Mein kleiner Fahrradladen

An meinen Anfang als Fahrradhändler erinnere ich mich noch ganz genau. Ich hatte meinen Meister in der Tasche und war vermutlich in allem Technischen ausgebildet worden, was nicht bei Drei auf einem Baum war. Nur in meinem Beruf als Werkzeugmacher hatte ich nie gearbeitet. Ich hatte stets an meiner Ausbildung gearbeitet und immer ein bestimmtes Ziel vor den Augen gehabt und das Ziel war der Meister in meinem Beruf als Werkzeugmacher.

„Doch irgendwann, war ich plötzlich einer!“

Danach ging mir ein wenig die Richtung aus und ich orientierte mich hierhin und mal dorthin. Richtungslos eierte ich durch meine Zeit. Aber ich war auf einer Suche und dabei spielt eine Szene aus meiner Kindheit eine sehr gewichtige Rolle. Und diese ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf.

 

Mein Vater war mit mir in den Keller unseres Einfamilienhauses gegangen um dort etwas aus dem Weg zu räumen. Schweigend arbeiteten wir an einem Regal. Ich war schlecht gelaunt, da gerade meine Musiksendung im Radio lief. (Das war früher anders wie heute) Plötzlich sagte mein Vater in Gedanken versunken:

„Wo ist eigentlich meine Zeit hin? Gestern war ich noch Dreißig und heute bin ich schon Vierzig Jahre alt. Mensch, das war doch Gestern! Wo ist sie hin die Zeit? Warum läuft sie immer schneller? Wie kann man das aufhalten?“

Bei diesen Worten sah mich mein Vater ein wenig traurig und verletzt an, gerade so als hätte er gerade sein Lieblingsstück verloren und würde es in diesem Moment endgültig als unwiederbringlich einstufen. Vermutlich wollte mein Vater dabei nur einen Smaltawk beginnen, um unsere Arbeit ein wenig zu unterhalten und meine Unlust zu verscheuchen. Doch ich war vielleicht, 12 oder 13 Jahre alt und gerade auf dem Weg meine eigene Welt zu entdecken. In meinem Kopf setzte diese Szene aber eine Kaskade von Denkprozessen in Gang.

„Wenn die Zeit definitiv messbar und immer gleich ist, warum kann sie dann in der Erinnerung schneller und langsamer laufen? Ich war auch schon mit dem Fahrrad über eine Motorhaube geflogen und die Zeit kam mir im Nachhinein extrem langsam vor. Warum? Was hatte mein Vater gemacht, um für sich, diesen Prozess negativ zu beschleunigen, denn er erschien mir in diesem Augenblick nicht besonders zufrieden. Wie kann ich das in meiner Zukunft anders machen und was hat das für Konsequenzen“?

Natürlich habe ich die ganzen Gedankengänge nicht in diesem einem Moment durchdacht, sondern habe Jahre mit diesen philosophischen Fragen verbracht. Mir drängte sich aber in den Folgejahren immer mehr auf, dass ich es besser machen wollte.

Einer der Kernpunkte, auf die ich bei meinen Gedankengängen stieß, waren die Sprossen einer Leiter. Ich stellte mir dabei vor, dass eine bestimmte Zeiteinheit, nehmen wir mal eine Stunde, so viele Sprossen auf ihrer (Zeit)Leiter hat, wie es auch wichtige Erinnerungen und Erlebtes gab. Musste ich auf einen Bus warten und stierte dabei langweilig auf eine Stelle, so kam mir dies zwar in diesem Moment unglaublich lang vor, aber eine Woche zurück erinnert, war da nur noch eine Sprosse und diese hatte den Namen:

„Gewartet“.

Sollte ich jemandem etwas davon berichten, dann war da nur ein Inhalt, nämlich „Gewartet“. Ging ich aber anstatt dessen einfach zu Fuß eine Haltestelle weiter und schaute mir die Schaufenster interessiert an und ging vielleicht dabei an einem meiner Lieblingsläden vorüber, so war auf meiner Uhr zwar genau das Gleiche passiert, aber ich hatte plötzlich mehr Sprossen auf meiner (Zeit)Leiter. In der Erinnerung war diese doch gleiche Zeiteinheit so auf einmal viel länger gewesen. Ich stieß auch drauf, dass die gegenwärtig erlebte Zeit sich ganz anders darstellt, als wenn man als 40jähriger auf die gleiche Spanne zurückblickt.

Mit den Jahren stieß ich auf viele kleine Kunststückchen, die die Zeit für uns zu bieten hat. So erlebt eine Fliege, die wir gerade erschlagen wollen, uns vermutlich in Zeitlupe, da sie einfach mehr Sprossen auf ihrer (Zeit)Leiter hat. Auch Kampfsportler sollen so etwas erlernen können, munkelte man.
Ich entdeckte auch, dass gleiche Erinnerungen vermutlich aus Sparsamkeitsgründen als immer die dieselbe Erinnerung abgespeichert werden.

„Oder können sie sich an die Fahrt mit dem Auto zu ihrer Arbeitsstelle, sagen wir am 2. April 2001 erinnern“?

Wenn sie aber an diesem Tag ihr Auto geschrottet haben und sich dabei in die Polizistin verknallt haben, dann ist ihnen dieser Tag ganz bestimmt in Erinnerung.

 

Ich aber, wollte auf jeden Fall nach meiner Meisterschule nicht an einem Fließband versauern oder immer die gleichen Akten abarbeiten. Ich wollte viele Sprossen auf meiner Leiter haben, wollte eines Tages in den Keller gehen und in einem imaginären Zwiegespräch meinem Vater antworten:

„Ach Paps, das habe ich aber ganz anders erlebt. Meine 30ger Jahre sind so unglaublich lange her und ich habe in der Zwischenzeit so viel erlebt.“

Aber in dieser Zeit des Anfangs haben diese Erkenntnis und dieses Wissen mir bei der Wahl meines weiteren Lebensweges nicht gerade hilfreich zur Seite gestanden. Auf jeden Fall aber, habe ich viel erlebt und viele Erinnerungs-Sprossen betreten. Doch auf welches Ziel lief dieser Weg hinaus?

 

Eines Tages blieb ich vor einem leeren Ladenlokal stehen und schaute verträumt hinein. In meinen Phantasien sah ich mich in diesem Laden Kunden bedienen und ihnen mit fachmännischem Rat, meine technischen Dienste anbieten. Ich bekam Angst bei dem Gedanken, dieses ernsthaft in Erwägung zu ziehen, aber es versprach auch eine spannende Zeit zu werden. Ich als Ladenbesitzer!

 

„Meister Just und sein Laden! Doch was sollte ich in diesem Laden anbieten“?

Nach einigem hin und her kam ich auf den Entschluss es zu wagen. Auf 80m² Fläche wollte ich wohnen, Mopeds verkaufen und warten, Kleinreparaturen ausführen, einen Schlüsseldienst betreiben, meine geliebten Motorradrahmen richten und vielleicht ein paar Fahrräder verkaufen und reparieren. Mein Vater, der mir bei diesem Vorhaben hilfreich zur Seite stand, muss bei diesem Plan ungläubig den Kopf geschüttelt haben. Er aber hat mich einfach machen lassen, hat mir in den kommenden Monaten geholfen und mir hier und da endscheiderisch ein wenig hilfreich die Hand hingehalten. Gemeinsam haben wir den Laden renoviert, ihn eingerichtet und haben Sperrmüll gesammelt um daraus eine bezahlbare Ladeneinrichtung zu gestalten. Den Gedanken, hier wohnen zu wollen, habe ich auf diesem Weg ganz schnell verworfen.

 

Irgendwann im Februar war es aber so weit! Die Fahrräder wurden geliefert, die Mopeds waren startbereit, der Schlüsseldienst war eingerichtet und meine Mutter, die selber eine Karriere im Einzelhandel begonnen hatte, stand an meiner Seite um den Laden zu eröffnen. Die Anzeigen in der Zeitung waren platziert, die Schaufenster üppig dekoriert (Danke Gabriele!) und die Regale eingeräumt. Dabei haben wir listig die Waren ausgepackt und vor die Verpackung gelegt, damit nicht auffiel, dass wir eigentlich einen fast leeren Laden präsentierten.

Doch an diesem Tag war es so weit! Stolz schloss ich zum ersten Mal die Tür auf. Mit klopfendem Herzen stellte ich mich mit meiner Latzhose in die Türe mit dem Schild über meinem Kopf:

„Thomas Just, Schlüsseldienst, Fahrräder, Reparaturen.“

So stand ich stolz, einfach nur da und wartete. Irgendwann kann ein Mann und sagte bedeutungsschwanger:

„Na Jung! Bin ich de ischte? (bin ich der Erster?)

Ich ging mit dem Mann in den Laden und verkaufte ihm mein erstes Fahrrad. Meine Mama beobachtete mich dabei und lächelte. Ihr unendlich großes Wissen über kaufmännische Vorgänge und die Buch- und Kassenführung waren für mich eine unverzichtbare Hilfe.

Da ich unbedingt ein Markenzeichen haben wollte, prangte „Conny unser radfahrender Papagei“ an der Wand hinter der Theke und auf jedem Schutzblech eines unserer Fahrräder. Doch was viel wichtiger war, meine Mama und ich liebten diesen lustigen Vogel. Vom ersten Tag an gab er die Richtung vor: Immer lustig, farbenfroh und ein wenig außergewöhnlich. Aber er bedeutete auch für uns:

„Meine was du sagst und sage was du meinst!“

 

Die Schwierigkeiten der ersten Tage waren gewaltig und alle paar Tage trat einer an, um unsere mutige kleine Unternehmung zu beenden. Doch mein Vater, meine Mutter und meine Freunde waren stets hinter mir. Wir überwanden die Schwierigkeiten und wurden mit der Zeit zu einer Einheit und zu:

„Zweirad Just“!

Heute sind 35 Jahre vergangen und die Jahre vergingen wie im Rausch. Doch nun stehen wir vor dem Ende unserer Laufbahn. Wehmütig und traurig näherte sich der Zeitpunkt wo wir uns von Laden und Kundschaft trennen mussten. Dabei hatten wir keine Vorstellung, wie wir die ganzen Waren termingerecht los werden sollten. Wir hatten auch keine Vorstellung was danach sein würde, aber die Gewissheit, dass wir für unsere Gesundheit viel Zeit in Anspruch nehmen würden. Mit diesen Gedanken im Kopf fuhren wir in unseren letzten Urlaub.

 

Nach zwei Wochen beendeten wir die Zeit auf Pellworm und immer noch traurig, verstauten wir mein XXL I:SY wieder im Auto und machten uns abfahrbereit. Die 14 Tage, in aller Ruhe und Langeweile, mit den kaputten Knochen wieder einen Frieden auszuhandeln, waren erfolgreich gewesen und es ging uns wieder gut. Immer wieder redeten Heike und ich über bevorstehende letzte Ladentage und betrieben eine regelrechte Trauerbewältigung. Die vielen tollen Kunden mit ihren wundervollen Wünschen hatten uns den Abschied nicht gerade leichter gemacht. Ja, wir hatten eine Auszeit wirklich gebraucht um all das zu verarbeiten.

Auf der Rückfahrt vom Campingplatz nach Hause sprach Heike mich an:

„Nach unserem Urlaub, müssen wir den Laden zügig in eine Ausverkauf-Landschaft verwandeln um alle die Teile und Fahrräder unter das Volk zu bringen.“

„Besonders schwer wird es, wenn alle Fahrräder meines Lieblingsherstellers von meinem Kollegen abgeholt werden.“

„Ja, das wird traurig. Aber es ist der nächste logische Schritt“!

„Ja! Meinem Kopf ist das schon klar, aber es ist ein wenig so, als wenn mein Sohn Olli endgültig zu Hause auszieht. Es ist richtig und es ist gut, ja wir wissen das es passiert, es ist logisch und doch sind wir traurig“!

Heike schaute mich an und nickte, als unser Handy schrillte:

„Olli hier! In unserem Laden hat man versucht einzubrechen! Was soll ich tun?“

Heike und ich schauten uns bestürzt an:

„Woher weißt du das“?

„Vom Vermieter!“

„Nimm Heikes Schwester mit und schau Dir alles von außen an! Dann hole die Polizei und mache Fotos von Allem und geh in den Laden. Sage mir dann, ob was Ernstes passiert ist und ob wir nach Hause müssen“!

„Geht klar! Melde mich“!

Ich schaute Heike immer noch betroffen an:

„Gut, dass wir Olli haben!“

„Bitte,…. nicht das jetzt auch noch“!

Nach zwanzig Minuten rief Olli wieder an und berichtete, dass die Stahltüre gehalten hatte und der Laden nicht geöffnet worden ist. Gemeinsam mit der Polizei hätten sie alles untersucht und eine Anzeige formuliert.

„Schwein gehabt! Geht heute Abend mal auf meine Kosten richtig essen!“ Sagte ich am Telefon.

„Na,… da sag ich doch Danke“!

Erleichtert lehnten wir uns wieder zurück und setzten unsere Rückfahrt weiter fort.

 

 

Zwei Tage später waren wir in Düsseldorf und durften die Einbrechaktion bewundern. Mal abgesehen davon, dass die Einbrecher glücklicher Weise Dilettanten waren und nur mit mäßigem Verstand der Türe zu Leibe gerückt waren, waren die Aufregung und die Endtäuschung über solche Menschen immer noch sehr groß.

„Da reißt du dir für jeden Mitmenschen den Ar… auf und irgendwelche Volldeppen haben nicht besseres zu tun, als eine Türe zu zerstören und für andere Menschen Stress und Chaos zu hinterlassen. Nicht auszumalen, die Diebe wären rein gekommen und hätten die, auf ihre Besitzer wartenden, Edelreise-Fahrräder mitgenommen oder beschädigt. Die Versicherung hätte vermutlich den Schaden beglichen. Ich aber hätte aufgrund der Lieferzeit, keine neuen Fahrräder mehr auf die Beine stellen können. Diese Besitzer wären dann, trotz 8 Wochen Wartezeit und dem Gefühl, in letzter Minute doch noch so ein edles Stück bestellt zu haben, leer ausgegangen. Und vermutlich hätten die Diebe die Fahrräder für 50€ weiterverkauft ohne je zu Wissen, was sie da gestohlen haben“.

 

Wir bügelten die Schäden an der Türe etwas aus und begannen unseren Laden in einen Ausverkauf-Flohmarkt zu verwandeln.

„Das fühlt sich in etwa so an, als würden sie die Wohnung eines Verstorbenen leer räumen. Nur, dass es diesmal ihre eigene Wohnung ist und sie der (im übertragenen Sinn) Verstorbene sind“.

Professionell wie immer, verwandelten wir unseren Kultladen in eine Ramschbude und drapierten die Teile, die sich in 35 Jahren angesammelt hatten, kunstvoll auf den Trödelmarkttischen. Es ist schon traurig, wenn man über Jahre Teile sammelt, überholt und hütet wie einen Schatz und dann schmeißt man die „Schönheiten“ rüde in einen Korb und schreibt dran:

„Alles für 3€“.

Wir motivierten uns aber damit, dass wir andere Radfahrer damit erfreuen wollten und nicht professionelle Reste-Aufkäufer zu einem interessanten Geschäft zu verhelfen.

 

Am Abend war alles gerichtet. Ein wenig einsilbig ging ich durch den Laden und nahm dies und das in die Hand und dachte an die Geschichte, die mit diesem Teil verbunden war. Unzählige Story-Fetzen zogen an mir vorüber und ließen die Kunden vor meinem geistigen Auge auf und ab marschieren.

„35 Jahre…..!“

 

Am Dienstagmorgen waren wir besonders früh im Laden. Ich hatte 3 Edel-Reiseräder geliefert bekommen, die noch montiert, angepasst und ausgeliefert werden mussten. Weitere 2 Fahrräder warteten schon den ganzen Urlaub auf ihre Überholung. So verbrachten wir unsere Zeit bis zur Ladenöffnung in der Werkstatt und schrauben mit 3 Personen im Vollgasmodus.

Um 11 Uhr gingen wir dann in den Laden um die Türe zu öffnen. Wir trauten unseren Augen kaum. Vor dem Laden standen eine große Menschenmasse, die in den Laden wollten. Alle drängelten, klopften und wollte nur schnell in den Laden gelassen werden.

Walter, Heike und ich standen für einige Sekunden still und wie gelähmt, schauten uns erschreckt an. Dann eröffnete Heike den Tanz:

„Lasst sie rein“!

Ich schloss die Türe auf und die Menschentraube kämpfte sich in den Laden. Von überall her kamen Arme, die in die Kisten griffen und wühlten. Alles war laut und an der Kasse standen die Kunden einmal quer durch den Laden.

„Es war ein Chaos!“

Andere standen vor den Fahrrädern und ließen sich von Walter und mir beraten, während Heike die Kasse bediente. Jeder von uns hatte 3 Kunden simultan am Haken und gab sein Bestes. Zwischendurch beobachtete ich für Sekunden Walter und Heike:

„Ist das ein 50er Rahmen“?

„Nein aber das daneben“!

„Passt das in mein Fahrrad“?

„Wo steht das denn“?

„Was kosten diese Reifen“?

„Darf ich das mal mit raus nehmen“?

„Also die Reifen kosten 15€ und ja das dürfen sie kurz mit nach draußen nehmen“!

Bei aller Traurigkeit, war es toll mit anzusehen, wie wir vermutlich ein letztes Mal so durch den Laden wirbelten. Hand in Hand arbeiteten wir uns durch das Chaos. Jeder von uns hört dem anderen zu und sprang für ihn ein, wenn es irgendwo hakte. Es war ein Traum zu sehen wie wir ohne uns abzusprechen durch den Laden wirbelten. Ab und zu kamen alte Kunden, die uns traurig die Hand schüttelten und uns von Herzen alles Gute wünschten. Doch das Chaos wurde nicht weniger, so schnell wir auch arbeiteten. So hatte Heike irgendwann unseren Sohn aufgefordert zu kommen, weil sie im Chaos abzusaufen schien und vermutete, das Leute ohne zu Bezahlen gehen könnten. Er stand darauf hin wie ein Cerberus in der Türe und leitete die Kunden an die richtige Stelle.

„So stressig es jetzt auch war, wir waren ein Team und hatten uns unseren radfahrenden Papagei Conny in diesem Moment auf die Seele gebrannt.

 

Zur Mittagszeit flaute es ein wenig ab und wir konnten mit einer Stunde Verspätung die Türe abschließen. Müde und glücklich-erschöpft schlichen wir in die Werkstatt und hielten Mittag. Wie immer bauten wir unseren Tisch auf, stellten die Liegestühle auf und speisten in aller Ruhe und mit großem Genuss. Dann machten wir das Licht aus und jeder ruhte für sich 10 Minuten.

Dann ging es auf in die zweite Runde. Ich machte meine Drei Neuräder fertig und stellte sie in die Reihe und Walter schloss die Reparaturen ab. Dann gingen wir wieder die Treppe nach oben. Draußen hatte sich wieder eine Gruppe Menschen angesammelt. Wir schauten uns an:

„Dann auf Jungs, lasst sie uns fertig machen“!

Mit diesen Worten öffnete ich wieder die Türe. Nach Minuten war der Laden wieder so voll wie am Vormittag. Das Beste aber waren die herzlichen Menschen, die immer wieder zu mir durchschlüpften. Einer blieb direkt vor mir stehen:

„Mensch, dass ist so traurig das sie gehen, Mensch sie sind eine Institution, ich weiß nicht wo ich jetzt hingehen soll? Aber ich freue mich so für sie und ihre Frau. Endlich mal Zeit für die eigene Gesundheit. Sie machen das genau richtig und genießen sie es. Wir Kunden kommen schon irgendwie klar. Vielleicht sehen wir uns ja noch mal an der neuen Stelle? Wann sind sie da“?

„Vermutlich Mittwoch und Freitag“, sagte ich freudig zurück.

All diese leuchtenden Augen, die ich von Anfang an produzieren wollte, all diese, kamen jetzt nach und nach zu mir zurück.

„Was mich von meiner Trauer losriss, waren solche Momente, keiner war böse und alle wollten sie uns auf Händen aus dem Laden tragen! Ein tolles Gefühl“!

 

Um Acht Uhr ging der letzte Kunde. Ich hatte in dem Getümmel noch zwei Edel-Reiseräder an den neuen Besitzer übergeben, die sich ebenfalls durch die Menschen getragen fühlten. Jeder gab ihnen noch einen Spruch mit auf den Weg:

„Das war aber knapp, ein paar Wochen später und sie hätten das Beste in ihrem Leben verpasst!“

Oder: „Ich habe auch so eines! Ein unvergleichlicher Spaß! Herzlichen Glückwunsch“!

Oder: „Jung, dat ist aber fein. Schönes Teil wat du da mitnimmst!“

Die neuen Besitzer, denen ja klar war, dass ich aufhören würde, nahmen alle Bemerkungen mit großem Spaß auf und teilten diese Freude. Und obwohl heute der Tag des Rabatts war, fragte keiner der neuen Besitzer danach.

 

Wie die Türe zu ging, räumten Walter und ich den Laden wieder auf, während Heike versuchte das Chaos der Kasse wieder zu ordnen. Zwei Stunden wuselten wir so schwiegen und jeder seinen Gedanken anhängend, durch den Laden. Ein großer Teil der Ware war weg. Das war das Wichtigste. Dabei konnte man den Eindruck gewinnen, dass jeder wahllos, irgendetwas gekauft hatte um uns diesen letzten Gefallen zu erweisen.

„Nie hätte ich gedacht, dass wir soviel Ware am ersten Tag loswerden“!

 

Mir ging Janice durch den Kopf. Janice war immer, mit mir, unter den besten bei meinem Lieblingshersteller gewesen und hatte einen tollen Laden irgendwo weiter unten Deutschland. Sie hatte ihren Laden verkauft und war von heute auf morgen aus dem Laden heraus und stand plötzlich mutterseelenallein da. Keine Kunden, keine Aufgabe und keine Kollegen mehr. Sie ist dann traurig nach Hannover gezogen. Da hatten wir es besser erwischt und die Angst, dass wir unsere Ware nicht loswerden und wir am Ende Werte und Erinnerungen von beträchtlichem Wert in einen Container drücken müssen, verflüchtigten sich. Es war immer noch traurig seinen Lebenstraum so „zusammenschrumpeln“ zu sehen, aber bei solchen Kunden?

 

Die nächsten Tage wurden ruhiger und es kamen immer mehr alte Weggefährten um uns zu verabschieden. Viele Geschichten wurden erzählt und dabei auch so manche traurige. Nach und nach trudelten noch 22 neue Edelreiseräder in unseren jetzt leeren Laden. Sie mussten noch aufgebaut und an den Besitzer übergeben werden. Es war noch viel zu tun. Die beschädigte Türe musste ersetzt werden, die ganzen Verträge gekündigt und laufende Geschäftsbeziehungen beendet werden. Denn auch ich war ja Kunde bei meinen Herstellern und Großhändlern und auch diese hatte mir ja viele Jahre den Rücken frei gehalten. Auch diese wollte ich standesgemäß verabschieden.

Der Laden wurde immer leerer und mein Meister-Freund Peter (re-Cyler), der ja mein geschäftliches Erbe antreten wollte, holte sich immer mehr meiner Musterstücke aus dem Laden und stellte sie bei sich aus.

 

Traurig setzte ich mich eines Abends wieder auf meine Bank vor unserem Laden:

„Wie wird es sein, wenn ich am letzten Tag, ein letztes Mal die Türe verschieße, Wenn danach Conny von seinem Fahrrad absteigen und leise am Horizont verschwinden wird? Wenn meine Fahrradmarke Just a la carte einfach aufhört zu existieren? Was wird sein“?

 

Am letzten Tag war dann die Stimmung ganz anders. Wir waren aufgeregt, hatten noch ein teures Fahrrad dem Besitzer zu übergeben und es hatten sich viele Freunde und Weggefährten gefunden die mit uns „ihren Laden“ abfeiern wollten. Allen wurde immer mehr klar, dass sie sich untereinander nur deswegen kannten, weil sie zu auch diesem Fahrradladen gehörten. Dazu gesellten sich noch viele gute Kunden, mein Vertreterfreund Frank und auch mein Nachfolger Peter und Petra. Olli wird für uns grillen. Es wird eine richtige Party werden. Und so ist es Richtig:

„Wir haben immer Alles gegeben und waren manchmal regelrecht schräg unterwegs! Da werden wir doch nicht einfach so aufhören….“?

„Und wenn ein Kunde vorüber geht, darf er oder sie einfach mitmachen“.

Ich hatte aber auch zwei Sorgenkinder, denn ich hatte zwei Fahrräder, die bisher keiner kaufen wollte, so günstig sie auch wurden. Ich wollte aber auch meinem Nachfolger keinen Antrag machen müssen. Und diese Räder einem Aufkäufer in die Hand drücken, damit er sie verramscht… geht für mich genau so wenig, wie mitnehmen.

Also habe ich am Morgen des letzten Tages meine Hände gefaltet und mit einem Stoßgebet um Hilfe gebeten.

Um 9.30Uhr startet unser letzter Ladentag und direkt am Anfang bleibt ein netter Herr stehen und beschließt spontan seiner Freundin ein Geschenk zu machen und kauft eines der beiden Fahrräder.

„Zack …. eins weg“.

Nach und nach treffen meine Freunde ein, um mit uns unsere Tränen aufzuwischen. Dabei sind auch noch Kunden im Laden, die etwas erstöbern wollen. Sie lassen sich einfach von uns mitreißen und feiern einfach mit. Auch der Kunde des letzten bestellten Fahrrades trifft ein und lässt sich sein Fahrrad anpassen.

Genau in diesem Gewusel kommt ein Mann und sieht das letzte verbliebene Fahrrad und macht mir ein Angebot. Er bietet 200€. Ich verneine das Angebot weil ich selber 540€ dafür bezahlt habe.

„Dabei würde ich das Fahrrad so gerne loswerden!“

Zeitgleich kommt ein großer, älterer Mann, dem Aussehen nach ein Inder in den Laden. Er sucht ein Gespräch mit mir und will einen gebrauchten Kettenschutz kaufen. Er redet mit mir auf Augenhöhe und ist ausgesprochen nett. Gemeinsam trauern wir um den Laden und beleuchten die wirtschaftliche Situation und die Lage des Nachwuchses für solche Läden. Während dieser ganzen Zeit drängelt der Rabattkunde an dem Supersonderpreis herum.

„Kommen sie! Das Rad will ja doch keiner! Ich gebe auch 230€!“

„Nein“, höre ich mich sagen, „von mir aus 500€ aber weniger geht nicht.“

„Kommen Sie! Schauen sie sich um! Sie werden das Fahrrad mit nach Hause nehmen müssen“!

So habe ich mich weiter mit dem Inder unterhalten und diesen Rabattkunden auf Abstand gehalten. Alle Freunde im Laden waren bereit, den Mann augenblicklich aus dem Laden zu tragen. Irgendwann waren wir dann bei 290€ und 400€ aber der Umgang war mir sehr unangenehm und obwohl ich sehr freundlich und höflich war, platzte mir fast der Kragen.

Der Inder bekommt immer mehr mit, wie ich mich im Gespräch mit diesem Kunden winde, um mit ihm kar zu kommen und wie ich dabei leide. Plötzlich geht der Inder eine Schritt entschlossen auf den Kunden zu und sagt an den Kunden gerichtet:

„Warten sie bitte mein Herr. Ich kaufe das jetzt! Einem meiner Kinder oder Enkel wird es schon passen.“

Dann zückt er die EC Karte und zahlt, nickt mir freundschaftlich zu und macht sich auf zu gehen. Dabei habe ich den Mann noch nie gesehen…….

Beim Rausgehen überprüfe ich wie gewohnt das neue Fahrrad und klopfe dem Inder auf die Schulter und sage:

„Danke und so geht handeln, denn sie haben da für 400€ ein wunderbares Fahrrad erworben und wir Beide haben am Ende ein lachendes Gesicht“.

Der Inder lacht mich an, gibt mir die Hand und geht mit dem tosenden Applaus der Menge aus dem Laden. Auch der Kunde der sein bestelltes Fahrrad abholt wird mit tosendem Applaus aus dem Laden entlassen. Danach schließe ich ein letztes Mal die Türe ab. Dann beginnt eine tolle Party und jeder nimmt Heike und mich dabei verbal in den Arm. Viele drängt die Frage was noch kommen wird.

„Ich denke, es wird weitergehen“.

Vermutlich werden wir ein wenig unschlüssig „herumeiern“ wie am Anfang unserer Zeit. Aber es wird einen neuen Anfang geben. Wir werden in einen neuen Abschnitt treten. Wir haben bis jetzt sehr viel erlebt und unsere (Zeit)Leiter hatte definitiv, sehr viele Sprossen. Wenn ich in die Vergangenheit blicke, dann sehe ich eine unvorstellbare Tiefe. Es kommt mir vor, als wären es schon 100Jahre die wir erlebt haben. Und warum soll das jetzt aufhören? Das einzige, was sich ändert, ist, dass ich diesmal nichts lang hinaus planen werde. Ich werde mir einfach mehr Spielraum gönnen. Viele Radreisen warten noch darauf erlebt zu werden. Und wer weiß wo es mich noch hintreibt.

 

„Und Sie lieber Leser“? Was ist mit ihnen? Wenn sie das nächste Mal in einen Biergarten oder an einer Gartenterrasse eines Campingplatzes eine Pause machen, schauen sie sich doch mal die Fahrräder an. Fragen sie sich doch mal, was dieses Fahrrad über den Fahrer erzählt. Was es von ihm preisgibt. Vielleicht sehen sie auch mal ein Fahrrad mit einem radfahrenden Papagei hinten auf dem Schutzblech. Dann schauen sie genauer hin und seien sie sich sicher, dass der Fahrer sie im Auge hat. Und einen Tipp möchte ich ihnen freundlich mit auf den Weg geben:

„DAS FAHRRAD NICHT ANFASSEN“!

 

Einige Monate später:

An einem Samstagabend zogen sich Silvia und Wolfgang die Schuhe an um noch eine kurze Runde vor dem Schlafengehen zu drehen. Der frisch gefallene Schnee, war bestimmt hübsch an zu schauen. Hand in Hand schlenderten sie die Unterrather Straße entlang. An den verschiedenen Schaufenstern blieben sie immer stehen und betrachteten zusammen die hübschen Auslagen. An der Ecke zum Mecklenburger Weg blieb Silvia stehen und sagte:

„War hier nicht ein Fahrradladen“?

„Fahrradladen… ich weiß nicht?! DOCH du hast recht! Da war so einer“.

„Was ist denn jetzt hier drin“?

„Das Schild weißt eine Physio-Praxis aus“.

„Der Fahrradladen, war aber nix wildes“, sagte Wolfgang engagiert, „der Schwager meines Kollegen war da mal drin! War alles viel zu teuer, sagt er“!

„Aber Wolfgang“, meine Silvia plötzlich, „wären Fahrräder nicht auch was für uns? Ich hab da im Baumarkt welche zum Klappen und mit einem Motor gesehen. Die kosteten…… keine 500€“!

„Du meinst für uns im Wohnmobil“?

„Ja zum Beispiel“!

„Vielleicht hast du Recht?! Ich fahr da mal hin und bring uns zwei mit“!

„Kriegst Du die denn in den Kofferraum“?

„Bestimmt!“

 

„Na, dann man los, immer auf, in eine neue Fahrradzukunft “!

Kapitel 18
Zurück zum Anfang