Mein kleiner Fahrradladen

Wutschnaubend schiebe ich meinen Laptop über die Tischplatte. Mit rotem Kopf schimpfe ich leise vor mich hin und bemerke, wie mir gerade meine Objektivität abhandenkommt.
„Das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein, das geht doch nicht“. Aufgebracht, führe ich Selbstgespräche mit dem leeren Raum. Wirre Gedanken sausen plötzlich durch meinen Kopf und stören nachhaltig meine gute Laune.

Was ist passiert? Vor einigen Tagen habe ich meinem Web-Master einen neuen Fahrrad- Radgeber-Text für unsere Web-Seite geschickt. Gerade eben bekomme ich seine Antwort zurück. Die Antwortet ist trocken und sachlich und verpasst mir dabei eine gehörige Kopfwäsche.
„Ein Fahrrad kann nicht schnell sein! Wenn überhaupt, ist es der Fahrer!
Ein Fahrrad kann auch kein guter Bekannter sein, denn es besteht aus Schrauben und Metall! Ich kann mit einem alten Hollandrad genauso gut Fahrrad fahren wie mit einem neuen Rennrad und wenn Leute Wert auf solche Symbole legen, ist das in Ordnung, aber brauchen, tun sie es nicht!“
Obwohl ich ihn verstehen kann, denke ich dagegen ganz anders. Vielleicht, weil ich lange mit vielen verschiedenen Zwei- und Dreirädern (mit und ohne Motor) rennmäßig gefahren bin, ist meine Auffassung ganz anders. Ich halte es da eher mit dem großen Motorradtrainer Prof. Spiegel. Dieser schreibt in seinem Buch:
„Es ist schon ein Weilchen her, dass sich Kaiser Karl V. die höchst philosophische Frage stellte, ob das Pferd Teil des Reiters sei oder der Reiter ein Teil des Pferdes. Die Frage selbst ist heute wieder interessant, vor allem für Motorradfahrer. Die meisten der Jungs und Mädels mit den Integralhelmen wissen freilich längst die Antwort: Nur wenn Mensch und Maschine eine Einheit bilden, fährt man schnell, sicher und vor allem gut Motorrad. Doch das, was so spielerisch-leicht aussieht, ist in Wirklichkeit eine höchst komplexe Angelegenheit, die ein unglaublich hohes Maß an Koordination, Konzentration und Anpassungsfähigkeit erfordert. Gutes Motorradfahren fängt immer im Kopf an.“

Wenn ich jetzt mit meinem Fahrrad gekonnt durch die Stadt zirkeln will, ist es dann nicht genau das gleiche, wie beim einem Motorradfahren? Oder ist es nicht vielleicht sogar noch komplexer, weil Sie den Antrieb darstellen? Müssen nicht auch Fahrrad und Fahrer eine Einheit bilden, wenn sie gelassen, gekonnt und ohne große Erschöpfung ans Ziel kommen wollen? Klar kenne ich auch Motorradfahrer, die sich dumpf und ohne Übung auf den Bock setzen und losdüsen. Die Krankenhäuser sind im Frühjahr voll davon, aber ist es bei den Pedelec-Fahrern (E-Bike) wirklich so anders? In meinem Laden höre ich bei Gesprächen mit Kunden öfters, dass einer eine Flugstunde eingelegt hat. Aber im Frühjahr üben tut da auch keiner. Kaum einer kann Schalten oder Bremsen und die meisten sitzen auf ihrem Fahrzeug „Wie ein Affe auf einem Tabaksbeutel“.  Wenn es aber doch in der Hauptsache um die Einheit von Radfahrer und Fahrrad geht, spielen dann nicht auch menschliche, individuelle, persönliche und vom Fahrkönnen abhängige Faktoren eine Rolle?

Diese Grundsatz-Diskussionen zwischen meinem Webmaster und mir toben schon seit Jahren. Mein Web-Master ist ein studierter Mann und kümmert sich bei mir um alle optischen Dinge und um die Webseite. Genau um diese Webseite drehen sich damit auch regelmäßig die aufregenden Gespräche zwischen uns. Dabei sind wir, wie sie gerade mitbekommen, stark unterschiedlicher Ausfassung. Ich vermute einmal, dass viele Menschen ähnlich wie mein Web-Master denken. Daher möchte ich unsere Auseinandersetzung einmal etwas genauer auseinandernehmen.

Ich versuche den schwer verständlichen Begriff von der Einheit von Fahrrad und Fahrer zu erläutern, während er in erster Linie von A nach B kommen möchte. Dabei ist es ihm „ziemlich Wurst“, ob er gerade auf einem Klapprad oder auf einem Rennrad sitzt. Wenn ich ihn aber nach seinem Fahrrad frage, oder er sein Fahrrad zur Wartung zu uns in die Werkstatt bringt, stellt sich heraus, dass er kaum Fahrrad fährt. Ich dagegen fahre schon aus therapeutischen oder philosophischen Gründen regelmäßig meine Alltagsfahrten mit meinem Fahrrad. Auch im Urlaub zwingt es mich mit großem Spaß und dicken Packtaschen auf mein Fahrrad. Ich fahre fast jeden Tag damit. Durch meinen Fahrradladen, verbringe zusätzlich jeden Tag mit Fahrradfahrern, höre mir ihre Geschichten an und baue ihnen dazu passende Fahrräder. Eigentlich sollte ich wissen über was ich rede, aber trotzdem können wir uns nicht verstehen.

Geht es ihnen im Grunde genommen genau so? Haben Sie ein Fahrrad damit sie nicht laufen müssen? Es hat bestimmte technische Bauteile, die ihre Aufgabe erfüllen und fertig. Was soll da so schwierig sein? Was gibt es da zu streiten und wenn, wo sind die unterschiedlichen Positionen?
O.k. ich bring sie ihnen näher.
„Die eine Position ist das Ablesbare, das Wiegbare, das Ausrechenbare, das Anguckbare und das Vergleichbare. Die andere Position ist das Erfahrbare, das Fühlbare, das Sicherere, der eingebaute Grinsefaktor und das körperlich Gesündere.“
Damit sind die Grundpositionen vermutlich erklärt, aber auch wenn das jetzt klar ist, sind wir immer noch keinen Schritt weiter. Gefühl, Geschmack und gute Laune ist zwar unser genereller Antrieb aber leider nur schwer vermittelbar. Sie können ja einmal zum Beispiel einem Nichtfleischesser ein „gutes Steak“ erklären! Wobei ich nicht meine, dass sie ihn bekehren sollen. Nein, sie sollen ihm nur ihren Standpunkt erläutern und ihm vermitteln, was für sie und ähnlich denkende Menschen so exzellent daran ist. Sie sollen ihm ihren Geschmack und ihr Gefühl übermitteln. (Ich sehe schon alle Musiker ihr Instrument zücken.)

Ich für meinen Teil habe aus diesem Grund einmal einen vegetarischen Kochkurs bei einem exzellenten Koch mitgemacht. Ich wollte mich in die Welt der Vegetarier hineindenken können. Die klimatechnischen und ethischen Bedenken sind mir ja auch klar und treiben auch mich um, aber ich wollte für mich mit dem Begriff „VERZICHT“ umgehen. Ich wollte herausbekommen, in wieweit ein vegetarisches Leben auf Verzicht aufgebaut ist, also ein, in seinen Bedürfnissen einschränkendes Leben ist.
Ich habe in diesem Kochkurs sehr schnell gelernt, dass da keiner „verzichtet“ und keiner schmachtet. Es ist nur ein anderer und vielleicht auch bewussterer Stil zu essen. Auch wenn ich jetzt mit deutlich mehr Respekt Fleisch esse und es auch deutlich seltener mache, so ist ein „gutes Steak“ für mich immer noch etwas Wünschenswertes.

Doch stellen sie sich jetzt einmal vor, sie sind Ihr ganzes Leben mit Tütensuppen aufgewachsen. Sie haben nie etwas anderes gegessen. Sie werden selbstverständlich und neugierig alle Werbungen aufsaugen, sie werden vielleicht kritisch die Inhaltsliste lesen, die besonderen Ingredienzien abwiegen, ja, sie kaufen vielleicht sogar nur ganz besondere Tütensuppen. Dann komme ich und erzähle ihnen etwas, von echtem Gemüse, von Markknochen, von meiner Oma (und ich meine nicht die Markknochen meiner OMA J ) und dass es gegen Erkältung helfen soll.
So in etwa kommen mir die unterschiedlichen Standpunkte zwischen mir und meinem Web-Master vor. Solange wir die Suppen des anderen nicht probiert haben, können wir uns beide kein Urteil erlauben. Was ist aber, wenn mein Gegenüber gar nicht probieren will? Was, wenn er sich gar keine Fragen stellt? Solange ich mit ihm nichts zu tun habe, ist ja alles gut. Was aber mache ich, wenn ich das Gegenüber mein Web-Master ist.

Lieber Leser, Sie schmunzeln jetzt vermutlich und erinnern sich an eine Auseinandersetzung mit Ihrem Chef oder mit einem Kollegen. Vermutlich werden Sie eine Vorstellung haben, was uns beide auseinanderhält, aber mir ist der tiefere Sinn zurzeit verborgen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass in dieser Auseinandersetzung, zwischen meinem Webmaster und mir, noch etwas ganz anderes steckt, als nur die Buchstaben auf einer Webseite. Vielleicht geht es ja genau um den inneren Antrieb, der mich schon seit 30 Jahren zum Fahrrad treibt, während er Ihn mehr oder minder unbewusst davon abhält. Wenn es mir gelänge, diesen Antrieb in Worte zu fassen und aufzuschreiben, dann würde er mich vielleicht besser verstehen. Vielleicht aber würden auch einige andere Menschen verstehen, warum das Fahrradfahren für einen Teil der Gesellschaft so etwas Besonderes sein kann. Vielleicht würden dadurch auch einige Leute, die aus irgendwelchen Gründen keine Lust, oder keine Lust mehr auf`s Fahrradfahren verspüren, einen neuen Anstoß bekommen.

Was aber, ist dieser Antrieb der mich umtreibt, der mich Unterscheidet? Um was geht es beim Fahrradfahren? Ist der ganze Fahrradkauf-Zirkus nur Geldschneiderei? Was ist denn nun wichtig an einem Fahrrad? Haben die Zeitschriften Recht, wenn Sie von dem Gewicht eines Fahrrades berichten oder das Fahrrad mit dem ultra-neuen Superbauteil anpreisen? Oder ist es wichtiger, dass sie sich wohl und sicher fühlen? Das Sie trotz Nieselregen „einfach Bock“ auf`s Radfahren haben, weil es aus unverständlichen Gründen zu Ihnen gehört und Ihnen etwas fehlen würde, wenn Sie es heute nicht aus dem Keller holen würden?
Ich denke, wenn Sie mit hohem Tempo auf eine gefährliche Situation zufahren, ist es ein unglaublich gutes Gefühl, wenn sie mit ihrem Fahrrad eine Einheit bilden, wenn es Ihnen passt und Ihr Fahrkönnen unterstützt, Superbauteil hin oder her. Ich finde, dass man es sehen kann, wenn ein Fahrer zu „seinem“ Fahrrad geht und dann losfährt. Dabei ist es egal, ob es ein Rennrad, ein BMX-Rad, eine Gazelle oder ein edles Reiserad ist.
Wie kommt es, dass einige Fahrradfahrer Ihren Gesichtausdruck und Ihre Körperspannung ändern, wenn Sie auf Ihr Fahrrad klettern.  Ist es der Unterschied, dass unsere Fahrräder eine Seele zu haben scheinen, oder sind es nur die besonders leichten Rohre, Zahnräder aus Karbon, Pedale aus Japan, Reifen mit Silika und ein passender Lenker, die den Unterschied ausmachen? Besteht ein Fahrrad nur aus irgendwelchen mechanischen Teilen oder wird durch das Richtige kombinieren, das Messen der Bauteile und der geordneten Montage, mehr daraus? Was macht den Unterschied aus?

In einem Interview, das in einer Fahrrad-Fachzeitschrift von mir abgedruckt worden ist, hat ein Redakteur den Satz geschrieben:
„Bei Herrn Just bekommen Sie ein Rad, das nicht Ihren Namen trägt, aber dessen Seele zum Kunden passt.“
Stimmt das? Ist es die Seele den Unterschied macht? Und wenn, wie kam Sie zustande? Wer hat Sie eingebaut? Ich denke, dass meine Räder ganz bestimmt keine Seele im üblichen Sinn haben, aber wie ist es mit den Hühnern in einer Legebatterie? Haben diese eine Seele oder sind sie nur Produktionselemente? Wo ist diese Seele hin? Wer hat Sie da eingebaut? Sie sehen, die Logik ist hier nicht so einfach zu finden.

Um ihnen meinen Antrieb noch ein Stück näher zu bringen, möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen:

Vor einigen Jahren war ich, wie jedes Jahr, auf einer Fahrrad-Messe um meine Geschäftspartner der Herstellerseite zu treffen. Ich hatte einen lockeren Terminplan und tingelte von Termin zu Termin. So kam ich einige Minuten zu früh auf den Stand meines Lieblings-Fahrrad-Herstellers. Da ich seit Jahrzehnten Kunde in diesem Hause bin und sehr gute Umsätze mache, fühlte ich mich direkt wie zu Hause. Der Stand war rappelvoll und überall redeten Menschen über die Fahrräder, die ich so über alle Maßen liebe. So hörte ich interessiert den Gesprächen zu. Der Leiter des Verkaufs, mit dem ich tagtäglich zu tun habe, sah mich direkt, grüßte mich und fragte scherzhalber, ob ich nicht ein wenig mitmachen wollte. Ich schaute auf die Uhr und zog die Jacke aus. Dann schnappte ich mir den ersten Händler-Kollegen, der vor einem edlen Reisefahrrad stand.
„Hübsch…..  nicht?!“
Der Kollege musterte mich. Ich erklärte ihm, dass ich auch nur Händler sei und bei diesem Hersteller schnell einspringen wolle. Er nickte.
„Was kann denn das ….?“ Dabei zeigte er auf das Fahrrad.
So erklärte ich ihm das Fahrrad. Um das Fahrverhalten deutlich zu machen, benutze ich ein Bild, welches ich bei mir im Laden ständig gebrauchte und was die meisten Menschen auch gut einschätzen konnten.
„Wäre das Fahrrad ein Auto, dann würde ich sagen: Das ist eine Reise-Limousine mit einem 3 Liter Autobahndiesel Motor. Es ist effizient, sehr schnell, sehr kräftig am Berg, sehr zuverlässig und stabil. Aber langweilig im Fahrverhalten.“
Mein Gegenüber taxierte mich streng.
„Können sie BITTE den Vergleich mit den Autos lassen? Es ist mir äußerst zu wider!“
Ich schaute ihn etwas betroffen an und dachte nach, wie ich mich verhalten sollte. Mit einem oberflächlichen Smalltalk rettete ich mich etwas über die Zeit, um nachzudenken. Dann ging ich in die Offensive, da ich ja kein Angestellter des Herstellers war und jetzt meinen persönlichen Neigungen nachgehen wollte.
„Ich bin nur ein Händler-Kollege von ihnen und habe das Bedürfnis mit ihnen über das Thema zu reden. Ist das für sie in Ordnung?“
Der Kollege lächelte, stellte sich bequem hin und erwiderte:
„Hau rein, wo drückt dich der Schuh!“
„Es geht um das, was sie vorhin mit dem Auto gesagt haben. Wir leben in einer automobilen Welt. Die meisten unserer Kunden fahren ein Auto. Ich persönlich fahre fast nur mit dem Fahrrad, aber meine Motorsport-Ausbildung hilft mir, es bewusster, aufmerksamer und genüsslicher zu tun.“
Mein Gegenüber wartete meine Antwort kaum ab und antwortete:
„Schauen sie, Lebenszeit ist nicht konvertierbar, nicht einsparbar, was macht es da Sinn etwas schneller zu machen. Ich will die Alster sehen, ich will in der Natur sein und bewusst am Leben teilnehmen. Ich bin an noch schneller, noch mehr mit der Nase auf dem Lenker nicht interessiert. Mir ist es egal, um wie viel mehr Zeit ich früher losfahren muss um rechtzeitig anzukommen. Ich will etwas sehen, ich will etwas fühlen und ich will die Zeit spüren.“
Ich lächelte ihn neugierig an.
„Guter Standpunkt! Wir sind eigentlich gar nicht so weit auseinander.
Ich bin Kampfsportler / Kampfkünstler (Jiu Jitsu & Tai Chi), habe viele Jahre das Kämpfen trainiert und mich noch nie geprügelt. Ich habe das Training nicht absolviert, weil ich mich zu schwach fühle.
(ich bin 2 Meter groß und wiege 110kg J),
Mir ging es um die Bewegungslehre. Es ging mir darum, mit wenig Körpereinsatz viel zu erreichen. Ich wollte lernen noch mehr im „Hier und Jetzt“ zu verweilen. Ich wollte noch mehr die Gegenwart erleben und etwas von mir spüren. Mit meinem Motorsport ist es ähnlich. Wenn ich ihn betreibe, so ist es wie mit meiner Vorstellung von Kampftraining, es muss weich, rund, mit allen Sinnen und der ganzen Aufmerksamkeit geschehen. Das hat dann so viel mit rasen zu tun, wie Thai Chi mit einer Straßenprügelei. Wenn sie mit ihrem Rennfahrzeug, eine schwere Passage, gekonnt am Limit fahren wollen, müssen sie alles Fühlen, alles Spüren und ganz gelassen in diesem einen Moment sein, denn wenn sie sich ablenken lassen, sind sie weg. Und seien wir ehrlich, beim Fahrrad ist es doch ähnlich. Sie wollen gekonnt um eine Kurve fahren und trotzdem weiter in die Pedale treten, weil es anschleißend bergan geht. Jetzt gilt es einen einzigen Radius fahren zu können und auszugleichen was sie durch ihr Trampel an Unruhe in den Rahmen bringen. Der Lenker muss locker geführt werden, damit sie mitbekommen, wenn der Lenker „einklappt“ oder sich das Fahrrad aufrichten will. Dabei müssen sie auch noch die Trittfrequenz und die Schaltung im Auge behalten. Das ganze natürlich ohne ihre direkte Aufmerksamkeit, denn sie schauen sich ja schon die nächste Kurve oder die Umwelt an, um alles mitzubekommen und bei Bedarf schnell und gekonnt zu reagieren.

Eine japanische Bogenschützin, die in einem internationalen Wettkampf antrat, hat auf die Frage, wie sie solche Ergebnisse erreichen kann, einmal gesagt: Nur wenn du nicht mehr siegen willst, wenn es dir um nichts mehr geht, als nur ums Bogenschießen, dann kommst du weiter.“

Wir beide schauten uns eine Weile nachdenklich und schweigend an, dann sagte mein Gegenüber leise und wie zu sich selbst:
„…….Lebensqualität-Zugewinn durch Performance-Training…..?!
Sie meinen also, dass sie mit ihrer Fahrweise mehr und bewusster erleben?“
Ich nickte wissend und antwortete:
„Ich denke schon! Dabei könnte ich vermutlich langsam neben ihnen her fahren und doch meine Ideallinie suchen und auf die ideale Fahrtechnik achten. Damit das aber gut funktioniert, muss mein Fahrrad GENAU das tun, was ich will und meine Art mit dem Fahrrad zu fahren unterstützen. „
Mein Gegenüber schüttelte amüsiert den Kopf.
„Dann sind wir ja wirklich gar nicht so weit auseinander! Ich habe in meinen Gedanken immer Menschen vor Augen die mit dem ICE (Schnellzug) durch die Lande donnern und hektisch und unaufmerksam von einem Termin zum andern hetzen.“
Ich fiel im ins Wort:
„Und wenn wir diese Leute beim Aussteigen fragen würden, warum sie mit dem ICE fahren, würden diese antworten: Weil ich Zeit sparen kann. Wir würden dann weiter fragen: Und, was machen sie jetzt mit der eingesparten Zeit? Die Leute würden vermutlich antworten: Arbeiten gehen.“
Beide brachen wir in schallendes Gelächter aus und nickten uns zu.

Mir ist die Geschichte lange im Kopf geblieben und der Satz: Lebenszeit ist nicht konvertierbar, ist mir durch Mark und Bein gekrochen. Spannend fand ich an unserer Unterhaltung, dass wir uns respektvoll auf Augenhöhe unterhalten haben und uns aufeinander einlassen konnten, obwohl wir vermutlich aus unterschiedlichen Lagern stammten. Auch wenn ich das „militaristische“ gegen Autos immer noch überzogen finde, so war mir dieser Hamburger Kollege sehr angenehm. Würde es zu einer Einladung kommen, würde ich ihn gerne und mit großer Freude besuchen.

Doch zurück zu unserer Streitigkeit. Wie sie sehen, will ich definitiv nicht in erster Linie von Punkt A nach Punkt B, obwohl ich das ja nebenbei auch noch schaffe. Und schneller, spaßiger wie mit dem Auto bin ich vermutlich auch noch unterwegs. Es mag Leute geben, die fahren Fahrrad, weil es vernünftig ist.

„Sorry Leute, ich nicht! Ich fahre Fahrrad, weil es so herrlich unvernünftig ist.“

Für mich ist es ganz seltsam, wenn ich mein Fahrrad aus dem Keller hole. Ich habe dann das Gefühl, als treffe ich einen alten Bekannten. Vieles haben wir zusammen gemacht, so manche abenteuerliche Fahrt zusammen gemeistert und stets hat mein Drahtesel das getan, was ich wollte. So erinnere ich mich zum Beispiel an eine Szene, als ich mit ca. 100km/h einen Pass herunter gejagt bin, mich ein Rennradfahrer überholen wollte und wir Seite an Seite um eine Kurve „geballert“ sind.  Ich habe mich damals locker in den Schultern gemacht und leise gemurmelt: „schön ruhig liegen bleiben Großer!“ Mein Fahrrad ist mir damals wieder einmal ein guter Freund gewesen, es hat mich als Erster durchs Ziel gebracht, hat nicht gewackelt und ist sicher auf der Straße geblieben.

Eine Tatsache ist, dass Fahrräder Emotionen auslösen können. So manch ein ängstlicher Radfahrer hat auf dem passenden Fahrrad, mit der richtigen Sitzposition und richtigen Ausstattung, sein Fahrrad- Vertrauen wiedergefunden. Vermutlich würde er Stein und Bein schwören, dass sein Fahrrad Vertrauen ausstrahlt. So manch ein logischer und stets vernünftiger Chef, lässt morgens seinen Sportwagen stehen, um auf sein „unvernünftiges“ Fahrrad zu steigen, um für eine halbe Stunde, für sich allein, durch die Stadt zu feuern. Im Idealfall scheint das Fahrrad den Fahrer beeinflussen zu können und Ihm die Emotionen aufzuschließen, die Ihm zu seinem Glück fehlen. Es muss nur der richtige Untersatz sein.

Wenn ich mit einem Kunden ein passendes Fahrrad gestalten darf, versuche ich zuerst zu ergründen, welches Fahrgefühl zu diesem Fahrer passen würde. Welches Rad genau die Emotionen unterstützt, die dieser Fahrer gerne hätte. Sicher habe ich dabei auch immer die Maße des Fahrrades, die Körperwinkel des Fahrers, die verschiedenen Bauteile des Rades und den Einsatzzweck des Kunden vor Augen, damit das Fahrrad auch den gewünschten Vorstellungen gerecht wird. Denn das ist ja, das auf was es ankommt.

Auch der Konstrukteur in meiner Lieblings-Herstellerfirma, wird nur Winkelmaße, Bauteile, Festigkeiten und Fertigungskosten miteinander kombinieren. Dabei ist auffallend, dass die Mitarbeiter des Herstellers den späteren Fahrer nie kennenlernen werden und trotzdem stolz auf jedes Fahrrad sind, das Sie fertigt haben. Ob Sie in dem Fahrrad, das Sie gerade fertigen, etwas sehen, was Sie antreibt?

Viele von Ihnen, verehrte Leser, werden jetzt wissend mit dem Kopf nicken, werden an Ihre Kamera, an Ihr altes Motorrad oder Ihr Lieblings-Werkzeug denken. Viele werden wissen, was ich meine und so etwas wie, „selbstverständlich“ murmeln. Es wird aber auch die Menschen geben, die den Text bis hier hin nicht weitergelesen haben. Sie würden jetzt argumentieren, Schrauben und Muttern sind nur mechanische Bauteile und nichts weiter. Bei einem Fahrrad geht es um logische Argumente und vergleichbare Eigenschaften und sonst nichts. Diese Menschen werden sich vermutlich weiter Fahrradbauteile mit einer Briefwaage kaufen und sich ganze Fahrräder aus dem Katalog nach Hause schicken lassen.  Für diese Menschen geht es eben nur um das Messbare. Sie werden zwar Winkel-Maße und Gewichte vergleichen, aber nicht das Fahrverhalten des Wunschobjekts bewerten und die Beziehung zu seinem Fahrer in den Vordergrund stellen.

Ich habe den Eindruck, dass es nirgendwo anders so einfach möglich ist, einen persönlichen, emotionell aufgeladenen Gegenstand zu bekommen, wie bei einem Fahrrad. Oder wann hat man Ihnen zuletzt ein Auto oder Motorrad auf den Leib geschneidert (:-) Mir vor 20 Jahren). Im Alltag ist immer ein wenig Zeit, um mit einem begeisterungsfähigen Fahrrad einen Weg zurückzulegen, bei dem ein Auto oder Motorrad ja doch nur so vor sich hinrollen darf.

Ich denke, das ist der Unterschied, zwischen meinem Web-Master und mir. Ich schreibe über die fühlbare Seite eines Fahrrades und über den Eindruck, den es hinterlässt. Mein Webmaster aber schreibt über die Logik der Fahrräder. Für Ihn geht es um messbare Eigenschaften. Vermutlich verwirren Ihn meine Aussagen zu einem Fahrrad wie:

„Es hat schon etwas Deprimierendes, wenn meine Frau auf Ihrem Fahrrad vor mir kleiner wird und ich es nicht ändern kann. ….. aber Sie hat dabei so glücklich gelächelt!

Mal abgesehen davon, dass ich ihm erst einmal erklären müsste wie meine Frau imstande ist kleiner zu werden und wie sie es schafft den Prozess bei einer Daumengröße zu stoppen oder ihn logischer Weise auch wieder umzukehren, würde ich ihm antworten:

„Für mich ist diese Aussage aber wichtiger wie ein besonderes Tretlager oder ein besonders leichtes Teil am Fahrrad. Denn für mich erzählt diese Aussage eine lange Geschichte. Sie handelt vom Aussuchen des Fahrrades, dass meine Frau eigentlich nicht so gerne mit mir Fahrrad fährt, weil Sie nicht mithalten kann und dass Sie jetzt Ihr Fahrrad gefunden hat. Es geht darum, dass Sie es genießt, wenn das Fahrrad ihr Freude bereitet.  Vor allen Dingen aber, dass sie gerne und auch vorneweg fährt. Diese Eigenschaften haben zwar messbare, technische Gründe, aber der persönliche Antrieb, dieses Fahrrad genau so zu erschaffen, war das Lächeln beim Überholen. Dieses Gefühl galt es im Vorfeld zu erreichen und nicht etwa den günstigsten Preis oder höchste Anzahl von Gängen.“

Mein Webmaster und ich werden uns vermutlich nie verstehen und ich werde mir einen neuen suchen müssen und doch war es wichtig dem Fahrradfahren etwas genauer auf den Grund zu gehen.

„Sie sehen, so ein Fahrrad hat mehr an sich, wie ausschließlich Schrauben und Muttern und ist nicht so leicht mit Logik zu packen.“

Kapitel 4
Kapitel 6