Mein kleiner Fahrradladen

Immer wieder fällt mir das Lächeln auf, wenn ich mit meinem Fahrrad schnell und rund durch die City fahre. Natürlich habe ich dabei auch meine eigenen Regeln. Nicht dass ich bei Rot oder ohne Licht fahren würde, aber ein kurzes Stück auf einem Bürgersteig, kann unter bestimmten Umständen sehr lebensbejahend sein. Oder das flüssige Einbauen von Fußgängerampeln in die Fahrrad-Fahrstrecke. Dabei komme ich immer wieder in Situationen, die eine leichte Ur-Unsicherheit erzeugen. Ich meine eine Unsicherheit, die uns vermutlich immer schon begegnet ist und uns vorsichtig durch unser Leben geführt hat. Es ist der Fußgänger vor uns oder der Radfahrer, der uns entgegenkommt und unsere Komfortzone kreuzt. Immer dann kann ich es sehen, dass Lächeln. Es ist vermutlich eine Instinkthandlung, die signalisieren soll:
„Also ich…, ich bin dir wohl gestimmt und begegne dir ohne Groll!“
Da mir durch meine Art Fahrrad zu Fahren so etwas auffällt, lächle ich bewusst zurück. Dabei kann ich sehen, wie sich unsere Augen für einen Moment suchen und abtasten. Ich leiste mir dabei immer wieder ein kleines fast unmerkliches Kopfnicken. In etwa so, als würde ich mein Gegenüber grüßen oder ihn als respektabel einstufen. Sehr oft bekomme ich dann einen Augenaufschlag oder ein Kopfnicken zurück. Fest steht, dass wir ohne Wort unsere individuellen Regeln aushandeln.
„Du fährst links und ich fahre mit Abstand rechts an dir vorüber und ja, ich gebe acht“.

Ich bin immer wieder erstaunt, dass dieses grundsätzliche Verständnis bei den meisten Fahrradfahrern so reibungslos funktioniert. Denn wenn ich mir den Autoverkehr oder das Geschäftsleben so ansehe, dann ist das dort eher anders herum. Doch wo ist der Unterschied? Wir sind doch die gleichen Menschen, mit den gleichen Ur-Instikten. Ist es vielleicht die Anonymität eines Autos oder das ich den Fahrer nicht sehen kann. Ist es vielleicht, dass einige Chefs und Geschäftsleute ihre Karriere und ihr Bankkonto über ihre Instinkte stellen und ihre Kunden einfach nicht wichtig genug nehmen? Ist es einfach das ungezügelte Recht des Stärkeren, das hier manchmal zu beobachten ist? Oder ist es die leibliche Gefahr beim Fahrradfahren, die uns verletzlich und berührbar macht? Fest steht, wenn ich mein Fahrradgegenüber „Scheiße finde“, dann lasse ich ihn das wissen und ich bin mir sicher, dass er das auch mitbekommt.

Ernst Leverkus, ein alter, kultiger Motorrad-Journalist hat am Anfang des Motorradkults einige Bücher geschrieben. In einem hatte er einst den Motorradgruß eingeführt. Er hat auch die Benutzung eines gelben Schals propagiert, der im Notfall am Lenker gehängt, dem vorbeifahrenden Motorradfahrer bedeuten soll:
„Hier ist Motorradfahrer in Not!“.
Noch heute grüßen sich Motorradfahrer als respektable Geste. Für mich bedeutet diese Geste:
„Wir beide haben ein risikoreiches Hobby, fahr vorsichtig Mann und nimm Rücksicht auf mich!“
Natürlich nimmt die Ernsthaftigkeit dieser Geste immer mehr ab, aber noch heute halten Motorradfahrer an, um einander zu helfen. Was für eine tolle menschliche Eigenschaft. Mich hat vor vielen Jahrzehnten einmal ein anderer Motorradfahrer mit meinem defekten Motorrad über hundert Kilometer nach Hause gebracht und wollte dafür kein Geld haben. Er hat mir nur ein Versprechen abgenommen: „Siehst du jemanden am Straßenrand in Not, gib die Hilfe einfach weiter!“
Ich weiß nicht wie oft ich diesem Versprechen schon gefolgt bin und es an die Empfänger weiter gereicht habe. Warum grüßen wir Radfahrer uns eigentlich nicht, oder helfen einander. Es muss ja nicht ein großes Winken werden, aber ein fast unmerkliches Nicken, wird schon nicht zum Muskelkater führen.

 

Vermutlich habe ich mir gerade den Zorn der Radreise-Fraktion zugezogen. Natürlich erkennt man sich zielsicher und man grüßt sich auch. Zu viele Geschichten haben wir „Reiseheinis“ erlebt und auf die Hilfe der Anderen zurückgreifen müssen und auch dürfen. Ich erinnere mich an Geschichten, wo in Asien ein verletzter Radreisender über Wochen wie selbstverständlich gepflegt wurde. Viele von uns haben schon Stunden an den Gefährten von fremden Radreisenden, technischer Hilfe geleistet. Dabei sind die Geschichten und das Erleben der treibende Faktor. Wir alle wissen um unsere Zerbrechlichkeit. Wir alle haben aufgeschürfte Knie, wenn wir hinfallen. Wir alle haben Schiss, wenn es eng wird. Wir alle wollen abends in unser Bett oder in unseren Schlafsack kriechen und kriegen schweißnasse Hände, wenn wir plötzlich nicht mehr weiterkönnen. Es sind vermutlich diese einfachen Gefühle, die wir verstehen können und auch zum Beispiel mit einem spontanen Lächeln beantworten.

 

Wie ist es mit ihnen? Wie gehen sie mit damit um? Was müssten wir tun, damit es auf unserer Arbeit, im Studium oder im Autoverkehr ebenso läuft. Warum geben wir nicht mehr auf unsere Mitmenschen acht? Was fehlt uns, dass wir begreifen, dass unser Gegenüber auch ein Mensch ist. Sei es ein Kunde, ein Händler, ein Banker, ein Lieferfahrer oder die Stimme an der Hotline, die mir jeden Tag begegnen. Wenn wir Leute im Treppenhaus treffen, wenn ein Patient in ein Behandlungszimmer kommt oder ein „Bettler“ mit seiner Zeitung am Supermarkt steht, sind dass keine Menschen? Wollen sie nicht auch unversehrt nach Hause oder abends ins Bett? Sind Menschen, die am Stau vorbeifahren, um sich vorne an den Anfang zu mogeln, echt besser? Fehlt uns einfach die Zerbrechlichkeit oder die Phantasie, dass unser Gegenüber auch zerbrechlich ist?

Meine Mama hat mich einst gelehrt:

„Was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem Anderen zu“.

Ist dieser Spruch in Vergessenheit geraten? Sind die Zeitgenossen, die nachts in der Innenstadt Autorennen fahren und das Leben anderer wissentlich in Kauf nehmen besser, stolzer, bewunderter? Für mich, und ich bin mit allem Rennen gefahren was Räder besitzt, ist dieses Verhalten komplett unverständlich. Es gibt doch zur genüge Rennstrecken und Rennsport-Veranstaltungen wo sich Begeisterte austoben können. Dort müssen sie sich zwar mit echten Könnern messen, aber sie können auch in einem sichereren Umfeld fahren.
„Ich werde das nie verstehen“!
Wenn ich z.B. im Stadtwald MTB fahren will, so mache ich das morgens um Acht Uhr. Dann sind nur einige Hundebesitzer und Jogger hier. Diese wiederum, sind bewusst um diese Uhrzeit hier, was sie direkt als bewusste Mitmenschen ausweist. Wenn ich jetzt auf meiner Hatz durch den Wald auf einen Hundebesitzer treffe, so werde ich artig langsam machen und zwei Worte mit dem „Pfiffi“ oder dem Besitzer wechseln. Dabei habe ich bei diesem Vorgehen auch rein egoistische Gedanken, denn so ein „Pfiffi“ im Vorderrad, oder sei es nur die Leine unterm Lenker, versaut einem Radfahrer die schönste Linie und führt mitunter auch schon mal direkt zum Notarzt.

 

Da fällt mir eine Geschichte ein:

In tief dunkler Nacht ballere ich eines Abends, kurz nach Feierabend in Richtung Heimat. Mein Weg führt mich quer durch die Stadt direkt an der Düssel entlang. Der Weg führt malerisch unter Bäumen entlang. Rechts sind dabei die Bäume und links ist der Bach mit einem Geländer davor. Der Weg besteht aus rotem Schotter und ich kann das kleine Wasserwehr, aus Kaiser Wilhelms Zeiten, bis zu mir hören. Während ich so vor mich hin trample, entdecke ich weit vor mir, rechts an einem Baum einen Hund. Er fällt mir auf, weil er dasitzt und mühselig einem großen Geschäft nachkommt. Was mir dabei eigenartig vorkommt ist, dass er dabei sehr gequält aussieht und mich durchdringend und hypnotisierend anschaut. Ich erkläre mir selber, dass Hunde einen fixierenden Blick als Angriffs-Vorbereitung und Drohgebärde deuten. Er hier schaut aber nicht wie üblich nach einer Sekunde weg, sondern hält seinen angsterfüllten Blick über den ganzen Zeitraum fest auf mich gerichtet. Er sieht dabei aus, als würde er gerne wegrennen, wenn es nur gehen würde.
„Bei dem geht gerade nichts mehr vor und auch nichts zurück,“
geht es mir durch den Kopf. Eine seltsame Situation. Ich denke über diesen eigenartigen Hundegesichtsausdruck nach und was er zu bedeuten hat.
„Was will der?“
Mit dieser Frage im Hirn, schaue ich nach rechts und links. Links und damit auf der anderen Seite des Weges, sitzt in der Dunkelheit ein Mann auf dem Geländer. Ich kann ihn ausschließlich dadurch erkennen, weil er durch sein Smartphon einen blauen Schimmer auf dem Gesicht hat. Während die eine Hand sein Telefon hält, sieht die andere aus, als ob er ein Glas Bier festhalten würde. Ich schaue wieder zu dem Hund zurück, der mich immer noch eindringlich fixiert. „Irgendetwas will er mir klar machen“,
geht es mir wieder durch den Kopf.
„EIN GLAS BIER“, schrecke ich auf?
„Das ist kein Glas, dass ist der Griff einer Hundleine!“
Auf einmal wird mir alles klar. Herrchen zappt am Smartphon, während der Hund sich in Gedanken 20 Meter durch die Luft fliegen sieht.
„Schlauer Hund“!
Ich bremse sehr stark ab und lasse meine Klingel ertönen. Der Gesichtsausdruck des Hundes entspannt sich plötzlich und nimmt eine gewisse Dankbarkeit an, während das Herrchen aufgeschreckt die Leine fallen lässt. Ich überquere kopfschüttelnd die Stelle, lächle und nicke respektabel dem Hund zu.
„Gut, dass du wenigstens Hirn hast“.

Dabei haben im Normalfall der Hund, der Besitzer und der Fahrer, doch eigentlich die gleiche Furcht. Wir sind alle in der gleichen Situation, eine, die uns doch eigentlich zu Verbündeten macht. Sie glauben gar nicht, was in so einer Situation, ein Lächeln, zwei nette Worte oder ein freundliches Nicken Wunder bewirken kann. Doch wie machen es viele andere Fahrer? Die fahren nachmittags um 15.00Uhr, mit den besten vollgefederten Mountainbikes, ausgerüstet mit den ultimativen Monsterbremsscheiben, selbstverständlich auch mit dem kompletten MTB Rennoutfit bekleidet, trainingsmäßig durch den Stadtwald. Dabei werden die Spaziergänger und Hundbesitzer als willkommene Slalomstangen in eine persönliche Ideallinie mit eingebaut. Schon bei dem Gedanken daran, könnte ich kotzen! Kein Mensch hat etwas zu meckern, wenn sie morgens um sieben Uhr mit ihrem Motorrad durch die Lande donnern und langsam und geräuschlos durch alle Ortschaften rollen. Und wenn Omi Schmitz zur allmorgendlichen Messe will, freut sich auch diese, wenn sie Ihr einmal fröhlich zuwinken. Das geht natürlich nur, wenn sie im Schneckentempo durch ihr Dorf rollen. Dabei ist aber auch wieder dieser intelligente Egoismus gefordert, denn so eine Krücke im Vorderrad vermag auch beim Motorradfahren den ganzen Tag zu verderben.
„Ich könnte kotzen“!
Überall haben diese unüberlegten, hirnlosen Gestalten Einzug gehalten und dafür gesorgt, dass man uns alle wegjagt. Zuerst war es für mich das Motorrad-Enduro-Wandern im Wald, welches man uns verboten hat. Irgendwann waren da irgendwelche „Vollhonks“, die glaubten, dass sie hier nachmittags Motocross-Rennen fahren können. So sind wir dann halt MTB gefahren und sie kommen bestimmt drauf, was dann passiert ist. Wir fahren abseits der Hauptrouten und mit der Duldung des Försters, nehmen Rücksicht auf die Wanderer und die ersten Gestalten jagen nachmittags im Weltmeisteroutfit Downhill die Berge runter.
Ergebnis: Jetzt jagen sie uns hier auch schon wieder weg. Zum Glück gibt es aber immer mehr Guides, Veranstaltungen und erfahrene Zeitgenossen, die unsere Geschichte vom intelligenten Egoismus weitergeben. Denn wir alle sind mal Spaziergänger und mal MTB Fahrer, mal sind wir Wanderer und mal sind wir Motorradfahrer, mal sind wir Verkäufer und manchmal sind wir Kunden. Wäre es da nicht schlau, wenn wir uns so verhalten würden, wie wir es selbst gerne hätten? Mein alter Trainer hat mir mal beigebracht:

„Fahre stets so, dass du dir selber entgegen kommen kannst und dass dir gefällt, was du siehst.“

Ich finde er hatte vollkommen Recht. Trotzdem habe ich das Gefühl, das die Anzahl der Fahrradfahrer die Rücksicht nehmen, mehr wird.
„Ich finde, das wir Radfahrer eh immer eine Spur besser sind.“

Sind damit alle technikverliebten Fahrradfreaks auch automatisch Spinner? Eindeutig NEIN! Dennoch sollte die Technik immer dem Nutzer dienen und nicht zum Selbstzweck werden. Wir sollten uns stets überlegen, was wir wollen. Muss es ein SUV werden, wenn sie ausschließlich die Kinder in den Kindergarten bringen? Ist ihnen klar, dass sie in der Stadt auf einen Stundenschnitt von 25Km/h kommen? Sicher ist Technik faszinierend, aber für den Kindergarten ist ein „Elefantenrollschuh“ echt witziger, vergnüglicher, billiger und wenn sie so wollen auch umweltverträglicher.
Aber das Problem ist die Werbung b.z.w. das Marketing, welches uns andere Ideen vorbetet. Bedenken sie bitte: Ein MTB macht dann keinen Sinn mehr, wenn die Federung des Fahrwerks soweit geht, dass ein Normalfahrer auf ebener Straße soviel Leistung einbüsst, das er eigentlich nur noch im Wald fahren kann. Wenn sie jetzt direkt am Wald wohnen oder intensiv ihr MTB-Training absolvieren, haben sie mit der Technik-Verliebtheit natürlich Recht. Für die Meisten ist das Gerät aber eben doch nur ein Fahrrad und sie fahren mit solchen Geräten eben doch nur zum Job, zum Tennis oder „zum Bier holen“.

Ist das denn jetzt ein unverzeihlicher Fehler? Oh nein! Wenn es ihnen aber darum geht, auf ihren „alltäglichen“ Wegen „gut Fahrrad“ zu fahren, dann muss ihnen im Idealfall das Fahrrad auch zu ihrem Fahrstil und ihrem Einsatzzweck optimal passen. Das kann dann aber auch bedeuten, dass „fette Federwege“ manchmal einfach hinderlich sind, denn das Fahrrad muss sie und ihre Fähigkeiten auf ihrer Fahrt unterstützen.

Haben sie Kräfte wie ein Bär und fahren jeden Tag 20km zur Arbeit? Sie sind groß und wiegen vielleicht 100kg, dann muss ihr Fahrrad stabil dagegen halten. Es muss ihr erzeugtes Drehmoment ans Hinterrad leiten und nicht ständig in einer Rahmen-Verwindung ausweichen. Die Bremsen sollten echt was können und alle Leichtgewichtteile sind schon aus rein physikalischer Sicht reiner Blödsinn (Fahrer mit Rad und Ausrüstung wiegen zusammen 120kg) Dafür sollte das Rad lang genug sein, damit sie auch Ihre Oberkörpermuskeln optimal einsetzen können, denn die Beine fahren schließlich nicht alleine. Spielt Federung bei so einem Fahrrad eine Rolle? Nö, eher nicht. Sie fahren in der Stadt, dass ist zwar kein Streichelzoo, aber 3 cm mehr Rahmenlänge oder besser noch, eine perfekt angepasste Sitzposition, bringt definitiv mehr, als eine durchschnittliche Federung. Denn diese ist mit Ihnen und Ihrer Wucht eh permanent überfordert.

Aber vielleicht sind sie ja aber auch ein Floh, einer der zierlichen Menschen. Sie wiegen wahrscheinlich wenig, sind vermutlich sehr gelenkig und fahren auf Ihrem Fahrrad hohe Drehzahlen. Der Gegenwind zerrt weniger an ihnen und Berge ziehen sie auch nicht so runter. Sie sollten aber fahren können und sie brauchen viele Gänge, die sie wie selbstverständlich bedienen können. Schön wäre auch ein leichtes und wendiges Fahrrad. Eine Federung darf es ruhig haben. Sie wird zwar auch ein wenig Performance kosten und bei ihrem Gewicht wird sie eh nicht toll arbeiten. Aber auch für sie ist eine perfekte Sitzposition wichtiger, als alle Spitzenbauteile der Welt zusammen.

Vielleicht sind sie aber auch ein Gemütlicher und 10Minuten früher Aufstehen und Losfahren bedeutet ihnen nichts. Ihr Fahrspaß bedeutet für sie Bequemlichkeit, Coolness und eine tolle Optik. Trotzdem gilt für Sie auch, dass das Fahrrad ihre Leistung auf den Asphalt bringen muss, denn die Brückenauffahrten sind lang und wenn sie da hoch schieben müssen ist das „Mega-uncool“.

„Sie sehen, es scheint wirklich schwierig zu sein, zu beantworten, was an Fahrrad-Technik an ihrem Gefährt wirklich sinnvoll ist.“

Wenn es um die Technik-Verliebtheit geht, gönnen wir uns doch auch noch einmal einen Seitenblick und schauen zum Vergleich auf die Welt der Autos und der Motorräder. Wieso haben eigentlich durchschnittliche Motorräder über 130PS und fahren alle 230km/h? Wieso brauchen sie mittlerweile dabei etliche elektronische Helferlein? Vielleicht weil der Fahrer damit eigentlich überfordert wäre? Gilt nicht auf den Landstraßen 100km/h? Fahren nicht die meisten Motorräder dies locker im ersten Gang? Was soll das? Wenn sie Motorradfahrer sind und auf ihrer Fahrt auf jemanden treffen, der sein Motorradfahrer Handwerk richtig versteht, dann reichen diesem Fahrer 50PS, damit sie so richtig „Alt“ aussehen. Und ihren Führerschein sind sie mit so einem Gefährt trotzdem beide los. Warum wird in der Werbung immer mehr Wert, auf immer mehr Performance gelegt? Nicht, das ich jetzt alle Fahrer mit einer Schnuffelschnecke auf Tour schicken will, aber muss echt jeder Hans und Franz 300km/h schnell fahren können? Und, können sie es denn auch? Wenn sie jetzt ja sagen, möchte ich sie fragen, wo sie dies gelernt haben? Bitte antworten sie jetzt nicht „in der Fahrschule“. Die Jungs und Mädels machen da bestimmt einen tollen Job, aber bei 300km/h müssten sie bei einer vom LKW fallenden Wasserkiste schon bremsen, wenn sie diese Wasserkiste noch gar nicht sehen können und sie sollten dabei richtig gut bremsen können. Hand auf`s Herz, wer trainiert so etwas von ihnen. Ihr Auto hat bestimmt auch 140PS. Haben sie irgendwann einmal aus 200km/h eine Panikbremsung versucht? Sie wären überrascht, wie oft sie üben müssen, bis dass sie das Bremspedal das erste Mal brutal durchtreten können. Das liegt natürlich auch daran, dass ihr Auto 1700kg wiegt. Vielleicht hätten sie diesen Fahrtest, (vor dem Kauf)  auch einmal mit einem kleinen Auto machen sollen, denn dann hätten sie sich vielleicht auch für ein 60PS Auto mit nur 900kg Gewicht entscheiden können. Dieser „Zwerg“ wäre sicher leichter zu händeln gewesen, hätte weniger Sprit verbraucht und hätte für den Fall, das sie Ihren Führerschein mögen und behalten wollen, trotzdem fetzigen Spaß gemacht.

 

Was das jetzt mit Fahrrädern zu tun hat, wollen Sie wissen? Wann haben sie mit Ihrem Fahrrad bremsen und schalten geübt? Noch nie? Haben sie verschiedene Modelle ausgiebig getestet, bevor sie eines gekauft haben? Oder haben sie im Katalog ausschließlich Preis und Leistung verglichen?

Ich finde ja, solange wir in der Stadt auf Fahrradfahrer treffen, die nur mit der Hinterradbremse bremsen „weil das sonst so gefährlich ist, wegen dem Überschlag und so“, solange sollten Scheibenbremsen am Vorderrad echt nicht so wichtig genommen werden. Zumal meine hydraulische Felgenbremse, die Sache mit dem Überschlag auch noch ganz gut draufhat, und ich wiege schließlich 110kg. Da werden Federungen an Fahrräder gebaut, die wären früher als überdimensionierte Luftpumpen durchgegangen. Sie sind aber „hübsch“ und preiswert. Da haben Fahrräder 30 Gänge, von denen meist nur 4 benutzt werden. Die Sitzposition ist im Laden supersportlich und danach kommt der Hollandradlenker oben drauf, weil ihr Orthopäde interveniert hat. Warum probieren sie nicht ausgiebig und lassen sich ausgiebig in einem guten Laden beraten? Denn nur so ERFAHREN sie, was für sie geeignet ist.

Aber alle Radfahrer sind ja Autodidakten. Sie bringen sich meist alles selber bei, so ganz ohne Lehrer, ohne Fahrschule und ohne Führerschein. Sie kaufen ohne Anleitung, sie bauen ohne Anleitung alles zusammen, sie bringen sich das Fahren selber bei und gehen dann auf die große Tour. Solange dies Alles ohne einen Motor geschieht, mag das noch ertragbar sein, denn wenn sie das falsche Fahrrad, falsch zusammen gebaut haben und keine Ahnung haben, wie richtiges Fahrradfahren geht, ist bei 12km/h halt Schluss und dass ist dann auch eine geeignete Geschwindigkeit für sie. Dazu kommt, dass ihre Tour sowieso nach 20 Kilometer um ist, denn dann werden sie eh erschöpft vom Fahrrad fallen. Da dies so ist, wird Ihr Fahrrad eher zum trocknen der Handschuhe benutzt, als mit ihnen auf dem Weg zur Arbeit. So regelt sich eigentlich bei so einem Fahrrad alles von alleine. Doch was ist, wenn das Gefährt einen Motor hat? Was ist, wenn es immer und überall mit 25km/h auftauchen kann, und sie sind noch derselbe? Sie bremsen immer noch nur mit dem Hinterrad. Körperspannung ist für sie ein Fremdwort und die Sitzposition ist wie auf ihrem Handschuhtrocken-Fahrrad in der Garage. Die Füße kommen flach an die Erde und der Lenker ist bequem direkt vor dem Bauch. Mehr braucht es nicht, denn den Rest macht ja der Motor.

„Sind sie sicher?“

Kennen sie nicht die Geschichte, die sich in den kleinen Fahrradläden erzählt wird? Die Geschichte handelt von zwei älteren Herren in den Bergen, die über Jahre jeden Tag 30 Kilometer Fahrrad fahren. Nun sind sie beide alt geworden und ihnen flattert die E-Bike Werbung eines großen Fahrrad-Discounters ins Haus. Schnell wird hingefahren und sich das „Alte-Damen-Tiefeinsteiger Modell“ angesehen. Im Laden draufgesetzt, Füße an die Erde, denn man wird ja älter. Der Lenker wird bequem in Brusthöhe vor den Bauch eingestellt und das Ding wird gekauft. Es gab guten Rabatt und die Farbe war auch klasse. Mit dem starken E-Antrieb eines bekannten Unternehmens, rennt das Ding jetzt auch überall 25km/h. So fahren die Zwei wie immer in den Bergen herum. Nun kommen sie aber nicht mit 5km/h den Berg herauf wie früher, sondern mit 25km/h. Früher fuhren sie auch ein stabiles Herrenrad, doch da ist ja mittlerweile der Einstieg zu hoch. Danach geht es wie immer den Berg hinunter. Natürlich volles Rohr. Nur dass sie unten nicht 40km/h draufhaben, sondern deutlich über 50km/h. Ganz plötzlich, nach einem deftigen Schlagloch, beginnt der Damentiefeinsteiger, der mit soviel Eifer einfach überfordert ist, stark zu Schaukeln. Hätte der ältere Herr jetzt die Möglichkeit mit seiner Körperspannung die Fuhre zu stabilisieren, hätte vielleicht noch alles gut gehen können. Doch dieser Herr saß ja „sofabequem“ mit stark geknickten Armen auf seinem Rad. So war dieser Rahmen nicht mehr zu stabilisieren, der Mann kam schließlich zum Sturz und hat sich dabei furchtbar verletzt.

Mal davon abgesehen, dass dieses E-Bike vermutlich wirklicher Mist ist, hätte nicht vor dem Kauf eine ausgiebige Testfahrt die Mängel sichtbar werden lassen? Hätte nicht eine professionelle Beratung, die Fehler an den Tag bringen sollen? Ich finde diese Geschichte ist wirklich ein furchtbares Drama, aber wenn ich mich bei uns an den Rhein setze, sehe ich ähnlich Figuren, mit der gleichen Sitzposition und ähnlichen Geräten, pausenlos an mir vorbei radeln.

 

„Was für ein Glück, dass wir keine Berge haben“!

 

Sie fragen, was man besser machen könnte? Ich meine: kritischer Einkaufen, immer eine große Probefahrt machen, bei Bedarf einen Fahrlehrgang besuchen und so oft ohne Strom fahren, bis sie das Gefühl haben, dass sie ein flotter und sicherer Radfahrer sind. Wenn sie dann, bei Bedarf, ihren zusätzlichen Rückenwind durch den Motor bekommen, kann der Spaß wirklich beginnen!

„Wenn wir lernen, besser Fahrrad zu fahren und dabei so selbstbewusst kritisch werden, dass wir echte Ansprüche stellen, dann fängt für viele die Fahrradkultur erst richtig an.“

Kapitel 2
Kapitel 4