Mein kleiner Fahrradladen

Heute steht mein altes Müsing Rennrad bei einem Freund in der Garage. Ab und an habe ich es wieder zur Wartung unter meinen Fittichen. Sofort kommen wieder die alten Erinnerungen hoch. Es ziehen längst verblasste Bilder an mir vorüber. Ich weiß noch, wie ich zu diesem Rad gekommen bin und dass das mit dem späteren Idworks Gründer Gerrit Gaastra zu tun hatte, der damals Produkt-Manager bei Müsing war.  Ich war Anfang der 90er extra zu einer Messe gefahren um mir diese ultraleichten und höchst edel verarbeiteten Fahrrad-Ikonen anzusehen.

Auf einem unscheinbaren Messestand standen sie dann, mit verschliffenen Alu- Schweißnähten, schlicht und edel. Nachdem ich die Räder eine Zeit lang, wie ein Fuchs sein Mittagessen umkreist hatte, nahm ich mir vorsichtig eins von dem Podest. Während ich mir dieses Fahrrad ansah und einer ausgiebigen Prüfung unterzog, sah ich aus den Augenwinkeln einen großgewachsenen jungen Mann auf mich zu kommen. Er blieb etwas distanziert von uns stehen und hörte unserem Gespräch interessiert zu, während ich den Ultraleicht-Rahmen mit einem meiner geliebten Stahlrahmen verglich:

„Für so ein leichtes Ding ist das Teil mal echt steif! Für mich persönlich vielleicht leider nichts, aber für Normalgewachsene …. und mit etwas voluminöseren Reifen, um der Alu-Rahmen-Härte ein wenig beizukommen…..?!“

Der junge Mann konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und näherte sich erheitert. Mit einem leicht niederländischen Akzent mischte er sich in unser Gespräch ein:

„Ein Stahlrahmenfreak? Echt? Die gibt es die noch?“

Ich nahm den jungen Mann in Augenschein. Auf dem Namenschild und las ich Gerrit Gaastra Produktmanager. Ich schaute etwas verdutzt drein und mir war sofort bewusst, dass ich hier ein Mitglied der Batavus und Koga Miyata Gründer-Familie vor mir stehen hatte.
„Na, bei der Familie und der Herkunft, sollte sie alles über Fahrräder wissen!“
Mein Gegenüber grinst und nickt.
„Ich fahre zurzeit selbst ein Müsing.“
„Wenn sie nicht gerade auf ihrem Geländemotorrad sitzen“, witzle ich.
„Oh, sie lesen Zeitung?!“

Ich wendete mich wieder dem Fahrrad zu und drückte mit Gewalt auf eine der Pedale um damit die Verwindungssteifigkeit des Rahmens zu testen. Mein Gegenüber schaute mir zu und kommentierte:
„Das kann das! Glaube Sie mir! Das währe sogar was für sie!“
Ich blickte etwas skeptisch.
„Ich habe aber 105kg, lange Beine und den Tritt eines Maulesels.“
„Kann das, wetten!“
„Glaub ich nicht!“
„Doch! Wird bis Rahmenhöhe 64cm gebaut, ist recht lang im Oberrohr und hält auch ihrem Tritt stand!“
„Ich weiß nicht, einen ALU-Rahmen, bei 2Meter Körpergröße und 105Kg? Die fliegen weit und schlagen hart auf,“ entgegne ich schmunzelnd.

6 Wochen später stand ein silbernes Müsing Rennrad in meiner Werkstatt. Das Gewicht, bei der zu mir passenden Rahmengröße, war schon spektakulär niedrig. Ich zerlegte das Rad und schaute mir alles genau an und mir gefiel was ich sah. Beim Zusammenbauen passte ich das Fahrrad dann an meine erprobte Sitzposition an. (Siehe Kapitel: Die Ergonomie des Gleichgewichts) Heute nennt man das Bike-Fitting und rennt dafür zu einem Spezialisten.

Ich aber, hatte diese Sitzposition einige Jahre zuvor ermittelt. Zusätzlich bin ich auf unserem Messeparkplatz unzählige Runden gefahren, habe dabei die Zeiten gestoppt und die Sitzposition so lange verändert, bis ich ohne große Anstrengungen gute Zeiten fahren konnte. Auf diesem Wege hatte ich nicht nur die Maße gefunden, die mir eine gute Leistungsentfaltung ermöglichten, sondern auch die, die bei meiner Kurvenfahrt gut funktionierten.

Diese so ermittelte Sitzposition, habe ich dann mit Lot und Zollstock genau ausgemessen und für mich festgehalten. Diese Einstellmaße waren ab diesem Augenblick der Grundstein für jedes neue Rennrad.

Tage später freute ich mich auf die erste Probefahrt. Das Müsing Rennrad war wirklich ein Höllenteil und Herr Gaastra hatte wirklich nicht übertrieben. Das Ding ging bei schwerem Tritt richtig gut. Um den für Schwingungen empfindlichen ALU-Rahmen unter Kontrolle zu halten war die Lenkgeometrie etwas träge ausgelegt, was sich aber sehr gut anfühlte. Insgesamt eine ausgewogene Angelegenheit. Ich war auf jeden Fall höchst erstaunt über die Qualität und musste zukünftig meine Abneigung gegenüber Alurahmen ernsthaft überdenken.

Walter, der zur dieser Zeit bei mir als studentische Hilfskraft arbeitete, hatte ein Bianchi Rennrad, welches er sehr gut beherrschte. So schnappten wir uns regelmäßig an Wochenenden und nach Feierabend unsere Rennräder und widmeten uns unserem Training. Gemeinsam übten wir auf dem Messeparkplatz autodidaktisch Rennradfahren. Eine Aufgabe war dabei das Windschatten-Fahren. Der Begriff bedeutet, dass sich zwei oder mehrere Fahrer im Zentimeterabstand verfolgen, um so dem Fahrtwind ein Schnippchen zu schlagen. Für den oder die Hintermänner bedeutete das eine extreme Erleichterung. Es ist aber auch sehr gefährlich, da die Hintermänner nach vorne nichts sehen können. Um das auszugleichen, hatten wir ausgemacht, dass der Erste immer ansagt, was für den Hintermann gefährlich werden könnte. Hört der Vordere mit dem Treten auf, bedeutet das sofort einen halben Meter seitlichen Abstand einzunehmen. Er muss aber auch einen ruhigen, gleichmäßigen Fahrstil anlegen, damit die Anderen ohne große Aufmerksamkeit folgen konnten. Der Hintere wiederum sagt alles an, was hinten passiert, damit sich der Erste nicht umsehen muss und damit Schlangenlinien fährt. Sind mehrere Fahrer im Windschatten, kommt von hinten:
„Alle dran,“
reißt ein Fahrer ab, folgt ein
„Ab.“
Ist der Fahrer vorne erschöpft, macht er ein Zeichen und geht seitlich aus der Fahrlinie raus. Dann lässt sich ans Ende fallen und meldet:
„Dran.“
Dieser erfolgreichen Fahrtechnik bleiben wir bis heute treu.

Nachdem wir auf unseren Rennrädern immer besser unterwegs waren, trafen wir uns eines Sonntagmorgens am Rheindamm. Wir wollten das Wochenende mit einer Rennradtour starten. Die ersten 10km hatte ich mit 40km/h recht engagiert bei leichtem Gegenwind geführt. Dann ging mir aber so heftig der Saft aus, (ich war extrem erschöpft) dass ich mich bei Walter in den Windschatten hing. Trotzdem war ich so fertig, dass ihm aber nur noch mit Mühe folgen konnte. So trampelte ich mit Leibeskräften und stierte nur noch auf das hintere Kettenrad seines Rennrades. Für mehr reichte es in diesem Augenblick echt nicht.

Auf einmal, zwischen zwei Augenblicken ist Walter plötzlich WEG!
– EINFACH WEG!-

Ich richtete meinen Blick schlagartig nach oben und sah 10 Meter vor mir zwei Omis, die Hand in Hand, in ein Gespräch vertieft waren und den Weg entlang schlenderten. Mit dem Mut der Verzweiflung griff ich panisch in die Vorderradbremse. Das Hinterrad schoss sofort 1,5 Meter in der Luft. In dieser Fahrposition und einem „megaschlechten“ Gewissen, fuhr ich dann durch die ergriffenen Hände. Dabei hatte ich meinen Kopf so tief, dass er fast drunter durch passte. Die Omis sprangen erschreckt zur Seite.

Kurz vor den Omis kam ich mit meinem Fahrrad zum Stehen, ohne zu Boden gehen zu müssen. Dann stieg ich ab, lehnte mein Fahrrad an einem Baum und drehte mich um, um mich bei den Damen zu entschuldigen. Dabei hielt ich mir schmerzverzerrt die rechte Hand, da ich mir bei dem Bremsvorgang fast den Ringfinger ausgekugelt hatte. Kaum war ich bei ihnen, kümmerten sich die beiden Omis sehr intensiv um mich:
„…..junger Mann ist nichts passiert?“
Während die andere Oma gleichzeitig mit Ihrer Handtasche auf mir herum prügelte.
„….sie ungehobelter Flegel!“
Den Omis war anscheinend nichts passiert und so enterte ich mein Fahrrad wieder und suchte das Weite.

Was war geschehen? Walter war selber in Trance gefallen und hatte nur vor sich auf die Straße gestiert. Wie er plötzlich nach oben blinzelte, sah er aber die Omis und schlug wortlos einen Haken nach links. So bekam ich die Situation erst kurze Zeit später mit.

Bei einer anderen Gelegenheit wollte ein anderer Freund mit uns auf Tour gehen. Besonders große Freude hatte er am Windschatten-Fahren. Wir erklärten ihm unsere Regeln. Da ich mich aber diesmal nicht darauf verlassen konnte, dass er ansagt, ob alle da sind, hörte ich kurz mit dem Pedalieren auf und schaute mich zu den anderen um. Wie ich meinen Kopf wieder nach vorne drehte, fühlte ich plötzlich einen heftigen Schlag von hinten und sah wie mein Freund Peter im hohen Bogen an mir vorbeiflog. Der arme Hund war mit seinem Vorderrad an mir vorbeigefahren und wollte dann in die andere Richtung ausweichen! Dumm gelaufen!

Der arme Kerl sah aus! Ab da fand er aber Windschatten-Fahren immer doof.

 

Dann war da noch die Geschichte mit der Oma. Selbst wenn heute der Begriff: „Die Oma“ fällt, beginnen wir alle zu grinsen. Wir waren zu Dritt mit unseren Rennrädern auf der anderen Rheinseite unterwegs. Die Gegend wurde hier schnell ländlicher, grüner und ist einfach schön zum Rennradfahren. Hier hat es zwar keine Berge und tolle kurvige Abfahrten, aber es ist für uns schnell zu erreichen und ist herrlich grün. Hin und wieder führte uns unsere Route durch kleine Siedlungen, aber in der Hauptsache fuhren wir auf Radwegen oder kleinen Nebenstraßen. Neben Walter und mir, war noch Jörg mit von der Partie. Jörg war, neben das er mein Freund war, mein Trainer im Kampfsport, mein Beifahrer im Rennauto und definitiv fit. Wir drei kannten uns gut und obwohl Jörg seltener mitfuhr, konnten wir gut miteinander fahren.

An diesem Tag waren wir auf einer großen Runde unterwegs und tauschten regelmäßig die Positionen. Wir kamen so schnell vorwärts und fuhren auf einer Straße mit leichtem Gefälle auf eine kleine Siedlung zu. Mitten in der Siedlung war eine große markante Kreuzung zu sehen, die mitten in einer Kurve lag. Bis dorthin ging es ordentlich bergab, so dass wir mit reichlich Tempo in die Siedlung fuhren.

Ich fuhr als letzter und erhaschte zwischendurch einen schnellen Blick auf die Kreuzung die frei war.
„Hier ist es eh meist menschenleer“, ging mir spontan durch den Kopf.
„Grün!“
Schallte die Stimme von Jörg nach hinten, der als erster fuhr.
„Alle dran!“
Setze ich nach.
Damit wir alle schwungvoll über die Ampel kommen, schalteten wir alle einen Gang hoch und feuerten mit Schwung auf die Ampel zu. Mir fiel auf, dass an der Ampel eine Oma stand, die auf Grün wartete. Ich dachte mir nichts dabei und fuhr als Schlusslicht mit vollem Druck auf den Pedalen in die Kreuzung ein.

Jörg, der als Erster fuhr und gerade 10 Meter vor der Fußgängerampel mit der Oma war, brüllt auf einmal auf. Denn die Oma war ihrer Unversehrtheit trotzend einfach bei Rot tapfer und beherzt losgelaufen. Jörg, alter Kampfsport-Experte und mit Spitzenreflexen ausgestattet, hört blitzartig mit Treten auf und wich der Oma mit einer Vollbremsung nach links aus. Deutlich verschreckt blieb er dort, mitten auf der Fahrbahn, stehen und rang um Atem. Die Oma, vor Schreck dem Herzinfarkt nahe, kämpfte mit ihrer aufrechten Haltung. Dann macht sie eine langsame Kehrtwende, um wieder auf den Bürgersteig zu gehen. Genau in diesem Augenblick zischt plötzlich Walter rechts an der Oma vorbei. Die Oma stoppt wieder und auch Walter bleibt ein paar Meter weiter stehen. Die Oma rang jetzt endgültig mit ihrer Fassung und wusste jetzt gar nichts mehr. Trotzdem blieb sie tapfer stehen. Dann machte sie Anstalten sich wieder umzudrehen und beschloss mutig wieder den Weg über die Straße einzuschlagen.

Mir bot sich jetzt folgendes Bild: Eine menschenleere Siedlung, eine Kreuzung mit einer grünen Ampel, Jörg mit seinem Rennrad mitten auf der Fahrbahn, etwas weiter rechts unsere Oma und knapp vor dem Bürgersteig, Walter mit seinem Rennrad. Das ganze zu meinem Entsetzen, ein paar Meter vor meiner Nase. In Gedanken sah ich mich schon die Entscheidung treffen, wen von den Dreien ich niederstrecken werde. Jörg, auch in diesem Augenblick ganz der alte Krieger, bemerkte meine Not und machte sich schnell vom Acker. So zielte ich auf seinen Standplatz. In dem Augenblick, wo ich mit meinem Ausweichmanöver begann, wendete sich die Oma zu mir um, um jetzt endgültig auf die andere Straßenseite zu gehen. Für mich schien eine Kollision nicht mehr zu vermeiden. Um alles zum Guten zu wenden, dreht ich meinen Oberkörper in Richtung Oma, die sich in diesem Augenblick auch mir erschreckt zuwendet. Der Abstand zwischen uns ist vielleicht ein halber Meter.
Um den Vorwärtsdrang der Oma endgültig zu stoppen brüllte ich aus Leibeskräften:
„STOP“ !!!
Stellen sie sich jetzt bitte einen zwei Meter großen Mann vor, der ein paar Handbreit vor ihnen aus dem Nichts auftaucht und sie mit voller Kraft anbrüllt. Das war jetzt endgültig zu viel für die alte Dame. Sie blieb, zu meiner Erleichterung stehen, aber nur um wie zu einer Salzsäule zu erstarren und der Länge nach in Richtung Walter umzufallen.

Wir drei brachten schnell unsere Räder von der Straße weg und kümmerten uns rasch um die sich wieder aufrappelnde Oma. Von dem Cafe, ein paar Häuser weiter holte Jörg einen Stuhl von der Terrasse, auf den wir die Dame setzten. Sie hat eine Platzwunde am Kopf, war aber wieder „ganz zu Hause“.

Um sie bei Laune zu halten begannen wir uns mir Ihr zu unterhalten, bis ich registriere, dass ich immer noch meinen Helm und meine Sportbrille anhatte.
„Mensch! Ich muss für sie ja aussehen wie ein Marsmensch.“
Mit diesen Worten zog ich meinen Helm aus. Sofort lächelte unsere Oma wieder.
„So! Sehen sie, da ist ein Mensch drunter und dieser Mensch heißt Thomas!“

Während wir so, die nette, verwirrte Dame wieder aufbauten, hatte Walter einen Rettungswagen bestellt. Wir waren der Meinung, dass die Oma besser von einem Arzt untersucht wird.

Auf der anderen Straßenseite kam uns auf einmal ein aufgebrachter Herr entgegen und gestikulierte wild in unsere Richtung.
„Ich habs gesehen! Er hat sie brutal umgefahren! Ich habs gesehen!“
Auf einmal wurde unsere Oma richtig lebendig:
„Das stimmt nicht! Der hat mich noch nicht mal berührt. Ich bin vor Schreck umgefallen!“
„Nein, ich habs doch gesehen! Er wars!“
Die Oma rappelte sich aus dem Stuhl hoch und wollte auf einmal entschlossen zu dem Mann gehen. Walter ging zu dem Herrn auf die andere Straßenseite und erklärt ihm ruhig die Sachlage. Wir beruhigten die Dame wieder und unterhielten wir uns weiter mit ihr. Mit einem freundlichen und lockeren Gespräch versuchten wir ihren Namen und ihre Adresse herauszufinden.
Während dessen tauchten plötzlich auf der anderen Straßenseite zwei weitere alte Leutchen auf.
„Haben sie vielleicht meine Mutter gesehen?“
Da die Personen selber sehr alt sind, konnten wir der Frage nicht so ganz folgen, erzählen ihnen aber in Stichpunkten was geschehen war. Der Herr von dem Pärchen erklärt uns daraufhin das seine Mutter an Demenz erkrankt ist und ständig „laufen geht“. Eben sei sie noch im Wohnzimmer gewesen und dann auf einmal wäre sie weg.
Wie die drei wieder aufeinander trafen, waren alle Drei erleichtert. Wenige Minuten später traf mit großem Getöse der Rettungswagen ein. Die Oma zetert:
„Ich fahre da nicht mit! Ich bleib hier!“
Die Kinder kümmern sich aber rührend um ihre alte Mutter und begleiten sie in den Wagen. Die Sanitäter legten die Dame auf eine Bahre. Die Kinder gingen mit in den Rettungswagen, als plötzlich einer der Sanitäter seinen Kopf herausstreckte:
„Ein gewisser Thomas soll kommen!“
Ich ging in den Rettungswagen. Die Oma lag da und lächelte mich an.
„Sie müssen mitkommen! Sie sind so freundlich!“
Ich streichelte die Oma und lächelte sie an:
„Dann sind aber meine Freunde ganz traurig“, flirtete ich mit ihr.
Ihre Tochter legte ihren Arm um sie und sagte:
„Danke, dass sie sich um meine Mutter gekümmert haben.“
Ich winkte den dreien zu und ging wieder zu meinem Fahrrad zurück.

Diese Art Fahrrad zu fahren und miteinander umzugehen, oder für einander da zu sein, auch wenn es eng wird, hat uns sehr geprägt. Die Freundschaft zwischen Walter und mir prägte auch unseren Ladenalltag sehr stark. Wir gingen nicht wie Millionen Andere angespannt zum Job, sondern wir trafen uns, um etwas gemeinsam zu machen. Heike wurde da schnell mit reingezogen und mitgenommen. Unser Fahr- und Lebensstil übertrug sich auch auf andere Freunde. Für mich hatte es etwas von Musikmachen und bei uns verwischte Ladenalltag und Freundschaft immer mehr. Natürlich kann auch Musik stressig sein, wenn man kurz vor einem Auftritt steht und das Stück noch reichlich eckig klingt. Und doch arbeitet eine Band immer miteinander, füreinander und erscheint nach außen wie ein Charakter. So war es bei uns auch. Jeder im Team hatte seine Stärken und Schwächen. Walter, der unruhige und wissensdurstige Geist, Heike die immer komplett tiefenentspannt war und die Lösungen einfach aus ihrem Bauch zauberte, und ich, dass Sensibelchen, dessen Geist nie stillstand. Gemeinsam waren wir aber eine Macht. Walter, der angehende Ingenieur, Heike die Kauffrau und ich der Mechanik- und Fahrtechnik-Experte. Wenn wir uns bei der Arbeit ergänzten, dann war das wie im Windschatten Fahrrad fahren.  Der Leitsatz des Bandleader der Toten Hosen Campino brachte es eigentlich auf den Punkt:

„Wenn du die Wahl hast, einen genialen Musiker einzustellen, der nie dein Freund wird oder einen guten Freund, der keine Musik machen kann, nimm den Freund! Denn Musik kann man erlernen.“

Ich glaube, dieses Gefühl, das wir ausstrahlten, hat uns so viele Kunden beschert und hat sie regelrecht zu Fans werden lassen kann.

„Und das Gefühl heißt Miteinander“

Denn auch wenn wir uns manchmal anders benehmen, wir wünschen uns doch alle ein angenehmes Miteinander. Eigentlich wollen wir doch alle mal gelobt werden, alle wollen wir Anerkennung, Freunde und auf der Arbeit oder eine nette Truppe um uns herum. Alle wollen wir gut verdienen und angenehme Kunden, nur verhalten wir uns nicht immer so für die Anderen. Alle wollen heute im Windschatten mitgezogen werden, aber vorne im Wind stehen, das will keiner.

„Und das, war bei uns anders!“

Kapitel 5
Kapitel 7