Mein kleiner Fahrradladen

Mein alter Freund und mittlerweile Rentner-Mitarbeiter Walter ist ein spitzenmäßiger Elektro-Ingenieur. Wie sie bereits wissen, hatte ich mit ihm gemeinsam den Fahrradladen der ersten Tage „großgezogen“. Wir waren, und sind heute wieder, ein hervorragendes Team. Gemeinsam haben wir viele Fahrräder erdacht und dann auch spitzenmäßige Räder auf die Beine gestellt.

Nach der studentischen Arbeit bei mir und mit einem abgeschlossenen Studium in der Tasche, begann er eine Beschäftigung mit allem was ein Ingenieursherz erfreut. Doch dann gab es wieder einmal eine der zahllosen betrieblichen Umstrukturierungs-Maßnamen und Walter landete nach einigen Wechseln, in der Verwaltung der angefallenen Arbeitslosen. Auch das war ein wichtiger Job und auch hier brauchte es einen guten Mann, aber hatte er dafür studiert? Konnte er hier sein spezielles Wissen einbringen, von dem die Firma profitieren wollte und sollte? Was war mit dem Nachwuchs, hatte der irgendwann einen guten alten Ingenieur als Chef?

Vermutlich konnten alle, inklusiver er selbst, damit leben und gut auskommen, aber war das das Ziel gewesen?

 

 

Hand auf´s Herz. Warum gehen sie arbeiten? O.K. ich verstehe, ohne Geld können auch sie nicht leben. Ja, das kann ich verstehen. Ich glaube ja auch, dass es übel ist, wenn sie am Ende eines langen Arbeitstages nicht genug im Portemonnaie haben, um für sich und die Ihren noch etwas zu Essen aufzutreiben. Aber schauen wir doch mal etwas genauer hin. Die meisten von uns fahren zwei Mal im Jahr in Urlaub, haben regelmäßig Fleisch auf dem Teller und haben ein großes Auto vor dem Haus stehen. Und, arbeiten wir wirklich nur für`s Geld? Immer da wo es die fette Kohle gibt?

„Echt jetzt“?

Ich bin der Meinung, dass das Betriebsklima, die Kollegen, das Produkt welches wir fertigen oder mit dem wir umgehen, die persönlichen Vorlieben und das berufliche Können eine mindest ebenso wichtige Rolle spielen, als der regelmäßig positive Kontostand am Monatsende. Für mich persönlich gilt es ein Paket zu schnüren, mit es sich viele Jahre gut arbeiten lässt. Ein Paket, in dem ich mich auch dann wohlfühlen kann, wenn ich alt werde und wo ich nicht schon am Sonntagmittag schlechte Laune bekomme, nur weil ich am Montagmorgen zum Dienst muss.

Ich muss an dieser Stelle direkt an meine Bundeswehr-Reserve-Übung denken. Dazu müssen sie wissen, dass ich vier Jahre lang bei der Bundeswehr war und dort eine kleine Waffenwerkstatt geleitet habe. Das bot sich für mich an, denn ich konnte dort sehr viel dazu lernen, die Ausbildung war spitzenmäßig und der Bund bezahlte am Ende meine Meisterprüfung. Bei meiner Ausbildung hat sich der Bund sich dann auch echt nicht lumpen lassen. Ich war an der technischen Schule in Aachen, bei einem Hersteller für Waffensysteme und bekam jede technische Neuerung zu sehen, die für meine Weiterentwicklung Sinn macht. Dass die vier Jahre einer andauernden Strafarbeit glichen, wusste ich ja am Anfang noch nicht.

Irgendwann wurde ich dann entlassen und ging auf Kosten des Bundes in die Meisterschule. Danach machte ich noch die Schweißfachmann-Prüfung. Wie alles um war und ich damit die einzelnen Tage der vier Jahre nach einander heruntergezählt hatte, wollte ich einmal für eine Zeitlang etwas Verrücktes machen. So arbeitete ich für ein paar Monate in einer Firma, die Motorrad-Rahmen prüfte, richtete und auch schweißte. Irgendwann später machte ich dann mit großer Freude einen Fahrradladen auf, bevor ich, so dachte ich wenigstens, mich endgültig in die Mühlen des Berufslebens werde integrieren müssen. Doch die Zeiten, wo mir schon am Sonntag übel war, weil ich am nächsten Tag wieder einen Tag, eine neue Woche zu beginnen hatte, sollten ein für alle Mal vorüber sein und das war bei der Bundeswehr regelmäßig der Fall gewesen.

 

Der kleine Fahrradladen machte mir schnell sehr viel Spaß und ich lernte dabei schnell viele nette Menschen kennen, von denen einige auch schnell meine Freunde wurden. Ich war immer noch der Idee verfallen, dass Arbeit Spaß machen darf. Da kam ein Schreiben von der Bundeswehr. Es war die Einberufung zu einer Wehrübung. Schon alleine der Gedanke machte mir schlechte Laune. An sich ist so eine kurze Zeit ja nicht wirklich etwas Schlimmes, aber wenn sie gerade eine Selbständigkeit begonnen haben, wenn sie wissen, dass ihr Geld klamm ist und sie ihre Mitarbeiter auf ihre Kosten nach Hause schicken müssen, dann ist das schon nicht mehr so Klasse.

Ich suchte mir also einen Anwalt, der mir helfen sollte, meinen Aufenthalt bei der Bundeswehr wenigstens in den Winter zu verlegen. Denn mitten im Sommer hätte so eine Zwangspause meinen kleinen Laden echt zurückgeworfen.

Zwei Mal gelang es mir, die Einberufung abzuwenden, aber irgendwann im Herbst war es nicht mehr aufzuschieben. Ich musste nach Sylt, in eine Sanitätseinheit.

Mein Anwalt meinte dazu nur:

„Sylt? Ist doch Prima! Was wollen sie, freuen sie sich doch!“

 

So setzte ich mich eines frühen Morgens in einen Zug, ließ meine Heike mit dem Laden alleine zurück und fuhr also nach Sylt. Doch was sollte ich als technischer Experte für Bordwaffen oder Mechanik im Allgemeinen, bei einer Sanitätseinheit? Sicher gab es dort auch technische Einrichtung, aber so wie ich die Bundeswehr kennen gelernt hatte, fehlte mir vermutlich die Berechtigung dazu. Es war zum Haare raufen, zu Hause stapelte sich die Arbeit und ich sitze in einem Zug nach Nirgendwo und treibe angeordneten Unfug.

 

Das Leben in der Kaserne kam mir erstaunlich fremd vor. Der raue Befehlston, war aber irgendwie nicht mehr so mein Ding. Ich hatte an der Freiheit gerochen und der Duft ließ mich einfach nicht mehr los.

Ich bezog mit 4 Kameraden mein Zimmer und wir stellten uns gegeneinander vor. Wir verstanden uns schnell sehr gut. Am nächsten Morgen war großes Antreten und eine Verkündung in einem großen Saal. Der Kommandant der Reserveeinheit wollte uns in die Wehrübung einführen und erklärte uns alles Nötige. Beim Verlesen der Namen und der dazugehörigen Tätigkeit hörte ich irgendwann meinen Namen. Ich war als Krankenwagen-Fahrer eingeteilt worden.

„ALS WAS?“

Mir stockte der Atem, als Krankenwagen-Fahrer?

Als wir am Ende der Verkündung unsere persönlichen Fragen stellen durften, stand ich auf und meldete ich mich zu Wort:

„Herr Kommandant, ich habe zu Hause eine kleine Firma. Ich habe sie im Augenblick geschlossen, weil ich ja nun hier bin. Ich bin von Beruf Werkzeugmacher-Meister, bin ein Schweiß- und Hydraulikfachmann. Die Bundeswehr hat mich mit sehr großem Zeit- und Geldaufwand zu einem Waffenspezialisten ausgebildet. Alles was mit Technik zu tun hat, liegt mir echt im Blut und ich soll hier jetzt einen Krankenwagen fahren? Wie macht das Sinn“

Der Kommandant machte sich gerade auf, mir zu erklären, dass Krankenwagen halt auch gefahren werden müssen, als sich neben mir ein Oberstabsfeldwebel erhob. Es war ein schlanker älterer Herr mit leicht englischem Akzent. Er war mir schon vorher aufgefallen, da der Dienstrang Oberstabsfeldwebel eine schon sehr lange nicht mehr übliche Bezeichnung für einen Fachoffizier darstellte. Wir einfachen Dienstgrade nannten diese Leute respektvoll –Natozebra- weil die Schulterklappen berstend voll gemalt waren. Eigentlich war der Dienstrang nicht besonders hoch, aber die Oberstabsfeldwebel hatten meist extrem respektvolle Posten und waren stets sehr hoch angesehen. Und so ein Mann stand jetzt neben mir auf.

„Mein Name ist Dr.Dr.Maier. Ich lebe in den USA und bin leitender Ingenieur in einer Fabrik für die Steuerungs-Systeme von Luft-Luft-Raketen. Ich bin in der Bundeswehr als technischer Offizier gestartet und habe dort an Uni mein Handwerk gelernt. Ich war während meiner Ausbildung in den USA, um direkt bei dem Hersteller zu lernen. Später war ich regelmäßig in den USA um Kontakt zu dem Hersteller zu halten. Meine Ausbildung hat Hunderttausende von Mark gekostet. Heute arbeite ich bei diesem Hersteller, habe zwei Doktortitel,………. und dutzende von Mitarbeiter die auf mich warten“.

Dann drehte sich der Mann zu mir,

und ich bin dein Chef, denn ich leite hier die Krankenwagenstaffel!“

 

„Wie ist das bei ihnen, haben sie genau den Job, der ihnen Spaß macht und der sie erfüllt? Können sie bei dem, was sie tun, glänzen? Gibt es Kollegen, die ihnen ihren Respekt zollen? Was ist mit ihrem Chef? Genießt er auch ihren Respekt und hat er ihn sich auch verdient? Könnten sie alt werden, bei dem was sie tun, oder gruselt es sie bei dem Gedanken an später“?

Ich für mich, habe meinen Spaß an der Arbeit gefunden. Dabei ist es eine harte Arbeit und die Entlohnung ist definitiv nicht immer angemessen. Und doch ist es mein Traumjob. Vielleicht liegt es daran, dass einige Menschen, genauso wie ich einen anderen Antrieb in ihrer Arbeit gefunden haben und in der Fahrradbranche gibt es sie noch:

„Die Kreativ-Träumer“!

Diese Leute, die ohne wenn und aber, ihren Traum ausleben sind der Schlüssel. Oft sind diese Freaks, Menschen in grauen Kitteln, die herrliche Rennrahmen löten können, Leute die Fahrräder als Holz schnitzen, Menschen die mit selbstgebauten Klapprädern Rennen fahren oder die vielen kleinen Fahrradhändler, die sich für einen Appel und ein Ei für ihre Kunden krummlegen. In einer Zeit, in der ein defekter Spiegel an Ihrem Auto mal eben 500€ kostet, arbeiten die meisten meiner Berufsgruppe dafür zehn Stunden. Kein Aufzugsmechaniker würde sich dafür auch nur ins Auto setzen. Aber so sind wir halt! Wir schwärmen für unsere Produkte, wir fragen dabei nicht nach kaufmännischen Berechnungen, Deckungsbeiträgen, Stückzahlkosten und dem persönlichen Gewinn aus der Aktion.

 

Durch unser Ständiges Versuch und Irrtum-Spiel wissen wir aber irgendwann recht viel. Wir gehen auf jede Messe, lernen, was nicht bei Drei auf dem Baum ist und studieren unaufgefordert jede Technik. Das uns die Hersteller dabei ausnutzen und auf unserem Rücken halbfertige Technik in den Markt bringen, ist uns meist bewusst und trotzdem bleiben wir Kreativ-Träumer und lieben es! Solange wir gerne Arbeiten gehen und die Kunden strahlen, ist unsere Welt im Großen und Ganzen in Ordnung.

„Da gibt es z.B. einen E-Antrieb-Hersteller, von dem bekommst du keinen einzigen Schaltplan, du bekommst keine gescheite Software zum Auslesen der Fehler, keine gescheite Telefonhotline und der Leiter des Kundendienstes ist ein „geldzählender, einsilbiger, Leuteabwimmler“. Du aber hast die schimpfenden Kunden mit dem halbfertigen Produkt vor der Nase und darfst dann autodidaktisch lernen, wie so ein Gerät im Detail funktioniert. Dass der Kunde Garantie hat und du von deinen Aufwendungen keinen Cent mehr wiedersiehst, interessiert dabei keinen, denn das Problem ist ja für den Hersteller am Ende vom Tisch“.

Doch wir Freaks lernen durch solche Aktionen noch immer mehr dazu, wir kennen Andere und fragen die gegebenen um Rat. Wir helfen uns halt gegenseitig. Wenn einer ein tolles Rad gebaut hat, dann kopieren wir es und zollen der Idee damit unseren Respekt.

 

Ich habe einmal bei einem Fahrrad-Event auf dem Nürburgring einen Elektro-Ingenieur eines großen Automobilherstellers getroffen, der recht flott auf einem Rennrad unterwegs war und eine recht gute, aber auch eigenartige Sitzposition hatte. Bei einer Verpflegungspause schaute er sich mit großer Begeisterung mein Pedelec an. Nach einer Weile sprach er mich an:

„Wo habe sie das her? Das ist doch selber gebaut? Und der Rahmen ist doch für sie auf Maß gefertigt worden? Oder“?

Ich erklärte ihm, dass ich Fahrradhändler sei und mit meiner Lieblinsfirma an einem speziellen E-Bike arbeiten würde. Dieser Termin, so erklärte ich Ihm, sollte die Belastbarkeit des Systems an den Tag bringen. Der Auto-Ingenieur schaute sich mein Rad genau an, dann sagte er:

„Wir sind so viel weiter wie ihr! Wir können mit dem Strom das Gefährt antreiben, aber wir können auch mit dem Motor komplett abbremsen und dabei viel mehr Strom zurückgewinnen wie ihr hier. Der Prototyp, der in meinem Büro steht, ist elektrotechnisch so viel weiter, wie das, was ihr da verkauft, dass es euch die Tränen in die Augen treiben würde. Aber Ihr seit so herrlich naiv. Da gibt es etwas, was ihr schön oder begeisternd findet und dann lauft ihr los und verkauft es einfach, ohne über die Folgen nachzudenken. Ob es ein Marketing oder einen Kundendienst gibt, ob das verkaufte Gerät auch ausreichend stabil ist oder ob es damit schnell Ärger gibt, ist euch komplett wumpe. Aber genau das ist eure Stärke, ihr lauft schon los, wenn wir noch am grübeln sind. Wir würden mit unserem Pedelec vermutlich nie auf den Markt gehen, denn wir wüssten gar nicht, wer es für uns verkaufen sollte und wir haben auch immer viel zu viel Bedenken. Wir müssen auch immer abwägen, wie das Produkt auf unsere Marke wirkt.“

Ich habe ihn danach auf meinem Pedelec fahren lassen und er war davon genau so begeistert wie ich. Ich glaube, dass der Ingenieur sich das Pedelec in seinem Büro deshalb gebaut hat, weil er im Herzen auch ein Kreativ-Träumer ist und dass er mich auch ein wenig beneidet hat.

 

„Tja, was ist eigentlich der Antrieb, der solche Leute oder auch zum Beispiel den Erfinder Rudolf Diesel, angetrieben hat? Ging es ihnen um den Ruhm? Ging es ihnen um´s Geld, welches diese Idee später einmal einspielen könnte oder waren sie auch nur begeisterte Träumer“?

 

An dieser Stelle möchte ich ihnen mein persönliches Motivations-Geheimnis verraten. Das was mich immer wieder mit Freude auf die Arbeit gehen lässt, ist das Lächeln der Kunden, wenn sie nach einer Wartezeit von 8Wochen, ihr maßangefertigtes Fahrrad abholen. Sie sind dann aufgeregt wie ein Kind auf dem Weg zum Weihnachtsbaum. Sie sind neugierig wie beim ersten Date, wenn sie dann das erste Mal ihr Fahrrad sehen.

Wenn Farbe, Ausstattung und vor allen Dingen die Sitzposition, genau so geworden ist, wie sie es gewünscht haben, dann kann ich es das erste Mal erahnen. Die Kunden gehen danach mit dem neuen Fahrrad das erste Mal auf eine Proberunde um den Häuserblock. Dabei muss sich zeigen, ob die Tatsachen den Versprechungen und den Kunden-Vorstellungen entsprechen. Ob ich die Vorstellungen des Kunden richtig verstanden habe und der Mitarbeiter des Herstellers meine Angaben perfekt gedeutet und umgesetzt hat.

Wenn alles passt, wenn das Fahrverhalten des auf Maß gefertigten Fahrrades, genau dem Können und der Körperlichkeit des Kunden entspricht, wenn der Bock mit seinem künftigen Besitzer so richtig „vorwärts macht“, dann ist es da und man kann es auf den Gesichtern der Kunden ablesen:

„Das Gefühl Ergebnisgrinsen“

Es ist der Stolz, dass das Ergebnis der Bemühung genau so geworden ist, wie die kühnsten Träume es vorgemalt haben. Es ist die Zufriedenheit, das Geld nicht zum Fenster hinaus geworfen zu haben, die Gewissheit das Ergebnis mit nach Hause nehmen zu dürfen und schon bald auf dem Weg zur Arbeit einen unvergleichlichen Gegenstand benutzen zu dürfen.

Dieses Grinsen in den Gesichtern, der leise Applaus, dieses leise Verneigen vor einem tollen Produkt, ist mein eigentlicher Grund, täglich auf die Arbeit zu gehen. Klar, nehme ich dafür den Leuten auch einen Teil ihres Geldes weg, aber wenn ich alle meine Arbeitsstunden damit verrechne, dann bleibe ich am Ende doch immer noch eine Spinner.

 

Oft treffe ich Kunden die ihre Fahrräder zu einer Wartung in unser Geschäft bringen. Viele haben ihr Fahrrad dann schon viele Jahre und haben mittlerweile viel damit erlebt. Das sieht man den Rädern meist auch an, aber es sind immer noch IHRE Räder und ich meine nicht, dass sie ihnen gehören. Diese Fahrräder gehören halt zu ihrem Fahrer. Wenn ich diese Kunden dann bei der Reparatur-Annahme ansehe, dann es ist immer noch da, dieses Grinsen und manchmal frage ich:

„Und, wie macht sich ihr Rad?“

Meist ernte ich ein zufriedenes Lächeln und höre eine Geschichte, was sie zuletzt mit diesem Fahrrad erlebt haben. Dann sehe ich diese Menschen immer noch so herrlich strahlen.

Dabei ist es nur ein Fahrrad, was sie gekauft haben und wenn es irgendwo steht, erkennt kaum einer, was da vor ihm steht. Es ist nur ein Gegenstand wie viele anderen auch und doch hat er die Möglichkeit die Zeit zu verändern und um die geht es doch eigentlich … oder?

 

Immer öfter sehe ich in der letzten Zeit Läden die plötzlich leer sind. Mir wird dann wieder bewusst, dass wieder ein Traum ausgeträumt ist. Wenn ich zum Beispiel erlebe, dass sich kein junger Mann (oder junge Frau) finden lässt, der so einen Laden, wie unseren jetzt auch, weiter betreibt, dann macht mich das ganz traurig.

Ich hatte mal einen Kollegen in Duisburg, der mir immer wieder mit tollen Fahrrädern meine Kunden abspenstig gemacht hat. Bei verschiedenen Händlertreffen begegneten wir uns persönlich und wir sprachen miteinander. Meist ging es um unseren gemeinsamen Lieblingshersteller. Irgendwann erklärte er mir, dass er es leid wäre, für 10000€ ein ganzes Jahr zu arbeiten und jetzt den Laden schließen und arbeiten gehen würde.

Ich kann ihn wirklich sehr gut verstehen, war ich doch selber auch oft an dieser Schwelle. Doch dieser Konkurrent wird mir fehlen. Wieder einer weniger der versucht, tolle Fahrräder, begeistert an den Mann oder die Frau zu bekommen. Einer weniger, derjenigen, die gegen die buntbemalte, sitzpositionslose Massenware antritt und unsere Begeisterung für schnelle Fahrräder am Leben erhält.

 

Mir geht es besser, ich habe ein gutes Auskommen und habe eine gute Balance zwischen Kommerz und meiner Kreativ-Träumerei gefunden. Doch ich wollte meine Begeisterung und meine Einstellung zu den Fahrrädern und den Menschen darauf, noch mehr nach außen tragen. So faste ich den Plan meine zukünftigen Kunden noch mehr für unsere Geschäfts-Idee zu sensibilisieren. Ich fasste den Plan ein Buch zu schreiben. Geschichten über schnelle Fahrräder, über die Ergonomie und über die Fahrer, die solche tollen Räder fahren und die Geschichten erleben. Schlicht, ich wollte mein Rezept für geile Fahrräder einfach veröffentlichen. Passend zu meiner Begeisterung sollte das Buch:

„Ergebnisgrinsen“ heißen.

Ich wollte das Gefühl meiner Kunden nach dem Kauf auf diesem Weg hinaus- tragen, wollte diesen Mehrwert, der für kein Geld der Welt aufzuwiegen ist, auch den Menschen näher bringen, die sich bisher überhaupt nicht angesprochen fühlen. Natürlich war ich mir sofort bewusst, dass dieses Buch für meine Kollegen quasi eine direkte Einladung darstellt, mich zu kopieren. Aber ehrlich gemeint, war mir das auch nicht ganz unsympathisch. Denn ich hatte doch auch viel von Kollegen kopiert und von ihnen gelernt. Warum sollten Kollegen am Ende meiner Karriere nicht meine Tricks kopieren? Und je mehr erfolgreiche Händler wir noch sind, die diesen Zweig des Handels hochhalten, umso länger halten wir durch.

„Ist ihnen bewusst, dass sich bei den kleinen Fahrradläden gerade sehr viel ändert und auch einige Läden Aussterben werden? Sie zweifeln? Dann zeigen sie mir doch bitte mal ein inhabergeführtes Fernsehgeschäft, oder ein gutes HiFi Studio oder eine kleine und besondere Boutique. Zeigen sie mir doch mal ein kleines inhabergeführtes Autogeschäft, das sich traut in der Diesel-Krise eine kompetente Lösung rauszuhauen. Wo sind sie in diesen Marktsegmenten die Freaks und Schrauber-Helden geblieben?“

Gerade jetzt setzt sich ein Fahrradladen-Aufkauf-Marathon fort, der vor einigen Jahren begonnen hat. Große Ketten sind dabei die Platzhirsche der regionalen Fahrradbranche rund um Düsseldorf (Viersen, Mönchengladbach, Düsseldorf, Essen, Neuss) aus dem Rennen zu kaufen. Alle gekauften Läden waren groß, erfolgreich und sind trotz ihrer Größe noch richtige kompetente Fahrradläden gewesen. Sorgen macht mir dabei allerdings, dass alle Läden die jetzt geschluckt werden oder einfach vom Markt verschwinden, so wie auch meiner, durchaus Geld verdienen und auch ein gutes Auskommen haben. Und trotzdem findet sich keiner, der sie weiterführen will.

Vermutlich ist das kein Wunder, denn wir waren doch die 1957er. Ich meine, wir gehören zu den geburtenstarken Jahrgängen. Wir waren die Generation, die nach dem Weltkrieg losgelaufen ist und die Generationen, die danach folgen sind schon einfach zahlenmäßig einmal viel weniger und viele von denen laufen eben nicht mehr los. Vielleicht fehlen die Träume, denen es nachzueifern gilt.

„Sie sehen also, wenn ich mich wirklich dran gesetzt habe mein Erfolgsrezept aufzuschreiben und versuche es als Buch herauszubringen, geht es mir dabei durchaus um Mehr. Und dass meine Kollegen mich dann kopieren, ist durchaus nicht das Schlechteste. Denn wenn sich eine Vielfalt der Händler halten kann, wenn sie als Kunden nach Freaks suchen, dann wird auch immer mal einer unter den Händlern finden lassen“.

Anlässlich eines Termins mit einer Journalisten einer Fahrradzeitschrift die einen tollen Artikel über meine Arbeit veröffentlichte, begann ich irgendwann mit meinem „Buch“. Ich nahm mir den Urlaub als passende Zeit zum Schreiben vor. In diesem Jahr fuhren wieder einmal an die Nordsee und fuhren mit unserem Sohn Olli und einem sehr großen Zelt auf die Insel Borkum. Ich stellte mir einen Stuhl und mein Laptop vor das Zelt und wartete auf Eingebungen. Da ich aber kein geübter Schreiber bin, fiel mir natürlich nichts ein.

„Tja, so der begabte Schreiberling war und bin ich nun wirklich nicht und wie beginnt man etwas, wenn eigentlich alle Fasern in Einem melden, dass man vom Schreiben keine Ahnung hat und sich doch berufen fühlt. Ich bin vielleicht ein guter Mechaniker und vielleicht auch ein guter Geschichtenerzähler, aber ein Schreiberling? Aber ich war über 50 Jahre alt und es war abzusehen, dass auch meine Geschichten verstummen werden. Wer würde dann meine Kunden zufrieden stellen? Wer würde dann, an meiner statt, das Geld mit tollen Rädern verdienen? Wie würden dann meine Ideen weitergetragen?“

 

So saß ich also grübelnd vor einem Laptop, schaute auf die Vögel und die Passanten, die mich vermutlich für einen computersüchtigen Nerd hielten. Dabei war das Wetter exzellent und ich hätte so schön Fahrrad fahren können.

Nach 20 Minuten gab mein Kopf sein Wissen preis. Ohne ein Konzept zu haben, begann ich mein Gefühl für das Fahrradfahren in Buchstaben zu übertragen. Doch übertragen sie einmal ein Gefühl, wenn sie nicht gerade ein Musiker oder Dichter sind. Meine Ehrfurcht vor solchen Künstlern, die so etwas gut können, stieg ins unermessliche.

So schrieb ich also, als würde ich einem fiktiven Journalisten meine Vorstellung von Fahrradfahren beibringen. Mit viel Spaß erzählte ich auf dem Papier von meinen Kunden, meinen Freunden und von dem Entstehen toller Fahrräder. Eigentlich etwas, was jeden Tag endlos viele Menschen tun und in denen die meisten Menschen etwas Oberflächliches sehen, aber was für den persönlichen Umgang einen erstaunlichen Tiefgang entwickeln kann.

 

Eines Abends, ich saß wieder vor meinem Laptop, kam eine ältere Dame auf mich zu und sprach mich an:

„Guten Abend, ich sehe sie da immer sitzen und schreiben, verzeihen sie meine Neugier, aber was machen sie da“?

„Ich habe das Gefühl, dass ich ein Buch schreiben will, es aber leider nicht kann“.

Die Dame erklärte mir reizend, dass sie selber Geschichten schrieb und sie auch hin und wieder veröffentlichte. Ich habe mich an diesem Abend mit dieser Dame lange unterhalten. Sie unterstütze mich in meinem Vorhaben sehr.

Sie erklärte mir:

„Wenn sich in ihrem Kopf etwas aufstaut, dann will es da irgendwann und irgendwie raus und da ist das Schreiben ein ideales Ventil. Vielleicht trennen sie sich mal von dem Gedanken, dass sie etwas schreiben müssen, was ihren Freunden gefallen muss. Schreiben sie doch einfach das auf, was aus ihrem Kopf herauswill. Was sie dann damit machen, ist beim Schreiben erst einmal unwichtig! Schreiben sie es erst einmal auf und anschließend denken sie dann nach und überlegen sich was sie damit machen wollen!“

Diese Erklärung hat mir sehr geholfen, erst einmal alles zu Papier zu bringen und mir anschließend zu überlegen, was es geworden ist. Ich glaube das nennt man künstlerisches Schaffen. O.K. ich fühle mich nicht wie ein Künstler aber es macht Spaß und wer weiß schon was am Ende daraus werden kann?

 

Drei Wochen später hatte ich 15 Kapitel geschrieben und wir fuhren nach Hause. Ich nahm mein Manuskript mit nach Hause und arbeitete es immer wieder durch. Doch irgendwann ging ich mit immer größerem Abstand um den Laptop herum. Der Akt des Schreibens war für mich toll gewesen, ich konnte meine Emotionen und meine Geschichten wunderbar mit Worten aufs Papier bannen. Aber warum sollte ich mich jetzt der Kritik aussetzen, denn ich war ja zufrieden?

Irgendwann stieß ich beim Lesen eines Artikels auf eine Weisheit und fühlte, dass es richtig war.

„Wenn du willst, dass sich etwas ändert, dann muss du auch anfangen und dann auch etwas ändern!“

Ich musste mit dem Text nach Draußen gehen. Ich faste allen Mut zusammen und schickte je ein Kapitel an meinem Lieblings-Fahrrad-Hersteller, an die Journalistin aus dem Buch und den Fahrradhändler-Verband VSF. Ich verstand das Kapitel als Einladung mit mir gemeinsam weiterzuschreiben oder mit anderen Händlern und anderen Geschichten ein viel größeres Bild wieder zu geben. Schnell bekam ich Antwort und die Resonanz war wirklich gut. Mein Lieblingshersteller wollte den ganzen Text lesen und der VSF war auch nicht abgeneigt das Projekt zu unterstützen. Die Journalistin antwortet sehr positiv und stellte für mich einen Kontakt mit einer Schriftsteller-Agentur her.

Etwas später lud mich der VSF zu einem Verbandstreffen ein und der Fahrradhersteller bot sich an, für eine Weile jedem Fahrrad so ein Buch bei zulegen. Was für ein Erfolg? Ich war zufrieden und wähnte mich am Ziel. So brauchte ich nur noch einen Verlag zu finden, dem ich zuspielen konnte, dass ich einen Teil der Bücher selber vermarkten könnte, um ihm die Sache schmackhaft zu machen. Schließlich war das Manuskript bestimmt kein Bestseller.

Doch mir erging es wie vielen Anfänger-Autoren. Als ich einem Verlag das Manuskript anbieten wollte, sprach ich wieder meine Mitstreiter an. Das Ergebnis: Der VSF zog plötzlich ganz schnell und unerwartet zurück und mein Lieblings-Fahrrad-Hersteller konnte sich plötzlich an nichts mehr erinnern. Der Verlag, dem ich jetzt keine Eigenvermarktung anbieten konnte, schrieb mir daraufhin die freundlichste Ablehnung, die ich mir überhaupt vorstellen kann. Der Lektor beglückwünschte mich und klopfte mir schriftlich auf die Schulter, endete aber mit den Worten:

Zitat: „…ich glaube aber dennoch nicht, dass die erreichbaren Verkäufe für eine wirtschaftliche Auflage bei uns ausreichen!“

Mann war ich traurig und enttäuscht!  Denn es ging mir doch um mehr, als nur meinen Namen auf einem Buchrücken zu sehen. Ich wollte für das Fahrradfahren werben und eine Brücke zu mehr Fahrradkultur bauen.

 

Irgendwann las ich, dass auch Umberto Eco`s Roman „Der Name der Rose“ 64 Mal im Müll gelandet ist, bis ihn angeblich die Ehefrau ein letztes Mal zu einem Verlag geschickt hat. Und was hatte die Frau in Borkum noch gesagt:

„Du schreibst, damit es aus deinem Kopf raus ist!“ Und das war es jetzt.

Etwas später meldete sich die Journalistin wieder bei mir und bekniete mich regelrecht, den Text nicht aufzugeben. Ihre Idee:

„Machen sie doch eine eigene Webseite und laden sie mit Ihrem Buch ihre Kunden zu sich ein. Ihr Versuch für mehr Fahrradkultur zu werben mag zwar kein Bestseller sein, aber er ist definitiv besser wie heulen und schimpfen!“

So habe ich es dann auch gemacht. Die Webseite war und ist ein voller Erfolg. Ich erreiche so noch viel mehr Kunden wie früher und die Kunden sind viel besser auf das vorbereitet, was sie bei uns erwartet. Begeistert erzählen sie mir manchmal, dass sie ähnliches erlebt haben wie ich. Vielleicht hätte ich das Buch besser mit meinen Kunden gemeinsam schreiben sollen, denn denen geht es wirklich um das Fahrrad. Und wenn ich heute auf meine Webseite und die Ursprungsidee schaue, dann finde ich:

„Ich habe viel erreicht“!

 

Und doch lässt mich der Gedanke nicht los, dass ich nicht hätte aufgeben dürfen. Wenn ich schon mal meine Kollegen besuche, dann erzählen sie mir, dass sie eigentlich nur noch reparieren und dass sie ihren Beruf im Augenblick recht doof finden. Die Kunden haben oft wenig Verständnis und wenig Interesse für ihre Produkte, da sie in allen Dingen zu teuer sind. Genau an dieser Stelle wollte ich ansetzen und ich habe doch für mich geradezu paradiesische Zustände erreicht.

Dabei kann ich den Verlag durchaus verstehen, denn mit so einem Geschreibsel ist wahrlich kein Vermögen zu verdienen. Ein wenig kann ich auch den Fahrrad-Hersteller verstehen. Er hat er sehr viele Händlerkollegen und mit denen darf man es sich nicht verscherzen. Aber auch dem kleinen Fahrrad-Hersteller dürften auch mit der Zeit die Händler ausgehen, wenn wir Kreativ-Träumer weniger werden. Einzig den Fahrradverband VSF konnte ich nicht verstehen. Er hat sich doch in großen Lettern „pro Fahrrad“ auf die Fahne geschrieben. Man steht für alternative Fortbewegung und für ein gesellschaftliches Miteinander. Doch wenn man dieses Miteinander anspricht, sieht man sich plötzlich schnell allein dastehen. Ich bin dann ausgetreten!

Schade“!

Kapitel 12
Kapitel 14