Mein kleiner Fahrradladen

Ich muss ihnen etwas beichten, jetzt wo ich auf dem Weg in den wohlverdienten Urlaub bin und ich abends, nach einer tollen Fahrrad-Etappe, in einem Biergarten sitze, so lausche ich gerne. Ich lehne mich dann zurück, schaue tief in mein Weizenbierglas und denke an die vielen Kleinigkeiten, die mir über den Tag begegnet sind. Dabei lausche ich eigentlich ganz bewusst und hänge den Geräuschen um mich herum nach. Das Gehörte lasse ich dann gerne an mir vorüberziehen und mache mir so bewusst, dass ich in diesem Augenblick die Zufriedenheit in Person bin. Manchmal höre ich so aber auch den Gesprächen der Nachbartische zu. Immer wieder lausche ich dann in Gespräche hinein, die zwar in Deutsch geführt werden, mir aber mitunter rein gar nichts sagen. Es geht dann um Prozessor-Geschwindigkeiten, Taktfrequenzen, Datendurchdringung, erzielte Level und um Schwierigkeitsgrade. Ich höre trotzdem gerne zu und versuche mir dann ein Bild zu machen.

 

Sicher haben auch sie schon Situationen erlebt, in denen sie trotz ihrer eigentlich problemlos funktionierenden Ohren, nichts von dem verstanden haben, was ihnen ihr Gegenüber gerade erzählt hat. „Ihr Thermosensor hat keinen Kontakt mehr zum Hauptprozessor“, oder „ihr WLAN Adapter hat die falsche Firmware-Version“. In der Regel steht bei dieser Ansprache gerade ein Angestellter einer angesehenen Firma vor Ihnen und bereitet gerade den entscheidenden Auftritt für ein wichtiges Blatt Papier vor. Dabei kann ein wenig „fachchinesisch“ schon notwendig sein, um die vorhandene Situation so zu erläutern, dass die so präsentierte Rechnung gerecht aussehen lässt.

So weit so gut, wir im Fahrradgeschäft können diesen Prozess sicher genauso gut, Aber ich kenne das Ganze auch anders herum. Nicht selten greift mich ein Radfahrer, natürlich mit seinem Fahrrad in der Hand, vor meinem Laden ab und erklärt mir aufgebracht:

 

„DAT NUCKT“!

 

Dabei schaut er bestimmend in meine Richtung und schnaubt vorwurfsvoll und entschlossen. Da ich die Situation schon öfter erlebt habe, versuche ich zuerst einmal ernst zu bleiben, mein freundlichstes Gesicht aufzuziehen und mit der besten Zusammenarbeit aller Gehirnzellen zu fragen:

„Wo drückt sie der Schuh?“

Mein Gegenüber verschränkt dann die Arme und sagt immer noch aufgebracht:

„Das weiß ich doch nicht, sie sind doch der Fachmann“.

Mit diesen Worten wird mir der Radfahrer vermutlich das Fahrrad in die Hand zu drücken und sich zum Verlassen des Ladens aufmachen.
In meinem Hirn entsteht in diesem Moment spontan die gleiche Leere wie bei ihnen und dem Satz mit dem Thermosensor. Alle meine Hirnzellen scheinen sich dann augenblicklich am Kopf zu kratzen, sich sinnlos im Kreis zu drehen, um dann zu dem anschließenden Resümee zu finden:

„Was will der?“

 

Um diese Situation jetzt zu entschärfen und um meine ernsten Absichten zu untermauern, nehme ich mir das Fahrrad in die Hand und frage lächelnd nach:

„Was macht das Rad denn“?

„Na, dat nuckt, habe ich doch gerade gesagt!“

„Erklären sie mir den Vorgang doch einmal näher“.

„Was soll ich da sagen, ich setzte mich drauf, fahre los und dann…… (es folgt ein wortsuchender Gesichtsausdruck) und dann nuckt dass eben so komisch“.

„Können sie danach weiterfahren“?

„Ja, aber da ist doch bestimmt was kaputt“!

„Sehen wir noch!“

Nun bin ich mir sicher, dass dieser Kunde nicht unseren Laden aufsucht, weil er die persönliche Anwesenheit so attraktiv findet. Er hat sich Zeit genommen, um zu uns zu fahren und hat den Weg hierher zurückgelegt. Daher liegt der Schluss nahe, dass der Kunde tatsächlich ein Problem bei seinem Fahrrad vermutet.
Als erstes schaue ich mir sein Fahrrad erst einmal an und stelle mir einige grundsätzliche Fragen:

„Ist das Fahrrad bei uns gekauft worden? Passt ihm das Fahrrad? Welche Marke steht auf dem Rahmen? Wo könnte das Fahrrad her sein? Wie ist das Fahrrad in Schuss und hat der Kunde vielleicht Anspruch auf Garantie“?

 

All diese Fragen lassen sich meist ohne den Kunden beantworten. Diese erste Fragestellung ist für mich sehr wichtig, denn oft kommen Kunden zu uns, die ein Fahrrad zum Selbstmontieren aus dem Baumarkt mitbringen. Diese treten meist besonders selbstbewusst und entrüstet auf, hat Mann das Fahrrad doch selber zusammengebaut,

„und so ein Fahrrad ist ja nun mal kein Hubschrauber 😉 “.

Anschließend fordern Sie bei uns Ihre Garantie ein, oder wollen

„mal eben schnell eine spontane und kostenlose Hilfe“.

Da ich aber auf diese Weise meinen ganzen Tag verbringen könnte, ohne am Ende meine Miete bezahlen zu können, gilt es in so einem Fall freundlich und sehr vorsichtig darauf hinzuweisen, dass das Ganze am Ende vielleicht eine Rechnung nach sich zieht. Meist ändert sich dann der Gesichtsausdruck des Kunden schlagartig.

In unserem Fall war es aber ein recht neues, hochwertiges Fahrrad eines bekannten Versenders. Mit einem Lächeln wirft unser Radfahrer plötzlich ein,

„das ist doch für einen Profi, wie sie einer sind, nur eine Kleinigkeit, denn das Rad ist doch noch ganz neu, wenn auch nicht bei Ihnen gekauft aber da kann doch nichts Schlimmes dran sein“.

(Als wenn ich das nicht schon längst gesehen hätte!)

„Kommen wir noch einmal zu ihrem Nucken. Wann nuckt das Fahrrad denn“?

„Meist Dienstags wenn ich zur Frühschicht muss.“

„Ist das direkt am Anfang an oder kommt das Nucken erst später“?

„Das ist von Anfang an.“

„Dann müsste ich das doch jetzt auch merken oder“?

„Eigentlich, ja“!

Dann nehme ich mir sein Fahrrad und fahre vorsichtig die Straße runter und lasse alle Hirnzellen bewusst auf Höchstleistung stehen. Da ich nun fast mein ganzes Berufsleben mit Fahrrädern verbracht habe, entdecke ich an jedem Fahrrad und so auch an dem Fahrrad dieses Kunden jede Menge. Dabei entdecke ich auch Sachen die der Kunde noch gar nicht wahrgenommen hat, oder die Ihn nicht stören. Ich stelle vielleicht fest, dass die Reifen halb platt sind, dass der Sattel knarrt, dass die Bremsen unterschiedlich funktionieren, das die Schaltung verstellt ist, dass das Fahrrad sehr schwer läuft, dass die Sitzposition diesem Kunden gar nicht passt und ich höre allerlei Klicker- und Klackergeräusche die teilweise systembedingt sind und vorhanden sein müssen und ich höre auch einige Geräusche, die nicht an dieses Fahrrad gehören, aber meist harmloser Natur sind.

 

„Aber nucken………“?

 

Mit einem Fragezeichen in meinen Augen kehre ich von der Probefahrt wieder. Lächelnd und verneinend schüttele ich den Kopf.

„Ich höre allerlei, aber nichts was ich mit dem Wort Nucken in Verbindung bringen kann. Fahren Sie doch mal mit Ihrem Fahrrad“.

Während sich der Besitzer sein Fahrrad schnappt, schaue ich ihm besonders aufmerksam zu und registriere jede seiner Handlungen sehr genau. Alles was er macht, sieht nicht sehr viel anders aus, wie bei mir.

„Das Nucken ist weg, was haben sie gemacht“?

„Nichts, ich bin nur gefahren“! Der Kunde schaut dabei sehr verwirrt.

„Vielleicht ist ja heute nicht Dienstag“?

„Aber es war doch eben noch da“!

Der Kunde denkt nach und möchte den vermeintlichen Fehler abgestellt wissen und sagt:

„Ich lasse Ihnen das Fahrrad besser einmal hier, damit sie Zeit haben, das Nucken abzustellen“.

Diese Stelle ist einer der ganz gefährlichen Momente in dieser Geschichte, denn ich kann nicht etwas beseitigen, von dem ich nicht weiß, wonach eigentlich gesucht wird. Ich kann und darf so eine Reparatur nicht annehmen. Nicht ohne vorher genau den störenden Schaden genau zu lokalisiert, denn ich wüsste einiges an diesem Fahrrad zu reparieren. Mir fallen halt meist viele Ungereimtheiten auf, die der Fahrer oft entspannt toleriert. Würde ich es anders machen und reparieren was ich oberflächlich meine, sind Missverständnisse und Ärger bei der Abholung vorprogrammiert. Denn wenn ich etwas repariere, was zwar auch nicht ordnungsgemäß funktioniert hat, aber nicht das „Nucken“ des Kunden trifft, wird das mit Sicherheit zu einem verständlichen Streit führen. In diesem Fall gebe ich sehr bestimmt das Fahrrad wieder zurück und rate ihm, denn Fall noch etwas länger zu beobachten und dann wieder zu kommen, wenn der Schaden deutlicher ist.

Der Kunde nimmt sein Fahrrad nur sehr widerwillig wieder zurück und schaut mich enttäuscht an.

„Das muss doch zu finden sein! Das ist doch nichts Großes“!

Meist ziehe ich mich jetzt freundlich in meinen Laden zurück und beendige das Gespräch. Obwohl ich auch ein wenig unzufrieden bin, denn für mich bleibt das Gefühl zurück, dass der Kunde mit Sicherheit etwas Störendes an seinem Fahrrad lokalisiert hat und ich Ihm nicht helfen kann.

Mein Resümee:

„Eine einfache und klare Formulierung hilft in vielen Situationen und auch im Fahrradladen. Das gilt übrigens auch für Mitarbeiter“.

 

 

Das diese Sprachbarriere auch anders herum im Betrieb ist, konnte ich diesen Sommer im Warft-Cafe auf Pellworm belauschen. Heike und ich hatten, kurz vor unserem Ausverkauf, unsere erschöpften Glieder auf den Campingplatz auf Pellworm verfrachtet.

Natürlich hatten wir unsere Fahrräder dabei. Ich war diesmal mit unserem Frosch, dem umgebauten XXL I:SY, losgezogen. Es reizte mich einfach festzustellen ob so ein, optisch derbe unterschätztes Fahrrad, in der Realität seinen Mann stehen kann. Und ich nehme schon mal vorweg:

„ES KANN!“

Im Gegenwind ist für meine kaputten Gelenke der kräftige Bosch-Motor ein Genuss aber ich habe ja gelernt, dass ich mein Fahrkönnen immer in Übung halten muss und so fahre ich ein Drittel der Zeit auch ohne Strom. Dabei hat sich der Kleine als überaus würdiger Gegner herausgestellt. Wenn meine „Gräten“ einmal warm und auf Betriebstemperatur sind, ist auch ein Tempo von 30km/h, ohne Strom, kein Problem, acht Flaschen Wasser in einer Ortlieb-Tasche auf der linken Seite ebenso.

So habe ich entweder den Wolken zugeschaut, an meinem Buch weiter gearbeitet oder bin mit Heike um die Insel gefahren, immer auf der Suche nach schönen oder gefühlvollen Plätzen. Einer dieser Plätzchen ist das Warft-Cafe. Auf einer Warft (kleine Erhebung) steht ein hübsch, runzeliges Haus, mit allerlei nettem „Plunder“ drum herum. Überall gibt es etwas zu sehen, zu lesen und vor allen Dingen, den besten, selbstgemachten Kuchen. Die Betreiberin, eine nette junge Dame, ist vor zwei Jahren selber hierhin „ausgewandert“, denn es ist schon wie eine andere Welt hier auf der schönen Insel.

Immer wieder trieb uns unser Fahrrad rund um die Insel, entweder auf eine Bank, direkt am Wasser, auf eine Böschung mit Blick auf das Meer oder halt in eines dieser herrlichen Cafes.

An einem Mittwoch brachten uns unsere Räder am frühen Nachmittag in besagtes Warft-Cafe. Wir enterten einen der im Garten stehenden Strandkörbe und genossen die Schönheit um uns herum. Wir waren die ersten Gäste an diesem Tag, aber nach und nach füllte sich der Garten. Ich bestellte für mich ein Stück Kirsch-Mandel-Tart und Heike wählte einen Mandarinen-Schmand-Kuchen und natürlich meinen Milchkaffee.

 

„Ach Leute, die Welt kann so schön sein!“

 

In dem Strandkorb neben uns setzte sich auch ein genießerisches Paar. Er, bestimmt mit 170kg „Erdanziehung“ ausgestattet und sie, die versuchte, liebevoll, seine „Erdanziehung“ sich nicht weiter steigern zu lassen. Ich hatte meinen Kaffee in der Hand und lauschte mit geschlossenen Augen. Dabei konnte ich nicht anders als auch diesem Paar zuzuhören. Die Beiden waren super nett und so kamen wir ins Gespräch. Und, sie raten es bestimmt auf welches Thema es am Ende herauslief… natürlich Fahrrad.

Er berichtete, dass seine Frau 30Kilometer Fahrradfahren verlangte und er auch mittlerweile ein wenig Freude daran finden konnte. Er würde zu Hause zwar direkt an einer Bahntrasse wohnen und auch an derselben Bahntrasse arbeiten, aber die 10km dazwischen wären für ihn doch ein zu großer Angang, um sie auf einem Fahrrad zurückzulegen. Seine Frau machte dabei ein Gesicht, als wäre sie froh, dass jetzt einmal ein anderer, ihrem Mann die Schönheit des Radfahrens beibringt. Er erläuterte weiter, dass er aber hier auf der Insel fleißig, jeden Tag seine 30Kilometer zurücklegen würde. Und er würde auch mehr fahren, denn so ein Pedelec würde ja auch locker 25km/h fahren, aber sein Po und seine Handgelenke und dass an dem Ding immer etwas kaputt wäre. Kaum sind sie hier auf der Insel und das Fahrrad war vorher in der Inspektion, wären die beiden hinteren Achsmuttern weg. Auch die Bremse würde plötzlich nicht mehr richtig funktionieren. Dabei wäre das schon das zweite Pedelec. Bei dem letzten, das er eigentlich auch nur hier auf der Insel benutzt hat, wirft seine Frau ein, ist im letzten Jahr bei einem Wolkenbruch-Regenguss die Elektrik eingegangen. Die Reparatur hätte zwar 700Euronen gekostet aber das Gerät hätte danach eigentlich nicht mehr so richtig funktioniert.

So hätte er sich halt dieses schöne Teil zugelegt. Diesmal wäre er aber in ein Fachgeschäft gegangen und hätte seine Wünsche geäußert:
170kg Tragkraft sollte der Rahmen aushalten, gute Bremsen sollte es haben, stabil und geräuschlos sollte es sein und es sollte ein aufrechte, für seinen Körperbau passende Sitzposition haben.

Der Händler hatte ihn daraufhin vermessen und ein Schwerlast-Pedelec für ihn gefunden und alles auf ihn passend abgestimmt.

Heike fragt spontan, wie er denn zufrieden sei.

Er antwortet:

„GAR NICHT!
Der Po bleibt ein Problem und mein Bauch passt eigentlich nicht zwischen Sattel und Lenker und ich sitze viel zu unbequem. Ich würde gerne den Lenker höher machen, das geht aber nicht. So hat man mir Lenkerhörnchen montiert. Für den Sattel habe ich mich jetzt noch einmal vermessen lassen!“

Ich mische mich ein:
„Und, Sattel jetzt bequem?“

„Ach was, der ist auch nicht besser wie der Alte. Ich wollte auch den Lenker noch einmal geändert haben, da es mir immer noch nicht passt. Mein Händler meint aber, dass sei nicht zulässig. Ich bin deshalb nach Holland gefahren um dort einen Händler zu finden der weiter weiß. Der hat direkt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Die Federgabel hätte die Stabilität einer Luftpumpe und die Bremsen seien gar nicht in der Lage das so belastete Fahrrad ernsthaft zu bremsen. Einen höheren Vorbau würde er da auch nicht daran bauen wollen. Da hat der holländische Händler aufgegeben und hat mich weggeschickt!“
Ich frage weiter:
„Das Ding ist neu?“
„Ja!“

Ich erzähle ihm wie traumhaft der Weg zur Arbeit sein kann, wenn man ihn sich gut einteilt und mit einem guten Fahrrad unterwegs ist. Die 10 Kilometer könnte man zum Beispiel in zwei Hälften teilen. An einer Bank mit einer netten Aussicht machen sie eine Pause. Lassen wieder etwas „Leben“ in die Sitzfläche, dehnen ein wenig und gönnen sich einen Tee, den sie sich extra dafür mitgebracht haben. So legen sie einen 10 Minuten-Stopp ein und genießen für eine Weile die Hinfahrt. Und wenn sie es schaffen, das Smartphon aus zu lassen, werden ihnen bestimmt tolle Dinge auffallen. Wenn sie das einmal gewöhnt sind, wollen sie auf diesen Start in den Arbeitstag vermutlich nicht mehr verzichten.

Er hört gespannt zu und meint dann:

„So habe ich das noch gar nicht gesehen! Vielleicht haben sie Recht? Aber wenn doch an dem Ding immer etwas defekt ist… ich muss doch auch mal auf der Arbeit erscheinen. Und bei der unbequemen Sitzposition ist das einfach ein zu großes Angang für mich!“

Heike und ich schauen uns an und reden nonverbal, nur mit den Augen miteinander.

(Das geht, wenn sie sich so lange, so gut kennen!)

„Was hat der für einen Fahrradhändler? Warum erklärt ihm keiner wie man begeisterter Radfahrer wird? Warum gibt es keine Lehrgänge für solche Menschen? Kein Wunder das er nicht mit dem Rad fährt!“

Ich erzähle ihm, dass ich Fahrradhändler bin, obwohl ich besser „WAR“ sagen müsste. Ich frage ihn wo er herkommt. Er antwortet stolz:
„Aus Essen!“
Heike und ich schauen uns wieder an und erzählen ihm, dass wir aus Düsseldorf kommen.
„Dann komme ich doch mal bei ihnen vorbei,“ sagt der Mann freudig.
„Leider nicht mehr. Wir haben unser Geschäft so gut wie geschlossen. Bei uns findet jetzt nur noch der Ausverkauf statt.“

Ich erzähle ihm aber von meinem Frosch und das das Ding bis 180kg zugelassen ist. Gemeinsam schauen wir uns, unsere Fahrräder an. Dabei bemerkt er:

„Ihr Fahrrad hat aber so kleine Räder, das kann doch schon nix sein? Oder“?

Selbstsicher schaue ich ihm in die Augen.

„Eigentlich müsste da FETT draufstehen: Glaub mir! Größe spielt keine Rolle!“

 

Auch wenn es nicht so aussieht, mit dem Ding hänge ich sie ab, wenn ich den Strom ausgeschaltet habe. In Gedanken sehe ich ihn auf dem Fahrrad fahren.
„Das wäre es gewesen! Klein, wendig, stabil, leicht zu fahren und quasi unkaputtbar“!

Begeistert schaut er sich mit seiner Frau das Fahrrad an. Sie wirft ein:
„Nein! Nicht nach 300Kilometer schon wieder ein NEUES“!
Er schaut wie ein trotziges Kind zurück. Dann schauen wir uns sein Pedelec an.

„Was soll ich euch sagen? Mich ergreift Sprachlosigkeit auf der ganzen Linie. Ich kann auf einmal den holländischen Kollegen verstehen.“

Vielleicht machen sie sich besser selber ein Bild:

Ich sehe eine Damen Tiefeinsteiger Pedelec in hübschem mattschwarzem Lack, einer Federgabel, die in ein Kaufhausfahrrad gehört, einer Scheibenbremse im Spielzeugformat, einem superflachen Sportlenker, senkrecht nach oben montierten Hörnchen und einer Rahmenhöhe, so dass der Sattel nur 1cm weit ausgezogen werden kann. Die Marke des Fahrrades: Kreidler! (Das war doch die Preiswert-Marke mit dem sich in Bayern der alte Herr wegen der fehlenden Rahmensteifigkeit auf den Appel gelegt hat?!) Der Sattel ist so weit nach hinten verschoben in der Sattelstange, dass die dünnen Drähte ihn unmöglich so halten können.

Heike und ich schauten uns erschüttert an. Ich nahm sein Fahrrad am Lenker und schüttelte es so hin und her, dass der Rahmen in Schwingungen geraten musste. Und er wackelte wie ein „Lämmerschwanz“.
Ich traute mich gar nicht dem netten Mann meine Meinung zu sagen und ihm damit den Urlaub zu verderben. Aber das Ding war der größte Unsinn, dem man ihn hätte verkaufen können. Hatte der Mann beim Kauf chinesisch geredet? War der Verkäufer blind gewesen?

Das ein Kunde keine Ahnung hat, ist vollkommen in Ordnung. Aber es sollte sich doch ein Händler finden, der dem guten Mann für gute Ware sein Geld abnimmt und nicht für so einen MIST. Das Ding ist doch schon nach dem Urlaub wieder im Eimer. Und fahren wird dieser Mensch, damit im Leben nicht zur Arbeit. Da nimmt dieser nette Mensch zweimal 3000Euronen in die Hand um endlich zu einem Radfahrer zu werden, und dann bekommt er so einen Mist.

Ich zeige ihm noch einmal mein Fahrrad und erwähne dabei, dass es in diesem umgebauten Zustand vermutlich 6000Euronen kosten würde. Auf einmal sehe ich ein leuchten in den Augen des Mannes. Aber ich musste ihn enttäuschen, ich verkaufe mein Fahrrad nicht und Händler bin ich eigentlich auch keiner mehr.

Leider!

Traut sich denn kein Händler mehr, so einen Mann ernsthaft zu beraten und ihm zu sagen, dass er mit so einem Apparat nur sein Geld zum Fenster hinauswirft? Traut sich keiner, bei seinem Großhändler nachzufragen, ob es für diesen Herrn etwas Passendes gibt? Oder traut sich keiner zu sagen, dass er ihm so ein Teil nicht verkaufen möchte, weil er das vermutlich durchbrechen wird? Wo sind sie hin die kleinen Läden, die so etwas draufhaben sollten? Warum ereicht diesen Kunden kein Marketing und keine Werbung von einem Händler, der für ihn eine echte Lösung weiß und ihm nicht nur sein Geld abnimmt? Warum gibt es so viele Händler, die wortreich das verkaufen, was gerade „Rausmuß“.

„Wenn so ein Kunde demnächst alles im Internet bestellt, so hat er alles richtig gemacht, denn „keine gescheite Beratung“ bekommt er da auch und es ist am Ende noch viel bequemer und billiger.

„Aber vielleicht hat der Kunde beim Bestellen ja nur unverständliches Zeug gemurmelt….?!
Was meinen Sie?“

Kapitel 17
Kapitel 19