Mein kleiner Fahrradladen

Morgen ist es so weit! Ein letztes Mal werde ich eines meiner maßgefertigten Fahrräder anpreisen. Es hat sich eine Dame angemeldet und sich am morgigen Samstag einen Termin gesichert.
Da mein Lieblingshersteller einen ordentlichen Vorlauf benötigt, um die Fahrräder passgenau zu fertigen, ist am Ende des morgigen Samstags Schluss mit dem Bestellen. Eigentlich vergibt er jetzt schon Liefertermine im Oktober, ich aber habe die Zusage, dass wir bis zu unserem Letzten Tag am 22.September 2018 alle Fahrräder geliefert bekommen. Und an diesem Samstag ist halt unsere Deadline erreicht.

Da im Augenblick eigentlich nur noch unsere Maßfahrräder gefragt sind (sie sind aber auch toll) fahren wir direkt nach erreichen dieser Deadline in Urlaub, denn danach sind wir eigentlich nur noch anwesend und werden pausenlos unsere Situation erklären. Und die letzten Monate waren auch echte Knochenbrecher gewesen. Heike hatte ein neues Schultergelenk bekommen, ich laborierte an meinem Knie und meinen Herzrhythmusstörungen herum und der Laden machte es nicht unter 60Stunden schwerer, körperlicher Arbeit.

Vor dem ersehnten Urlaub werden wir aber noch unsere Schaufenster zukleben und damit den Räumungs-Verkauf ankündigen, der direkt nach unserem Urlaub beginnen wird. Morgen aber werden wir noch einmal antreten und wir werden wieder unser Bestes geben und damit auch vielleicht eine letzte Fahrradbestellung abgeben. Ich werde morgen noch einmal genau so lichterloh brennen, wie bei meiner ersten Beratung vor über drei Jahrzehnten. Ich werde eine Person bei mir sitzen haben, die wieder einmal eine spannende Geschichte zu berichten weiß und die gerne zu ihrem ganz persönlich passenden Fahrrad finden möchte. Dabei suchen meist solche Menschen danach, die auch Wissen was sie damit erreichen können und was es für sie bedeuten kann.

Wie gesagt, die letzten Wochen waren schon sehr hart gewesen aber sie waren dabei auch sehr schön. Die permanente Hitze im Laden, die mentale und körperliche Belastung, ließen uns abends regelmäßig nach Hause schleichen und dort müde zusammensinken. Jeden Tag wollten mich viele meine alten Kunden und Weg-Gefährten noch einmal in den Arm nehmen und noch mal ihre persönliche Fahrradgeschichte in Erinnerung bringen. Viele wollten sich aber auch noch mal eines der legendären Fahrräder bauen lassen, bevor IHR LADEN die Pforten zuschließen wird.

„Es ist schon komisch, alles im Laden wird weniger, die Anzahl der Kunden geht dramatisch zurück und die Interessenten für die teuren und edlen Maßfahrräder geben sich regelrecht die Klinke in die Hand“.

Dabei ist zurzeit soviel zu organisieren, abzurechnen, einzureichen, zu dokumentieren, einzupacken, nachzuwinken, auszurechnen, umzudekorieren, auszuräumen, wegzuschmeißen, auszudenken und auch ganz normal abzuarbeiten. Jeden Tag kommen alte Reiseradler in den Laden und lächeln Heike und mich respektabel und dankbar an.

 

„Es ist ein Traum, mitzuerleben, dass die eigene Existenz so vielen tollen Menschen etwas Wert ist. Zu begreifen, dass in der Welt der Online Händler und der Smartphon – Zombies so etwas möglich ist. Es ist ein unglaubliches Geschenk, eine ungeheure Verbeugung und Lohn für eine tolle Zeit. Dabei habe ich stets eigenwillig und auch oft wortgewaltig den Kunden meine Kampfkunst-Philosophie in der Form des Fahrradfahrens, als den einfachsten und schönsten Weg zur Arbeit verkauft.“

 

Natürlich geht mir am Abend vor diesem Samstag, die vergangene Zeit durch den Kopf. Dabei lasse ich auch die vielen Telefonate mit den Mitarbeitern meines Lieblingsherstellers an mit vorüberziehen. Eine endlose Zahl wilder Fahrradprototypen haben wir so realisiert und ich habe dabei so viele meiner Kampfkunst-Viren an die zukünftigen Besitzer verstreut, dass die in ihrem Fahrrad vermutlich mehr sehen, als nur ein billiges Transportmittel. Viele benutzen es, um auch in ihrem Leben ein paar neue, kleine und vielleicht auch netten Wege zu befahren.

 

„Ich kann die tollen Mitstreiter an der Herstellerfront doch nicht einfach so gehen lassen, nachdem wir soviel zusammen erlebt und erreicht haben.“

Mit diesem Gedanken im Kopf, setzte ich mich spät abends an den Rechner und presse ein paar Zeilen aus meinem Kopf, die ich in die Bestellung, die ich morgen hoffentlich abschließen kann, einbauen werde. Ich möchte auch den Mitstreitern meines Lieblingsherstellers, dieses gute Gefühl zukommen lassen, dass meine Kunden mir gerade jetzt mitgeben. Ich habe mit diesen Mitarbeitern zum Teil Jahrzehnte für tolle Fahrräder und für meine Kunden gestritten. Doch was soll ich schreiben? Irgendwann entsteht vor meinen Augen ein Vers und ich schreibe mir stichpunktartig die Zeilen auf und lasse sie ein wenig reifen und gehe zu Bett.

 

Morgens um vier Uhr geht mir im Halbschlaf durch den Kopf, dass heute der letzte Tag angebrochen ist. Die Folgen brechen auch direkt mit großer Emotionalität auf mich herein.

 

„Prima! Gestern hatten wir 40 Grad im Laden, meine Kunden sahen nach 10 Minuten aus, als wären sie mit Klamotten unter der Dusche gewesen, ich hatte drei schwere Beratungen a drei Stunden nacheinander, kann mich daher kaum noch rühren und komme nach 5 Stunden nicht mehr in den Schlaf! Wirklich Super!“

Ich blieb trotzdem einfach liegen und versuchte gedankenlos zu ruhen. Nach einer langen Weile nickte ich auch wieder ein.

 

Um halb sieben war es dann aber soweit, der letzte Tag griff nach mir. Willi hatte heute alle Beteiligten in unseren Laden bestellt, damit wir mit einem gemeinsamen Frühstück, seinen Randonneur in Betrieb nehmen. Walter, unser Freund Taugenix, mein Sohn Olli, der den Ur-Protyp besitzt, aus dem Willis Fahrrad entstanden ist, Heike, Ich und natürlich Willi himself, hatten anwesend zu sein. Ali, der auch eine gewichtige Rolle gespielt hatte, hat natürlich wieder einmal Dienst und kann heute nicht. Sie alle waren heute morgen zu uns in den Laden bestellt worden. Willi wollte so das letzte Meisterstück aus unserem Laden gehörig feiern.

14 Tage lang hatte das gute Stück schon abholbereit bei uns im Laden gestanden und Willi hatte sich ausgedacht, dieses letzte Meisterstück am letzten „normalen“ Ladentag bei uns abzuholen. Drei Mal war in den letzten Tagen über eine Stunde im Laden gewesen, hatte sich schweigend und still lächelnd davorgesetzt und genoss es, dass dieser Jahrzehnte andauernde Traum jetzt endlich Realität geworden ist. Heute aber hatte er sich vorgenommen, diesen Traum auf Achse über 60km nach Hause zu fahren. Das ist an sich nichts Besonderes, aber Willi hat starkes Rheuma und war noch nie einen Rennlenker gefahren. Aber das würde unseren Willi bestimmt nicht davon abhalten.

 

Ich schlich übermüdet in die Küche und begann Tee, Kaffe zu kochen und unser Frühstück vorzubereiten. Dabei wischte immer wieder ein ganz seltsames Gefühl durch meinen Kopf.

 

„Das ist der letzte normale Tag, die letzte große Beratung und ein letztes geiles Fahrrad mit unserem Firmenlogo auf dem Schutzblech“.

 

Vielleicht ist es ja gar nicht schlecht, dass ich so müde war, so kam ich wenigstens nicht zum Denken. So prutschelte ich mir in der Küche was zusammen, während meine Familie noch selig schlief. Irgendwann hörte ich Olli in der Dusche hantieren. Alle waren wir entweder zu müde oder zu schweigsam oder vielleicht auch beides. Ich verpackte alles Notwendige in meine Ortliebtaschen und schlich auch ins Badezimmer. Da Olli noch zu Gange war, nutze ich die Zeit und machte schon mal meine Dehnungsübungen, damit ich heute wenigstens aufrecht in den Laden marschieren konnte. Von dem lauten Gestöhne aufgeschreckt, marschierte auch meine bessere Hälfte, auch noch mächtig verprügelt aussehend, in Richtung Küche. Wortlos schlichen wir umeinander herum und ein jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

„Wenn man 35Jahre bis abends um 20.Uhr gearbeitet hat, ist 6.30 Uhr morgens, gefühlt kurz nach Mitternacht!“

Die Dusche litt ausgerechnet heute unter Wassermangel und wir mussten mehr oder weniger unter dem einen lauwarmen Wasserstrahl hin und her hüpfen um uns zu duschen. Dann schlichen wir die Treppe hinunter zum Auto und schauten Heike als den wachsten von uns aus, die damit zum Chauffeur erhoben wurde.

 

 

 

Willi saß schon auf der Bank, als wir vor dem Laden vorfuhren. Ich winkte ihm kurz zu und er konnte erkennen, dass ich eigentlich noch ins Bett gehörte. Minuten später erschienen Walter und unser Freund Taugenix. Jeder hatte natürlich sein Fahrrad dabei und stellte es vor dem Laden ab. Gemeinsam wanderten wir in den Innenhof und bauten dort unser Frühstück auf. Jeder hatte etwas mitgebracht und schnell hatten wir ein feudales Frühstück aufgebaut. Willis Fahrrad stand noch im Laden. Schnell kam ein Gespräch auf und gemeinsam diskutierten wir über unser Lieblingsthema „Fahrrad“.

Die Zeit verstrich und ich war irgendwann putzmunter. Irgendwann machte Heike ein kurzes Zeichen und signalisierte die bevorstehende Ladenöffnung. Jeder schnappte sich etwas vom Tisch und räumte alles ab. Nach Minuten waren wir oben im Laden und holten Willis Fahrrad von dem Podest.

„Da geht einer stramm auf die 60 Jahre zu und hat wirklich viel erlebt, doch jetzt steht er da, als wäre gleich Weihnachten. Dabei geht es nur um ein Fahrrad. Wie ist es möglich, einen belanglosen Gegenstand so philosophisch aufzuladen, dass so etwas möglich ist? So wie Willi jetzt drauf ist, wird er noch in 10 Jahren das Fahrrad mit dem gleichen Gefühl von der Wand nehmen und dabei den gleichen Gesichtsausdruck wie Heute annehmen.

(Für mich, mit meinem Kampfkunstdenken war es vergleichbar, als wenn ein Samurai sein persönlich gefertigtes Katana (ein legendäres japanisches Schwert) das erste mal ehrfurchtsvoll in die Hand nimmt.)

Auf jeden Fall wird Willi trainieren wie ein Stier um sein Fahrrad immer standesgemäß bewegen zu können. Und dann noch dieses zufriedene Lächeln! Dafür hat es sich gelohnt so viel zu denken, zu organisieren und zu schrauben. Und es ist wieder einmal mehr geworden wie nur ein Fahrrad, auch wenn das kaum ein Außenstehender jemals sehen wird.

„Er sollte sein Fahrrad nur nicht anfassen….., denn dann würde er Willi ganz anders kennen lernen!!“

 

 

Willi holte sich sein bedeutungsschwanger sein Fahrrad und forderte uns auf, uns gemeinsam vor dem Laden aufbauen. Walter, der Hobby-Fotograf zückte seine Kamera und wir machten eines von jenen Bildern, wie sie vielleicht von unseren Großvätern in Museen zu sehn sind. Drei großgewachsene, alternde Männer, die stolz hinter ihren Fahrrädern stehen.

 

„Schmunzeln lässt mich dabei, dass die Museumsbesucher, die sich später so ein Bild ansehen werden, keinen Schimmer haben werden, was für eine besondere Bedeutung dieses Bild hat.“

 

Dann zog sich Willi seinen Helm an, befestigte seine Packtaschen am Gepäckträger. Das wurde als Signal angesehen, so dass sich die Freunde jetzt ihre Helme anzogen und Willi in die Mitte nahmen. Dann enterten sie ihre Fahrräder, lächelten Heike und mir ein letztes Mal zu und fuhren auf ihren Rädern langsam davon. Ich schaute den immer noch schwatzenden und glücklich aussehenden Freunden noch eine ganze Weile nach, bis ich mit Heike in den Laden ging.

 

„EIN LETZTES MAL!“

 

Heike und ich klatschten uns ab und öffneten den Laden. Jeder folgte seiner allmorgendlichen antrainierten Routine. Die Rechner starten, die gebrauchten Fahrräder auf die Straße stellen und den Terminkalender studieren. Es war jetzt schon wieder unerträglich heiß. So ging Heike mit dem Telefon in der Hand draußen auf die Bank. Ich ging in meine Ecke und kontrollierte die Auftragsbestätigungen der letzten Tage und beantwortete die angefallenen E-Mails. Ab und zu kam ein Kunde in den Laden. Heike ging direkt hinter ihm her und kümmerte sich um seine Wünsche, damit ich an meinem Bürokram bleiben konnte, denn gerade jetzt, war dieser popelige Bürokram doppelt wichtig, wenn wir am 22.9. nicht ein richtiges Problem haben wollten. Denn dieses eine Mal wird es für uns keinen Plan B und auch keine Ausweichmöglichkeit geben.

 

„Schluß ist nun mal Schluß!“

 

Nach einer guten Stunde kam dann meine letzte Beratung in den Laden. Es war eine große und gewaltige Frau. Mit ihrem großen und kräftigen Schritt betrat sie den Laden und schaute sich nach mir um. Ich konnte sie im Spiegel sehen und beendete meine Arbeit, drehte mich lachend um und sprach sie an.

„Wir haben vermutlich einen Termin miteinander?“

Sie schaute in meine Richtung und nickte freundlich. Dann ging sie zu dem Fahrrad, welches sie schon in letzte Woche bei mir gefahren war. Ich schaute ihr lächeln zu.

„Das Ranger hat es ihnen angetan… oder?“

„Ja, ich glaub schon!“

„Kommen sie erst einmal zu mir und wir basteln gemeinsam ein Benutzungsprofil für sie.“

Sie kam zu mir und setzte sich mir gegenüber.

„Erzählen sie mal etwas über sich, was ist für sie ein Fahrrad,  was machen sie damit und ganz wichtig, was haben sie für ein Fahrrad bisher?“

Geduldig erzählte mir die Dame ihre Fahrradgeschichte. Das sie mal sehr übergewichtig war und dass ihr das Fahrrad geholfen hat den Weg zu ändern, das sie Fahrradfahren liebt und dass ihr Mann es hasst. Das sie gerne Radreisen unternehmen würde, ihr Göttergatte sie aber alleine fahren lassen würde. Ich schaute der Dame beim Sprechen zu.

„Irgendetwas war da…. ?!“

Mir ging die Frau gewaltig durch den Kopf. In ihren Augen war ein helles Leuchten und ihre Bewegungen waren trotz der gewaltigen Körperlichkeit sehr geschmeidig. Was war sie für ein Fahrradtyp? Um ihr auf die Spur zu kommmen fragte sie einfach gerade heraus:

„Wie wollen sie denn eigentlich Fahrradfahren? Aufrecht und gemütlich schauend oder doch ein wenig ehrgeizig, die anderen Radfahrer im Auge behaltend?“

Sie dachte nach und erklärte mir, dass sie eher bequem und aufrecht fahren würde. Für mehr würde es bei ihr eben nicht reichen. Dabei lächelten und blitzten ihre Augen aber ein wenig seltsam.

 

Ich zog den Ranger aus der Reihe und forderte sie auf, damit doch mal eine Runde zu drehen. Kaum ausgesprochen, saß sie mit einem „Schwupps“ noch im Laden auf dem Fahrrad und balancierte ihren recht massigen Körper geschickt zu Tür hinaus. Ich schaute ihr genau zu und musste schmunzelnd den Kopf schütteln. Draußen legte sie sich einen kleinen Gang ein und verschwand mit hoher Beindrehzahl und einer optimalen Körperhaltung blitzartig aus meinem Sichtfeld. Ich schaute ihr nach und stellte fest, dass sie jetzt gerade sportlich gestreckt saß und dass sie sehr wohl ehrgeizig und geschult das Fahrrad zu bedienen wusste. Wie sie wieder im Laden war, schauten wir beide uns amüsiert an.

„Und, war dass bequem“

Sie nickte und schaute sich die Gangschaltung des Fahrrades genauer an.

„Was wäre denn für sie die ideale Gangschaltung an ihrem neuen Fahrrad?“

„Mein Utopia hatte eine Sachs 7 Gang.“

Ich hatte sie ja nun Fahren gesehen.

„Die ist doch bei ihnen alle 10000Km Kleinholz?!“

Sie nickte und bestätigte: „…ist auch gerade wieder in Reparatur!“

„So wie sie fahren können“ und ich dachte dabei an ihr Gewicht und an das Drehmoment der muskelbepackten Beine „sind doch 7 Gänge hoffnungslos zu wenig und fahren können sie!“

Sie schmunzelte und antwortete:

„Ich liebe ja Kettenschaltungen und als Maschinenbau-Ingenieur kann ich sie auch wieder Instand setzen, aber dazu habe ich in meiner Freizeit einfach keine Lust. Ich will jetzt eine Rohloff, denn wenn ich alle Werkstattkosten meiner Schaltung zusammenzähle, war ich einfach doof, mir nicht direkt eine zu kaufen.“

Bei dem Wort Ingenieur musste ich leise in mich hineingrinsen. In dieser Frau steckt definitiv mehr drin als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Aber es sollte noch dicker kommen.

 

Um ihre optimale Sitzposition exakt auf ihrer motorischen Möglichkeiten abzustimmen setzte ich sie auf unseren Velochecker. Dabei stellte sie sich körperlich überaus geschickt und erfahren an. Nur hielt sie den Lenker wie einen Hammer fest umklammert. Um ihr klar zu machen, dass sie den Lenker beim Fahren lockerer, aber nicht lose halten muss, ließ ich sie absteigen und stellte sie sie vor mir auf. Dann nahm ich meine Tai Chi Haltung ein. So stand ich, wie am Boden angewurzelt da und hatte eine Körperspannung wie ein Stück Holz aber die Schultern weich wie ein Stück Stoff an meinem Körper herunterhängen. Das war die maximale Körperspannung mit maximaler Lockerheit in den Schultern. Diese punktgenaue An- und Entspannen einzelner Muskelpartien hatte ich in jahrelangem Training gelernt und es war sehr schwer nachzumachen. Es verdeutlichte aber ganz einfach und ohne Worte, wie ich mir eine aktive und gleichzeitig lockere Körperhaltung vorstellte.

Sie aber,…. schaute mir einfach tief in die Augen und machte es einfach nach. Bewundernd meinte ich zu ihr:

„Wow! Das ist mal richtig gut! Aber, das machen sie nicht das erste Mal!“

„…. Bautanzlehrerin“, dann lächelte sie, „und mittelalterlicher Schwertkampf und früher auch Kampfsport!“

„Verdammt, warum haben sie aufgehört? Sie sind gut!“

„Rheuma! Höllisches Rheuma!“

„Dann kann ich verstehen, dass sie aufgehört haben.“

„Wer redet hier von aufhören, ich habe es nur ein wenig… angepasst!“

Mensch war die Frau toll! Das war mal ein richtiger Krieger, so wie er im Buche steht.

„Mit der Frau wolltest Du bestimmt keinen Streit ausfechten! Da war unversehrt Zweiter werden auch schon ein großer Gewinn“!

Ich hatte jetzt aber die Aufgabe, dieser Frau ein Fahrrad unter den Po bauen, eines das sie in allem unterstützte und ihre bullige Kraft direkt in Vortrieb umsetzte, ohne die Rheumagelenke übermäßig zu belasten und das war genau die spitzenmäßige Aufgabe, für die ich diesen Beruf so liebte. Zufrieden murmelte zu mir selber:

„Ein letztes Mal!“

„Was meinen Sie?“

„Ach nichts, ich denke nur daran, dass sie meine letzte Beratung sind und dass es mich außerordentlich freut, dass wir beide jetzt hier sitzen.“

Sie schaute mich an.

„Gleichfalls!“

 

In den nächsten zwei Stunden gingen wir auf alle ihre Gebrechen und auch auf alle ihre motorischen Möglichkeiten ein und schnitzten ein für sie ein passendes Fahrrad. Da wir auf dem Velochecker die Möglichkeit haben, den Probanten gegen einen permanenten Widerstand treten zu lassen, konnte sie alle Veränderungen direkt kommentieren. Immer wenn das Gerät leichter zu treten war, hatten wir eine Verbesserung erreicht. Alle drei Minuten kritisierte ich:

„Schultern runter! Tai Chi Haltung! Was nicht arbeitet, tut auch anschließend nicht weh!“

Dabei dachte ich zu mir:

„Meine Herren lernte diese Frau schnell.“

Sie saß auf dem Gerät und versuchte die ganze Zeit, sich die für sie perfekte Haltung einzuprägen. Gemeinsam veränderten wir nach und nach die Geometrie des Fahrrades. Irgendwann schauten wir uns beide wissend an.

„So isset! Das ist gut! Das Fahrrad machen wir jetzt genau so!“

 

Ich konnte nicht anders, als ihr zu erklären, dass es mir eine Freude ist, dieses Fahrrad als mein letztes Fahrrad bei meinem Lieblingshersteller bauen zu lassen. Ich freute mich schon drauf, dem Ingenieur des Herstellers den Tretcharakter dieser Person zu übermitteln. Bei der Vorstellung was diese Frau mit einem passenden Fahrrad anstellen konnte, ließ mich zufrieden zurücklehnen.

„Wieder einer mehr, der hoffnungslos unterschätzt wird“, dachte ich zu mir.

Wieder murmelte ich zu mir selbst, aber diesmal entspannt und zufrieden:

„Ein letztes Mal! Es war mir eine Ehre!“

Sie hatte natürlich genau zugehört.

„Und genau so eine Beratung hatte ich mir gewünscht. Ich habe auf diesen Augenblick jetzt fast 20 Jahre gewartet. Wie gut, dass ich nicht zulange gewartet habe!“

Ich war von diesem Augenblick so beeindruckt, das sich auf einmal der Vers, den ich meinem Lieblingshersteller in der Bestellung mitschicken wollte, vor meinem geistigen Auge aufbaute. Etwas leise und in mich gekehrt, trug ich das Gedicht vor, das mir gerade im Kopf herumging:

 

Ein letztes Mal,

 

ein letztes Mal bestelle ich ein Fahrrad,

ein letztes Mal lasse ich Thai Chi Gedanken einfließen,

ein letztes Mal brenne ich lichterloh für diesen Kunden,

ein letztes Mal geht es nur um Roß und Reiter.

 

Viele Schwerter habe ich entstehen lassen,

viele Kämpfer habe ich sie ziehen sehen,

viele leuchtende Augen habe ich erleben dürfen,

viele Gedanken drehten sich nur darum.

 

Manchen Kilometer durfte ich mit Freuden fahren,

manchen ungläubigen Radfahrer durfte ich begeistern,

manchen geheimnisvollen Gedanken schmunzelnd einbauen,

manchen Zweifler staunend zurücklassen.

 

Oft schon war ich zu müde,

oft schon wollte ich alles schmeißen,

oft schon traf ich dann Gefährten mit helfender Hand,

oft schon kamen dann die leuchtenden Augen zu mir zurück.

 

Meinen Dank an die Künstler mit der Flamme,

meinen Dank an die Helden des Zeichenbretts,

meinen Dank an die Partner am Telefon,

meinen Dank für viele Hundert glücklicher Kunden.

 

Danke, dass Ihr mit mir zusammen die besten Fahrräder der Welt gebaut habt.

 

Im Laden war es so still, das man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Meine Kundin schaute mir tief in die Augen. Ich erklärte ihr, dass ich mich in der letzten Bestellung auch von dem Hersteller verabschieden wollte. Sie nickte:

„Das ist gut und dann werde ich ja wohl auch bestellen müssen…!“

„Und ich werde den Vers dann auch in die Bestellung einbauen!“

Zufrieden schauten wir uns an und ich machte alle Unterlagen fertig.

 

Nach einigen Minuten war der Vorgang abgeschlossen und die Kundin verabschiedete sich und ich schloss die Türe hinter Ihr ab. Heike kam zu mir und drückte mir eine Flasche Wasser in die Hand, da ich wieder einmal das Trinken vergessen hatte.

„Das letzte Mal!“

 

Dann beendeten wir gemeinsam den Ladentag, rechneten die Kasse ab und ich schickte meine Bestellung heraus. Natürlich setzte ich meinen Vers unter die Bestellung.

„Toll, dass ausgerechnet die letzte Bestellung so eine tolle Aufgabe war!“

 

Dann klebten wir unsere Fenster mit den Ausverkaufschildern zu und setzten uns noch für eine Weile gemeinsam auf die Bank vor unserem Laden. Gedankenversunken schickte ich eine Nachricht an unsere Freunde und Mitstreiter. Ich freute mich einfach über den heutigen Tag und darüber, sie immer an meiner Seite wissen zu dürfen.

 

Unter der Überschrift: „Das letzte Mal“, machte ich in unserem Messenger ein neues Thema auf.

 

Mein Freund und Mitfahrer in meinem Sportseitenwagen Stephan antwortete:

 

Für Heike und Thomas‼️
Das was war, wird in euren Gedanken und in den Gedanken vieler anderer immer bleiben.
Viele von diesen Fahrrädern werden über Jahre bleiben und an Euch erinnern:
„…..iss ja toll. Wo haste das denn her?“
„Das hab ich damals beim Just gekauft. Leider gibts den nicht mehr, aber die waren echt klasse“
Dafür gibt`s für euch jetzt was neues:
ein paar Sonntage mehr in der Woche, ein paar Montage mehr in der Woche an denen ihr aber auch mal sagen könnt:
„Ach das muss ja nicht heute sein. Das kann ich auch nächsten oder übernächsten Montag machen…..“
Und dafür werden die Dienstags bis Samstags weniger, an denen ihr trotz schmerzender Knochen einen schönen, aber trotzdem knochenharten Job machen musstet.
Natürlich geht die Fahrt weiter durchs Leben.
Aber ihr dürft jetzt viel öfter die kleinen, gemütlichen Sträßchen nehmen:
Die mit dem schönen Ausblick.
Die durch kleine hübsche Dörfer führen.
Die, wo der Löwenzahn im Rinnstein wächst.
Die wo man mal anhalten kann um…..

Also:
Willkommen im neuen Lebensabschnitt.
In einem neuen Abschnitt EURER einzigartigen LEBENSGESCHICHTE.

 

Mein Mitstreiter und Werkstatt-Schrauber Walter, der wegen eines Pflegenotfalls der Eltern ausgerechnet Heute nach Hause musste, schrieb:

 

 

Thomas ,mein Freund


Es ist auch für mich ein unglaublich gutes Gefühl Dich/Euch an meiner Seite zu wissen. Ihr habt die letzten Tage unglaubliches geleistet. Sowohl mental, als auch körperlich, bei der Hitze oben im Laden die Kunden weiterhin auf höchstem Niveau gut zu bedienen.

Wenn ich das so mitbekomme, erfüllt mich das mit Stolz, Teil in eurem Team zu sein. Es ist schon eine ganz, ganz tolle Historie und ich glaube wir oder besser ich, werde erst viel später realisieren wie toll diese Zeit war.


Aber ebenso freue ich mich unglaublich auch auf die neue Zeit mit uns zusammen. Ich hab mich sehr gefreut, dass es so schnell eine super Lösung für eine kleine „Hobbywerkstatt“ gibt, wo wir nach Herzenslust unserem Vergnügen nachgehen können.

 

Tja, es ist wie bisher immer im meinem Leben, …wenn irgendwo eine Tür zugeht, ..gehen dann schnell wieder andere (meist auch schönere Türen) wieder auf.

So jetzt aber….ich/wir wünschen euch jetzt schon mal einen ganz tollen und erholsamen Urlaub, damit ihr Kraft für den letzten Akt habt.

 

Ich werde auf jeden Fall helfen wo ich kann.

So und jetzt bin ich mal auf Willi gespannt.

 

 

Der schrieb, mittlerweile zu Hause angelangt, nach über 6 Stunden und 60 Kilometern bei 38Grad, aber mit vielen genüsslichen Pausen und 6Litern Flüssigkeit in den Kleidern:

 

 

…….. da sitze ich nun in der Garage und wische zärtlich den Staub von dem vielleicht besten Fahrrad was Du je gebaut hast. Ich bin müde und glücklich und da ich Selfis doof finde, schicke ich dir ein paar Bilder, die für sich selber sprechen.


Danke noch mal

Kapitel 16
Kapitel 18