Mein kleiner Fahrradladen

In meinem Gedächtnis gibt es einen ganz bestimmten Tag, an dem meine Begeisterung für die Technik geweckt wurde. Ich habe ihn immer noch genau vor meinen Augen.
In der Schule war ich eher ein fauler Sack, ohne jegliches Talent für Irgendwas gewesen. Aber dann, an diesem Tag, hat es an einer ganz bestimmten Stelle bei mir geklingelt. Ich war 14 Jahre alt und ich war den ersten Tag zur Ausbildung zum Werkzeugmacher-Beruf angetreten. Die Ausbildung begann mit einem Unterricht in der Lehrwerkstatt von Daimler Benz. An diesem Tag traf ich das erste Mal auf eine Lehrwerkstatt, auf meine Lehrlings-Kollegen und ich traf auch meinen Ausbilder, der in den folgenden Jahren viel bei mir verändern sollte.

An diesem ersten Tag brachte mein Ausbilder mit leuchtenden Augen ein altes japanisches Messer mit in den Vortragsraum. Es sah in meinen Augen eher nichtssagend, alt und seltsam vernarbt aus. Die Klinge war überhaupt nicht so glatt und so feingeschliffen, wie ich die Messer bei uns zu Hause kannte. Für mich war das nur ein altes, ranziges, vergammeltes und wertloses Stück Eisen. Für den Ausbilder aber schien es etwas ganz Besonderes zu sein. Er hielt es, als wäre es für ihn extrem wertvoll und etwas ganz Edles. Ich konnte das in diesem Augenblick überhaupt nicht verstehen.
Dann nahm der Ausbilder bedeutungsschwanger eine Seite Papier zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Diese hielt er gut sichtbar in die Höhe und näherte sich mit dem Messer an die Papierseite an und schnitt mit dem ranzigen Messer mühelos die untere Ecke des Papiers einfach ab. Dabei bewegte sich die Papierseite eigentlich nicht. Die Klinge durchtrennte das Papier auf eine Art und Weise, als wären es eigentlich schon immer zwei Hälften gewesen. Diesen Schnitt führte er mehrere Male ganz langsam und hintereinander durch. Dann führte er das Messer gut sichtbar, durch die Reihen der mächtig erstaunenden Auszubildenden. Keiner von uns hätte sich getraut, dass Ding auch nur zu berühren.

„Das ist eine Klinge aus Stahl! In dieser Qualität haben japanische Schwertschmiede die berühmten Katana Schwerter gefertigt und dass ab dem 15Jahrhundert. Für den Kriegseinsatz mussten Klingen unzerbrechlich, elastisch, zugleich hart und natürlich extrem scharf sein. Um das zu erreichen, haben sie harten Stahl über weichen Stahl gefaltet und mit glühen und hämmern verschweißt. Das Besondere ist aber daran, dass es zu dieser Zeit keine Labore und keine exakte Kohlenstoff-Bestimmung wie heute gab. Das Feintuning des flüssigen Stahls machten die Schmiede mit der Nase und nach Gefühl. Ja Jungs, das ist Stahl, darum wird sich eure Ausbildung drehen und das will ich euch in den nächsten Dreieinhalb Jahren vermitteln. Ihr sollt es riechen und fühlen können“.

Jahrzehnte später stehe ich vor einem meisterlich gefertigten Stahlrahmen. Ich fahre mit den Fingern sanft über den Rahmen und klopfe sanft mit den Fingernägeln auf das Rahmenrohr und lausche dem hellen Klang. Verliebt hebe ich den Rahmen hoch, verdrehe den Rahmen mit meinen Händen und stelle ihn sachte wieder an seine Stelle zurück. Ein junger Mechaniker, der mit mir zu der Messe gegangen war, hatte mich dabei beobachtet, und mich anschließend gefragt:

„Sag mal, was machst du da? Was hörst Du „?

Ich schüttelte langsam den Kopf:

„Ich höre den Klang! Genau genommen, kann ich es dir nicht so genau sagen, aber ich weiß dann, ob der Rahmen was taugt. Vielleicht ist es die Schwingung, die in dem Klang zu Grund liegt, die mir zeigt, wie sich der Rahmen verhalten wird und wie er verarbeitet ist. Ich sehe die Muffen, die Maße der Rohre und mache mir so ein Bild wie sich der Rahmen in einem Fahrrad anfühlen wird.“

Der junge Mechaniker widmete sich auch diesem Rahmen und schüttelte nur zweifelnd den Kopf. Dabei konnte ich ihn durchaus verstehen. Ich hatte in der Lehre Stahl geschmiedet, gehärtet, gedreht, gefräst, gehobelt, gehämmert, gemeißelt, gesägt, gebohrt, geschweißt, geschliffen, gefeilt und vor allen Dingen verflucht. Und so sehr ich in der Lehre das endlose Feilen und Sägen hasste, so sehr gab es uns Auszubildenden das richtige Gefühl für dieses einzigartige Material. Sicher hatten wir auch Aluminium und anderen Materialien unter unserem Werkzeug, aber nichts war so anpassbar wie guter Stahl. Und wir konnten ihn wirklich riechen. Doch das erkläre mal in drei Sätzen einem jungen Mechaniker.

Irgendwann habe ich einmal ein Rennrad mit einem federleichten ALU-Rahmen in die Werkstatt bekommen. Die Kundin war damit bei einem 24 Stunden-Rennen auf dem Nürburgring mitgefahren. Ich hatte diesen Helden schon mehrfach bei ihrem Rennen zugesehen, war bei einigen Trainings selber mitgefahren und konnte mir als erfahrener Nordschleifen-Experte durchaus ein Bild von den Aufgaben machen, die so ein Rennrad und vor allen Dingen der Rennrad-Rahmen zu leisten hat.
Das Gewicht und die edlen Bauteile dieses ALU-Renners waren schon erstaunlich. Ehrfürchtig hiefte ich es auf meinen Reparaturständer und behandelte es, als hätte es der Rennradgott persönlich gefertigt. Im Anschluss an meine Arbeit bin ich dann mit dem edlen Stück eine Runde ums Haus gefahren. Aufgeregt und vorsichtig startete ich mit dem für mich viel zu kleinen Rennrad.

„Ich dachte immer, so besonders leichte Räder gehen so furchterregend VORAN? Wenn das wirklich immer so ist, dann hat aber irgendwer vergessen es diesem Fahrrad auch mitzuteilen.“

Denn dieser Bock geht überhaupt nicht. Schwerfällig und träge kam ich damit in Fahrt. Dann kam die Doppelrechts-Kurve die ich in den letzten 15 Jahren bestimmt viele tausend Male durchfahren habe. In dieser Kurve kenne ich definitiv „jeden Grashalm mit Namen“. In Erinnerung an die alte Zeiten auf meinem Müsing-Rennrad oder den edlen Stahlrahmen-Randonneuren die ich bauen durfte, ging ich mit herzhaftem Tritt und mit vollem Zug in die Kurve.
Meine Herren, hatte ich in diesem Augenblick die Hose voll. Bei jedem Tritt auf die Pedale hatte ich das Gefühl, als wenn das Hinterrad einknickt. Bei jedem Tritt auf die Pedale musste ich nachlenken um nicht aus der Kurve zu fliegen. So bin ich ohne zu treten um die Kurve gerollt und habe enttäuscht den Kopf geschüttelt.

„Stellen sie sich einmal vor, die Besitzerin hätte bei ihrem 24Stunden Nordschleifen-Rennen auf einem edlen Stahlrenner gesessen“?!

Ja, er währe vermutlich etwas schwerer gewesen, aber er hätte, wenn er gut gemacht ist, bei 110km/h die Fuchsröhre hinunter noch nicht einmal gezuckt. (und die geht eben nicht schnurgeradeaus! J) Und er hätte den Tritt der Rennfahrerin auch wirklich in Vorwärtstrieb verwandelt und nicht durch Verformung den Rahmen erwärmt.

 

Ali schreckte hoch. Um halb Zwei klingelte sein Wecker. Selbst für einen so erfahrenen Krankenpfleger wie Alfred, den wir Freunde einfach Ali nennen, war das Klingeln zu diesem Zeitpunkt eine Zumutung. Das Training war in diesem Jahr nicht so regelmäßig abgelaufen, wie Ali es eigentlich geplant hatte. Da war der Krankenstand unter den Kollegen, der immer Extra-Dienste im Gepäck hatte, da waren die eigene Rotznase und auch die älter gewordenen Knochen gewesen, die ein regelmäßiges Training verhinderten. Doch er war im letzten Jahr gefahren und es war eine spitzenmäßige Erfahrung gewesen. Einmal wie ein Radrennfahrer an einer richtigen Fernfahrt teilnehmen. 300km sollten es werden, von Duisburg nach Bensersiel. Letztes Jahr war ein 30er Durchschnitt dabei herausgekommen. Dafür, dass er kein Rennfahrer war und einen edlen Stahlrahmen-Randonneur (Reiserennrad) für die Fahrt benutzte, war das eine sehr stramme Leistung.

Doch dieses Mal war kein Transport nach Duisburg aufzutreiben und so plante Ali einfach und unkompliziert….. VON DÜSSELDORF SÜD NACH DUISBURG zu trampeln, dann von DUISBURG NACH BENSERSIEL, dann mit dem Bus wieder zurück und dann wieder VON DUIBURG NACH DÜSSELDORF SÜD zurück. Das es dadurch 370km werden, schien ihn dabei überhaupt nicht zu stören.

Nach einem guten Frühstück und auffüllen der Trinkflaschen, schlüpfte er in seine Rennrad-Klamotten und ging zu seinem für Ihn angefertigten Fahrrad, mit dem er schon so oft weite Touren abgestrampelt hatte. Der Wetterbericht versprach für heute Regen und heftigen Gegenwind. Doch Ali setzte sich einfach auf seinen dünnen Kohlefaser-Sattel und nahm den Lenker in die Hand. Er prüfte kurz, ob die Taschen für Essen, Trinken, und Ersatzteile an Ihrem Platz waren und startete dann auf seine 370Kilometer Strecke in 24Stunden.

Für einen alten Rennhasen war das Ganze bestimmt eine schaffbare und respektable Leistung. Doch Rennfahrer trainierten 30000km und mehr im Jahr, um so fit zu sein. Doch unser Ali ist auch mittlerweile an die 60Jahre alt und fährt ausschließlich in seiner Freizeit mit dem Fahrrad.

 

Ich weiß noch genau, wie Ali zu seiner Fahrradfahrerei gekommen ist. Vor Jahren hatten Willi und ich unserem gemeinsamen Freund zu diesem Fahrrad verholfen. Es kam so:
Eines Abends saß ich mit meinem Freund Willi vor einem Salat und einem Weizenbier und wir philosophierten über Gott, die Welt und über unsere Freunde.
„Was ist denn mit dem Ali los?“, wollte ich von Willi wissen.
„Den verheizen sie gerade!“

„Im Job?“

Willi nickte. „Den rufen sie Tag und Nacht an. Der hat kaum noch Zeit für sich. Jeder andere wäre schon umgefallen, doch sein Chef drückt ihm immer mehr Patienten aufs Auge. So wie Ali gestrickt ist, geht der an dieser Situation kaputt.“

Ich nickte schweigend.

„Er trainiert auch kaum noch, hat für seine Freunde keine Zeit mehr und ist nur noch jobtechnisch unterwegs. Das muss doch schief gehen!“

„Triffst du ihn denn noch?“

„Das wird auch immer seltener.“

Ali hatte sich in eine heikle Situation manövrieren lassen und seine persönliche Balance verloren. Er ignorierte seine körperlichen Bedürfnisse. Sein Verstand schwang das Zepter – und der Körper hatte pflichtgemäß zu funktionieren. Einen Ausgleich zwischen Stress und Entspannung oder zwischen Arbeit und Freizeit gab es bei ihm nicht mehr.

So eine Phase macht vermutlich jeder einmal durch. Und eine Weile geht das ja auch meist gut. Wird es aber zu einem Dauerzustand, enden solche Geschichten in einer gesundheitlichen Katastrophe. Selbst so eine geniale Konstruktion wie der menschliche Körper braucht regelmäßige Pflege und Aufmerksamkeit. Bekommt er diese über einen langen Zeitraum nicht, reagierte er empfindlich. Die vielen Menschen mit Rückenleiden, Kreislaufproblemen, Burnout und Stresserkrankungen sind der beste Beweis für diese These.

Mir fielen die Worte meines alten Kampfsport-Meisters wieder ein:

„Willst du deinen Gegner zu Boden werfen, nimm ihm zuerst seine Balance. Danach ist er fast wehrlos und leicht zu besiegen. Sorge im Gegenzug dafür, dass du deine Balance behältst, sonst wirst du das Opfer.“

 

Das besondere an den Weisheiten dieses alten Meisters war die Tatsache, dass der Bursche fast immer Recht hatte. Im Augenblick sah es auf jeden Fall so aus, dass Ali seine Balance verloren hatte.

 

„Hat er denn noch Zeit, überhaupt irgendwas an Sport zu machen?“, wollte ich wissen.

„Wann denn? Der kommt ja kaum noch zur Toilette!“, sagte Willi.

„Dann müssen wir ihm den Sport in seinen Alltag hineinstricken.“

„Wie soll das denn gehen?“, fragte Willi.

Ich musste wieder an meinen Meister denken.

„Was macht ihr Esel für ein Krafttraining in unserer Trainingsstunde? Gutes Training gehört in den Alltag hinein. Geht zu Fuß, fahrt mit dem Fahrrad zur Arbeit, stellt euch auf ein Bein, wenn ihr euch die Zähne putzt, oder legt das durchgestreckte Bein auf die Fensterbank, wenn ihr euch die Socken anzieht“,
hatte der uns immer wieder gemahnt.
Lange Zeit fand ich diese Sprüche eher lästig, aber später haben sie mir viel geholfen.

 

Was aber bedeutete dieses Wissen aber für unseren Freund?

„Wir lassen Ali einfach mit einem Fahrrad zu seinen Patienten fahren“, schlug ich vor.

„Dauert das nicht zu lange?“, warf Willi ein.

„Ich habe in meinem Auto einen Bordcomputer. Auf dem habe ich mir mal bei Stadtfahrten die Durchschnittsgeschwindigkeit anzeigen lassen“, erwiderte ich.

„Und, was hattest du da so im Schnitt drauf?“

„So um die 20 Kilometer.“

Willi machte ein erstauntes Gesicht. „Och, das ist aber wenig!“

„Und da waren die Einparkzeit und die Parkplatzsuche noch nicht mal mit eingerechnet“, sagte ich.

„Du hast Recht“, grübelte Willi, „da könnte man mit einem Fahrrad in der Stadt tatsächlich schneller sein“.

„Was glaubst du, warum es Rad-Boten gibt?“

„Das sind aber viele Kilometer, die da zusammenkommen. Da müsste Ali mächtig strampeln, wenn der seine ganzen Patienten mit dem Fahrrad besuchen will.“

„Vielleicht reicht ihm ja ein Tag in der Woche. An diesem einen Tag legt er halt alle Patienten auf einen engen Raum zusammen.“

„Und was ist mit all dem Krempel, den er immer dabei hat?“, fragte Willi.

„So ein richtiges Reiserad schmeißt so ein bisschen Krempel nicht um. Da kommen ein paar Ortliebs drauf und dann haut das schon hin.“

Gemeinsam schauten wir aus dem Fenster und musterten die vorbeifahrenden Radfahrer.

„Was für ein Fahrrad hat Ali eigentlich?“, wollte ich von Willi wissen.

„Ein Schweizer Tourenrad. Nettes Teil, aber es ist zu langsam.“

„Hat er nicht noch ein Rennrad?“

„Ja, aber da fährt er nie mit. Das ist ihm zu zappelig und unsicher.“

„Da hätte ich bestimmt was für ihn.“

Ich dachte spontan an ein auf Maß angefertigtes Renn-Reiserad, ein sogenanntes Randonneur. So ein Fahrrad konnte man so bauen, dass es verflucht schnell sein würde. Es würde ein gutes Licht haben, Gepäck in großen Mengen tragen können und dabei immer noch so schnell sein, wie ein Rennrad. Mit Alis Pflegetaschen am Träger und einer auffälligen Farbe wäre es bestimmt ein echter Hingucker.

Auf den Packtaschen würde unter dem Logo des Anbieters in großen Lettern geschrieben stehen:

 

„Für sie treten wir richtig (r)ein!“ Wir sind der Rennservice der häuslichen Krankenmedizin.“

 

Ich sagte leise zu mir selbst:
„Durch den Trick mit dem Fahrrad würde er zu seinem körperlichen Ausgleich kommen. Gleichzeitig hätte er Gelegenheit, die Patienten während des Radelns aus dem Kopf zu verbannen. Er würde auf der Fahrt von einem Patienten zum nächsten runterkommen. Ich denke, das würde ihn wieder auf Kurs bringen.“

Ich musste an den Burnout-Lehrgang denken, den ich vor einiger Zeit besucht hatte. Der Tenor war, dass die Betroffenen im Vorfeld des Erschöpfungszustands meist euphorisch waren und gar nicht merkten, dass sie körperlich ausbluteten. Was diesen Menschen fehlte, war ein körperlicher Ausgleich und eine Zeit geistiger Ruhe. Das alles würde Ali sich auf dem Fahrrad holen können. Und er würde nicht einmal seine rare Freizeit dafür opfern müssen.

„Ali wird vermutlich das Fahrrad nehmen, weil es damit schneller geht. Dass es für ihn körperlich besser ist, wird eher nebensächlich sein“, dachte ich laut vor mich hin.

„Triffst du Ali demnächst? Wenn ja, erzähl ihm von unserem Plan und jage ihn mal zu mir in den Laden“, forderte ich Willi auf.

„Mach ich, geht klar!“

 

Monate Später hatte er seinen Randonneur und er liebt ihn immer noch. Dem beruflichen Stress ist er damit auf jeden Fall davon geradelt. Wenn man sich mit Ali 50Kilometer von zu Hause verabredete, kam er natürlich mit dem Fahrrad angeradelt. Dabei sah er eigentlich in keiner Weise gestresst aus. Es war für Ihn normal geworden auch solche Distanzen zu absolvieren. Er war eben unser Ali mit dem Eisenhintern geworden.

 

Heute aber schob er seinen Randonneur auf die Straße und startete zu seinem ganz persönlichen, großen Abenteuer, 370km in 24Stunden. Ein Blick auf die Uhr ergab, dass es pünktlich um 2.30Uhr los ging. Die erste Etappe, heute Morgen, führte ihn zum Start nach Duisburg um 4.00Uhr. Da es stockfinster war, schaltete Ali das Nabendynamo-Licht an. Es hat schon etwas edles, auf so ein Abenteuer mit einem alten Freund als Fahrrad zu starten. Man fühlt sich zu Hause, wenn man sich auf den Sattel setzt und wenn das Rad genau das tut, was es tun soll. Dazu gehören für Ali aber keine Batterielampen, die immer dann ausgerechnet leer sind, wenn mal sie am nötigsten braucht. Auch die Möglichkeit, einen ordentlichen Gepäckträger zu montieren und mit großem Gepäck auf eine Reise zu starten, ist für einen ordentlichen Randonneur unverzichtbar. Ja, er mag schwerer sein, wie ein Alu oder Kohlefaserrenner, aber das Ziel ist heute Nacht wieder hier in Düsseldorf und das ist 370Kilometer weit weg und dann werden wir sehen, wie gut Ali und sein Renner wirklich sind.

 

Kurz vor 4.ooUhr traf Ali am Start ein. Sofort machte sich das Gefühl vom letzten Jahr breit. Viele der Teilnehmer vom letzten Jahr waren diesmal auch dabei. Man begrüßt sich und schwatzt aufgeregt miteinander. Jeder schnappt sich noch eine Banane, füllt die Getränkeflaschen auf, startet die Navi-App und dehnt vorsichtig seine Muskeln, denn der Tag wird lang. Um Punkt 4.00Uhr geht es los. Jeder sucht sich eine Gruppe und versucht dem strammen Gegenwind im Windschatten zu entgehen. Die Führung muss abwechselnd jeder einmal übernehmen. Solange die Gruppe gut harmoniert, fährt jeder kurze Zeit im Wind und kann dafür lange Zeit im Windschatten mitgleiten. Die Muskeln sind noch gut drauf und der Energiespeicher zu bersten gefüllt, doch dass soll sich heute ändern.

Alle 50km (im Schnitt) ist ein Verpflegungspunkt. Hier wird ordentlich aufgetischt und jeder kann nach seinem persönlichen Geschmack Pause machen und zulangen. Auch werden alle Nahrungsmittel-Vorräte werden aufgefüllt. Aber man muss auch im Auge behalten, dass man wieder in eine gute Gruppe finden muss, denn 370km bleiben 370km. Also sind stundenlange Picknick-Unterbrechungen zwar möglich aber in diesem Moment vermutlich ziemlich dämlich. Wieder einmal gilt es Balance zu halten, denn eine Pause ist wichtig, auch wenn sie Zeit kostet.

 

Am Vormittag ist wieder einmal so ein Service Point. Und Ali erlebt und berichtet folgendes:

 

Nach dem Service Point in Georgsdorf bei 150km (Für mich 185km), schlägt der böige Wind auf freier Strecke erbarmungslos zu. Die ersten Kilometer nach der kurzen Pause laufen recht flüssig. Wir fahren, trotz des zum Teil strammen Gegenwinds, einen 26er Schnitt, die kleine Gruppe wird von einigen gut trainierten und erfahrenen Radlern angeführt. Die Navigations APP zeigt 26,7 km bis zur nächsten Abbiegung, wahrscheinlich geht es wieder in einen Kreisverkehr und dort die 2. Ausfahrt wieder hinaus, also eigentlich stur gerade aus ! Die Jungs sind schnell, zu schnell!! Immer wieder muss ich aus dem Sattel gehen, um das Hinterrad der Anführer zu halten. Der Wind kommt aus westlicher und nordwestlicher Richtung und wirklichen Windschatten gibt es im Augenblick nicht.Ich hatte mich bisher mit meiner eng anliegenden Regenjacke über der Funktionsunterwäsche pudelwohl gefühlt. Kein chill-out, aber angenehm warm.Jetzt aber läuft mir der Schweiß im leichten Rinnsalen vom Rücken hinter in die Radhose. In der Unterlenker Position ist zwar der Druck auf den Pedalen größer und meine Gegenwind-Silhouette kleiner, aber das Atmen fällt mir immer schwerer, die Nackenmuskulatur beginnt zu schmerzen. Ich verliere immer wieder kurz den Anschluss und muss mich regelrecht rankämpfen und mir geht immer wieder durch den Kopf, dass der Tag noch lang ist. An Führungsarbeit verschwende ich keinen Gedanken mehr und der Blick auf’s Navi demoralisiert mich. Es dauert noch ewig bis zum nächsten Service Point. „Du darfst jetzt nicht abreißen lassen“, schreit eine Stimme in meinem Kopf!!  Dieser verdammte Wind lässt einfach nicht nach. Immer wieder mache ich mich klein, lege meine Ellbogen an und ignoriere Atemnot und Schmerzen. Mein Kalorienspeicher ist vollkommen leer gesaugt. Hier rächt es sich das erste Mal wirklich, dass ich nur Wasser in meinen Trinkflaschen habe, denn an Essen ist bei der Leistung nicht zu denken. Auch mental geht fast nichts mehr, meine Konzentration und mein Durchhaltewille ist im Augenblick einfach gebrochen. An einer Baumgruppe fahre ich raus und gönne mir eine Pause. Ich halte an, steige von meinem Fahrrad, das mich phantastisch bis hier hin gebracht hat. Ich entere meine Verpflegungstasche, gehe ein wenig auf und ab, esse mehrere handvoll meiner geliebten Mandeln und spüle das ganze mit Wasser nach. Es ist eine Wohltat. Da ich dringend Kohlehydrate brauche, würge ich auch eins von diesen ekelhaften Zucker-Honig-Müslis hinterher. In meiner Birne geht langsam wieder das Licht an. „So, Anschluss ist so wie so verloren, dann sind auch noch ein paar Dehnungseinheiten für die strapazierten Beinmuskeln und Lockerungsübungen für den verspannten Nacken drin“.  Nach einer gefühlten Ewigkeit und mindestens 20 weiteren vorbei radelnden Teilnehmern kehren meine Lebensgeister und vor allen Dingen auch mein Kampfgeist wieder zurück.„Der Tag ist noch LANG!“ Wieder im Sattel läuft’s sofort wieder erstaunlich gut. Ich genieße meine kampferprobte Sitzposition und stürze mich ins Getümmel. Ich finde sogar Anschluss an eine weit voraus fahrende Gruppe.Das war also die Ursache: viel zu wenig Kalorien für diese Windverhältnisse gebunkert. Ich habe wieder dazugelernt!Wie Ali mir das berichtet, muss ich sofort an mich und meinen Laden denken.  „Hat das philosophische Vehikel Fahrrad mal wieder eine Lehre für mich parat? Habe ich nicht auch bis zu Umfallen gekämpft? Habe ich nicht auch anhalten müssen und von meinem Sattel absteigen? Und? Werde ich auch nach einer Pause, ein wenig ruhigem Dahinspazieren und einem ordentlichen Auffüllen der Speicher, die Welt wieder aus einem ganz anderen Blickwinkel sehen? Werde ich dann auch wieder Aufsteigen und ein neues Stück Weg zurücklegen? Ali`s Geschichte macht mir auf jeden Fall Mut!“  Unser Ali ist auf jeden Fall am Abend in Bensersiel gelandet und hat es sich gut gehen lassen. Da der Rücktransport erst stattfinden kann, wenn alle Mitfahrer im Ziel eingetroffen sind, hat er einige Stunden Pause. Alle die eintreffen sind glücklich und müde. Jeder ist stolz, dass er es wieder geschafft hat. Alle sind immer noch aufgedreht, auch wenn der ausgelaugte Körper, im Augenblick, nur nach ein wenig Nahrung und einem Bett schreit. Ali schwatzt mit einigen von den Mitfahrern und man lässt die vergangenen Stunden noch einmal an sich vorüberziehen.

„Ein jeder ist heute ein Held“!

Wenn Ali wieder zu Hause ist, ist er 370km in 24Stunden gefahren und hat es auf einen 26,8er Schnitt gebracht. Wir Freunde gratulieren ihm und feiern ihn wie einen Helden, denn das ist er für mich auf jeden Fall!

 

Willi besuchte mich direkt nach Alis Fahrt in meinem Laden. Ich erzählte ihm von dem leichten ALU Fahrrad und der traurigen Runde ich damit gedreht hatte. Willi schwieg lange und hatte einen seltsamen Gesichtsausdruck drauf.
„Hast du Ali verfolgt“?
Ich lächelte, da ich wusste das wir Freunde alle seine Transponder-Kennung hatten und ihn auf Schritt und tritt verfolgt hatten.
„Klar, wer nicht! Der Teufelskerl! Im Gegenwind ohne großes Training! Eine riesige Leistung!“
Plötzlich änderte Willi seinen Gesichtsausdruck.
„Ich will auch so ein Fahrrad, bevor du aufhörst. Hörst du! Du musst mir auch so ein Fahrrad bauen und irgendwann versuchen wir dass auch. Selbst wenn ich in Wesel in den Besenwagen steigen muss. Ich muss es versuchen. Ich würde morgens um 5.00Uhr eine Stunde trainieren, bis ich so fit bin, dass ich mich traue und wenn ich ein Leben lang nur dafür trainiere, ist dass komplett in Ordnung. Was meinst du? Ist das verrückt?“
Ich kannte diesen Gesichtausdruck und der sah nicht nach „Vielleicht“ aus. Dieser Gesichtsaudruck hatte uns zu tollen Pedelecs verholfen und hatte uns bei einem Rennradtraining auf dem Nürburgring mitfahren lassen. Ja, ich kannte diesen Gesichtsausdruck!
„Hmm? Ich denke schon! Du schielst mit einem Auge auf deinen Ruhestand, dein Körper hat über 50Jahre dem Rheuma getrotzt und du bist 1.90Meter groß und schwer! Ja..! Das ist verrückt!“
Doch Willi schaute mich an, wie ein kleiner Junge eine Spielzeugeisenbahn im Schaufenster.
„Thomas, du machst zu! Junge, dann ist es vorbei! Stell dir doch mal vor, ich könnte mit so einem Fahrrad hin und wieder trainieren. In der Zwischenzeit hänge ich es in meiner Werkstatt an die Wand und setzte mich mit einer Flasche Trapistenbier darunter. Ich glaube dafür würde sich das Alles lohnen! Was meinst Du? Für jeden von uns so ein Fahrrad?“
„Ich nehme einfach Olliseins,“ entgegnete ich schon überzeugt!Für meinen Sohn Oliver hatte ich den Grundtyp aller edlen Reise-Rennräder aus unserem Haus erfunden. Für sein Fahrrad hatten wir einen Randonneur mit dem edlen Columbus-Rohr eines Helios Fahrrades kreuzen lassen. Das Helios war das vielleicht beste Stahl-Fahrrad der Gegenwart und ein leichtes und äußerst stabiles Reiserad. Der Rahmen dürfte mit das Beste sein, was an Stahlrahmen zu Bauen ist. Die Rahmen-Geometrie entliehen wir uns bei einem bestehenden Randonneur, der sehr viel kleiner war und statteten es mit den besten Teilen aus. Natürlich wurde das Fahrrad immer weiter optimiert, bis es den jetzigen Zustand besaß. Und dieses Rad ließ ich von meinem Lieblings-Hersteller für die Körpermaße meines Sohnes bauen. Wie Olli das Rad bekam, war es ein Prototyp und der Rahmen musste zweimal neugebaut werden, bis das Fahrrad seine volle Begeisterung entfalten konnte. Da mein Sohn genau so groß ist wie ich, tauschen wir gelegentlich unsere Fahrräder. Dadurch kann ich auch seinen Randonneur benutzen. Der Projektname dieses Fahrrades war natürlich „Olliseins“ und so tauften wir es auch. Jahre später hat Olli mit uns gemeinsam, auf diesem Fahrrad, eine große Radreise unter die Räder genommen und hat, rund um Holland, unter Beweis gestellt, dass so ein federleichter Stahlrahmen deutlich mehr kann, als nur leicht sein.
„Meinst du wir können „Olliseins“ als gedankliche Basis für mein Fahrrad benutzen?“
„Ich denke, Olli leiht dir bestimmt mal sein Fahrrad und wir fahren gemeinsam auf den Messeparkplatz und analysieren mal, was zu dir passt.“
„Au ja! Mann…. Das wäre toll!“
So begann unser vielleicht letztes Projekt. Über Wochen haben wir „Olliseins“ gefahren, die Übersetzung analysiert, die Sitzposition durchleuchtet und Willi das Fahren mit dem Rennlenker näher gebracht. Willi ist 150km mit dem Fahrrad gefahren und hat sich so seinem Traum immer weiter angenähert. Die Schwierigkeit zeigte sich immer mehr darin, dass das Rad sehr leicht, extrem stabil, extrem schnell und recht sonderbar ausgestattet werden musste, da die möglichen Übersetzungen für einen ernsthaften Reiserenner nicht im Ansatz möglich waren. Auch die Bremsen waren im serienmäßigen Zustand eher nett als wirklich rennmäßig. So haben wir uns mit unserem Taugenix kurz geschlossen (Kapitel 4 I had a Dream), da er zwei genial verfeinerte Randonneure sein eigen nennen durfte. Für eines davon, hat er sich spezielle Schalthebel aus den USA organisiert. Durch diese Schalthebel kann eine komplette MTB Technik eingesetzt werden. Damit kann Übersetzung, sowie die Bremsen auf absolutes Race-Niveau gebaut werden.
Für unseren Lieblingshersteller, der dieses Fahrrad wieder einmal für uns fertigen soll, sind diese Schalthebel aber absolutes Neuland. Und so muss er erst einmal von der Geschichte überzeugt werden.  Dieses Fahrrad versprach wieder einmal ein echt krasses Projekt zu werden, wenn man mal davon absieht, dass ich gerade dabei war, meinen Laden aufzulösen, meinen Nachfolger ins Spiel zu bringen, den beruflichen Alltag zu überstehen und mich von den Kunden zu verabschieden.
Nach einem Telefongespräch mit meinem Lieblingshersteller, witterte dieser direkt, dass wir da an einer tollen Idee dran waren und bot seine Mithilfe an.
„Damit konnte es losgehen“.
Während ich eher technische Probleme zu überwinden hatte, war das größte Problem für Willi, der Projektname. Nachdem wir ein paar mal drüber geredet hatten, war er für mich klar:
„Willis Traum!“
Ich sah Willi abends vor seinem Fahrrad sitzen und mit einem zufriedenen Lächeln, sein einzigartiges Stück betrachtend.Willi aber, der über die letzten Jahrzehnte viele unserer Fahrradprojekte begleitet hatte und immer mit mir diskutieren musste, meinte das:
„Just last Edition“,
das Richtige wäre.  Ich musste spontan schmunzeln und verstand die Idee, aber mir war das deutlich zu theatralisch. Nach vielen Gläsern Rotwein, Weizenbier und etlichen Salaten, sprang uns fast gleichzeitig der richtige Name ins Hirn:
„Ergebnisgrinsen“, denn genau das ist der Grund, für den sich alle einzusetzen.  Ali, der mit großer Heldenhaftigkeit eine Leistung an den Horizont malt, denen wir nacheifern können. Willi, der jeden Morgen um 5Uhr aufsteht, um das Fahrrad würdig beherrschen zu lernen. Ich, der große Freude daran hat, solch edle Fahrräder zu denken und realisieren zu dürfen und nicht zuletzt mein Lieblingshersteller, der mitten in der Saison alles stehen und liegen lässt, um so einer verrückten Idee nachzulaufen. Wir alle lieben schnelle Fahrräder und können uns unbändig freuen, wenn wieder eins mehr auf die Straße gefunden hat. Und, wenn sie irgendwann, auf dem Weg von Duisburg nach Bensersiel einen weißen Randonneur mit der Modellbezeichnung „Ergebnisgrinsen“ und eins mit der Bezeichnung „Olliseins“ am Wegesrand stehen sehen, dann wissen sie, dass wir es gewagt haben. „Und Grinsen, ist dann definitiv erlaubt!“

 

 

Kapitel 15
Kapitel 17