Mein kleiner Fahrradladen

So langsam kommt für mich die Zeit, die letzten begeisterten Projekte anzugehen. Eines davon, ist mein spezielles I:SY als Familien-Einkaufs-Reiserad. Und ja, es stimmt, das ist eine echt sperrige Bezeichnung aber sie beschreibt auch ein absolut schräges Fahrrad. Aber vielleicht erzähle ich besser von Anfang an:

Eigentlich habe ich mich immer als Fahrrad-Tuner verstanden. Wobei sich für mich ein Tuner nicht dadurch auszeichnet, dass er ihrem Auto einen heftigen Spoiler auf ihren Kofferraum schraubt oder den Rechner illegal manipuliert. Für mich ist ein Tuner ein Versteher & Bessermacher. Einer, der mit einem Fahrzeug fährt und fühlen kann, wo die Stärken und die Schwächen liegen. Oder besser noch, der erkennt welcher Fahrer zu so einem Fahrzeug am besten passt und was sich für diese Persönlichkeit an diesem Fahrzeug ändern muss.
Natürlich spielt bei dieser Vorstellung auch meine Motorsport Vergangenheit eine gewichtige Rolle. Denn wenn sie mit einem Fahrzeug viel intensive Zeit verbringen wollen und eine große Strecke, angenehm zurücklegen wollen, spielt eben auch grundlegende Eigenschaften wie Leistungsfähigkeit, Beherrschbarkeit, Bequemlichkeit und vor allen Dingen auch der Fahrspaß eine elementare Rolle. Seien wir doch mal ehrlich, steigen sie nicht auch viel lieber auf ihr Fahrrad, wenn es ihnen unbändig Freude macht damit zu fahren, obwohl es draußen dunkle Wolken hat und es vielleicht sogar nieseln könnte? Ich denke, es geht dabei eigentlich nicht nur um technische Details, sondern eher um ein Gefühl, um eine Emotion beim Fahren.

Ich fahre jetzt so viele Jahre mit meinem Fahrrad und noch immer feile ich an meinem Fahrstil herum. Dabei sollte ich es doch nach so vielen Jahrzehnten wirklich gelernt haben. Aber es geht mir beim Fahrstilfeilen nicht ums Schneller und Besser werden. Vielmehr ist für mich mein Fahrrad so etwas wie ein Musikinstrument, das zu Spielen verstanden werden will. Und es ist mir immer wieder ein großer Genuss, wenn mir eine schwierige Passage gut gelungen ist. Für dieses gute Gefühl und um hin und wieder einmal kindisch spielen zu können, müssen sich Nichtradfahrer Zeit nehmen, müssen vielleicht sogar irgendwo hinfahren und vielleicht sogar einen Mitgliedbeitrag bezahlen und mich bringt mein Spiel nebenbei auch noch zur Arbeit oder zu meinem Ziel. Was für eine Genialität! Aber der Antrieb zum Fahrradfahren, ist für mich immer noch das Spiel mit dem Fahrrad und die Emotionen, die damit verbunden sind.

 

Ich habe einen guten Kunden, der sich Hauptberuflich mit dem Spielen beschäftigen muss, da der bei den Philharmonikern Cello spielen darf. Das Musikspielen ist sein Beruf und in seinem Falle auch sicher eine Berufung. Ich habe ihn hin und wieder sehen und hören dürfen, wenn er sein Instrument spielt. Er ist dann ganz in seinem Element und zu hundert Prozent in dieser einen Sekunde gefangen. Er spielt nicht sein Cello, sondern man hat den Eindruck das Cello spielt und er bedient es nur. Die Emotionen werden dabei so deutlich herübergetragen, dass es einen regelrecht vom Stuhl haut. Dieser Mann kam eines Tages zu mir in den Laden, weil er nach seinem Spiel oft Stunden braucht, um wieder normal an seiner Umgebung teilnehmen zu können. Da so eine hohe Leistung auch Stress bedeuten kann und eine hervorragende Fitness erfordert, (Sonst wird der Stress schnell unerträglich!) kam er auf die Idee, ein Fahrrad in sein Leben zu lassen. Er hatte den Wunsch, damit zum Konzert zu Fahren und vor allen Dingen nach dem Konzert wieder nach Hause. Er versprach sich eine körperliche Anstrengung in der frischen Luft und damit auch wieder einen klaren Kopf. Eben eine Entspannung. Aber es sollte ein Fahrrad werden, das zu Ihm passt, wie sein Cello.

 

Bei dem ersten Beratungsgespräch habe ich ihm aufschließen können, dass er mit einem geeigneten Fahrrad eigentlich nur das Instrument wechselt. Das er dann aber dabei kein Publikum hat und das er nur für sich allein spielt. Es galt für ihn ein Fahrrad zu finden, dass ähnlich einem passenden Instrument, zu seiner Art und seinen Fähigkeiten passen muss. Denn würde man unserem Cellospieler eine Trommel in die Hand drücken, wäre er vermutlich etwas später nicht mehr Berufsmusiker, obwohl er sicher auch darauf herrlich spielen könnte.

Gemeinsam haben wir ein passendes Fahrrad gefunden, haben an der Sitzposition und den technischen Details gefeilt und er hat sein persönlich-individuelles Fahrrad gebaut bekommen

Heute fährt er seit vielen Jahren mit seinem Fahrrad zu seinen Auftritten und er pflegt und liebt sein Fahrrad genau so wie sein Cello. Für ihn bin ich so etwas wie sein Geigenbauer geworden, der sein Instrument immer liebevoll pflegt und in Schuss hält.

„Welche Ehre“.

Letztens kam seine Frau zu mir in den Laden und brachte ihr Fahrrad zu Inspektion. Dabei erklärte ich ihr, dass wir unser Geschäft aufgeben und ich zu meinem Kollegen Peter Rewald ziehen werde. Auf einen Schlag wurde sie ziemlich einsilbig und wirkte sehr betroffen.

„Das ist aber traurig! Auch wenn ich sie gut verstehen kann, so trifft uns das ganz stark. Vielleicht erzählen sie mir mal von ihren Beweggründen. Sie und mein Mann verkaufen doch Emotionen. Sie beide spielen mit den Phantasien, mit einem guten Gefühl und das ist doch so wichtig in unserem heutigen Alltag! Sie können eigentlich gar nicht aufhören“

„Au ja,…… sie haben ja SO Recht!“ Erwiderte ich ein wenig geknickt.

„Manchmal fühle ich mich wirklich wie der Geigenbauer ihres Mannes. Ich bekomme ein Material in die Hände, welches noch recht roh und unfertig daher kommt. Und doch kann ich den Klang schon hören oder in meinem Falle den Fahrspaß schon fühlen. Es ist so, als wollte er nur noch hinaus. Ich habe dann ein Bild vor den Augen, was an diesem Fahrrad verändert werden müsste, welche Körperspannung und Sitzposition dazu passt und welcher Fahrer, wie damit fahren sollte. Ich muss dieses Gefühl dann nur noch herausarbeiten und das ist manchmal nicht einfach. Immer wieder Verändern und anschließend Probe fahren. Wenn ich es dann fertig habe und dann der Richtige vor mir steht, dann weiß ich es! Der ISSET! Ihm kann ich dann dieses Fahrrad zeigen und so beschreiben, dass er neugierig damit eine Proberunde dreht. Wenn ich dann gut gearbeitet habe, dann ist das wie bei ihrem Geigenbauer, dann muss das Cello seine Arbeit machen oder in meinem Fall das Fahrrad. Dann müssen die Emotionen und der Fahrspaß rüberkommen und den Fahrer begeistern. Wenn der Fahrer dann von seiner Runde zurückkommt, dann weiß ich, ob ich aus dem Rohmaterial Fahrrad ein Instrument geschaffen habe und ob dieser Fahrer, Freude daran hat.
Und ihr Mann hat definitiv Freude an seinem Fahrrad, denn sonst würde er nicht 5000km im Jahr damit zurücklegen.“

„Mein Mann wird sehr traurig sein“, antwortete die Dame immer noch betroffen!

„Ja, ich auch! Aber ich bin ja immer noch für zwei Tage in der Woche erreichbar.“

„Da haben sie auch wieder Recht“.

 

„Ich würde es ihrem Mann aber gerne selber sagen“.

„Ich weiß nicht ob ich diesem Druck standhalten kann, aber er hat ja in zwei Wochen eh noch einen Termin bei ihnen.“

Wir schauten uns einen Augenblick schweigend und traurig an. Seine Frau durchbrach dann irgendwann diese Situation.

 

„Was ist denn eigentlich aus ihrem aktuellen Fahrrad-Projekt geworden?“

„Sie meinen mein Pfeilgift-I:SY? Soll ich es ihnen zeigen“?

Ohne eine Antwort abzuwarten, wendete ich mich um und stürmte bereitwillig die Treppe hinauf. Die Dame folgte mir geduldig. Oben angekommen ging ich in meine I:SY Ecke und zeigte auf ein monströses, mit kleinen Rädern und vielen dicken geraden Rohren gearbeitetes, knatschgrünes Kompaktrad, mit roten Packtaschen.

„Darf ich vorstellen, unser Pfeilgift-Frosch!“

Bei dem Wort Pfeilgift-Frosch strahlte ich stolz über alle vier Backen und machte mit meiner Mimik deutlich, dass ich den Namen trotz des ulkigen Aussehens sehr ernst gemeint hatte.

„Das ist doch so etwas wie ein Klapprad, oder“, sagte die Dame leicht amüsiert.

Sofort war ich in meinem Element und ließ meinem Hirn freien Auslauf:

„Das lassen sie besser nicht Martin Kuhlmeier hören. Er hat die I:SY`s nämlich erfunden. Er hat sie sich ausgedacht und sie sind nicht zu klappen. Er hat seinen Fahrrädern einen Rahmen, mit einem langen Radstand, mehreren kräftigen Dreieck-Rohrverbindungen und eben 20Zoll Laufrädern gegeben. Aber er hat sich auch aus dem Ideen-Pool der Klappräder bedient. Der Lenker ist lang ausziehbar, ebenso der Sattel, das Vorderrad kann man nach hinten drehen um das Fahrrad kürzer werden zu lassen und die Pedale kann man klappen. Alles zusammen ist ein I:SY. Das hier ist aber ein besonderes I:SY. Es ist eine übergroße und überstabile Version. Alles ist dicker, größer, stabiler, weiter ausziehbar und mit dem besten E-Antrieb ausgestattet, der zur Zeit bei E-MTB eingebaut wird. Damit das zusammen perfekt funktioniert, hat die Firma Rohloff extra eine besondere Schaltung erfunden:

-Die elektrische angesteuerte Rohloffschaltung-,

Denn nur mit dieser Gangschaltung kann und darf der starke E-Antrieb seine volle Leistung entfalten“.

Die Dame hörte mir amüsiert zu und genoss anscheinend, wie ich voller Tatendrang lossprühte und komplett zu ignorieren schien, dass ich ja eigentlich mein Geschäft aufhören wollte. Immer wieder lockte sie meine Begeisterung heraus.

„Das hört sich ja mal spannend an“.

Ich ließ mir so eine Einladung natürlich nicht zweimal sagen. Sofort sprudelte ich weiter:

„Eigentlich wollten wir dem Fahrrad einen Namen eingravieren! Nach einigen Probefahrten waren wir uns einig, der Name „Gimli“ wäre passend. Denn der tapfere Zwerg, aus Herr der Ringe, soll vor einem Kampf, bei einer passenden Gelegenheit gesagt haben:

GLAUBT mir, meine Größe, spielt KEINE Rolle!

Und genauso fährt das Ding auch. Raubautzig, laut, kantig und ist auf kurzen Distanzen ein echter Sprinter (Der Satz ist auch aus Herr der Ringe)

 

Die Geschichte hat aber ganz unspektakulär begonnen. Ich habe eigentlich schon sehr früh von diesem Fahrrad gehört. Mein befreundeter Außendienstler von der Fa. Hartje berichtete hin und wieder von dem Vorschritt bei diesem speziellen XXL I:SY. Frank berichtete, dass Martin (Der Erbauer) mit einem I:SY sogar auf große Radreisen fuhr. Bei einer eigenen Recherche stieß ich auf eine Geschichte wo eine Familie, gemeinsam mit zwei Kindern im Anhänger auf I:SY Reiserädern auf eine Riesen-Radreise ging. Nun muss man aber wissen, dass Martin Kuhlmeier nicht so groß ist wie ich, kein Ergonomieexperte ist und auch ganz spezielle Modelle bauen kann. Und das tut er auch hin und wieder ……..!

Die I:SY`s mit denen ich aber arbeite sind Lizenz-Nachbauten, die streng nach den Regeln Martin Kuhlmeier gearbeitet werden. Von daher fehlt mir Martin als Ansprechpartner und als inspirierende Kontrollinstanz. So gibt es für mich zum Verkaufen und zum Weiterentwickeln halt nur die Standart I:SY`s.

So sehr ich diese kleinen Dinger verehre und auch verkaufen kann, so käme ich im Leben nicht auf die Idee, mit so einem Gerät auf eine große Radreise zu gehen. Als Gelegenheit-macht-Diebe-Fahrrad sind die Dinger aber auf jeden Fall ein Knaller und viel erwachsener als man ihnen zutraut, aber als Reiserad?? Nein da ist mir mein maßangefertigtes Edel Fahrrad definitiv lieber.

 

Ich erinnere mich noch genau, wie ich meiner Frau so ein Rad für unsere Ausstellung schmackhaft machen wollte, denn ich hatte die Räder schon viel frührer, mit ihren Erbauer, bei den VSF Versammlungen gesehen. Stolz hatte er sie präsentiert, während ich eher verhalten um sie herum schlich. Erst eine Proberunde brach bei mir das Eis. Dann war es aber um mich geschehen. Vergessen war das oft klapprige und zappelige Fahrverhalten eines Faltrades. Die Dinger sahen zwar mickrig aus, aber sie hatten es faustdick hinter den Ohren. Schnell begriff ich, dass sich da einer voll ausgetobt hatte.

Als ich meiner Frau mit großer Begeisterung von diesem Fahrrad vorschwärmte, schaute sie mich nur etwas armselig an:

„Das ist nicht dein Ernst! Das Ding ist hässlich! Klein und hässlich! Hast du mal auf den Preis gesehen? So etwas will doch keiner!“

So etwas wollte ich natürlich nicht hören.

„Nicht so voreilig, junge Dame! Du musst damit fahren, es ist wie Musik machen, echt! Glaub mir! Echt! Fahr mal damit!“

Widerwillig schnappte sich meine Frau so ein Fahrrad und schob es in Richtung des Testparcours. Dann setzte sie sich drauf und fuhr los. Schnell wurde sie kleiner und schmetterte flott um die Hindernisse. Es folgte eine Runde nach der anderen und das Gesicht hellte sich immer mehr auf. Nach ein paar Minuten blieb sie wieder bei mir stehen.

„Das glaubt die keiner!“

„Ist das Ding krass“?

Meine Frau lächelte mich begeistert an:

„Das ist der Hammer! Wie stabil und handlich das Rad fährt. Du denkst, es hat große Räder. In keinem Moment fühlt sich das Rad wie ein Faltrad an. Du hat Recht, das Ding ist wie Musik“!

„Was meinst Du? Ob wir so etwas verkauft bekommen“?

„Wir können uns ja mal zwei Räder hinstellen. Dann werden wir sehen.“

„Vorher aber, musst du noch das I:SY mit dem Bosch-Motor fahren!“

„Du bist Irre! So ein Floh mit so einem Motor“?

Meine Frau lächelte verschmitzt und ich konnte die Auswirkungen des I:SY- Virus schon erkennen.

„Doch! Musst du mit fahren! Da ist mal echt vorne“!

Mit leichtem Kopfschütteln und einem neugierigen Grinsen setzte sich meine Frau auf das I:SY Pedelec und fuhr auf den Testparcours. Entgegen ihrer Art, feuerte sie recht beherzt um die Hindernisse. Nach einer Weile hielt sie grinsend vor mir an.

„Ich bleib dabei! Das glaubt dir keiner“!

„Aber denk mal, wir hätten ein Wohnmobil und wir wollte ein Fahrrad für alle Gegenden, alle Gelegenheiten und für die unterschiedlichsten Fahrer mitnehmen…?“

„…. Oh ja, dafür ist das Ding gerade zu ideal.“

 

 

In den folgenden Jahren war ein I:SY als Ausstellungsstück ein ständiger Gast in unserem Laden. Hundebesitzer, Kleingewachsene, Wohnmobilbesitzer und Leute mit einem kleinen Keller wussten es sehr zu schätzen. Sicher war dabei wichtig, dass wir es selber sehr gerne fuhren.

 

Immer wieder nervte mich mein Außendienstler-Freund Frank, ob man aus so einem Zwerg nicht auch ein Reiserad entwickeln könnte.

„Denn Martin“, so hörte ich immer wieder, “baut auch so Dinger als Reiserad.“

Über zwei, drei Jahre konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, so ein Fahrrad auf einer Radreise zu benutzen. Wenigstens nicht bei meiner Körpergröße und bei meinem Gewicht. Dann aber kam Frank mit der Übergroßen und Überstabilen Version. Sie solle ein zulässiges Gesamtgewicht von 180kg aushalten und Firmen wie by Schulz (Lenksysteme und Federstützen) und Rohloff würden speziell für dieses Rad neue Sachen auf den Markt werfen und der Motor würde ein ungedrosselter CX Boschmotor sein. Dazu muss man Wissen, dass die meisten Boschmotoren im Drehmoment gedrosselt sind, weil sie sonst die Gangschaltung in Stücke reißen würden. Nur einige wenige Kettenschaltungen und die Rohloffschaltung würden so eine unbändige Kraft aushalten. Rohloff würde sogar, gemeinsam mit Bosch, eine elektrische Ansteuerung erfinden, damit der Motor im Moment des Schaltvorganges, den Antrieb kurz unterbrechen kann.

Frank gab sein bestes, um mir sein Traumrad schmackhaft zu machen.

 

In der Papierform war das Rad bestimmt ein Tiger,…. aber in der Realität?

 

Dann wurden wir auf eine Hartje-Messe eingeladen und der Vertreter von der Firma Rohloff hatte ein erstes Testmuster dieses XXL I:SY`s auf dem Stand stehen. Frank zerrte mich regelrecht auf den Stand und parkte mich vor diesem, nur für die Optik zusammen gezimmerten Fahrrad. Frank und ich blickten skeptisch auf diesen „Kampfzwerg“.

 

„Kann Thomas damit mal ein paar Meter fahren“, fragte Frank den Standinhaber, der gerade in einem Gespräch vertieft war. Herr Regge, (so hieß der Standinhaber), schaute uns tief und abschätzend in die Augen ohne sein Gespräch ernsthaft zu unterbrechen,

„Geht nur bis zum 7ten und ist eigentlich nicht zum Fahren gedacht!“

„Geht klar“!

Dann schnappten wir das Gerät und schoben es vor die Türe. Ich setzte ich mich so vorsichtig drauf, als wäre es ein wildes Tier. Dann fuhr ich los und ließ es einfach mal laufen.

„Mein Gott war das Ding heftig! Eigentlich passte an dem Ding noch gar nichts zusammen, aber das Grundgefühl, das dieses Fahrrad ausstrahlte, war einfach umwerfend. Es war steif wie eine Betonwand, wendig wie ein MTB und auch ohne Strom ausgesprochen schnell zu fahren. Sogar die nur teilweise funktionierende Rohloffschaltung passte auf das Fahrrad wie eine Faust aufs Auge.“

Anschließend drückte ich es schweigend meiner Frau in die Hand und ließ sie mit dem Ding fahren. Auch sie ging sehr vorsichtig an das Gerät heran und auch in ihrem Gesicht konnte ich erkennen, dass da irgendetwas etwas drin steckt, was sich zu bergen lohnt.

 

Auf dem Weg nach Hause redete ich mit Heike pausenlos über das Fahrrad.

„Wenn wir doch demnächst viel Zeit haben, dann brauchen wir doch nicht mehr, mit dem Auto, am Samstag, zwischen Laden und Atemtraining, den Großeinkauf machen. Wir könnten dann mal eben in den Bauernladen nach Meerbusch fahren und uns immer tolle frische Sachen kaufen.“

„Au ja, wir suchen uns ein tolles Rezept und kaufen uns die frischesten und besten Zutaten dafür.“

„…Und das machen wir dann mit einem Fahrrad. Mit dem Familie Just Einkaufs-Auto. Eine Kiste Wasser vorne auf den Gepäckträger und vier fette Hecktaschen an den Reisegepäckträgern.

„Da sollte viel reinpassen. Eine gute Idee.“

„Wir könnten das Ding auch klein machen und mit der Bahn mal eben irgendwo hinfahren. Quasi eine, halb Bahn/halb Fahrradreise.“

„Du willst aus dem Rad so eine Art Lastenrad machen“?

„Nein, nein! Du kennst meine Meinung, Lastenräder sind für Großfamilien, Lieferanten, Handwerker und Radboten ein echter Zugewinn, aber NUR wenn sie auch passen und das tut definitiv keines von denen. Oder willst Du mit so einem Kindergarten-Express mal freiwillig, ohne Kinder, mit deinen Freunden auf Fahrradtour gehen? Ich versteh das eh nicht! Die Kinder werden erwachsen und dann hast du einfach ein Fahrrad über. Nein! Das Ding soll kein Lastenrad werden, ich denk da an etwas mehr. Ich stelle mir ein Lastenfähiges-Allround-Reiserad vor. Ein Gelegenheit-macht-Diebe Fahrrad der Extraklasse.“

 

Meine Frau kannte den Gesichtsausdruck und schmunzelte:

„Du bist irre! Echt! Aber das Ding wäre ein schöner Abschluss für unseren Laden. Sozusagen unser Abschiedsrad! Ich glaube das ist ein guter Plan. Das sollten wir machen.“

 

Zu Hause rief ich Frank an und teilte ihm unseren Entschluss mit, ein I:SY Projekt aus der Taufe zu heben. Ein paar Tage später war Frank bei uns im Laden und wir bestellten ein eiliges Testmuster. Kaum hatte ich dieses gute Stück halbwegs fertig entwickelt, wollte ein guter Kunde, auch ein Mensch meines Kalibers, damit fahren.

„Und, zack, war mein Prototyp verkauft!“

Dieser Kunde musste es unbedingt haben! Aber ich war ja noch nicht fertig mit meinen Entwicklungsideen. So musste ich mir also einen neuen Prototyp besorgen. Nur war der jetzt in Grün.

„So wird es jetzt halt ein Frosch!“

Die Dame schaute mich immer noch geduldig und lächelnd an.

„Und, warum hören sie jetzt wirklich auf? An ihrer fehlenden Begeisterung für tolle Fahrräder kann es definitiv nicht liegen. Sie schwärmen ja immer noch so wortgewaltig, wie ein 6jähriger nach einem Zirkusbesuch. Also,… wo hapert es denn wirklich? Müssen wir uns Sorgen machen?

Bei dem letzten Satz schaute mich die Dame durchdringend, besorgt und ernsthaft an.

Ich verstand sie, freute mich über ihre Sorgen und erwiderte ihren Blick ein wenig traurig und betroffen.

 

„Wissen sie, das Fahrrad hat mir viel beigebracht. Als philosophisches Hilfsmittel hat es mir eine ganz neue Welt aufgeschlossen. Es hat mir ins Hier und Jetzt geholfen, hat mich den Stress ablegen lassen und hat mich mit anderen Menschen interagieren lassen, von denen auch nicht immer nur alle gut drauf sind. Aber es hat mir auch viel über mich selber sichtbar gemacht. Ich habe gelernt, meinen inneren Schweinehund zu einem Freund werden zu lassen und mich mit ihm zu arrangieren. Dabei ist er immer leiser geworden. So entstand ganz leise in meinem Hinterkopf eine neue Stimme. Eine Leise, die man so einfach überhören und wegzappen kann. Und ich habe sie immer wieder mal überhört. Immer wieder hat sie mir zugeraunzt:

 

Achtung hier ist eine Grenze! Lass es, tu es nicht, dass geht doof aus!

 

Und regelmäßig bin ich danach in irgendeinem Vorgarten gelandet, oder habe mit irgendwelchen Stress-Überlastungs-Symptomen flachgelegen oder habe wieder einmal ein Krankenzimmer von innen kennen lernen dürfen. Ja ich kenne und schätze diese leise Stimme! Sie ist mir mittlerweile ein guter Ratgeber geworden. Und dieses eine Mal möchte ich sie nicht überhören.

Es ist das Gefühl, als wenn sie einen langen Berg hinauf radeln. Natürlich brennen die Beine, die Lunge rasselt und der innere Schweinhund bläst sich zur vollen Größe auf. Alles Das, ist man gewohnt und gehört zu dem Spiel. Wenn aber kurz vor dem Gipfel plötzlich alles ganz einfach erscheint, dann kann man manchmal ganz plötzlich eine leise Stimme hören, die zu dir sagt:

„Hör auf! Du hast es übertrieben! Trink dir was, such dir ein Cafe und gönn dir einen Kuchen! Ist genug jetzt!“

Eigentlich solltest Du dann in dich hinhören und einmal nicht den Held machen. Nicht wenn du an so einer Stelle schon ein paar Mal abgeflogen bist.

Und diese Stimme hat sich in letzter Zeit bei mir im Laden breit gemacht.

 

„Hör auf! Trink dir was, such dir ein Cafe und gönn dir einen Kuchen! Ist genug jetzt!“

 

Und dieses Mal werde ich nicht über die Grenze gehen, dieses Mal werde ich nicht abfliegen. Ich bin jetzt hoffentlich alt genug, um wenigstens zu mir selber weise zu sein. Ich glaube, jetzt ist es Zeit abzusteigen, einen Schluck zu trinken und vielleicht ein Cafe zu suchen. Vielleicht steige ich ja etwas später wieder auf mein Fahrrad. Aber jetzt ist es an der Zeit abzusteigen und eine Pause zu machen!“

Die Dame schaute mich eine Weile nachdenklich und schweigend an.

„Ja! Das versteh ich! Manchmal ist es einfach Zeit abzusteigen! Trotzdem ist es Schade! Vermutlich haben sie Recht! Aber es ist auch so unvorstellbar schwer, die Stelle zu erspüren, wo es genug ist. Schauen sie sich alleine die Angestellten in den Firmen vor, die mit Burnout ausfallen. Eine meiner Bekannten ist jetzt seit 2 Jahren mit der Diagnose Burnout krankgeschrieben und nichts rechtfertig so ein Leid! Kein Chef, keine Karriere, kein Geld, kein Kunde und keine Selbstbestätigung ist es Wert, dafür am Ende so zu leiden.“

Ich nickte und pflichtete ihr bei:

„Ja, genau! Und meine Knochen und mein Kreislauf laufen auch nur auf Notstrom. Er ist einfach Zeit aufzuhören, auch wenn es gerade wieder richtig Freude macht. Im Kopf bin ich immer noch so begeistert und verrückt wie in der ersten Stunde. Doch jetzt ist es Zeit abzusteigen. Ich werde etwas Neues finden und vielleicht etwas, wo ich wieder mit Menschen und Technik spielen darf. Nur diesmal nicht mit 50-60 Stunden schwerer körperlicher und geistiger Arbeit. Jetzt sollten 10-20 Stunden ausreichen um meinen Spieltrieb zu befriedigen.“

Die Dame nickte mir zu und lächelte:

„Sie sind auf dem richtigen Weg und wenn ihre altruistische Ader sie wirklich mal vom Haken lässt, ist das für sie bestimmt genau richtig. Ich gönne ihnen den neuen Freiraum und ich bin mir sicher, dass sie irgendwie weiter machen werden“

Dann lächelte Sie mich an, winkte mir kurz zu und ging zur Türe.

„Ich muss jetzt aber weiter! Dann bis Morgen! Und ich weiß noch nicht, ob ich wirklich dichthalten will.“

Ich winkte ihr zurück und erwiderte.

„Ist schon in Ordnung!“

 

Ich blieb noch eine ganze Weile stehen und dachte über das Gesagte nach. Dann viel mir mein Frosch ins Auge und er schien mir zu zuraunzen:

„Komm Junge! Wollen wir nicht mal eben schnell eine Runde drehen! Haste Lust“

Ich drehte mich um und sah die verlockend aufstehende Ladentür…….

Kapitel 14
Kapitel 16