Mein kleiner Fahrradladen

Peter kenne ich schon sehr lange. Er betreibt seinen Fahrradladen –re-Cycler- am Zoo. Zu der Zeit, wie wir unseren Fahrradladen auf der Schloßstraße hatten, waren wir direkte Nachbarn und nur einen Kilometer Luftlinie auseinander. Peter hatte sich einen schönen, nostalgisch anmutenden, kleinen Fahrradladen „aufgebaut“, wie es sie vermutlich auf der ganzen Welt hin und wieder zu finden gibt. In seinem Geschäft gibt es viel zu stöbern und es gibt auch wild zusammen gewürfelte Fahrräder aller Gattungen und Ausführungen. Peter hatte schnell seine Kundschaft gefunden und behielt in den letzten 28 Jahren, in dem ich ihn jetzt kenne, seinen künstlerischen und nostalgischen Stil immer bei. Angefangen hatte er mit der Idee, professionell, gebrauchte Fahrräder aufzubauen. Später kamen auch immer mehr besondere Fahrräder dazu. Hin und wieder liefen wir uns über den Weg und erzählten uns den typischen Fahrradhändler-Smalltalk.

„Und wie läuft`s bei Dir`?“

„Gut!“

„Und die Reparaturen?“

„Auch gut!“

„Hast Du mir die große Frau geschickt?“

„Welche Große… ? Ach die, ja die habe ich geschickt. Ich konnte der nicht helfen, da habe ich an dich gedacht.“

„Danke! Ich konnte Ihr helfen!“

„Ich muss dann weiter! Bis dann!“

„Oh ja, bis dann!“

Ich vermute wir belauerten uns wie zwei Boxer im Ring. Dabei hatten wir voreinander großen Respekt und wir behandelten die Kunden des anderen Geschäftes genauso freundlich wie die Eigenen. Selbstverständlich prüften wir dabei die Fahrräder des anderen Geschäftes auf Herz und Nieren und ich war mir sicher, dass Peter das auch tat.

 

Zu dieser Zeit hatte ich gerade meinen kleinen Kultladen gegen ein großes Ladenlokal eingetauscht und träumte davon, nicht mehr in beengten Räumlichkeiten arbeiten zu müssen. Endlich mal Platz für unsere vielen Ideen. Bekleidung wollten wir anbieten, günstige, erstklassige Fahrräder und natürlich meine Edelräder. Wir führten zu dieser Zeit Fahrräder der Marken Koga, Gazelle, Simplon, Patria und Giant. Wir waren Mitglied in einem Einkaufsverband der Fahrradhändler geworden und versuchten so günstige Preise und hochwertige Qualität miteinander kombinieren zu können. Die Fahrräder, die wir von der ZEG angeboten bekamen, waren zum Teil echt exzellent. Mit unserem Fahrrad-Verstand kauften wir für unser Vorhaben gezielt das Beste ein, änderten die Sitzposition oder die Bereifung und hatten schnell eine Modellpalette brauchbarer Reise-Tourenräder für den kleinen Geldbeutel zusammengestellt. In Verbindung mit einer sehr persönlichen Beratung, boten wir so unseren Kunden die Möglichkeit ein preiswertes und trotzdem edles Rad zu erwerben.

Doch die Realität war dann doch noch ganz anders und ich musste sehr schnell lernen, dass alte Kaufgewohnheiten schwer zu durchbrechen sind und dass es nicht geben kann, was ein Marketing nicht zulässt. Denn preiswert und gut, dass mag zwar in Märchenbücher und in der Vorstellung normalen Menschen eine anzustrebende Eigenschaft sein, aber in die Realität gehört dieser Gedanke leider nicht. Denn wir mussten lernen, dass Billig auch billig auszusehen hat. Unser Mitwettbewerber der ZEG drehte an den Fahrrädern in seiner Ausstellung mit Ach und Krach die Lenker gerade und präsentierte sie auf einer riesigen Fläche mit einem riesigen Spektakel und zum dem gleichen Preis wie wir. Nach meiner Vorstellung waren wir mit unserer Beratung und der kostenlosen ergonomischen Anpassung klar im Vorteil. Doch wir mussten erleben, dass die Kunden lieber bei dem Großen kauften, weil es dort so ernsthaft billig aussah. Bei uns sah das gleiche Rad aber sehr edel, hochwertig aus und dass ging mit billig eben gar nicht zusammen. So mussten wir erleben, dass die unmontierten Fahrräder des großen Kollegen massenweise verkauft wurden, während wir zum gleichen Preis, die gleichen, aber edel verfeinerten Modelle nicht an den Mann oder die Frau bekamen.

 

Irgendwann machte dann noch zusätzlich eine Filiale einer sehr großen und marktbeherrschenden Kette von Fahrradgeschäften bei uns um die Ecke auf. Mir war sofort klar, was das bedeutete. Entweder ich gab meine Idee von tollen Rädern zum kleinen Preis sofort auf und verkaufte unmontierten, frisch importierten Fahrradmist oder ich verwandelte mich wieder in einen kleinen edlen Laden, wie zum Beispiel den von Peter. Manchmal bewunderte ich ihn mit seinem Laden schon ein wenig. Ich hatte die letzten Jahre von 8Uhr morgens bis 22.30Uhr abends gearbeitet, während zu Hause kleine Babyfüßchen über den Teppich liefen. Unser Sohn Oliver wuchs halb zu Hause und halb im Fahrradladen auf. Dabei wechselte ich mich mit meiner Frau mit der Hausarbeit ab. Peters Laden lief während dessen einfach unspektakulär durch die Zeit. Da kann man schon in Versuchung kommen, einfach auf den leichten Weg umzusteigen und buntbemalten Mist zu verkaufen.

Zwei Jahre lang stellte ich mich trotzdem den beiden großen ZEG Kollegen und setzte ihnen auch ordentlich zu. Dann aber drehte unser eigentlicher Platzhirsch auf. Er fühlte sich in seiner Existenz bedroht, kaufte eine kleine Fabrik in der Innenstadt und eröffnete dort einen XXL Laden. Anschließend bekamen sich die zwei Großen richtig in die Haare und ließen keinen Stein mehr auf dem anderen. Genau zu dieser Zeit wurden mein Vater und mein Schwager schwer krank. Beide starben nach einigen Monaten und wir blieben mit der Frage nach dem Sinn des Lebens zurück. Genau in dieser Zeit bot mir die ZEG einen XXL Laden an, den ich nur zu führen brauchte. Alles andere würde für mich geregelt. Welche Herausforderung! Welche Verführung!

Um für uns eine Entscheidung zu treffen, setzte mich mit meinen Freunden, Angestellten, meiner Frau und meiner Schwägerin hin und wir schmissen unsere persönlichen Vorstellungen und Wünsche in einen Topf. Heraus kam, dass wir immer noch eine gute Zeit erleben und verkaufen wollten. Einer von uns verglich uns mit einem Biobauern, der auch immer wieder aufs Neue versuchen muss, seinen Weg zu finden. Genau so wollten wir das auch wieder neu versuchen. So traf ich die Entscheidung, dass wir unseren großen Fahrradladen in der Innenstadt schließen und einen kleinen aber hochspeziellen Fahrradladen am Rande der Stadt eröffnen wollten. Maßangefertigte Reiseräder hatte ich ja schon immer verkauft, wenn auch meist nach Feierabend und als Ausnahme. In dem neuen kleinen Laden aber, wollten wir diese Räder zum Dreh und Angelpunkt des Ladens werden lassen. Das hatte zwar noch keiner erfolgreich versucht, aber wir wollte es trotzdem versuchen. Vielleicht musste edel ja nur noch VIEL EDLER werden, damit es erfolgreich zu verkaufen war. Ein kleiner Laden, vielleicht einer so ähnlich wie der von Peters re-Cycler, kombiniert mit einer geilen Webseite, mit vielen Geschichten über die edlen Räder, die tollen radfahrenden Menschen obenauf und die Kunst diese Räder gekonnt zu Fahren.

„Ja! Das wollten wir machen! Einen kleinen, heftigen, spinnerten Fahrradladen wollten wir aufbauen!“

„Und wir haben ihn aufgebaut und wie wir Ihn aufgebaut haben. Von überall sollten die Radfahrer zu uns pilgern“.

 

Heute, sind knapp 15Jahre vergangen und ich habe für viele Kunden, viele tolle Fahrräder ausgedacht. Ich habe mit Einarmigen und Einbeinigen genauso gearbeitet wie mit 45kg oder 200kg Figuren. Wir haben Fahrräder für 145cm große Menschen und für 210cm große Mensche gebaut. Doch das Schönste dabei waren eigentlich die Geschichten und Weisheiten der Fahrer. Ein Jeder hatte seine Individualität, seine Besonderheit und seinen ganz persönlichen Stil. Mal galt es auf die Schultern Rücksicht zu nehmen und mal auf die angeschlagenen Kniegelenke. Das größte Lob war immer, wenn die Kunden zur ersten Inspektion, die eigentlich so bei 300km gemacht werden sollte, schon 1000km drauf hatten, weil es so toll fährt. Dabei haben wir fast so viel Umsatz gemacht, wie mit dem großen Laden. Die großen Läden wurden mir immer gleichgültiger und wir hatten unseren Platz gefunden. Peter hat immer noch seinen verträumten Laden, aber wir hatten eine gute Zeit und wir haben auch für unsere Kunden versucht, ihnen zu einer guten Zeit zu verhelfen.

 

Doch auch wir werden alt, aller verrückten Ideen zum Trotz. Mein Kreislauf und meine Knochen zwingen mich und meine Freunde immer mehr in die Knie. Mittlerweile brauchen wir das ganze Wochenende um uns wieder für die Arbeit fit zu machen. Jeden Tag muss ich trainieren um nur ganz normal sein zu wollen. Vor einigen Monaten hatten Heike und ich uns parallel eine Lungenentzündung eingefangen. Wir hatte uns diese nette Errungenschaft von einer Tour mitgebracht. Da wir unsere Kunden aber nicht vor den Kopf stoßen wollten, wenn sie nach langem Warten endlich einen Termin bei uns hatten, haben wir uns trotz Krankheit tapfer (oder besser DUMM) in den Laden gestellt. Aber Beiden wurde uns auf einmal klar:

„Es ist vorüber! Die Zeit der 60 Stunden Wochen, das Stapeln von einer Anzahl nicht endenden Fahrrad-Kartons, gleichzeitig Kunden beraten, Steuerunterlagen bearbeiten, für den Arbeitsschutz lernen, auf Lehrgänge gehen, Werbungen ausarbeiten, Mitarbeiter ausbilden, mit den Herstellern verhandeln, neue Produkte testen und technische Verbesserungen entwickeln, dass war uns einfach zu viel geworden. Auch wenn wir für den Beruf brannten, so ging das nicht mehr weiter, wenn wir nicht nahtlos vom Laden in die große Kiste verlegt werden wollten!“

 

So fassten wir schweren Herzens den Entschluss für unseren Laden einen Nachfolger zu suchen. Nun sollte sich rächen, dass wir immer mit Freunden gearbeitet hatten. Denn andere Läden zogen sich einfach einen Nachfolger aus den Mitarbeitern groß und zogen sich nach und nach aus dem Geschäft zurück. Doch wir machten aus den Mitarbeitern Freunde oder aus Freunden Mitarbeiter. Da war kein passender Nachfolger in Sicht. Doch unser Laden lief gut und wir dachten, dass es kein Problem werden sollte, einen jungen Nachfolger zu finden, dachten wir!

Dachten wir!

Wir nahmen uns ein Jahr Zeit um einen Nachfolger zu finden. Wir nahmen Verbindung mit der Handwerkskammer, verschiedenen Unternehmensbörsen, der Meisterschule, mit unseren langjährigen Lieferanten und vertrauten Kollegen auf. Der Nachfolger brauchte nur die Ware zum Einkaufspreis bezahlen und würde alles Andere kostenlos dazu geschenkt bekommen. Ja, ich würde den Nachfolger sogar in meine Kundschaft einführen und ihm einige Monate Unterstützung gewähren. Das Ergebnis war ernüchternd. Viele nette, aber branchenfremde Neulinge oder Interessenten ohne einen Euro in der Tasche. Meinem Lieblings-Lieferanten bot ich an, für ihn einen werksnahen Stützpunkladen aufzuziehen, den er dann nur noch zu führen brauchte. Oder einem Kollegen bot ich an, für ihn eine Filiale aufzuziehen.

„Alles verlief im Sand! Anscheinend hatte keiner Interesse daran, für eine gute Arbeit gutes Geld zu verdienen!“

Dabei lief der Laden aber immer noch auf VOLLGAS und wir kamen mit den Reparaturen und Neuaufbauten kaum hinterher. Die Vorstellung, dass ich an irgendeinem Tag beginnen musste, meinen Kunden zu eröffnen, dass die Zeit der ergonomischen Fahrräder der Vergangenheit angehört, brach mir fast das Herz. Der Gedanke daran, dass unsere gesammelten Geschichten und Weisheiten rund um die Fahrräder verstummen würden, machte mich so unglaublich traurig. Dabei hatten es die deutschen Fahrradfahrer so bitter nötig, mehr über das Radfahren zu lernen und Fahrräder zu besitzen, auf die sie Stolz sein konnten. Aber Markt ist Markt, Geld ist Geld und entscheidend ist am Ende das Marketing und das hatten die Großen feste im Griff.

 

Vermutlich war ich, für die einen, ein Dinosaurier, ein Relikt einer vergangenen Zeit. Schließlich ist es problemlos möglich hunderttausende von Kunden an der Nase herum zu führen und trotzdem den Gewinn zu verdoppeln. Ich sag nur Diesel und Facebook! Was zählt da ein Versprechen? Was bedeutet da der Begriff „Wertvoll“? Wo ist da Platz für einen Meister? Ich kann schon verstehen, dass da einige Interessenten zurückzucken, wenn ich ihnen zu verstehen gebe, dass ich meine was ich sage und dass es mir um die Kunden und ihre Fahrräder geht und dann erst um das Reichwerden.
Dabei muss ich direkt an Waldemar denken. Waldemar ist der zweite Mann bei meinem Lieblingshersteller und als Verkaufsleiter mein regelmäßiger Gesprächspartner. Ich kenne ihn schon seit seiner Anfangszeit in dieser Firma. Seine Vorgängerin war Inge und die hatte es faustdick hinter den Ohren. Sie hatte mich damals in den Fahrradverband VSF „zwangsverpflichtet“ und hatte meinen Weg bei meinem heutigen Lieblingshersteller geebnet. Sie lebte und starb für ihre Produkte und rieb sich an diesem Job so auf, dass sie irgendwann mit einem heftigen Burnout die Szene verlassen musste. Welch ein Verlust. Sie war das marketingmäßige Rückgrat, ein total verrückter Kobold, grünalternativer Fahrradspinner durch und durch. Doch sie „verbrannte“ in dem Job immer mehr und wurde am Ende immer „durchsichtiger“ und auch in den Aussagen unglaubwürdiger. Denn eine regelmäßige Schwierigkeit war immer der Liefertermin. Die Kunden mussten immer 6Wochen auf ihr Fahrrad warten und da ist es nur gut zu verstehen, wenn ihnen am Ende die Zeit lang wird und sie zum Telefon greifen und ein wenig drängeln. Diese Drängelei leite ich natürlich unmittelbar an den Verkaufsleiter des Herstellers weiter. Dabei passe ich genau auf, was für eine Geschichte bei diesem gerade gespielt wird, denn mir ist natürlich klar, dass auch bei dem Hersteller „der Kittel brennt“ und er immer dem Zeitplan hinterherrennen muss. Da ist es leichter eine gut ausgedachte Geschichte abzuspielen, als die wirkliche Situation zu analysieren und an mich weiter zu geben. Nur ist es für mich nicht hilfreich, wenn sich die Geschichten beginnen zu widersprechen. Was soll ich dann dem Kunden sagen?

Wie Inges Zeit in dieser Firma zu Ende ging, war klar, dass Waldemar in den Startlöchern stand. Inge merkte das und entwickelte eine tiefe Abneigung gegen ihn, was ich auch gut verstehen kann. Wenn ich mit Waldemar telefonierte, riet ich ihm den Kontakt zu Inge freundschaftlich aufrecht zu halten, auch wenn sie immer mehr an Boden verlor.

„Denn wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es irgendwann auch hinaus, auch wenn der Hall erst etwas später zu hören ist.“

Das tat Waldemar dann auch. Ich begleitete Inges Übergang in eine neue Firma und eine neue Zukunft ein Stück und dann trennten sich unsere Wege. Irgendwann rief ich Waldemar an, weil ich wieder einmal einen Drängler am Telefon hatte. Am anderen Ende des Telefons spielte auf einmal eine Geschichte, die ich schon von Inge kannte.

„Da ist eine Lötstelle………. Lackierer krank…….. Farbe ausgegangen… u.s.w.“

Ich nahm mir Waldemar direkt zur Brust:

„Du…..Waldemar?! Wollen wir die Gilde der Kaufleute gründen? Keiner belügt den Anderen, egal um was es geht! Ein Wort ist ein Wort und wird nicht gebrochen, auch wenn es einem gerade nicht passt. Wir machen Geschäfte auf Zuruf und können uns auf den anderen Geschäftspartner und sein Wort verlassen. Wenn einer schwindelt, dann bin ich das an der Theke, denn ich stehe hier an der Kundenfront. Wenn sich aber unsere Schwindeleien überschneiden, leidet am Ende nur der Kunde und danach, mit einem gewissen Zeitversatz, wir beide. Wir sollten also beide an einem Strang ziehen. Gemeinsam verkaufen und bauen wir das beste Fahrrad für diesen einen Kunden. Ist er zufrieden, bin ich es. Bin ich mit meinem Lieblingshersteller zufrieden und verkaufe so immer mehr Fahrräder, so ist der Hersteller auch zufrieden. Mehr Fahrräder bedeutet auch mehr Arbeit und die ist die Vorraussetzung für ein gutes Betriebsklima und für deine nächste Gehaltsverhandlung. Ich denke wir sitzen in einem Boot. Wenn wir uns also verstehen und erfolgreiche Geschäfte miteinander machen sollten am Ende alle dabei gewinnen. Was meinst Du? Wollen wir die Gilde der Kaufleute gründen?“

Am anderen Ende des Telefons war ein grübelndes Schweigen. In Gedanke sah ich Waldemar zu seinen Kollegen seltsame Zeichen gestikulieren, getreu dem Motto:

„Was für ein Spinner!“

Doch Waldemar sagte nach einer kurzen Wartezeit ernsthaft und echt bewegt:

„Hört sich gut an! Das sollten wir genau so machen!“

 

In den letzten Jahren haben Waldemar und ich, die wildesten Geschäfte genau so miteinander ausgetragen. Mal hatte er ein blaues Auge dabei, mal ich und mal wir beide. Aber stets hatten wir den Kunden im Auge. Die seltsamen Geschichten hörten auf, die Termine konnten wir meist einhalten und wir konnten gemeinsam Fahrräder realisieren, die am Rande des Vernünftigen und Ausführbaren waren. Beide haben wir so Geld für unsere Firmen verdient, haben uns nie gezankt und waren uns immer sehr verbunden. Ich fand, dass man so Geld verdient und eine gute Zeit hat. Irgendwann habe ich Waldemar danach gefragt, wie viel Mitglieder unsere Gilde hat. Er antwortete:

„Zwei! Leider! Du kannst dir gar nicht vorstellen, was uns hier für Geschichten erzählt werden! Immer sind wir alles Schuld!“

„Aber Waldemar, verdienen wir zwei so nicht Geld? Arbeiten wir nicht schnell und reibungslos miteinander? Hast Du einen Kunden über uns meckern hören? Bin ich nicht so einer deiner umsatzstärksten Händler geworden?“

Waldemar zögerte einen Moment dann sagte er:

„Und trotzdem sind wir zwei alleine mit unserer Einstellung! Leider!“

„Und? Machen wir trotzdem weiter?“

„Was für eine Frage!“

Waldemar war für mich mittlerweile auch ein alter Meister geworden. Obwohl er nach Jahren gar nicht so alt war. Es hat mir stets viel Freude gemacht mit ihm und seinem technikverliebten Kollegen Markus zusammen zu arbeiten. Wenn wir für Einarmige und einbeinige Radfahrer oder für Figuren mit 45kg oder 200kg oder für 145cm große Menschen und für 210cm große Menschen Fahrräder realisiert haben, dann auch zum Teil, weil diese Kollegen genau so fahrradbegeistert waren, wie ich.

„Waldemar….., Markus…. Vielen Dank dafür! Aber leider sind wir Dinosaurier. Wir sind nicht so leicht austauschbar, wir sind manchmal schwierig lenkbar. Wir haben eine eigene Meinung und halten damit nicht hinter dem Berg und ecken daher manchmal an. Aber wir MEINEN was wir sagen und wir sagen was wir meinen! PUNKT!“

 

Für die Leute, die der Meinung sind, dass die Dinosaurier mit Recht ausgestorben sind, ist unser Laden vermutlich nur eine anstrengende Möglichkeit um auch keine ernste Karriere zu machen. Einer der Interessenten hatte von Fahrradfahren eigentlich keine große Ahnung, wollte aber schnell viele Filialen aufmachen. Er wollte Fahrräder mit einem Alleinstellungsmerkmal, mit einer hohen Verdienstspanne und einfacher Verkaufstechnik finden und vermarkten. Als ob davon der Markt nicht mehr wie voll ist. Wenn ich eines lernen durfte, dann dass, das in schwierigem Gelände ein guter Fahrer gewinnt, während auf der Autobahn immer der mit dem größten Auto gewinnt. Dabei muss er aber immer auf der Hut sein, denn der Feind des Großen ist der GRÖSSERE. Wir mögen unsere Kunden nur aus zwei Prozent aller Fahrradfahrer rekrutieren, aber die haben meist mehr Enthusiasmus, Fahrradverstand und Begeisterung wie die anderen 98Prozent zusammen.

 

Ein weitere Name der mir einfällt ist mein vertrauter Vertreterfreund und selbst ein großer Meister, Ralf Stambula. Bis heute ein großer, hoch dekorierter Rennfahrer, selber Trainer und Vertreter für eine der edelsten holländischen Fahrradmarken. Er hat einmal zu einem vorlauten und unangenehmen Kunden gesagt:

„Sie sagen, sie können perfekt Fahrrad fahren? Nein, können sie nicht! Sie können die Pedale bewegen und den Lenker drehen, aber Fahrradfahren können sie nicht. Dazu gehört viel mehr. Dazu gehört Verstand und Gefühl. Dazu gehört langes Training und die Fähigkeit mit anderen Menschen auszukommen!“

Dann hat er ihn verdutzt stehen lassen.

Für die einen ist unser Laden ein Dinosaurier Laden und einfach unerreichbar und für die anderen ist er einfach nicht gewinnorientiert genug. Ich kann meine Nachfolger mit ihrer Skepsis verstehen. Wenn sogar jahrzehntelange Kollegen (der familienfreundliche, linksorientierte Edelladen) nichts, als nur Spott für uns übrig hat, wie soll da ein Fremder den Mut aufbringen so einen Laden zu übernehmen.

 

 

Eines Morgens fuhr ich mit meinem Fahrrad, in meine Gedanken versunken, an Peters Laden vorbei. Spontan hielt ich an und fasste mir ein Herz und erzählte ihm von meinen Plänen, den Laden zu schließen.

Peter schaute mich unendlich traurig an:

„Nicht noch einer?! Nicht Du! Der Eggert ist weg, der Pestka ist weg, wir werden immer weniger und die „Buntbemalten“ werden immer mehr!“

„Wir können ja was zusammen machen?!“

„Was stellst du dir vor? Alt genug sind wir ja für so einen Blödsinn! Ich habe mit meiner Stammmarke auch gerade großen Zank. Ich habe sie zwar mit aufgebaut, aber jetzt wollen sie von uns Kleinen nichts mehr wissen. Jetzt sind nur noch Glaspaläste bei denen gut angesehen.“

„Ich hätte da einen kleinen, sehr komplizierten Hersteller, den ich seit über 30Jahren kenne und bei dem ich zu den umsatzstärksten Kunden gehöre. Das Verkaufen und Beraten ist schwierig und die Kunden sind selber Profis. Ein echt schwieriges Gelände!“

Er schaute mich verschmitz an.

„Ein schwieriges Gelände, eine kleine edle Herstellerfirma und dich vielleicht dabei an Bord? Das könnte man wagen und dass wäre ganz bestimmt ein Spaß!“

„Du bist aber selber über 60Jahre alt!“

„Ja und? Die fette Kohle müssen wir beide nicht mehr verdienen und ich ziehe gerade einen vermutlichen Nachfolger groß, der das dann auch direkt lernen könnte.“

Ich lächelte ihn an und dachte mir:

„Endlich mal wieder ein echter Spinner. Ich habe zwar keine Ahnung wie zwei alte Dinos in so einem kleinen Laden zusammenarbeiten sollen, ohne dabei alles umzuwerfen, aber einen Versuch wäre es wert. Ich könnte zwei Tage in der Woche geile Räder bauen, würde meine Kunden wiedersehen, könnte meine Geschichten weitertragen und könnte vielleicht, gemeinsam mit einem anderen alten Meister, ganz neue wilde Dinger aushecken. Und wenn es schief geht……? Kann ich immer noch alter Rentner werden!“

Ich nickte und sagte:

„Wir sollten uns mal zusammensetzen und darüber reden!“

Er hielt mir seine Hand hin,

„Hand drauf?“

„Hand drauf!“

 

Jetzt sind viele Wochen vergangen und wir haben oft zusammengesessen und Pläne geschmiedet. Mann, ist das eine Erleichterung, wenn du einen echten Kaufmann vor dir hast, einen alten Meister. Einer der sein Wort hält und meint was er sagt und sagt, was er meint. Ich glaube wir verstehen uns.

 

„Wir müssen nur noch deinen Lieblingshersteller zu uns ins Boot ziehen und ihn von unserer Allianz überzeugen“,

meinte Peter, bei einem Treffen.

„Da kannst Du entspannt bleiben, Waldemars Wort und die Zustimmung des Chefs habe ich bereits!“

„Dann können wir doch vielleicht zu Dritt einen gemeinsamen Messeauftritt planen. Quasi drei alte Meister auf neuen Wegen!“

„Tolle Idee!“

Und genau so haben wir es gemacht und es war eine riesige Party. Viele Kunden waren da, um uns drei zusammen zu erleben. Es war ein tolles Gefühl.

Kapitel 13
Kapitel 15