Mein kleiner Fahrradladen

Ich kann ihn heute noch vor mir sehen. Ich weiß noch genau, wie er in unseren Laden kam und sich schweigend unter unsere Rennräder stellte.
Der Fahrradladen in unseren Anfangstagen war ein kleines Altbaugeschäft mit vier Meter Deckenhöhe, die wir natürlich auch voll ausnutzten. So stand er da, schweigend und mit leuchtenden Augen. Seinem Aussehen nach, war er ein harter Junge. Mit seiner an Militär erinnernder Kleidung, seinem rasierten Kopf und seinem muskulösen Gang, machte er schon Eindruck, er aber stand nur da. Ich beobachtete ihn eine Weile. Dann sprach ihn an:

„Kann ich was für sie tun?“

„Ne Meister,…..lass mich ma!

Nach einer viertel Stunde grüßte er in meine Richtung und ging wieder nach draußen. Heike und ich schauten uns an und schüttelten den Kopf.
Nach zwei Wochen war er auf einmal wieder da. Betrat unseren Laden, stellte sich wieder mit leuchtenden Augen unter die Rennräder und stand nur da.

„…. Soll ich nicht doch mal…?

Er schaute zu mir und schüttelte den Kopf.

„Ich will nur gucken!“

Ich behielt ihn im Auge und ließ ihn. Das besondere an ihm waren die leuchtenden Augen. Er schaute auf die Rennräder wie ein Bergsteiger auf das ersehnte Gipfelkreuz. Schon oft hatte ich diesen Blick gesehen. Meist waren begeisternde Dinge dabei im Spiel. Ich erinnere mich an einen Oldtimer-Rennfahrer, der seinen „Liebling“ mit so einem Gesichtsausdruck während des Ausrollens schon am Putzen war. Ich habe Leute erlebt, die für das Rennradfahren extra weiße Socken angezogen haben oder wo die Schrift der Reifen exakt über das Ventil gehört. Genau das war der Blick.
Er kam in unregelmäßigen Abständen einige Male, bis mir irgendwann die Sache zu bunt wurde. Ich ging lächelnd zu ihm, schnappte mir eine Leiter und stellte ihm das angebetete Stück vor seine Nase.

„So! Und jetzt drehst du einmal eine Runde damit!“

Er schaute mich verblüfft an und schüttelte den Kopf.

„Ne Meister, ich bin ein Taugenix, wenn Du mir das gibst, ist das wech.“

Ich schaute ihn eine Weile schweigen an, dann sagte ich zu ihm:
„Junge, das wäre aber echt doof. Du würdest nie lernen, wie man kunstvoll mit so einem Gerät umgeht. Du würdest keinen haben, der es für dich perfekt einstellt und du würdest keinen haben, der es für dich repariert. Ich finde, dass wäre echt unklug!“

„Ich hab aber keine Kohle…“

„Du sollst ja auch nur mal damit fahren. Dann bringst du es mir wieder und leihst es dir in der nächsten Woche wieder für eine Runde.“

So setzte er sich auf dieses Bianchi Rennrad. Seine Augen waren dabei wie bei einem Kind zu Weihnachten. Ich stellte ihm das Fahrrad passend ein. Dann brachte ich beide nach draußen und ließ ihn losfahren. Ein wenig mulmig war mir schon dabei, hatten wir doch extra einen Kredit aufgenommen um uns diese Räder kaufen zu können.

„Meinst du der kommt wieder“, meldete sich meine Frau aus dem Hintergrund.

„Ich hoffe. Fest steht, dass es ihm um das Fahrrad geht und nicht ums Geld. Der träumt doch heute Nacht von dem Rad. Ich finde, wenn er es wiederbringt, wird er es nicht vergessen!“

„Dein Wort in Gottes Ohr!“

Nach einer viertel Stunde war er wieder da und schob das Rennrad in den Laden. Seine Augen sprachen Bände. Ich konnte darin die Tour de France, die alten Rennradlegenden und längst verblichene Rennrad-Abenteuer erkennen.

„Bin wieder da“.

Er kam lächelnd in den Laden zurück, wobei er sein Lächeln nur kurz auf mich richtete.

Dann lehnte er das Bianchi vorsichtig an die Wand, so dass wir beide darauf sehen konnten.

„Schön…… oder?“

„Jau! Einfach nur schön!“

„Nun hängen wir es wieder auf und du kommst einfach irgendwann wieder.“

Etwas schwermütig schaute er zu, wie ich das Rad an mich nahm und es wieder aufhängte.

„Ok Meister,…. Danke! Ich komm wieder!

So kam er einige Male und lieh sich das Rad aus, bis er eines Tages mit entschlossener Miene vor mir stand und das Gerät käuflich erwarb. In der folgenden Zeit kam er regelmäßig in unseren Laden, ließ sich alles genau erklären, trainierte gefühlt jeden Tag und berichtete mir stolz jeden noch so kleinen Trainingserfolg. Er brannte lichterloh für sein Bianchi-Rennrad und war mittlerweile zu einem der Helden geworden, die er selbst so verehrte. Mir war klar, dass er eigentlich überhaupt keine Kohle hatte und doch wurde das Rennrad für ihn zu einem Mittelpunkt. Alles drehte sich für ihn darum.

 

Genau das war der Traum, den ich träumte. In meinem Laden sollte es um Fahrräder gehen, um eine Begeisterung, um eine innere Einstellung und um den Respekt, den die Radrennfahrer so begeisternd ausstrahlen. Ich wollte der Meister der Fahrräder sein, es sollte bei uns um tolle Fahrräder gehen und um die Menschen, die solche Fahrräder fahren. Dabei durften wir aber keine Träumer sein, denn wir nehmen auch am Kreislauf des Geldes Teil und obwohl wir leider nicht reich geboren worden sind, sollte es bei uns nicht ausschließlich ums Geld gehen.

Viele Jahre später haben wir, der Taugenix und ich, uns im Laden wiedergesehen. Beide hatten wir in diesem Moment feuchte Augen. Unser harter Typ von damals, ist heute ein erfolgreicher Angestellter in der Landwirtschaft. Er hat eine tolle Familie und zwei wunderbare Kindern. Selbst ist er aber immer noch der gleiche Typ von früher. Natürlich fährt er immer noch leidenschaftlich Fahrräder mit Rennlenker. Eine Zeit lang hat er selbst bei einem Fahrradladen geschraubt und hat so in meine Welt hineingerochen. Heute baut er mit großer Leidenschaft an seinen beiden Reise-Rennrädern herum und bringt diese, nach eigenen Ideen umgebaut, zu hervorragenden Leistung. Noch immer lebt er diesen Traum, der für ihn einst mit einem Rennrad angefangen an.

 

Die Fokussierung auf das Fahrrad und den dazu passenden Fahrer machen es leicht, kulturelle und speziell heute religiöse Widerstände zu überwinden. Einer meiner ersten Kunden ist ein Ghana. Er kaufte mir mein erstes selbst gebautes Fahrrad ab, für das ich heute maximal ein liebvolles Lächeln übrig hätte. Er liebte dieses Rad trotzdem und stellte sich später immer wieder aktuelle Fahrräder daneben. Auch er ist ein großer Rennrad-Fahrer geworden und jedes Fahrrad in seinem Keller hat seine eigene Bedeutung und seine eigene Faszination.
Ein anderer Kunde, an den ich gerne denke, war ein Türke, der auch deutlich wie einer aussah. Ich versorgte ihn und seine Familie mit fahrbaren Untersätzen. Er wohnte auf der anderen Straßenseite und war einer unserer liebgewordenen Nachbarn. Manchmal saßen wir nach Feierabend auf den großen Pollern vor unserem Laden und aßen zusammen Eis. Stand ich mit meinem Auto mal im Halteverbot und eine Politesse näherte sich, hatte ich einen seiner Söhne im Laden. Lange schon waren wir uns dabei sehr nahe gekommen und duzten uns mittlerweile.
Eines Tages, er war gerade im Laden, kam ein Kunde in den Laden, der, sagen wir vorsichtig,… sehr nationalistische Züge hatte. Dieser Mensch fragte nach einem Fahrradventil und erklärte uns lautstark, dass die Muslime heute alle guten Jobs bekommen würden, während die Deutschen meist benachteiligt würden. Während seiner ausschweifenden „patriotischen“ Rede, schaute mich mein türkischstämmiger, Deutscher Nachbar durchdringend und regungslos an. Ich lächelte ihn ruhig an und versuchte ihn damit zu besänftigen. Nachdem der unangenehme Mensch endlich gegangen war, schaute mich mein Nachbar sehr ernst an und sagte zu mir:

„Thomas, nur wegen dir habe ich ihn an einem Stück gelassen! Nur wegen dir!“

Ich grinste ihn an, „entspann dich. Pro 36 Leute kommt das erste Arschloch und du warst vorhin der 35te.“ Er sah mich an, lächelte, zahlte seine Reparatur und ging mit seinem Fahrrad nach draußen.

 

 

Doch zurück zu unserem Taugenix. Unser Laden entwickelt sich schnell zu einem Insider-Tipp für engagierte Alltags- und Reiseradler. Hier konnten sie Fragen stellen und bekamen auch die passende Antwort. An Samstagen im Frühsommer war bei uns oft „die Hölle los“. Heike und ich machten die Kunden im Dauerlauf, während Walter, die studentische Hilfskraft, in der Werkstatt stand. Walter war irgendwann zu uns gestoßen. Er studierte Elektrotechnik und fuhr in der Freizeit gerne mit dem Fahrrad. Aus dieser Beschäftigung sollte sich eine sehr enge Freundschaft entwickeln, die mir damals noch gar nicht klar sein konnte. Viele Jahrzehnte später, sollte genau dieser Walter als gestandener Ingenieur und mittlerweile Rentner wieder zu uns stoßen.
An diesem Samstag war unser kleiner Laden zum Bersten voll. Vor dem Schaufenster steht, wie zur „kurz nach dem Krieg Brotausgabe“, eine Schlange von Leuten, die artig darauf wartet in den Laden zu kommen. Obwohl ich die Leute sehe und auch ein schlechtes Gewissen habe, das diese Menschen so lange warten müssen, nehme ich mir für jeden Kunden die Zeit, die für sein Problem nötig ist. Ich bin der Meinung, dass die Leute ja deswegen herkommen und ich deshalb auch jeden Kunden mit der gleichen Aufmerksamkeit bediene. Nur dauerte das natürlich immer etwas. Vorne an der Theke ist ein Thermobehälter mit Kaffee und Kekse. Jeder wartende Kunde kann sich so mit einer Tasse Kaffee und einigen Keksen die Wartezeit verkürzen, was auch regen Anklang findet. Bei meinen Beratungen bin ich mir bewusst, dass alle Kunden zuhören, so mache ich die Beratung immer etwas lustiger und baue immer mal einen Schmunzel-Moment ein, damit es für die Anderen nicht so langweilig ist. Dabei stehe ich natürlich permanent unter Starkstrom, denn jeder Kunde will natürlich meine volle Aufmerksamkeit. Dieser Samstag war wieder genau so ein Tag:
„Meine Bremse schleift / Mein Licht geht nicht / Ich brauche ein leichtes Rad für die Reise / Mein Sohn hätte gerne einen Roller / Mein Rollator macht so seltsame Geräusche“, und dies alles am Besten gleichzeitig, während ich einen Bremszug überprüfe, ein Fahrrad verkaufe und Heike den anderen Wust von Kunden, wie eine Simultan-Schachpartie abarbeitet. Dazu noch ab und an mal ein Nicken nach rechts und ein „Hallo Herr Becker“ nach links. Dann noch ab und an mal Kaffeetassen verteilen und wieder zurück ins Getümmel.
Plötzlich steht eine würdevolle ältere Dame im Rampenlicht. Mit ihrem Pelzmantel und ihrem chicen Outfit, gibt sie sich als eine Kundin aus dem benachbarten Viertel Düsseldorf Zoo zu erkennen. Sie stellt sich provokativ mitten in die Türe und stemmt ihre Hände in die Hüften.
„Werde ich nicht bedient? Ich warte schon eine ganze Weile!“
Ich pausiere meine gleichzeitig bedienten Kunden und gehe zu ihr.
„Guten Tag die Dame, verzeihen sie bitte, hier ist heute viel los und es hat sich eine Schlange vor dem Laden gebildet. Ich werde ihnen jetzt gerne einen Kaffe ausgeben und sie gesellen sich bitte an das Ende der Schlange.“ Dabei schaue ich in die Menge der Wartenden und feixe:
„die laufen sonst alle schreiend hinter mir her“!
Mit diesen Worten geleite ich die Dame nach draußen und drücke ihr mit meinem besten Lächeln, eine Tasse dampfenden Kaffee in die Hand. Dann gehe ich wieder nach drinnen, entschuldige mich bei meinen wartenden Kunden und setze meine Simultan-Beratung fort. Es dauert keine drei Minuten und die würdevolle Dame steht plötzlich wieder in der Türe.
„Das ist eine Unverschämtheit hier in diesem Laden, man wird nicht bedient! Was sind das für Manieren?“

Ich bugsiere sie wieder zu den anderen Wartenden und erkläre ihr:
„Schauen Sie, ich gebe mir für alle Beratungen richtig Mühe und wenn sie gleich dran sind, haben sie selbstverständlich auch meine volle Aufmerksamkeit!“
Mit diesen Worten lasse ich sie wieder am Ende der Schlange zurück. Es vergehen keine zwei Minuten als sie wieder in der Türe steht und sich lauthals, schreiend über unsere Charaktereigenschaften beschwert. Plötzlich löst sich weiter hinten aus der Schlange unser Taugenix, geht mit großen Schritten auf die Dame zu und spricht sie an:

„Hörma Omi, wir da draußen stehen da nicht so zum Spaß. Wir alle wollen etwas vom Meister. Also… Omi, das Ende der Schlange ist dort und wenn du meinst, dass du eine Extrawurst bist, dann schau mal sachte an mir rauf und runter, denn wenn hier einer Krawall macht, bin ich das und ich…… warte hier seit zwanzig Minuten. Lass den Meister mal seine Arbeit machen! HAST DU DAS?“

Mit diesen Worten, die mit einem deutlichen Gekicher von der Menge begleitet wurden, bugsierte er die Dame an das Ende der Schlange. Diese schaute sich die Menschenmenge an, wechselte die Gesichtsfarbe in Richtung Rot, gönnte uns keinen Blick mehr und marschierte stolz die Straße hinauf. Der Taugenix aber schaute kurz durch die Türe, lächelte mir zu und sagte:
„Sorry Meister, ging nicht anders, die häts sonst nicht geschnallt. Mach weiter, ist gut hier“!
Alle Anwesenden begannen auf einmal amüsiert miteinander zu flüstern, obwohl sich die Meisten überhaupt nicht kannten.

 

Ja, ich hatte einen Traum. Es sollte um Fahrräder gehen und um die Menschen, die diese fahren und nichts weiter. Natürlich habe ich auf diese Weise viele tolle und stolze Menschen erlebt. So Mancheiner, der Bock auf ein besonderes Fahrrad hatte, stand auch irgendwann in unserem Laden. Dabei waren Behinderte, die meist am stolzesten und am heftigsten unterwegs waren, dabei waren Leute, die mit dem Fahrrad um die halbe Welt wollten, dabei waren Rennradfahrer, dabei waren Große und Kleine und auch Leute wie du und ich. Alle wollten sie einfach mit einem Grinsen ein Fahrrad aus dem Keller holen, und ich… habe sie alle erlebt und alle grinsen sehen!

Aber ich habe auch die Anderen kennenlernen müssen. Gerade jetzt in diesem Augenblick, wo ich doch einen Nachfolger für meinen Laden oder für meine tollen Kunden suche, begegnete ich einem.
So hatte ich an einem Montag einen Termin bei einem Fahrradhändler-Kollegen. Sein Laden war sehr groß und gut etabliert und folgte ökologischen Gedanken. Da sie seit langem an meinem Lieblingshersteller interessiert waren und ich das stets verhindern konnte, habe ich für mich geschlussfolgert, dass sie Interesse an meinem Fahrradladen haben könnten. Meine Vorstellung war, dass ich für diesen Kollegen eine Filiale in Düsseldorf Nord etabliere. Ich als Ergonomie Spezialist wäre in dem Nord Laden gewesen, hätte meine Lieblingsmarke eingerichtet und hätte seinen Leuten beigebracht, wie man Fahrräder perfekt an eine Person anpasst. Da die Ausrichtung des Geschäfts als familienfreundlich und ökologisch galt, war ich mir einer Zusammenarbeit in irgendeiner Form eigentlich sehr sicher. Beide dachten wir zuerst an den Menschen und an die Folgen für die Umwelt.

Etwas aufgeregt betraten wir den Laden, war es doch unsere erste große Verhandlung um unser „Baby“, unseren Fahrradladen zu veräußern.

„Ich sag ihnen, das ist ein seltsames Gefühl, wenn sie ein Geschäft gründen, es gepflegt und aufgebaut haben, wenn sie sich eine phantastische Kundschaft „erzogen“ haben und das jetzt quasi zu „Adoption“ preisgeben. Jahrzehnte gingen die meisten Gedanke und Gespräche nur darum. Mittlerweile geben sich alte Radreiseprofis bei uns die Klinke in die Hand, deren körperlichen „Wehwehchen“ und Eigenheiten für mich das normalste von der Welt sind und ich gebe diesen Vertrauensbeweis einfach weg. Man fühlt sich ein bisschen wie ein Verräter. Jahrzehnte behältst du alles für dich und sorgst dafür, dass keiner an dein Wissen und deine Schliche kommt und am Ende biederst du deinen Laden an, als wäre er Sauerbier.“

Der Empfang bei dem Kollegen war sehr freundlich und persönlich. Gemeinsam besichtigten wir seinen Laden und setzten uns schließlich in den Pausenraum.

„Haben sie einmal in die Unterlagen reingeschaut ich ihnen vor 6Wochen zugesandt habe,“ sagte ich mit einem vorsichtigen Lächeln.
Mein Gegenüber schaute mich freundlich an, aber seine Augen bekamen eine deutliche Strenge, dann sagte er:
„Was willst Du hier eigentlich, uns fällt doch jetzt eh alles zu?“
Der Satz war so herablassend und abfällig ausgedrückt worden, dass es mir es die Sprache verschlug. Ich rang nach Fassung und antwortete freundlich:
„Ähhh ich dachte…. wir reden mal mit einander, ob ihr Interesse an meinem Laden oder an meinen Marken habt?“
„Mit deinem Lieblingshersteller sind wir doch schon handelseinig und du hast eigentlich nichts, was uns interessieren könnte!“
Heike und ich schauten uns fragend an, da ich im Vorfeld mit meinem Lieblingshersteller gesprochen hatte und dieser mir versicherte, das keine Verhandlungen passiert sind.
„Das verstehe ich nicht. Der Chef meines Lieblingsherstellers hat mir versichert, dass der Weg zu seiner Marke nur mit meiner Mitarbeit zu machen ist.“
Die Fahrradhändler-Kollegen lächelten selbstsicher und schüttelten den Kopf:
„Mit denen sind wir uns schon lange einig!“
Aber was wird dann aus meinen Kunden? Was wird aus der Idee von besonderen Fährrädern, die für den Fahrer ergonomisch gefertigt werden? Was ist mit den vielen Radreise-Kunden “
„Also, wir sind nicht an Fahrrädern mit einer gescheiten Sitzposition interessiert! Wir machen hier Stückzahlen und Umsatz, da hat keiner von uns Zeit für so eine Spielerei. Wir haben zweistellige Zuwachsraten! Also, sag mir doch bitte, was du hier willst!“
Uff, das hatte mich doch echt sprachlos gemacht! Ich dachte zu mir:
„Mann, noch nie hab ich mich so behandeln lassen. Sind hier alte Feindschaften im Spiel? Aber selbst einem Feind hätte ich vermutlich mehr Respekt entgegengebracht. Fest stand aber, dass sie unseren Laden und unsere Geschäftsidee absolut unsinnig fanden.
Ich nahm meine ganze Freundlichkeit zusammen und antwortete:
„Na, dann können wir das Gespräch doch an dieser Stelle beenden! Dann sind wir doch eigentlich fertig!“
Unser Gegenüber erwiderte immer noch äußerst freundlich:
„Ja! Denn du hast nichts, was für uns wirklich wichtig wäre!“
Heike, die etwas hartnäckiger war und noch nicht aufgeben wollte hakte nach:
„Aber für Fahrräder, die auf Maß gefertigt werden, da braucht ihr doch jemanden, der etwas davon versteht?!“
Unser Gegenüber antwortete:
„Fahrradanpassungen (Bikefitting) macht doch zur Zeit jeder Zweite an der Ecke. Bei uns wird es keine Fahrräder auf Maß geben! Das dauert doch viel zu lange, soviel Beratungszeit kann sich hier keiner nehmen!“
Mir wurde ganz schwindelig. War das das Aus für unsere phantastischen Fahrräder und unsere Art Fahrräder körperoptimal anzupassen. War ich damit einer der letzten meiner Zunft?
Einer der Kollegen ergriff noch einmal das Wort:
„Thomas kann ja nach Feierabend herkommen oder am Sonntag und bei uns seine Beratungen machen, wenn er unbedingt will.“
Heike mischte sich wieder ein:
„Also ihr habt an nichts Interesse?“
Die Kollegen schauten sich an:
„Vielleicht beim Ausverkauf?“
Ich war verwirrt und eigentlich am Boden zerstört. Da habe ich ihnen über Jahrzehnte ihre Kunden streitig gemacht und ihnen immer wieder zugesetzt und die freuen sich einfach nur, einen Gegner weniger zu haben, anstatt sich diesen Marktvorteil selber zu sichern! Mein strategisches Denken schlug gerade einen Purzelbaum.
Während ich vor mich hin grübelte, stieß Heike mich an und stand auf:
„Dann bedanken wir uns für diesen Termin!“

Gemeinsam verließen wir den Laden und stiegen ernüchtert auf unsere Fahrräder.

„Die haben meine Unterlagen doch noch nicht einmal gelesen! Die Wirtschaftlichkeit unseres Ladens kann sich sehen lassen und sie wären ohne großen Aufwand, quasi nur zum Selbstkostenpreis an die Kunden und das Wissen gelangt.“
Ich war sehr traurig, da ich das erste Mal erkennen musste, was meine Mitwettbewerber über mich dachten.

Heike, die spüren konnte wie es in mir aussah, erwiderte:
„Es ist einfach zu aufwändig, zu umständlich und bringt ihnen zu wenig ein!“
Ich schüttelte den Kopf,
„da kommen meine Kunden aus fernen Städten und Ländern zu mir, um sich für viel Geld ein auf Maß gefertigtes Fahrrad bauen zu lassen und freuen sich ein Loch in den Bauch, wenn sie endlich nach 8 Wochen ihr eigenes Traumrad mitnehmen können. Wir verdienen doch gutes Geld mit der Arbeit und alle Kunden sind glücklich, das ist doch ein ordentlicher Batzen Mehrumsatz, der gegen jede Konkurrenz bestehen kann. Die haben uns doch in den Letzten 30 Jahren auch nichts anhaben können und was haben die sich für Mühe gegeben. Doch vermutlich ist dieser Mehrumsatz einfach mit zu viel Aufwand verbunden!“

Es ist doch komisch! Eigentlich bin ICH doch der Motorsportler, der Kampfkünstler und der konservative Wähler. Dagegen stellen sich gerade meine Wollsocken und Latschen-Kollegen, mit ihrem familienfreundlichen, ökoausgerichteten Fahrradladen, als die eigentlichen Kapitalisten heraus.

Es ist doch komisch! Da gibt es für gute Arbeit, gutes Geld zu verdienen, aber keiner hat Bock darauf. Ich will einem Nachfolger mein Wissen vermitteln und keiner hat Interesse. Konservativ-Denker denken an die Allgemeinheit, während Ökos in erster Linie an sich und ihr Geld denken. Türken erweisen sich als die besseren Nachbarn, Taugenixe werden zu Helden und eine ehemalige studentische Hilfskraft kommt gerne und begeistert als alter Ingenieur wieder.

 

„Ja, ich hatte einen Traum und auch wenn dieser Traum für einige Menschen seltsam zu sein scheint, ist er für die, die ihn mitträumen durften, jede Anstrengung wert“.

Kapitel 3
Kapitel 5