Mein kleiner Fahrradladen

Die Schar Enten robbte sich auffällig, unauffällig auf meinen Standplatz zu. Ich wiederum stehe gerade mitten auf einer Wiese im Zoopark und vermutlich auf ihrem gewohnten Schlafplatz. Mit meinen fließenden, runden und muskulösen Bewegungen bin ich gerade in meine Tai-Chi Übung versunken. Für mich ist das Besondere an dieser Kampfkunst, dass ich trotz der sehr komplexen und schwierigen Bewegungen, alles in meiner Umgebung registriere, ohne dass es mich ablenkt, oder ich mich darauf fokussiere. Auf diese Weise habe ich die Enten schon sehr früh bemerkt und ihren Zielpunkt einfach mal geraten. Ich konzentriere mich aber auf meine Bewegungen, auf meinen Energiefluss und lasse die Enten, Enten sein. Irgendwann habe ich eine besonders hübsche, weiße Ente, quasi direkt auf meinem rechten Fuß sitzen. Immer wenn ich mich langsam und ausladend in ihre Richtung bewege, schaut sie nervös zu mir hoch. Dabei scheinen ihre Augen zu sagen:

„Ey, Mensch, du bleibst hübsch friedlich, oder?“

Manchmal komme ich Ihr mit meinen Händen so nahe, dass ich Sie greifen könnte. Ich muss spontan lächeln. Ich stehe zwischen den Enten und mache meine Kampfkunst, was ja ursprünglich einmal eine hoch gefährliche Betätigung war.

 

Das Besondere an dieser und anderen vergleichbaren Künsten ist das bedingungslose Hier und Jetzt. Es sollte einst Krieger darauf schulen, alles um sie herum zu registrieren, alles zu fühlen, inklusive des eigenen Körpers und der eigenen Bewegung. Nur so war man in der Lage, die in endlosen Trainingstunden erworbenen Techniken, intuitiv (also ohne bewusstes Denken) anzuwenden. Es galt Bewegen, Atmen, Fühlen, den Energiefluss, die Umwelt und den Trainingspartner (oder Gegner) gleichzeitig mit allen Sinnen aufzunehmen und direkt ohne Zeitversatz zu handeln. Dabei ist jeder Gedanke an Gestern und Morgen, an Diesen oder Jenen unerwünscht und früher sogar lebensgefährlich, denn ihr Gegner hat die gleichen Fähigkeiten wie sie und kann fühlen, wenn sie ein Gedanke ablenkt. So war dann früher eine Ablenkung von ihrem Tun unter Umständen auch ihr Ende.

Bei dieser Vorstellung hat mich auch fasziniert, dass man früher vor einem Kampf Todesangst hatte, sehr aufgeregt war und doch in der Lage sein musste, sich in Gedanken neben mir auf die Wiese zu stellen und mit allen Sinnen die Enten zu fühlen.

„Lieber Leser, sie fragen sich was diese Kampfkunst mit gekonntem Fahrradfahren zu tun hat? Na, dann schließen sie doch mal für einen Augenblick ihre Augen und jetzt stellen sie sich bitte vor, sie wären ein Radboten in Berlin. Und stellen sie sich weiterhin seinen alltäglichen Einsatz vor. Ich bin sicher, wenn sie das eine Weile überleben wollen, ist die Kampfkunst eine gute Schule und ganz bestimmt kommen sie der Idee vom gelassenen Radfahren deutlich näher.“

In einem kleinen Buch, welches ich sehr schätze, beschreibt der Autor einen für mich verwirrenden aber auch wichtigen Begriff:

-Absichtlich – Absichtslos-.

In diesem Buch, welches er als Professor über das Zen schreibt, lässt er sich von einem Lehrmeister im Zen-Bogenschießen unterrichten. Irgendwann, kurz bevor der schier verzweifelnde Schüler aufgibt, bekommt er eine persönliche Lehrstunde. Der Meister lässt ihn nachts in die Schießhalle kommen, damit er zusehen soll. Wie der Schüler eintrifft, sitzt der Meister, schon in Meditation versunken, in der dunklen Halle. Vor Ihm erleuchtet eine einzelne Kerze den Raum. Direkt neben dem Meister liegen sein Bogen und einige Pfeile. Er meditiert mit geschlossenen Augen in seiner typischen Haltung. Dabei beachtet er den Schüler in keiner Weise. Irgendwann nimmt der Meister den Bogen, geht ruhig an seine Schießposition, hält einen Moment inne und schießt einen Pfeil ins Dunkle. Danach geht er wieder zurück und meditiert weiter. Nach einer Weile wiederholt er den Vorgang. Das macht er insgesamt fünf Mal. Dann winkt er seinen Schüler zu sich, nimmt die Kerze und geht mit ihm zu dem im Zielgebiet stehenden Strohballen, in dem jetzt die fünf Pfeile stecken. Alle Fünf stecken in einem sehr engen Umkreis. Dem staunenden Schüler erklärt er:

„Wenn ich eines Tages perfekt fühlen kann, wie sich beim ersten Schuss meine Muskeln angefühlt haben, wenn ich vollendet registrieren kann, wie sich der Raum um mich anfühlt, wenn ich dieses Gefühl speichern und wieder abrufen kann, werde ich eines Tages an der selben Stelle stehen, die gleich Körperhaltung einnehmen und meine eigenen Pfeile treffen.“

Der Schüler schaut ihn erstaunt an und sagt halb zu sich selbst,

„Es geht gar nicht ums treffen und wenn dann um ein Ziel in einem selber. Es geht ums Fühlen, ohne sich ablenken zu lassen und ohne sich dabei verkrampft Mühe zu geben“.

Was hat das ganze jetzt mit Fahrradfahren zu tun? Hand auf`s Herz, wie fahren sie mit ihrem Fahrrad eine Kurve? Wissen sie was sie beim Fahrradfahren tun? Wohin lenken sie eigentlich? Wie halten sie dabei ihre Hände? Auf was richten sie eigentlich ihren Blick? Sind Ihre Schultern dabei locker oder sind Ihre Arme auf den Lenker gestützt? Wo ist ihr Körper-Schwerpunkt? An welcher Stelle haben sie vor der Kurve gebremst? Haben sie dabei mehr hinten oder mehr vorne gebremst? Welche Kurvenlinie haben sie dabei gewählt?

Fragen über Fragen tun sich plötzlich auf. Ist ihnen eigentlich bewusst, was genau sie beim Radfahren tun oder welche Muskeln gerade arbeiten? Sind sie sich ihrer Körperhaltung sicher? Haben sie die richtige Körperspannung? Was ist mit dem richtigen Gang?

Ist es überhaupt wichtig, dass sie das wissen oder geht es für sie auch ohne? Für was kann es nützlich sein, darauf zu achten? Um dies zu beantworten, sollten sie wissen, dass sie an ihrem Verhalten nur etwas ändern können, was sie auch bewusst ausgeführt haben, oder im Umkehrschluss gesagt, sie können in einer Notsituation nichts an Ihrem Verhalten ändern, wenn ihnen gar nicht klar ist, was sie gerade tun?

Glauben sie mir, es ist wichtig!

 

In dem Motorradfahrer-Lehrbuch: Der richtige Dreh, fragt der legendäre Rennfahrer-Trainer Keith Code seine Leser:

„Wie fahren sie eine Kurve? Bitte schreiben sie auf, welche Entscheidungen sie bewusst treffen.“

So wie ich damals aufgeschrieben habe, was mir eingefallen ist, können sie das jetzt ja auch mal tun. Code schreibt, dass die meisten Leute 3-5 Worte schreiben und wenn sie 10 Worte aufschreiben können, dann wäre das schon ein Zeichen für einen bewussten Fahrstil. (Der damalige Weltmeister schrieb an dieser Stelle eine ganze Seite für EINE Kurve!)

Ich möchte noch einen weiteren Aspekt für die Achtsamkeit beim Radfahren ins Spiel bringen. Sehen sie nicht auch immer mehr Radfahrer, die intensiv Musik hören oder während der Fahrt mit ihrem Handy „herumfuchteln“? Ob diese Radfahrer auch 3 Worte für die Beschreibung der nächsten Kurve aufzählen können? Wären sie in der Lage die Enten wahrzunehmen oder überhaupt zu sehen? Würden sie noch wissen, mit welchem Bein sie vorhin an der letzten Ampel gestanden haben?

Ich befürchte, dass sie dies nicht könnten! Was wäre aber, wenn diese Leute spontan mit einer Notsituation umgehen müssten? Ich finde, umso bewusster sie mit allen Sinnen Radfahren, desto genüsslicher und auch sicherer fahren sie! Was in einem Kampf erfolgreich funktioniert, kann beim Radfahren nicht doof sein!

Ich persönlich mag am bewussten Radfahren, dass ich genießerisch und sicherer unterwegs bin, dass ich die Umgebung, die Menschen und mich selber besser fühlen kann, umso besser ich im jetzigen Moment verweile. Nur im Hier und Jetzt und das mit allen Sinnen und nicht in Gedanken an einem anderen Ort oder in einer anderen Zeit. Je mehr sie sich selber beim Radfahren beobachten können und festhalten, was sie tun, umso eher können sie auch beurteilen, ob es gut ist was sie gerade tun. Wenn es sich unangenehm anfühlt, können sie es gegebenenfalls auch ändern. Vielleicht erreichen sie ja auch, dass sie vor einer Kurve ihre Körperspannung aufbauen und ihre Körperhaltung dadurch aufrichten. Vielleicht nehmen sie auch noch den Druck vom Lenker und tun damit etwas gegen Ihre Handgelenk- und Schulterbeschwerden. Das wäre doch auch schon mal ein großer Schritt und wenn es alle paar Meter um eine Kurve geht, richten sie sich auch alle paar Minuten auf und trainieren so ihren Rücken.

Vielleicht beobachten sie auch mal die anderen Radfahrer, oder was sich an Ihrer Umwelt gerade verändert? Sie wären überrascht, was man bei dieser Art Fahrrad zu Fahren bewusst entdecken kann. Ganz bestimmt aber, denken sie nicht mehr an den Job und an den Ärger im Büro und kommen ein wenig entspannter zu Hause an.

„Das macht doch jeder so“, sagen sie?

„Oh Nein“!

Ich möchte ihnen eine dazu passende Geschichte erzählen, die sich vor einer Weile bei uns im Laden zugetragen hat:

An einem Nachmittag betritt ein junges Ehepaar den Laden. Sie haben sich extra aus Köln zu mir nach Düsseldorf aufgemacht. Nachdem sie sich im Laden umgesehen haben und ich sie angesprochen habe, schildert mir die Dame ihr Anliegen:

„Es geht um mich, beginnt die Frau. Seit mehreren Jahren fahren wir ausschließlich mit dem Rad. Wir fahren im Alltag, machen Touren und kleine Radreisen. So kommen wir auf je 6000km Fahrradfahren im Jahr. Sicher haben wir auch mal körperliche Probleme beim Radfahren, aber eigentlich waren wir ganz zufrieden. Aber, anlässlich einer Kreuzfahrt haben wir mit Leihfahrrädern eine geführte Fahrradtour unternommen. Obwohl wir recht fit sind und doch auch regelmäßig Fahrradfahren, war es eine regelrechte Tortur. Nach 20km waren wir komplett auf. Jeder 80jährige ist lächelnd an uns vorbeigefahren. Wenn wir an der Strecke bei einem Event-Point angekommen sind, sind alle anderen der Truppe wieder aufgestiegen, haben Ihre Pause beendet und sind weitergefahren. Es war furchtbar ernüchternd. Sind wir so schlapp geworden?“

Ich unterbreche sie:

„Sie haben Pedelec? Also Fahrräder mit einem elektrischen Antrieb?“

Sie bejaht.

„Seit 9Jahren fahren wir ausschließlich mit den Pedelecs. Nach der Kreuzfahrt, wieder zu Hause, haben wir uns dann aber Fahrräder (ohne Strom) gekauft. Wir wollen wieder richtig Fahrrad zu fahren. Es war ein Desaster! Nach 20 Kilometer haben wir bis jetzt noch jede Fahrradtour abbrechen müssen, weil wir in Schweiß gebadet sind. Dabei fahren wir vielleicht eine Geschwindigkeit von vielleicht 15km/h. Woran liegt das? Haben sie eine Idee? Können sie uns helfen?“

Ich hatte direkt eine Vermutung was ihnen passiert war und lächelte.

„Fahrräder mit Stromantrieb brauchen keine Körperspannung, brauchen keine geschickte Fahrtechnik, brauchen eigentlich auch keine Gangschaltung und brauchen auch keine vernünftige Sitzposition. Wenn es nicht mehr vorwärts geht, schafft ja der Motor für sie und alles wird gut. So gewöhnen sie sich mit der Zeit einen ganz anderen Fahrstil an. Sie beginnen ein wenig Moped zu fahren. Das ist in etwas so, als wenn sie die letzten 8 Jahre ein Auto gefahren sind, dass autonom fahren kann. So können sie sich beim Autofahren jeden Blödsinn erlauben, können zu viel oder zu wenig Gas geben, können Vollgas geben und gleichzeitig bremsen, denn immer, wenn es eng wird, greift ja das Elektronenhirn ins Lenkrad und regelt alles für sie. Solange sie das auch so wollen, ist ja alles gut, sicherer ist auf jeden Fall und auch perfekt. Doch wenn sie plötzlich auf die Idee kommen, mit einem schicken Oldtimer einen Pass zu befahren, sind sie in diesem Moment einfach eine Gefahr für sich selber und für ihre Umgebung. Sie haben das normale Autofahren schlichtweg verlernt. Bei einem Auto sollten sie dann vielleicht ein paar Übungsstunden einlegen. Das geht aber beim Fahrradfahren nicht so einfach, denn da sie nicht wissen, was sie machen und was beim Fahrradfahren wichtig ist, fällt ihnen das üben schwer. Sie haben einfach verlernt, dass sie mit Körperspannung und Fahrgefühl umgehen müssen.“

 

Das Ehepaar schaut mich ungläubig und ein wenig zweifelnd an.

Lassen sie mich Ihnen eine Frage stellen:

„Wie fahren sie unter einer langen und steilen Unterführung durch“?

Die Dame, die das Gespräch übernommen hatte, schüttelt wortlos mit dem Kopf und zuckte, ohne zu antworten, mit den Schultern. Ich übernahm das Gespräch wieder.

„Ich denke, sie werden ihr Fahrrad bergab rollen lassen und dabei leicht bremsen. Die Fuhre soll ja nicht zu schnell werden. Unten, in der Senke angekommen, werden sie mit dem Blick vors Vorderrad und ohne zu Schalten in den Berg hineinfahren. Bergauf werden sie sich dann auf ihre Motorkraft verlassen.“

Ich lächle sie an.

„Ja, das könnte stimmen!“

„Sehen sie! Ich würde es wahrscheinlich anders machen. Ich würde mir oben am Anfang die Strecke ansehen und mir einen Plan zurechtlegen. Bergab würde ich dann vermutlich mit langen Gängen und schwerem Tritt Schwung aufbauen und unten mit voller Leistung an den Berg heranfahren. Dabei würde ich nach oben sehen, wo ich hinwill. Bergauf würde ich dann mit hoher Tret-Drehzahl und ruhigem Oberkörper langsam den Schwung abbauen. Dabei würde ich sehr viel schalten. Bergauf würde ich anfangs nur mit 70% meiner Leistung treten, denn der Anstieg ist steil und lang. Am Ende des Bergs würde ich aber wieder „auf die Pedale drücken“ und Geschwindigkeit aufbauen, denn oben ist es ja wieder flach und damit auch nicht mehr so anstrengend. So bin ich oben am Ende vom Berg recht flott und würde vielleicht sogar versuchen mit Ihnen und ihrem Pedelec mitzuhalten.“

Die Frau schaut mich nachdenklich an.

„Ich glaube, sie haben Recht, dass müssen wir vermutlich erst einmal wieder lernen.“

 

Nachdem ich mir jetzt ein Bild von ihr gemacht habe, setze sie auf ein Fahrrad. Dabei möchte Sie den Sattel so eingestellt haben, dass sie mit den Füßen flach an die Erde kommt, denn das ist sie so gewohnt.

„Den Lenker stellen sie bitte auf Brusthöhe ein und etwas mehr zu mir, denn das ist bequem.“

Draußen vor dem Laden setzt sie sich auf das so eingestellte Fahrrad. Sie legt sich einen schweren Gang ein und „astet“ in Schritt-Geschwindigkeit, mit schwerem Stampftritt, die Straße hinauf. Als sie wieder bei mir ankommt, frage ich sie, ob es ihr gefallen hat und ob sich so das Fahrradfahren gut angefühlt hat. Sie schüttelt den Kopf.

„Ohne Motor ist das einfach nicht schön!“

„Das denke ich mir!“

Ich hole Ihr ein anderes Fahrrad. Bei diesem Fahrrad ist der Sattel mindestens 10cm höher. Der Lenker ist deutlich tiefer und bestimmt 10cm weiter weg. Ich fordere sie auf, mit diesem Fahrrad zu fahren. Sie traut sich anfangs nicht, da sie nicht mit den Füßen an die Erde kommt. Ich halte sie, auf dem Fahrrad sitzend, fest und lasse sie Körperspannung aufbauen. In dieser Sitzposition bewege ich das Fahrrad seitlich hin und her und lasse sie die Bewegungen ausgleichen. Sie lernt schnell, spielt mit ihrer Körperspannung mal nach links, mal nach rechts und findet Spaß an der Übung. Dann stelle ich ihr einen Fuß vor das Vorderrad und fordere sie auf, mir über den Fuß zu fahren, während ich das Fahrrad festhalte.

„Bitte, beobachten Sie einmal, was jetzt Ihr Rücken und die Arme so treiben.

Erstaunt stellt sie fest, „ich fahre ja regelrecht mit den Armen und mit dem Rücken!“

Ich nicke bejahend.

„Fühlt sich das denn gut und leistungsfähig an? Können sie vielleicht sogar noch zulegen“

Sie nickt.

„Prima, dann fahren sie mal eine Runde um den Häuserblock“.

„Das trau ich mich nicht!“

Ich gehe ein Stück neben ihr und halte sie fest. Dann lasse ich sie alleine fahren. Direkt beginnt sie spielerisch an ihrer Körperhaltung zu arbeiten.

„Sie müssen Schalten! Ihr Auto zieht im Standgas auch nicht im 5.Gang den Berg hoch.“

Widerwillig schaltet sie in einen kleinen Gang und beginnt ein wenig ungelenk eine zweite Runde. Wie sie etwas später wieder auf uns zu fährt, sieht ihr Fahrstil schon viel besser aus.

Ich hole mir ein Fahrrad heraus und animiere sie, mit mir eine gemeinsame Runde zu fahren. Dabei soll sie mich genau beobachten. Mit geringer Anstrengung fahre ich ruhig, rund und geschmeidig meine Linie. Die Dame fährt dicht hinter mir und versucht meinen Fahrstil nachzuempfinden. Dabei bleibt sie gut an mir dran. Wie wir wieder am Laden ankommen, schaut sie zufrieden und stolz zu mir herüber. Ich lobe sie ernstgemeint:

„Das war flott, sie lernen schnell!“

„Oh, da ist noch viel zu lernen.“

„Wie fühlt sich denn das Fahrradfahren jetzt für sie an?“

„Gut!“

Wir gehen wieder in den Laden zurück. Schwärmend berichtet sie ihrem Partner: „Radreisen machen wir dann mit Strom und mein abendliches Training fahre ich jetzt mit dem neuen Fahrrad“, strahlt die Dame.

„Nein“, unterbreche ich sie schmunzelnd.

„Auf einer Radreise haben sie viel Zeit. Nichts drängt. Es gibt soviel zu erleben und zu erfahren, da würde ich mir doch die Eindrücke der Strecke nicht von einem Motor abnehmen lassen. In der Stadt und vielleicht auch auf dem Weg zur Arbeit, würde ich vielleicht ihr Pedelec benutzen. Wenn es aber um sie geht, wenn es um die Strecke und ums Erleben geht, dann würde ich eher ein optimal an den Körper angepasstes Fahrrad benutzen wollen. Und wenn das dann bedeutet, dass nach 30 Kilometer Schluss ist mit der Tagesetappe, dann ist das auch gut so, denn es ist ja ihre Freizeit. Jetzt im Augenblick würde ich aber an ihrer Stelle, das Fahrrad jeden Abend herausholen und eine halbe Stunde mit dem Fahrrad trainieren. Es sollte sich anfühlen als wenn sie im Park Tai-Chi machen würden. Sie aber machen dann einfach abends ihr Tai-Chi mit einem Fahrrad.“

Die Frau schaut mich ein wenig verwirrt an.

„Schauen sie, Tai-Chi und Fahrradfahren kann sehr ähnlich sein. Es geht ums Atmen, um ihre Bewegungen, um ihr Gefühl und um mit Gelassenheit besser zu werden. Es geht darum, dass sie Alles um sich herum aufnehmen und versuchen in Einklang bringen. Es geht darum, dass es sich vor allen Dingen gut anfühlt“

Mit diesen Worten stelle ich mich vor die Dame und nehme meine Tai-Chi Haltung ein. Mit langsamen, nur knapp angedeuteten Bewegungen und mit einem freundlichen aber durchdringenden Blick schaue ich sie an.

„Und glauben sie mir, irgendwann wird es dann richtig heftig und dabei spielt es keine Rolle, dass sie gerade ein Fahrrad benutzen.“

Die Kunden lächelt.
„Da ist noch viel zu lernen! Aber ich habe die Vermutung, dass das Fahrradfahren dann ein ganz anderes wird.“

„Das wird es bestimmt und es wird eine gute Zeit und das ist doch in der heutigen Zeit so über alles maßen wertvoll“!

 

Was ist mit ihnen? Habe sie nicht auch Lust darauf, zu entdecken was sie in diesem Moment gerade tun und fühlen? Haben sie nicht auch Lust der Zeit ein Schnippchen zu schlagen und das Fahrradfahren in die Gegenwart zu verlegen? Ich meine, dass ihre Zeit auf dem Fahrrad nur IHNEN und ihrer Umwelt gehört! Keine unnötigen Gedanken zulassend, achten sie auf sich und betrachten sich die anderen Verkehrsteilnehmer. Ich, zum Beispiel, suche mir hin und wieder einmal die schönste Frau auf diesem einen Weg. Manchmal denke ich immer wieder an diese Szene und freue mich schon auf den Weg zurück.

Wie sie das lernen können? Nehmen sie sich ihr Fahrrad und fahren sie auf einen großen Messe-Partplatz. Legen sie sich mit Steinchen eine Kurve und versuchen sie doch einmal diese Kurve mit dem Fahrrad zu fahren und stellen sie dabei alle Sinne auf Vollgas. Beobachten sie genau, was sie sie gerade tun. Wo schauen sie hin? Was machen die Hände, was die Füße? Wann bremsen und schalten sie? Registrieren sie alles. Dann beginnen sie wie in ihrer Kinderzeit zu spielen. Fahren sie doch mal schnell, oder fahren sie doch mal extrem langsam. Fühlen sie wie sich das anfühlt und halten sie fest, was sich gut anfühlt. So werden sie immer mehr Handlungen aneinanderreihen, die sich gut anfühlen. Vielleicht nehmen sie auch einen Freund mit und schauen ihm zu. Können sie sehen was er anders macht? Sie werden feststellen, dass sie erst dann sehen, was er macht, wenn sie selber beginnen sich Fragen zustellen.
Wenn sie diese eine Kurve meisterlich beherrschen, so ziehen sie doch einmal mitten in der Kurve eine Linie und machen einmal an der Linie, in der Kurve eine Vollbremsung. Vielleicht reden sie mit ihrem Freund darüber, wie sich das anfühlt und was er da gerade macht. Sie werden feststellen, dass sie mit jedem Üben auf ihrem imaginären Merkzettel mehr Worte schreiben können. Irgendwann lassen sie ihren Freund einen kleinen Gegenstand auf die Fahrbahn werfen, den sie dann in ihren Plan und in ihre Kurve einfach mit einbauen müssen. So werden sie lernen, auch die Dinge und Vorgänge außerhalb ihrer Kurve zu registrieren. Dabei spielt es keine Rolle ob sie schnell oder langsam sind. Es muss sich immer nur gut anfühlen. Sie werden aber feststellen, dass sie mit der Zeit immer gelassener fahren und auch automatisch schneller werden. Später haben sie vielleicht zwei oder mehr Kurven auf ihrem Parcours und sie werden beginnen, wie ein Tänzer mit dem Rad um die Kurven zu tanzen.

Wenn sie dann, ab und an, das Erlernte auf dem Weg nach Hause aufblitzen lassen, sind sie mehr als einfach nur mit dem Fahrrad nach Hause gefahren.

Kapitel 1
Kapitel 3