Mein kleiner Fahrradladen

Irgendwann im Sommer fuhr ich mit Heike in den Urlaub und Walter musste den Laden alleine stemmen. Tapfer ging er jeden Tag hinunter ins Geschäft, da er glücklicher Weise im selben Haus wohnte. Natürlich hatten wir vorher Regeln vereinbart:
„Was durfte auf einem Reparatur-Auftrag stehen, was nicht,
wie musste ein Vorgang in die Kasse eingetragen werden,
wie war das mit der Bezahlzahlung,
oder mit Rabatt,
oder späterer Bezahlung.“
Hier waren sehr viele Fallstricke möglich. Bestimmten Menschen konnte man es durchaus erlauben eine Restsumme später zu bezahlen. In der Regel waren aber diese Restsummen und die Kunden einfach WEG. Man sah sie nie wieder. Wenn man also einen Kunden loswerden wollte, bot man ihm an, später zu bezahlen. Das war dann genau der Grund, dass die meisten Kunden diesen Laden nie mehr aufsuchen würden. Wobei ich jetzt einigen tollen Stammkunden SEHR unrecht tue!
Oder die Frage nach Rabatt! War sie ein unfreundlicher Erpressungsversuch und der Mensch auf der anderen Seite der Theke jemand, der eh nie zu unseren Kunden zählen würde, oder war die Person ein armes Schwein, einer, der wirklich „nix auf der Naht“ hatte, aber gerne in diesen Laden ging. Diese Fälle waren mitunter schwer zu entscheiden? Walter hatte auf jeden Fall seine eindeutigen Regeln, die Ihm und seinen Kunden Sicherheit gaben. Einer seiner Regeln war:
„Reparaturen gehen erst raus, wenn der Kunde alles bezahlt hat!“

Nun hatten wir zu dieser Zeit einen Kunden, der ganz lieb formuliert, ein wenig seltsam war. Der Umgang mit ihm war meist eine Gradwanderung. Er gestikulierte wild, war schnell sehr aufgebracht und musste immer mit größter Gelassenheit bedient werden. Wenn das klappte, war der Umgang mit ihm recht brauchbar. Wir hatten uns mit der Zeit aneinander gewöhnt und hatten ein gutes Verhältnis.

Ausgerechnet wie wir in Urlaub fuhren, war sein Fahrrad bei uns in Reparatur und Walter musste es abrechnen und aushändigen. So stand dieser Kunde eines Tages im Laden und fragte Walter recht umständlich nach seinem Fahrrad. Walter musste einige Male nachfragen, bis er draufkam, dass dies der Kunde für das silberne Damenrad war. Walter holte das Rad nach vorne in den Verkaufsraum, las die Rechnung vor und erläuterte ihm die vorgenommene Arbeit. Der Kunde macht sich, ohne zuzuhören, zügig auf, das Fahrrad zu schnappen und den Laden ohne Bezahlung zu verlassen. Walter hielt das Fahrrad fest und machte dem Kunden höflich und sehr freundlich klar, dass er sein gutes Stück nur herausgeben dürfe, wenn die Rechnung bezahlt sei. Der Kunde erwiderte daraufhin:
„Herr Just kennt mich, ich bezahle das später.“
Walter, der schon vom gemeinsamen Rennradfahren wusste, wie unangenehm es werden konnte, wenn man sich nicht an vereinbarte Regeln hielt, erwiderte:

„Tut mir Leid, Herr S. ich habe da meine Regeln, die ich strikt einhalten muss. Auch wenn ich leider unangenehm erscheine, ich muss sie bitten, erst zu bezahlen!“

Unser Kunde wechselte zwar die Farbe und die Mimik, macht aber keine Anstalten das Fahrrad loszulassen oder seine Geldbörse zu ziehen.

„Nein, ich bezahle das Fahrrad in den nächsten Tagen und jetzt lassen sie das Fahrrad los.“
„Nein! Bitte verstehen sie doch, sie bringen mich in Schwierigkeiten!“
„Sie glauben wohl, ich kann nicht bezahlen. JA, GLAUBEN SIE DAS?“
„Nein!“ Antwortete Walter beherrscht, „Ich habe nur meine Regeln, sonst nichts!“
So gab ein Wort das andere und unser Kunde wurde immer wirrer und wilder. Schnell entwickelte sich ein Tauziehen um das Fahrrad, welches Walter am Ende gewann. Herr S. wurde daraufhin „fuchsteufelswild“ und tanzte durch den Laden:

„Dann werde ich jetzt hierbleiben und nicht eher weggehen, bis ich mein Fahrrad habe!“

Walter brachte daraufhin das Fahrrad sicherheitshalber wieder in die Werkstatt. Der Kunde verfolgt ihn dabei auf Schritt und Tritt und ließ sich nicht von seinem Fahrrad trennen. Walter, dem schon Schlimmes schwante, forderte ihn auf, bitte im Laden zu warten und nicht hinter die Theke und in die Werkstatt zu gehen. Daraufhin legte unser Spezialkunde einen Zahn zu:

„Sie werden mich „Rauswerfen“ müssen! Ich sehe es ihnen doch an, dass sie wütend sind. Los schlagen sie mich doch! Fassen sie mich doch an und schmeißen sie mich raus! Ich sehe doch, dass Sie mich schlagen wollen!“

Walter, der mit aller Kraft seine innere Unruhe bekämpfte und versuchte sachlich zu bleiben, ließ ihn einfach stehen. In diesem Augenblick lief aber mein Schwiegervater am Werkstatt-Fenster entlang. Dieser war ein nicht gerade großer, aber stets fest entschlossener Schlosser. Walter schaute ihn verzweifelt an, damit mein Schwiegervater in den Laden kommt. Da er einen Schlüssel zur Werkstatt hatte, machte er das auch. Leise ging er in die Werkstatt, blieb still im Hintergrund stehen und hörte dem hysterischen Treiben im Laden zu.

„Sie sind Feigling! Los! Schlagen sie mich doch endlich! Schmeißen sie mich doch raus“,

brüllte der Kunde wieder hysterisch durch den Laden. Dabei stand er im Zentimeter-Abstand vor meinem Freund Walter um ihn zu provozieren. Dieser rang mit aller Kraft um seine Fassung, um keine Kurzschlusshandlung zu begehen.

Mein Schwiegervater konnte seine Verzweiflung bis in die Werkstatt hin fühlen. Kurz entschlossen griff er ein. Wie ein Tornado kam er in den Verkaufsraum „gefegt“ und brüllte aus Leibeskräften:

„WAS IST HIER LOS! WAS IST HIER LOS!“

Mit diesen Worten lief er entschlossen auf den Kunden zu und fixierte ihn angriffslustig mit den Augen. Dieser erschreckte sich in diesem Augenblick vor soviel Entschlossenheit und sucht spontan das Weite.

Am nächsten Morgen stand er aber plötzlich wieder im Laden. Der Laden war voll mit aussuchenden Kunden und Walter an seiner Belastungsgrenze unterwegs. In diesem Moment baute sich Herr S. mitten im Geschäft auf, verdrehte die Augen und nahm eine theaterreife Haltung an. Dann wedelte er schwungvoll mit den Armen und rezitierte:

„Wenn sie schon ihren Gott Mammon anbeten,“ brüllte er hysterisch in den mit Kunden gefüllten Laden,
„dann sollen sie sich auch für den schnöden Mammon bücken müssen! JA! Auf den Knien sollen sie ihren Gott anbeten!“

Mit diesen Worten „feuerte“ er eine ganze Handvoll Münzen und Scheine im hohen Bogen zwischen die Fahrräder. Walter, der jetzt eindeutig oberhalb seiner Belastungsgrenze unterwegs war und definitiv noch von der letzten Vorstellung genug hatte, brachte schnell das silberne Damenrad auf die Straße und trennte sich dort von dem Kunden. Dieser tanzte aber immer noch auftrittsreif weiter:
„Los! Sie Feigling! Nehmen sie sich ein Herz und schlagen sie mich endlich!“

Walter ließ ihn einfach stehen, drehte sich noch einmal kurz um und erwiderte ruhig:

„Ich erteile ihnen hiermit Hausverbot! Halten sie sich bitte demnächst von diesem Geschäft fern!“
Dann schloss er die Türe hinter sich.

Zwei Wochen später waren Heike und ich wieder da. Walter berichtete, immer noch ganz aufgeregt, von seinem „Tanz“ mit dem Kunden. Ich hörte Ihm verständnisvoll mit bedauerndem Kopfschütteln zu.

Einige Tage später, war Herr S. wieder bei uns im Geschäft. Ich begrüßte ihn ein wenig traurig und enttäuscht.
„Was war denn da los?“
Recht ruhig und gefasst berichtet der Kunde den Sachverhalt. An der Stelle mit der Theatervorstellung stockt er.
„Gilt das Hausverbot?“
„Ja, leider. Wenn ein Mitarbeiter mich vertritt, so handelt er auch in meinem Namen. Und das, was sie da veranstaltet haben, war auch nicht besonders freundlich.“
Auf einmal veränderte sich mein Kunde von Grund auf. Wie Rumpelstilzchen tobte er auf einmal durch den Laden:
„Ich werde hier nicht mehr rausgehen! Sie werden mich raustragen müssen! Los, fassen sie mich doch wenigstens an, los schlagen sie mich! Los, haben sie wenigstens den Mut und schlagen sie mich!“
Da ich aus Walters Erzählungen wusste was kam, baute ich mich mit meinen zwei Metern vor ihm auf und dirigierte den zeternden Mensch mit meinem Bauch langsam in Richtung Türe. Wie er bemerkte, was ich vorhatte, ging er mit mir und seiner Nase mit auf Tuchfühlung. Gerade wollte er mit seinem verbalen Auftritt wieder beginnen, als ich meine ganze Kampfkunst-Erfahrung in einen energiereichen Satz packte, ihn mit meiner ganzen Kraft und besonders aggressiver, tiefer Stimme direkt in sein Gesicht brüllte:

„MANN! JETZT REICHT ES ABER! AB RAUS JETZT!“

Bei dieser Ansprache fixiere ich Ihn, als müsste ich für mich nur noch festlegen, ob Teeren und Federn die richtige Maßnahme für diesen Fall darstellte. Dann ging ich wieder ins Geschäft und ließ den armen Mann stehen. Drinnen musste ich aber erst einmal meine Nerven wieder einfangen.

 

Tja, so ein Fahrradladen ist einfach mittendrin. Mittendrin im Viertel, mittendrin in der Gesellschaft und auch mittendrin in seiner Produktwelt. Da wird es immer solche Geschichten geben und es werden immer seltsame Sachen passieren. Doch wie ist der Umgang mit den Spezialkunden heute? Hat das Internetzeitalter den Fahrradladen-Alltag heute verändert? Ist der Umgang mit „bestimmten Kunden“ immer noch so wie früher, oder haben sich neu Formen entwickelt?

Meine Meinung ist:

„Es ist anders geworden aber deswegen nicht uninteressanter. Immer noch treffen sich die unterschiedlichsten Menschen in so einem Laden und hinterlassen ihr Geschichten und ihre Spuren. Der überwiegende Teil der Kunden ist immer noch „zum Knutschen“ und der Grund jeden Tag mit Freude den Laden aufzuschließen. Aber es gibt sie immer noch:
„Die Anderen!“
Viele sind heute viel distanzierter im Umgang, viele besuchen gar kein Geschäft mehr und verlernen den Umgang mit den Leuten hinter der Theke regelrecht. Dabei sind manche, meist ohne es selber zu wissen, oftmals Menschen verachtend. Das Internet macht es heute leicht, zu glauben, dass man alles weiß. Es macht es aber auch leicht, die bestehenden Grenzen des freundlichen Umgangs, so gerade nicht einzureißen. Für einige gilt der Ausspruch:

Man ist zwar ohne Anstand aber stets komplett legal.

Ein Beispiel gefällig:

Nachdem auch die ZEG (Zweirad Einkaufs-Genossenschaft) bemerkt hatte, dass wir Zwerge des Fahrradhandels mit unseren individuell gefertigten Fahrrädern großen Anklang fanden, wollte die ZEG das ihren Mitgliedern auch anbieten und was die ZEG macht hat definitiv immer Hand und Fuß. So überredeten sie die Firma KTM für sie einen Fahrradbaukasten zu bilden, aus dem sich die Händler ein Fahrrad selber zusammenstellen konnten. Um einen guten Namen für das Kind zu bekommen, kaufte man die in Österreich bekannte Edelschmiede Katarga.

Nun bin ich in der glücklichen Lage, in der Liga der Fahrradhändler-Zwerge recht anständig mitzumischen und gleichzeitig in der ZEG zu sein. Also im übertragenen Sinn italienischer Feinkostladen mit Wildschweinsalami und gleichzeitig ALDI und frisch aufgebackene Automatenbrötchen.
Wie die ersten Modelle auf der Messe gezeigt wurden, war ich natürlich ganz vorne dabei, zumal ich den verantwortlichen im Hause KTM flüchtig kannte. So mischte ich mich mit einigen anderen Kollegen feste in die Modellgestaltung und der Auswahl der möglichen Teile ein. Was am Ende rauskam, war schlichtweg der Oberhammer. Die Modelle waren erstklassig, der Service bei KTM wie gewohnt optimal, der Konfigurator spitzenmäßig, die Lieferbarkeit vom Feinsten und der Preis ein Frechheit von günstig.
„Die Mitglieder des Verbandes VSF (Verband der selbstverwalteten Fahrradbetriebe) in dem ich zu dieser Zeit auch war, hätten sich alle schreiend auf den Boden geworfen, wenn sie gewusst hätten, was wir ZEG`ler da im Programm haben.“

So gestaltete ich für uns einige Fahrradmodelle. Dabei kopierte ich einfach die Spitzenmodelle meines Lieblingsherstellers. Natürlich waren sie einfacher und kamen nicht an die Spitzenklasse heran, aber sie kosten auch nur ein Drittel. Dem endsprechend kamen die Fahrräder bei unseren Kunden an.

Eines Tages kam ein freundlicher Herr in den Laden und interessierte sich für so ein Katarga Fahrrad. Ich ließ ihn verschiedene Modelle fahren und erklärte ihm was für Auswahlmöglichkeiten er hätte und wie der genaue Ablauf aussehen würde. Da ich auf unserem Fahrrad-Sitzpositions-Simulator die Maße erfasst hatte, konnten wir gemeinsam die passende Sitzposition ermitteln.

„Ich sag ja ALDI und Wildschweinsalami!“

Der Kunde gestaltete mit mir ein wunderschönes und schnelles Trekkingrad. Der Preis war zudem auch noch sensationell günstig. Der Kunde fragte nach Rabatt ich erklärte ihm aber:

„Schauen sie, wir haben jetzt zusammen 2Stunden an ihrem Fahrrad gesessen, dass was dabei herauskommt, ist durchaus in der Lage mit so einem Spitzen Fahrrad in der gleichen Liga zu spielen und es kostet sie ein Drittel. Verstehen sie bitte, da ist kein Platz für Rabatt. Ich schenke ihnen aber einen Tacho, wenn sie mögen.“

Der Kunde schaute mich durchdringend an und sagte dann:

„O.K. wenn sie meinen!“

Dann leistete er eine Anzahlung und verabschiedete sich freundlich.

Zwei Wochen später war das Fahrrad bei uns. Ich überprüfte alle Bauteile auf ihre Richtigkeit und Vollständigkeit, zückte dann mein Beratungsprotokoll und montierte das Fahrrad genau in der Sitzposition, die wir vorher ermittelt hatten. Danach machte ich eine erste Probefahrt um zu ermitteln, ob das Fahrrad dem Fahrverhalten entsprach, was bei dem Benutzungsprofil entwickelt wurde.

„Ich war begeistert! Das wird dem Kunden gefallen,“ freute ich mich schon darauf, den Kunden über sein Fahrrad zu informieren. Der kam dann auch direkt am nächsten Morgen.
Freudig zeigte ich ihm sein Fahrrad. Ich schnappte mir direkt mein Werkzeug und wollte mit dem Kunden auf die Straße gehen, damit er die erste Runde drehen konnte und wir gemeinsam, diesmal am fahrenden Objekt, die optimale Sitzposition zu bestimmen. Der Kunde aber fasste das Fahrrad gar nicht an und forderte mich auf, ihn mit dem Fahrrad allein zu lassen. Dann zückte er eine Lupe und kniete, legte und beute sich eine halbe Stunde lang über, unter in das Fahrrad. Ich war ein wenig verblüfft und forderte ihn mehrfach auf,

„fahren sie doch mal damit! Er fährt phantastisch, ich würde gerne sehen wie ihnen das Ding passt und wie es ihnen gefällt.“

Er aber „turnte“ unbeirrt unter dem Fahrrad herum. Dann trat er zu mir und sagte:

„Schauen sie bitte unter dem Tretlager, an dem Anschlag des Kettenschaltungs-Schaltzuges ist der Lack nicht in der erforderlichen Güte und Qualität. Bitte überzeugen sie sich!“

Ich hob das Fahrrad an und schaute mir die Stelle an. In der Tat war dort eine ein Cent große Stelle etwas weniger Hochglanz hatte wie der Rest von Fahrrad. Ich forderte ihn wieder auf jetzt doch endlich einmal mit dem Fahrrad zu fahren, dass mit dem Lack würden wir schon regeln. Er aber zückte einen fertig vorbereiteten Briefbogen und hielt ihn mir vor die Nase:

„Ich werde das Fahrrad so nicht akzeptieren und fordere sie auf diesen Mangel in zwei Wochen zu beseitigen. Ich will einen neuen Rahmen und wenn dieser auch mangelhaft ist, werden sie sich auf einen deftigen Preisnachlass vorzubereiten haben! So und dieses Schriftstück werden sie mir jetzt unterzeichnen!“

Ich war auf einmal sehr betroffen und stellte mir vor, dass ich jetzt für lange Zeit der Fahrraddoktor für diesen Kunden sein sollte. Wollte ich mich wirklich mit so einem Menschen respektvoll beschäftigen? War es richtig, dass so einer auf diesem Wege einen ganz legalen Rabatt erschlich? Denn an jedem Gegenstand gibt es Stellen die nicht optimal gefertigt sind und wem obliegt es zu entscheiden was dabei tolerant ist und was nicht. Fest stand, dieser Kunde hatte doch gar keine Freude über das Fahrrad, wollte es vielleicht gar nicht? Ich hatte ein ungutes Gefühl und alle Gehirnzellen sagten mir, solche Menschen um jeden Preis zu meiden.

„Soll er doch in den Baumarkt gehen und sich ein Fahrrad kaufen und nicht mir die Zeit stehlen“, dachte ich bei mir.

Dann schnappte ich mir seinen Briefbogen, ging mit ihm zur Kasse und fragte ihn freundlich:

„In bar oder als Scheck?“

Der Kunde sah sich schon als Sieger und folgte mir bereitwillig, der er dachte, ich würde jetzt mit ihm den Nachlass aushandeln. Dann sagte ich zu ihm:

„Denn ich möchte jetzt nämlich von dem Vertrag zurücktreten. Sie wollen doch gar nicht das Fahrrad. Sie wollen doch nur den günstigsten Preis und einen besonders hohen Rabatt und ich möchte da nicht mitspielen und ihnen auch nicht im Wege stehen!“

Dann gab ich ihm sein Geld zurück und quittierte ihm die Anzahlung. Der Kunde schaute auf seine Geldscheine, schüttelte ein wenig erbost den Kopf und ging wutschnaubend geradewegs nach draußen.

Das Katarga konnte ich wieder zurückschicken, nachdem ich dem Verkaufsleiter die unangenehme Geschichte berichtet hatte.

Viele dieser Menschen merken gar nicht, dass sie gerade menschlich anecken. Es ist ihnen egal wie sich die Menschen hinter der Theke fühlen. Für sie sind sie nur Werkzeuge und ein Mittel zu Zweck. Dabei ist für viele Mitarbeiter an der Laden und Praxenfront genau das menschliche, dass sie so begeistert und leistungsfähig macht. Und doch machen jedes Jahr ca. 10% der kleinen Läden zu. In unserer Gegend gibt es zum Beispiel noch mehr gut laufende Geschäfte, die keinen Nachfolger finden. Viele Leute wollen heute nicht mehr für ein so überschaubares Einkommen, so viel arbeiten und so viel Verantwortung übernehmen und ich kann es ihnen nicht verdenken. So lese ich zum Beispiel gerade in einem Reiseradforum“:

„Ich habe mir vor Weihnachten ein Angebot über den Aufbau eines neuen Reiserades erstellen lassen. Es handelt sich um das Modell XXXXXXX (vom Autor entfernt). Der Händler kriegt vom Hersteller den Rahmen geliefert und baut dann vor Ort das Rad, inklusive der Laufräder, komplett auf. Für die Montage ist ein Betrag von 200 EUR berechnet worden, was ich für völlig angemessen halte. Ein bisschen geschockt war ich dann allerdings, dass der Händler für die Teile (Bremsen, Scheiben, Reifen, etc) deutlich andere Preise berechnet hat, als ich beim Discounter zahlen muss. Ob ich die vielleicht auch anliefern soll?“

Ich möchte diesem gutgläubigen Beinahkunden etwas mit auf den Weg geben:
Liebe Leute, geht’s noch? Bringt ihr eure Billig-Lebensmittel auch mit, wenn Ihr edel essen gehen wollt und gebt sie in der Küche ab? Dem Koch müssten doch eigentlich auch 5€ reichen, um das bisschen Essen „zusammenzuwerfen!
Egal ob Restaurant-Betreiber oder Fahrradhändler, alle sollen sich an einen gesetzlichen Mindestlohn halten. Alle sollen die Mutterschaftszeit einhalten und im Krankheitsfalle den Lohn fortzahlen. Alle bezahlen sie Miete, Versicherung, Berufs-Genossenschaft, Telefon, GEZ, Zinsen, Heizung, Miete der Stadt für Reklame, Lohn, Handelskammer, Weihnachts- und Urlaubsgeld und die Kosten für den Lieferwagen. Alle sollen sie Werbung machen, Lehrlinge ausbilden, in die Fortbildung der Mitarbeiter investieren, auf Messen fahren und nur tolle Produkte führen. Alle Ladeninhaber, Ärzte oder Wandwerksmeister sollen Kaufmann, Mechaniker, Jurist, Steuerfachmann, Physiotherapeut, Psychologe, Manager, Lagerfachmann, EDV Fachmann, Arbeitsschutz-Experte und demnächst auch noch Datenschutz-Beauftragter in Personalunion sein. Und wie machen sie das? Wer nimmt sie dabei an die Hand? Wer bezahlt das?

Bitte bedenken sie doch: Für den Aufbau eines neuen, unbekannten Fahrrades suchen sie erst einmal eine Stunde lang alle Teile zusammen. Wenn Spezialteile nötig sind, suchen sie sich erst einmal einen Lieferanten des diese hat und auch liefern kann. Wenn dann alle Teile beisammen sind, sollten sie diese gut ausgewählt haben, denn sie bezahlen die nächsten 2Jahre die Gewährleistung des ganzen Fahrrades überwiegend aus der eigenen Tasche. Wenn jetzt der Kunde, der sparsamkeitshalber auch noch seinen Rahmen und die Teile selber mitbringt, weil er es dadurch billiger bekommt, dürfen sie als Fahrradhändler aus „Scheiße Bonbons machen,“
und dürfen am Ende auch noch kostenlos für die Funktion der nächsten Jahre gerade stehen.
Mensch Leute, Zweiradmechaniker ist ein Lehrberuf und die echten Könner in der Branche sind rar. Dem entsprechend sind meisterliche Stücke dünn gesät. Wenn wir so ein Fahrrad zusammenstellen, ist extrem viel Erfahrung nötig, um festzustellen, wie die einzelnen Teile im Zusammenspiel, wie funktionieren. Oft bauen wir stundenlang an einem Detail herum, bis es wirklich optimal mit anderen Teilen harmoniert.

Wenn Sie jetzt als Fahrradhändler einen wilden Haufen von Teile zusammenwerfen sollen, sag ich nur:
„Herzlichen Glückwunsch!“

Der Fahrradhändler, der für 200€ so ein Angebot annimmt ist entweder verzweifelt, ein Narr oder hat keine Ahnung, denn wenn dieser Fahrradhändler halbwegs rechnen kann, schraubt er besser den Laden zu, als solche Anfragen anzunehmen.

Sollen sich doch solche Helden ihre Fahrräder bitte selber bauen und vielleicht noch zusätzlich eine Markierung an ihren Fahrrädern vornehmen, damit wir anderen Händler sehen, wer da vor einem steht.

Seltsam ist nur, dass wenn diese Fahrer irgendwo mit einem technischen Problem liegenbleiben, schreien sie genau so laut um Hilfe wie unsere „Knutschkunden“ und beschweren sich auch, wenn es nicht unverzüglich repariert wird
Ist euch eigentlich klar, dass ein Versender nichts repariert, nicht berät, nichts testet und nur verkauft was gerade da ist und Geld bringt? Ist euch klar, dass ein Discounter niemals so viel Werkstatt-Kapazität haben wird, dass er auch nur die eigenen Fahrräder, die er in den letzten 10 Jahren verkauft hat, repariert bekommt? Was macht ihr Helden, wenn die meisten von uns kleinen Händler aufgegeben haben? Was macht ihr, wenn neben Peugeot, Villiger, Bianchi, VSF Manufaktur, Gazelle, Kettler, Hercules, Müsing, Flyer und Wanderer noch mehr edle Fahrradschmieden ihre Selbstständigkeit aufgeben müssen und unter ein großes anonymes Dach schlüpfen?

„Aber Hauptsache ist, es ist alles immer gut und billig….!?“

Kapitel 6
Kapitel 8