen sich fühlen wie Einer, sie müssen fahren wie Einer, sie müssen Atmen wie Einer und sie müssen auch wie Einer ankommen. Es ist in etwa wie Tanzen. Wenn ein eingespieltes Paar tanzt, schaue ich ihm mit großer Freude zu. Wie selbstverständlich Richtungswechsel gelingen und die Fehler des Einzelnen in der Gemeinsamkeit verschwinden. So ein Tanzpaar wirkt dann wie eine Einheit. Genau so sollte ein Tandempaar auch sein.

 

Wenn ich mir jetzt vorstelle, wie ungenügend normale Fahrradfahrer mit dem Fahrrad umgehen können und wir verdoppeln jetzt die Anzahl der Fahrer pro Fahrrad, huscht mir ein schadenfrohes Grinsen über das Gesicht. Wenn aber so ein Tandempaar eingespielt ist, bleibt ganz bestimmt kein Auge trocken.
Versprochen, sie müssen sogar als Rennradfahrer schon ein echter Held sein, wenn sie so einem Tourentandem folgen wollen und so richtig heftig werden Tandems erst im Gegenwind oder mit einem Anhänger hinten dran. Da immer vier Beine treten, haben sie auch vier Mal Kraft, da fällt so ein Anhänger gar nicht auf.

 

Es hat sich aber auch eine Besonderheit herausgestellt. Ein Kapitän kann eigentlich auch nur als Kapitän fahren und ein Stoker taugt eigentlich auch nur als Stoker. Ein Kapitän, bei einem Vergleich mit dem Tanzpaar, ist derjenige der führt. Er trifft seine Entscheidungen so, dass sein Stoker treten kann. Er folgt weniger seinen Bedürfnissen, als mehr den Bedürfnissen des Teams. Er kann seinen Stoker Atmen hören und wird ihn mit kurzen Anweisungen oder Bemerkungen über die Strecke auf dem Laufenden halten. Der Stoker hingegen ist derjenige im Tanzpaar der sich führen lässt. Jede kleine Regung kann er spontan und richtig deuten. Er ist der Motor des Tandems, er macht dem Hauptschub, da der Kapitän auch noch einige andere Dinge tun muss. Stoker müssen Nerven haben, wie Drahtseile, Instinkte wie eine Kobra und haben die permanent Angst, ihr Kapitän könnte vergessen, dass sie da sind.

 

 

 

An unser erstes eigens Tandem sind wir ganz eigenartig gekommen. Da meine Frau und ich rennmäßig mit einem Seitenwagen-Motorrad unterwegs sind, war uns das blinde Vertrauen zwischen zwei Fahrern gut bekannt. Das Fahrgefühl, etwas gemeinsam zu tun, ein Fahrzeug mit zwei Leuten gemeinsam zu fahren, dass ist das Gefühl Tandem und das wollten wir auf einem Fahrrad erleben.

So haben wir uns von einer Messe unser erstes Tandem mitgebracht. Das gute Stück stammte aus der Feder eines bekannten britischen Herstellers. Da wir mit dem Aufbau schneller Fahrräder vertraut sind, tasteten wir uns langsam an den Aufbau und die Sitzposition eines Tandems heran. Die Bremsen, die Lager, die Reifen, die Speichen, alles muss extrem viel aushalten, wenn wir, mit einem Gewicht von 200kg, auf eine scharfe Kurve „zugeraucht“ kommen.

Anlässlich eines Händlertreffens, bei dem wir unsere Erfahrungen und Zahlen gegen einander austauschten, sollten wir alle unser bestes Fahrrad mitbringen. Wir brachten natürlich unser Tandem mit. Am Nachmittag, nach unserer Sitzung, machten wir eine gemeinsame Ausfahrt mit den andern Fahrradhändlern. Die Route führte durch das Nettetal und es kam wie es kommen musste. Auf einem langen, schmalen, graden Wegstück wurde ein Rennen ausgerufen.

 

„Wer als letzter über die Bahnschienen kommt zahlt den Kaffee!“

 

Mit diesen Worten zischten alle los. Alle schalteten wir einige Gänge herunter. Bei diesem Versuch verklemmte sich aber unsere Kette am vorderen Kettenblatt. Vorsichtig versuchten wir mit sanftem Rückwärtstreten die Kette wieder zu lösen. Nach einer halben Minute klappte das auch. Natürlich waren bis dahin alle anderen schon sehr weit weg. Wir ließen uns aber nicht entmutigen. Beherzt fuhren wir los und kamen auch schnell in Fahrt. Ich schaltete die Gänge so, dass meine Frau ihre ganze Kraft in die Pedale drücken konnte. Schnell schlossen wir auf die andern auf. Heike und ich hatten uns angewöhnt, mit kurzen Kommandos anzugeben, wie viel Leistung der Andere gerade abgab. Denn ein Tandem verschluckt Leistung, wenn beide Fahrer nicht im gleichen Tretrhythmus arbeiten. Wie wir neben letzten Fahrer angekommen sind, gebe ich wieder so ein Kommando an meine Stoker ab. Mir war dabei aber gar nicht bewusst, dass ich es ein wenig zu beherzt tat. Mit aller Kraft brüllte ich:

„SCHUUUB“!!

Und dieser Schub setzte dann auch noch einmal ein. Wir bescheunigten unser Tandem auf knappe 60km/h. So sausten wir mit wilder Hatz, auf dem schmalen Feldweg an der ganzen Truppe vorbei und fuhren als erster über die Bahnschienen. Das Kommando „SCHUUUB“!! hat uns daraufhin aber immer verfolgt.

 

 

Mit einem befreundeten Ehepaar haben wir viele gemeinsame Touren mit unseren kleinen Kindern im Anhänger gemacht. Dabei waren wir schon eine echte Erscheinung, wenn wir mit unseren Lastzügen mit Überlänge auf Tour waren. Das Angenehme an den Kinder-Anhängern ist die Tatsache, dass so ein Gerät über sehr viel Platz verfügt. So ist für jedes erdenkliche Picknickvergnügen immer alles dabei, inklusive Tischdecke, Stühlchen, Spielsachen und endlosen Leckereien. Zwischenziele auf unserer Tour waren immer schön gelegene Kinderspielplätze. Dort packten wir unser Picknick aus und ließen unsere Kleinen herumtoben. Auf diese Weise hatten wir alle sehr viel Spaß.

Schnell gesellten sich auch Freunde mit normalen Fahrrädern dazu. Die Aussicht auf eine nette Tour mit Kaffee und einem Stück selbstgemachten Kuchen, verlockte so manchen Stubenhocker. Natürlich wollte auch jeder einmal auf so einem Tandem mitfahren. So drehten wir mit der unterschiedlichsten Besetzung unsere Runden. Einer, der sich dabei als Stoker sehr gelehrig anstellte, war mein Jiu-Jitsu Trainingspartner Willi. Willi, war etwas älter wie ich und hat nichts mit dem Willi im ersten Kapitel zu tun. Willis Problem war seine Lunge. Er war chronisch Lungenkrank, doch erwies er sich immer mehr als der optimaler Stoker. Das verblüffende dabei war, dass er mit einem normalen Fahrrad einen Berg nur ansehen musste und schon ging ihm die Puste weg. Saß ich aber als Kapitän vor ihm, so war sein Vertrauen so groß, dass er über seine volle Leistung verfügen konnte. Willi war ein ehemaliger Boxer, immer noch unglaublich fit und mein regelmäßiger Trainingspartner auf der Matte. Gemeinsam kamen wir auf die Idee, sein Konditions-Training mit unseren Tandemfahrten zu unterstützen. So sind wir viel und regelmäßig Tandem gefahren.

 

 

 

Eigentlich hat dabei unser Tandem aus England immer einen guten Job gemacht und wir brauchten bestimmt kein neues, aber anlässlich eines Messebesuchs stand es dann einfach da.

„Auf einem Messestand, auf einer Empore, unser Tandem!“

Der Traum stand als Blickfang auf dem Stand von Koga Miyata. Es sollte eigentlich nur ein Beweis für die Fertigungskünste des Herstellers sein. Dieses Tandem vereinte aber alle technischen Möglichkeiten. Es war komplett gefedert und hatte einen extrem kurzen Radstand der eine überragende Wendigkeit versprach. Mit einem speziellen Rennlenker, einer großen, zusätzlichen Bremse am Hinterrad, die der Stoker zu bedienen hatte, Öldruckbremsen und dem vielleicht besten ALU-Tandem-Rahmen, war es ein Traum auf Räder. Dieses Tandem versprach schnell und bequem zu sein und es sah auch noch unverschämt gut aus. So kauften wir das Teil einfach vom Stand weg.

Später haben wir erfahren, dass von diesem Ur-Prototyp nur einige wenige gebaut wurden. So hatten wir aber wieder lange Abende in unserer Werksatt zu tun, bis dass dieses edle Stück endlich für uns passend war. Mit diesem Tandem sind Heike und ich und Willi und ich dann viel auf Tour gegangen.

 

So erinnere ich mich zum Beispiel daran, dass wir mit unseren Freunden einmal eine Gelände-Tour um eine Talsperre gemacht haben. Da die Freunde an diesem Tag mit ihren MTB`s unterwegs waren, rechneten sie sich an einer steilen Abfahrt Chancen gegen uns aus. Der leicht schlammige Weg führte unten in der Senke mit einer engen Kurve auf eine schmale Brücke. Flott fuhren die Freunde vorweg und wir mit unserem Dickschiff „rauchten“ hinterher. Um die Anderen nicht ziehen zu lassen rief ich nach hinten:

„Bremse los“!

Heike knurrte ein leises:

„Las uns am Leben“!

„Geht klar“!

Dann rollte unser Dickschiff los. Die enge Kurve hatte ich genau eingeteilt und die perfekte Linie immer im Blick. Ich musste nur noch Heike davon überzeugen, sich unserem Plan anzuschließen, da sie eigentlich ein ängstlicher Fahrer ist. So rief ich nach hinten:

„Murmel runter und DÖTZE zu!“ (Kopf runter und Augen zu)

Ich konnte fühlen wie Heike mehr Körperspannung aufbaute und das Tandem damit stabilisierte.

„Feines Mädchen“!

Dann sind wir „auf letzter Rille“, so auf die Brücke eingebogen, dass Heike mit dem rechten Arm nur wenige Zentimeter an einem Stachdrahtzaun „vorbeiflog“. Hinter der Kurve und dem folgenden Berganstück waren wir dann wieder voll in unserem Element. Ich habe Heike diese Kurve aber nie wieder gezeigt.

 

 

Da Fahrradhändler nie im Sommer Urlaub machen können, war unser bevorzugtes Ziel die Insel Föhr. Immer wenn im Laden nichts mehr los war, also so um den Monat November herum, war die Insel quasi menschenleer und optimal um als junge Familie mit einem Fahrrad auf Tour zu gehen. Immer mit dabei, unser Sohn Oliver. Dieser war in unserem Fahrradladen aufgewachsen und hatte stets einen Heidenspaß. So manch ein Kunde hatte ihn zwischendurch auf dem Arm und durfte sich mit ihm beschäftigen.

Immer zum Feierabend zelebrierten wir dann unser Tretroller-Rennen welches ich regelmäßig verlor. Bei soviel Fahrrad im Blut war es eigentlich zu erwarten, dass er ruckzuck Fahrrad fahren konnte und schon mit 4 Jahren auf seine erste Radreise startete.
Immer wenn wir mit dem Tandem unterwegs waren, hatten wir den Kinderanhänger montiert und hinten drauf Ollis Fahrrad festgeschnallt. Wann immer unser Sohn Langeweile hatte, schnallten wir das Fahrrad ab und Olli durfte so lange fahren, wie er wollte oder konnte.
Um ihn bei den ausgedehnten Touren bei Laune zu halten erfand ich kurzerhand spannende Geschichten, die ich ihm immer dann erzählte, wenn er auf seinem Fahrrad saß und neben mir herfuhr. So erinnere ich mich an viele Augenblicke wo er neben uns herfuhr und mich „bearbeitete“:

„Ja Papa, erzähl weiter,…. ja Papa, erzähl weiter!

Dabei schaute er unendlich lieb und bewundernd zu mir hoch. Alleine dieser Blick hätte einen Stein dazu gebracht immer neue Geschichten zu erzählen.

Olli war aber auch ein extremer Gegenwindhasser. Kaum hatte er einen leichten Windhauch auf den Bauch, so hieß es mit einer theaterreifen Showeinlage:

 

„Papa! ICH KANN NICHT MEHR! Du musst schieben! Papa Bauchwind!“

 

Dabei reduzierte er seine Geschwindigkeit derart, dass es einem Kunstwerk nahe kam, nicht umzufallen. Seine Erschöpfung war dabei so derartig, dass man ein drohendes Koma in Betracht ziehen musste. Wenn ich aber begann, leise eine Geschichte zu erzählen, war er auf einmal quick lebendig neben mir:

„Ja Papa, erzähl weiter“!

Ich habe auf so einer Tour einmal unser Tempo im Gegenwind auf stramme 25km/h gesteigert, was unseren Filius noch nicht einmal außer Atem brachte. Die Geschichte musste dabei nur spannend genug sein. Wie er älter wurde, hatte ich dann die Probleme bei 30km/h entspannt genug eine Geschichten zu erzählen.

 

 

 

Irgendwann war Oliver so weit, dass er seine ersten großen Radreisen mitmachen konnte. Nachdem ich mit ihm alleine, in dem zarten Alter von knapp fünf Jahren, auf die Insel Borkum geradelt bin, kamen wir 2 Jahre später auf die Idee, Willis Traum von einer Radreise anzugehen. Ziel war wieder die Insel Borkum. Olli, der mittlerweile schon ein alter Hase war, sollte mitkommen.

So hat uns Heike eines schönen Sommertags zum Dortmund Ems Kanal gebracht. Sie musste aber leider wieder umdrehen, da ja jemand unseren Fahrradladen weiter betreiben musste.

 

„Tja, das Wort Selbstständig besteht leider aus Selbst und ständig. Diese Erfahrung haben Heike und ich immer wieder machen dürfen“.

 

So konnte Heike eben nicht an unserem Abenteuer teilnehmen. Dafür ist sie aber ein Jahr zuvor mit Olli alleine von Dortmund zur Insel Borkum geradelt. Jetzt waren wir dran.

 

 

Willi hat heute Morgen einen Berg Gepäck mitgebracht, der unmöglich an ein einzelnes Tandem passen kann. So beginnt unsere Radtour schon mit schwierigen Diskussionen und mit dem ausdünnen von Gepäck.

„Also eine Salatschleuder geht wirklich nicht! Das machen wir mit einem sauberen Geschirrtuch!“

Aber Thomas….!“

Nein!“

Willi hatte halt noch nie eine Radreise unternommen und hatte so auch keine Vorstellung davon, was bei so einem Abenteuer essentiell ist. Etwas mühselig reduzieren wir unser Gebäck auf sinnvolle 5 Taschen. Olli ist dabei sehr stolz, dass er selber zwei Taschen transportieren darf.

So sind wir, an besagtem Sommertag, mit einem Tandem, einem Kinderrad und 7 Taschen auf unsere Radreise gestartet. Und es sollte ein echtes Abenteuer werden. Willi hat als schwer lungenkranker Mensch natürlich seine eigenen Rhythmen und Ängste. Der hyperaktive Olli will mit seinen klapp 7Jahren aber auch seinen beständigen Tagesrhythmus haben und ich bin so durch meinen Ladenalltag gestresst, dass ich eigentlich lieber auf eine Sonnenliege klettern würde, als auf einen Fahrradsattel.

 

Die Räder sind schnell ausgeladen und wir reisefertig. Dann noch ein letztes Winken und Losfahren. Man, was hatte ich die Hosen voll, aber so ist das System Tandem eben:

-IMMER MITEINANDER!-

Schnell finden wir unseren Fahr-Rhythmus und folgen der Route, die ich zu Hause ausgearbeitet habe. Das System der Packtaschen ist wie schon bei der Tour mit Olli. Vorne Rechts Picknick für den Tag, vorne Links Picknickdecke und Gerümpel für den Tag, hinten Rechts sind meine Kleidungsstücke, hinten links Willi`s und obenauf Ollis Sachen. Olli hat die Schuhe und die Regensachen. Unsere Picknicktasche ist voll und in der Gerümpeltasche sind wir einige Kinderspiele. So nutzen wir jede Gelegenheit, um ausgiebig unsere „Männerrunde“ zu feiern. Olli ist schnell in seinem Element und lässt sich, mal von mir und mal von Willi, Geschichten erzählen.

Abends steuern wir dann ein Hotel an. Ich verwandele das Hotelzimmer wie jeden Abend in ein Olliroutinezimmer und stecke den Zwerg in die Dusche, während ich die Picknickdosen und die Radhosen auswasche. Dann darf Olli Fernsehen, während ich mich in einen vorzeigbaren Menschen verwandle. Dann treffen wir uns mit Willi im Restaurant, essen und erzählen überschwänglich von dem Tag. Jeder erzählt dabei seine eigene Tour. Willi, der sich eigentlich in einem Rollstuhl und mit einer Sauerstofflasche unterwegs sieht, berichtet mit leuchtenden Augen von einem Abenteuer, das er eigentlich schon lange abgeschrieben hat. Olli erzählt von einer Tour auf der er zwei Papas dabei hat und die er auch gekonnt gegen einander ausspielt. Während ich von dem sich langsam lösenden Stress im Geschäft berichte und meine Anspannung loslasse.

 

Am nächsten Morgen wird erst ein Supermarkt geplündert. Wobei das Wort plündern der Realität schon sehr nahe kommt. Mit Bergen voll mit Leckereien verlassen wir den Laden. Direkt vor Ort werden die Äpfel geschnippelt und alles in die Picknick-Tasche verstaut. Dann starten wir die nächste Tagesetappe.

Diesmal führt sie uns mehrfach über den Dortmund-Ems-Kanal hinweg, was sich als ein wenig stressig erweist, da ich unser Tandem und Olli heile und sicher auf die andere Seite bringen muss. Auf einer der Brücken sind gerade Malerarbeiten im Gange und die Brücke ist eingerüstet. Olli fährt flott vorweg. Ich versuche ihn gerade einzubremsen, als ich bemerke, dass der Weg auf der Brücke so schmal ist, dass unser Tandem rechts die Folie des Gerüsts und links das Geländer berührt. Instinktiv möchte ich anhalten. Dabei begreife ich, dass unser Schwerpunkt deutlich über dem Geländer liegt und wir bei einer unvorsichtigen Aktion „direkt im Bach liegen“. Ich bekomme Angst, während dessen Olli vorweg stocht. Mir stockt der Atem.

„Olli! Vorne kürzer!“

Olli, der das Kommando und den Tonfall kennt, reduziert sein Tempo und fragt:

„….kann ich Schiffe gucken….“?

„Willi und ich sind hier hinten in Schwierigkeiten! Bitte nicht umschauen und zügig über die Brücke fahren. Dann kommen wir zu Fuß zum Schiffe gucken“!

Olli begreift instinktiv die Situation und fährt entschlossen zum Ende der Brücke. Willi, der jetzt auch merkt wie sich die Packtaschen rechts und links zu verhaken drohen, begreift wie brenzlig die Situation ist. Er hält trotzdem seine Körperspannung und sitzt still ohne sich groß zu bewegen.

„Willi! Dötze zu und Nase runter!“

Daraufhin merke ich seinen Helm im meinem Rücken und fühle wie er ruhig in die Pedale steigt. Die Panik lässt langsam nach.

„Werde ich es schaffen über die weite Strecke schnurstracks geradeaus zu fahren ohne einmal zu schlenkern“?

Ich baue mir eine Hilfsphantasie auf und befestige ein gedankliches Seil am Ende der Brücke. Dann stelle ich mir vor, wie wir mit jeder Umdrehung der Pedalkurbel das Seil einholen. Langsam und stetig fühle ich, wie wir am Seil schnurstracks geradeaus über den Weg gezogen werden. Ich lenke nicht mehr bewusst, sondern folge nur noch meiner Phantasie, die uns sicher über die Brücke bringt. Wie wir endlich drüben sind, meint Willi:

„Also ich, ich habe uns schon Schwimmen sehen. Aber bei so einem Kapitän….“!

„Ne, lass mal, das war mal echt haarig!“

„Und, sind wir jetzt drüben, oder nicht“?

„und jetzt gehen wir Schiffe gucken“, meldet sich Olli.

Willi hüpft von seinem Sitzplatz und schnappt sich Olli.

„Komm Großer wir gucken Schiffe und der Papa kommt gleich mit den Äppeln!“

Dabei schaut mich Willi wissend an. Ich atme erst einmal gut durch und geselle mich dann etwas später mit der Apfeldose zu den Zweien und fläze mich auch über das Geländer.

 

So sind wir Drei dann irgendwann an der Borkumfähre gelandet. Wir haben keinen Apfelkuchen ausgelassen, haben versucht Schwäne zu malen, die auch als Skizze für einen neuen Kampfpanzer hätte dienen können, haben locker ein Kilo zugenommen und eine phantastische Tour gehabt. Im Augenblick stehen wir gerade eingepfercht in mitten einer gefühlten Armee von Radfahrern, vor der Fähre nach Borkum, als ein kleiner Junge zu uns sagt:

„Onkel, dein Fahrrad macht ein ganz komisches Geräusch“.

Ich höre an den Reifen und kann ein Zischen vernehmen.

„Willi, Olli, wir habe einen Platten vorne“.

In Gedanke sehe ich mich das vollgeladene Tandem mit einem abgesprungenen Vorderreifen auf die Fähre tragen, als ich sehen kann wie die Fähre anlegt. Willi, der auch bei uns als Freizeit-Mechaniker unterwegs ist, ruft entschlossen aus:

„Hau rein! Das schaffen wir!“

Ich zögere einen Moment, dann gebe ich meine Anweisungen als Kapitän:

„Willi hilft mir festhalten und Olli sucht einen Schlauch in der Regentasche!“

Blitzartig gehe ich zum Vorderrad und baue es aus. Während ich gekonnt den Mantel herunterreiße, steht Olli mit dem Schlauch neben mir. Mit aller Geschwindigkeit untersuche die Decke und ziehe ich den neuen Schlauch ein.

„Ein Glassplitter“!

Dann bauen wir wieder alles zusammen und pumpen die Luft auf. Wie die Fähre die Laderampe herunterlässt, sind wir fertig. Als alles ist verstaut und wieder fahrbereit ist, dreht sich ein alter Mann anerkennend in unsere Richtung.

„Dat haste aber nich dat ischte Ma jemacht?

(Das hast Du aber nicht das erste Mal gemacht!?)

Wir Drei grinsen uns gemeinsam wie ein Honigkuchenpferd an und erwidern im Chor:

„Ne! Ganz bestimmt nicht! Wir machen das als Beruf“!

Der Man nickt:

„Ein tolles Tandem“!

„Oh ja, ein richtig tolles Miteinander!“

Kapitel 7
Kapitel 9