Mein kleiner Fahrradladen

Herr Ro. kommt wie immer direkt in die Werkstatt. Freundlich und ausgesprochen höflich stellt er sein maßangefertigtes Reiserad vor unsere Tür und spricht mich schmunzeln an:
„Na Herr Just, haben sie sich wieder vor der werten Gemahlin in die Werkstatt geflüchtet?“
„Moin Herr Ro.! Einmal wieder für Ihren Frühlingsfit-Rundumschlag hier? Ihre Teile liegen bereit, meine Frau holt einen Kaffee und sie können mit ihrem Fahrrad herein kommen.“
Herr Ro.ist wie immer mit dem Fahrrad-Trainingsdress bekleidet und schiebt sein blitzsauberes Fahrrad in die Werkstatt. Dann zieht er sich etwas in den Hintergrund zurück und begrüßt uns persönlich:
„Moin Herr Just, … Frau Just,“ dabei reichte er jedem von uns die Hand.
Meine Frau geht mit ihm den vorher besprochenen Auftrag durch.
„Wie immer, Kette neu, Ritzel und Kettenblatt neu, Bremsbeläge neu und beide Reifen neu“?
Herr Ro. schaut sie immer noch schmunzelnd an:
„Alles, genauso wie jedes halbe Jahr Frau Just!“
Ich schaue mir das Fahrrad genauer an und stelle fest, das Reifen, Kette und die Bremsen wirklich schon wieder verschlissen sind.
„Mensch, sie sind ja schon wieder 7000km gefahren! Es ist echt erstaunlich was sie so an Kilometer zurücklegen. Ihr Fahrrad ist jetzt 5 Jahre alt, hat bestimmt seine 50000km Kilometer auf der Uhr und sieht immer noch aus wie einst im Mai.“
Der Herr schaut mich spitzbübisch an:
„Na, dass liegt nur an dem tollen Fahrer! Nein im Ernst! Es fährt sich auch phantastisch. Selbst meine holländischen Freunde sind neidisch auf mein Fahrrad. Seit meine Frau nicht mehr da ist, sitze ich quasi jeden Tag auf dem Fahrrad. Oder ich stehe auf dem Tennisplatz.“
„Spielen sie immer noch so heftig Tennis?“
„Na ja, in meiner Altersklasse kann ich mich immer noch international sehen lassen.“

Herr Ro. ist ein langjähriger Kunde unseres Ladens. Er und früher seine Frau kommen seit 30Jahren zu uns, wenn es ums Fahrrad geht. Herr Ro. war in seinem Berufsleben ein angesehener Manager und hat immer schon Fahrräder und Tennis geliebt. Gemeinsam mit seiner Frau haben sie viele gemeinsame Radreisen unternommen. Immer wenn er einen Termin in unserer Fahrradwerkstatt hat, darf er bei der Reparatur zusehen und ich freue mich dann auf ein spannendes, philosophisches Gespräch mit ihm. Mal geht es ums Altwerden, mal geht es um die Weltwirtschaft, oft geht es um die Entwicklung in der Fahrradbranche und sehr oft geht es ums Radfahren. Dabei fallen oft markige Sprüche. Von ihm stammt zum Beispiel der Ausspruch:

„Herr Just, ich habe all meinen Tenniskumpels gesagt, wenn ich eines Tages auf dem Platz umfalle, dann geht ihr euch alle erstmal ein gepflegtes Pils trinken und wenn ich dann noch da bin, dann holt bitte geschwind einen Rettungswagen!“

Bei diesem Spruch sah er wie immer sehr ernsthaft aus und war, auch wie immer, absolut glaubhaft.
Bei einer anderen Gelegenheit hat er einem jüngeren Tenniskollegen Ratschläge zum Fahrradkauf erteilt:
„Geh zum Just. Der baut dir eins, eins das zu dir passt und auf dem du auch auf Langstrecken gut und effizient fahren kannst und du bist gut beraten, wenn du genau zuhörst, denn am Ende setzt sich alles zu einer ernsthaften Logik zusammen!“

Dieser Mann versteht mehr von der Körperlichkeit des Fahrradfahrens wie die meisten Anderen, ist intellektuell ein hervorragender Gesprächspartner und ein sehr, sehr, angenehmer Mensch. Oft erzähle ich von ihm, wenn sich bei mir wieder einmal ein Vorruheständler für ein Reiserad interessiert. Sie lassen dabei nicht selten unerwähnt, dass es das Letzte  für die letzten Jahre ist. Diese Menschen reden mit ihren 56Jahren, von ihrem LETZTEN Fahrrad in diesem Leben und tun so, als wäre die Gebrechlichkeit ein Anfall, dem man ganz plötzlich mit Punkt 60Jahren unterliegt.

Letztens habe ich Herrn Ro. nach seinem Alter gefragt….
„Ich bin 80“!
Und ich bin mir nicht sicher, ob ich mich trauen würde, mit diesem „alten Sack“ die Klinge zu kreuzen und auf eine große Tour zu gehen.

„Obwohl die netten Gespräche…“?

Ich habe, wie sie vermutlich auch, schon mehrfach Menschen kennen gelernt, die so gar nicht in das Schema „Altsein“ passen wollen. Einer meiner Kampfsport-Lehrer war 76Jahre alt, wie ich ihn kennen lernte. Er war Großmeister (9.Dan später 10.Dan und einer der ranghöchsten Meister weltweit). Der Bursche war mit 80Jahren so gefährlich, dass er vermutlich mühelos eine volle Kneipe hätte menschenleer machen können. Wie er 83 Jahre war, habe ich Ihn bei unserem Stammtischtreffen gefragt:
„Heinz, mit 83Jahren noch aktiv auf der Matte stehen und Leute verhauen, wie ist das möglich? Wie machst du das“?
Er hat damals sein Bierglas gehoben und mir über das Glas hinweg geantwortet:
„Weist du Thomas, ich trainiere jetzt seit über 60Jahren und ich bin genauso ein seniler alter Sack wie andere Menschen in meinem Alter auch, aber solange meine Technik (Kampf-und Bewegungstechnik) um so viel besser wird, wie mein Körper abnimmt, ist es unterm Strich immer noch gut zu ertragen“.

Ist das der Trick? Immer mehr zu lernen? Immer besser die Zusammenhänge zu begreifen und immer nur dort anzugreifen, wo sich der Einsatz auch lohnt? Mich haben diese Worte sehr bewegt. Denn dieser Mensch hat es wie kein anderer verstanden, fast ohne Körpereinsatz zu kämpfen. Er hat jede Bewegung des Gegners immer zu seinem Vorteil genutzt. Dabei war er eigentlich wie ein Dirigent, der nur dafür sorgen muss, dass der Gegner stets die richtige „Ausweichbewegung“ vollzieht. Er war der eindeutige Beweis dafür, dass das Hirn mächtiger ist, wie der stärkste Muskel. In unserem Dojo (Trainingsraum) hängt ein großes Bild. Darauf zu sehen ist ein mächtiger Stier, der wutschnaubend auf einen Torero losstürmt.
Die Unterschrift unter dem Bild:

„Kraft ohne Verstand, fällt durch die eigene Hand!“

Wenn ich diese Lehre jetzt auf das Fahrradfahren übertrage, so sehe ich ideal an den Körperbau angepasste Fahrräder, Übersetzungen die so ideal abgestuft sind, dass sie die Kraft des Fahrers optimal zur Entfaltung bringen und Radfahrer, die all das mit großer Erfahrung ausnutzen können. Wenn ich das dann weiter denke, so richtet sich mein Blick automatisch nach Holland.

Letztens waren wir auf einer großen Radreise. Wir wollten, wie früher, mit unserem Sohn Olli und einem Zelt auf Reisen gehen. Nur das Olli zu diesem Zeitpunkt 20Jahre alt war. Die Route führte uns einmal um Holland herum. Es war eine phantastische Tour, mit tollen Eindrücken, mit tollen Radwegen, gut ausgebildeten Radfahrern, supernetten Menschen und einfach nur furchtbarem Brot.
Eines Nachmittags haben wir in der Nähe des Dünengebietes von Zandvoort, drei alte Damen getroffen, die eine Panne an einem ihrer Fahrräder beheben wollten. Natürlich haben wir ihnen geholfen. Dabei haben wir uns hervorragend unterhalten. Natürlich mussten wir uns auch die eine oder andere Spitze gefallen lassen. So sagte ich, um einen Smalltalk zu beginnen:
„Der Gegenwind bei euch, ist ja schlimmer wie berauf fahren, wir fahren jetzt schon eine Woche gegen den Wind“!
Darauf erwidert eine der Omas:
„Also wir Holländer, wir haben da so eine Wetter-App, da schauen wir vorher rein und planen dann unsere Route……Ihr Deutschen macht das aber vermutlich anders herum“.
Wir haben alle herzhaft gelacht.
Die Drei Damen waren über 70Jahre alt und vermutlich irgendwann zwischen Bridge und Buttercremetorte zu einer kleinen Fahrradtour aufgebrochen. Natürlich mit einem altitalienischem Rennrad und natürlich auf eine 95er Runde,….. was sonst?

Oder, da war noch der alte Mann, der uns auf einem Rennrad entgegen kam. In Deutschland wäre er vermutlich gerade zum Bingo in die Seniorenresidenz aufgebrochen. Hier in Holland aber, kam er uns gerade auf einem Rennrad entgegen und hatte einen Mordszug drauf. Dabei hatte er einen Gesichtsausdruck, dass sich bestimmt niemand getraut hätte, ihm die Vorfahrt streitig zu machen.

 

„Was machen die Holländer eigentlich anders? Oder liegt es am Alter? Oder an beidem“?

Um diese Frage etwas besser zu beleuchten, erzähle ich ihnen von einer anderen Begegnung auf unserer Reise.
Kurz bevor wir wieder in Deutschland waren, machten wir an einem Campingplatz halt. An diesem Campingplatz, direkt an der Waal (einer der Rheinarme) traf ich auf einen holländischen Touren-Radfahrer, der auf einem hervorragenden Gazelle Pedelec saß. Ich sprach ihn an:
„Verzeihen sie das ich sie anspreche. Ich bin auf Radreise und von Beruf Fahrradhändler und mir fällt auf, dass sie auf einem perfekt angepassten Pedelec sitzen. So etwas ist in Deutschland eigentlich unmöglich. Wieso geht sowas in Holland“?

Der Holländer musterte mein Fahrrad und schaute mich freundlich an:
„Ich hab mir zuerst ein Pedelec, bei einem großen Discounter, zu einem deutlich reduzierten Preis gekauft. Da ich jeden Tag auf dem Ding sitze, bin ich schnell darauf gestoßen, dass es mir nicht passt und dass es mir eigentlich keinen Spaß macht. Mit großem Schmerz musste ich mir irgendwann eingestehen, dass ich in die Falle gegangen bin. Reumütig habe ich dann das Ding zum halben Preis verkauft und bin wieder zu meinem Fietsdoctor zurück. Den habe ich dann gefragt, ob er mir nicht ein passendes Teil verkaufen kann. Dabei kam dann dieses tolle Gerät heraus“.
Ich schaute mir sein Fahrrad genauer an:
„Hat das Pedelec denn so direkt im Geschäft gestanden“, wollte ich wissen?
„Oh nein, mein Händler hat den Lenker, den Vorbau und den Sattel für mich speziell umgebaut. Tja,“ sagt der Mann mit einem stolzen Gesichtsausdruck, “in Holland macht man das so. Obwohl, wenn ich mir ihr Fahrrad ansehe….“?
Gemeinsam schauten wir auf mein Fahrrad, welches in voller Reisemontur an der Wand stand.
„Na ja, wenn ich als Profi mit halbem Kram auf Reisen gehen würde“, entgegnete ich ebenso stolz“, dann wäre ich vermutlich ein Esel.
Aber trotzdem, sie haben da ein wirklich tolles Gefährt. Ein Gruß an den Kollegen“!
Mein Gegenüber nickte höflich, setzt sich wieder auf sein Gefährt und nach einem Winken, entschwand er in Richtung Fluss.
Das ist es! Die Holländer fahren wirklich mit den Rädern und sie fahren auch weite Strecken. Sie haben Fahrradkultur und sie haben ihre eigenen Regeln, an denen sich alle, mehr oder weniger festhalten. Sie haben den Wind, das Miteinander von Rennradlern und Omas auf einem Radweg gebändigt. Die Straßenplaner, vermutlich von demselben Geist gefangen, geben ihnen den Platz, der ihnen zum richtigen Radfahren passt.
Wir sind auf unserer Radreise durch Holland fast ohne Karte ausgekommen. Industriegebiete und Naturschutz direkt neben einander. Neben einer großen Fabrik ist ein Park mit freilaufenden Galloway-Rinder. Die Fahrradautobahn führt dich durch schöne Gegend, quer durch eine Stadt. Und überall sind die Radfahrer! Alle sind schnell, die meisten sitzen gut, du kannst einen Fahrradfahrer nicht von einem Pedelecfahrer unterscheiden, was mir in Deutschland sonst keine Mühe bereitet. Wenn ein Rennradfahrer über eine Kreuzung fährt, brüllt er dass es Frei ist und dass alle fahren können. Keiner behindert den Anderen und alle lassen sich Platz.

Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass Holländer zu den geschäftstüchtigsten Menschen gehören, die ich kenne und dass holländische Fahrradhändler zu den besten gehören. Da drückt dir so ein Fietsdoctor, unaufgefordert einen Styropor Becher mit einem „brüllend heißen“ Kaffee in die Hand und ist sich damit sicher, dass du die nächsten 10Minuten diesen Laden nicht mehr verlassen kannst. Aber es sind auch die holländischen Fahrradkunden die anders sind. Die jungen Mädels sitzen auf ihren Nostalgie-Holländrädern und sehen dabei aus, als wären sie alle gerade eben vom gleichen Ballettunterricht gekommen. Mit spitzenmäßiger Körperspannung sitzen sie auf den hübschen Rädern und „feuern“ elegant um die Ecken, da sie genau wissen, dass bescheunigen nicht ihre Stärke ist. Sie sind ein genussvolles Bild aus Eleganz, Grazie und hervorragendem Fahrkönnen. Da sie zu ihrem Fietsdoktor (Fahrradhändler) gehen, sind die Räder vermutlich teuer, aber deshalb sind sie auch gut eingestellt und von spitzenmäßiger Qualität.
Und wenn dann die jungen Mädels irgendwann älter werden, dann wird es eben ein altitalienisches Rennrad, das zwischen Bridge und Buttercremetorte bewegt werden muss. Aber natürlich mit Stil und immer mit Körperspannung.

Wir haben uns bei der Rückfahrt einen Spaß daraus gemacht, ob wir die grüne Grenze nur durch die Sitzposition und das Fahrkönnen der Radfahrer erkennen. Ob wir darauf stoßen, wenn wir wieder in Deutschland sind?

….. Einen Kilometer hinter Grenze war es klar, wir sind wieder zu Hause. Alle Radfahrer haben den Sattel viel zu tief, alle haben den Rücken krumm wie einen Kleiderbügel, fahren in einem viel zu schweren Gang und scheinen überhaupt keine Regeln zu kennen.
Auf einmal ist es für mich klar, die Omis werden sich hierhin nie verirren und unsere Omis werden nie Rennrad fahren. Schade!

 

Und wie ist es dagegen bei uns im Fahrradladen? Vorige Woche habe ich einen Fahrrad-Beratungs-Termin gehabt. Ja, sie haben richtig gelesen, bei mir holen sie sich einen Termin, wenn ich sie auf ein passendes Fahrrad setzen soll. Schnell sind 3Stunden vergangen, und dafür muss ich die Zeit dann auch aufbringen können.
Bei diesem Termin outete sich ein Mann, das er mit seiner Gazelle nicht mehr mit seiner Frau mithalten kann, wenn diese auf Ihrem bei uns ausgedachtem Reiserad sitzt. Es soll für ihn jetzt also auch so ein Reiserad werden. Der Mann schwärmte von einem Wohnmobil, dass sie jetzt in Rente gegangen sind und dass ihnen Radreisen im Hirn herum spuken.
Der Mann stellte sich schnell als ein ungeübter und körperspannungsarmer Radfahrer heraus. Kein Problem, wenn man die Sitzposition genau darauf abstimmen kann und der Fahrer einige Tricks erlernt, die ihm bei der Fahrt behilflich sind. Das Fahrrad sollte nicht unnütz teuer sein aber doch ebenso laufen wie das seiner Frau. Erstaunt erwähnte er immer wieder, dass so eine Gazelle doch auch kein übler Schrott wäre und doch ist da dieser Unterschied.
„Tja“, versuchte ich zu erklären, „ein Spitzenkoch nimmt auch nur Mehl, Milch und Eier, wenn er Pfannkuchen backt und doch ist es ganz anders. Die Menge an Material und guter Bauteile, mögen ja die gleich sein, aber wie bei den Pfannkuchen spielt das wie, wann und warum eine gewichtige Rolle um einen Unterschied herauszustellen“.
Der Mann erwiderte: „Mein Sohn ist da ganz anders. Er hat mich mehrfach aufgefordert, dass ich mir das Fahrrad online zu bestellen soll. Seine Stimme ist noch genau in meinem Ohr:

„Immer diese unnütze Geldausgabe, das Festhalten an alten überflüssigen Handelsstrukturen, ich finde, das muss heute einfach nicht mehr sein! Wenn es mir jemand billiger besorgen kann, warum denn nicht?“

Mein Sohn kauft sich alles online. Dabei fährt er begeistert MTB Downhill. Er lässt sich alle seine Sachen extra aus England schicken. In irgendwelchen Foren trifft man sich und lobt passende Produkte aus. Der Junge hat zum Kaufen seiner Teile noch nie einen Fahrradladen von innen gesehen. Seine Meinung:
Wozu 200€ zu viel ausgeben?“.
Ich schaue ihn traurig an:
„Und warum sind sie dann hier“?
„Mir geht der Unterschied zwischen der Gazelle und dem Reiserad meiner Frau nicht aus dem Kopf. Ich bin eben noch damit gefahren und das Ding ist der Knaller.“
Nachdenklich geht mir durch den Kopf was der Herr gesagt hat:
„Verzeihen sie mir, aber ich möchte etwas über ihren Sohn sagen. Ist das für sie in Ordnung“?
Der Mann nickte.
„Wieso sind heutige Schüler kaum in der Lage auf einem Bein zu stehen? Warum kann heute kaum noch ein Jugendlicher irgendetwas kochen? Ist ihrem Sohn klar, dass er ein Mitspieler ist, warum Karstadt und Kaufhof wackeln, warum C&A mit Chinesen verhandeln und die Onlineverkäufe in immer neue Höhen steigen?
Schauen Sie, ich bin selber mehrere Jahre aktiv MTB gefahren. Ich beschäftige mich jetzt seit 40Jahren mit Fahrradtechnik. Ich habe alles über Feder-Dämpfersystem erlernt, habe alles über Material und Körperlichkeit studiert. Ich habe über 1500Fahrräder nach meinen Vorstellungen, oder besser nach den Maßen der Kunden bauen lassen. Meine Kunden sind Rennen gefahren und haben riesige Radreisen um die halbe Welt gefahren. Ich sollte wissen wie es geht!
Warum will ihr Sohn nicht von einem alten Meister profitieren? Woher ist er sich sicher, dass es in den Foren nicht genau so viele Dummschwätzer und Aufschneider gibt, wie überall auf der Welt? Warum müssen Leute wie ihr Sohn alles noch einmal lernen? Warum erfinden wir so viele Fahrradtechnikdetails immer wieder neu?
Wenn er seinen Sport erst nimmt, warum nicht einen alten Meister nach seinen Tricks fragen? Ich gebe ja zu, es ist wirklich nicht einfach einen guten Händler zu finden, aber es gibt sie.
Ich habe einigen jungen Leuten Fahrräder bauen dürfen. Dort auf dem Bild an der Wand sind zwei, die nach ihrem Studium für ein halbes Jahr durch Asien gefahren sind. Es war für die Zwei ein tolles Erlebnis.
Aber ich kenne mehrere Leute, die sich ihre Klobürste und sogar ihre Lebensmittel online schicken lassen. Alles geht, ohne das Haus zu verlassen, wilde Versprechungen inklusive. Da spielen natürlich die echten Erfahrungen von Menschen, denen man in die Augen sehen kann, keine entscheidende Rolle mehr. Ich finde aber, dass es eigentlich beides geben muss. Es muss ein Miteinander der Systeme geben. Es muss das unproblematische Kaufen über riesige Entfernungen geben, aber auch den Erfahrungsaustausch durch anfassen und draufsetzen. Dieses Miteinander würde aber erfordern, dass die Menschen ein Verständnis für einander aufbringen müssen. Das sie sich auch, ab und an, in einem Laden persönlich treffen und dass sie persönlich ERHALTEN, was sie schön finden und nicht wie Heuschrecken weiterziehen, wenn ein Marktgebiet kahl gefressen ist.“

Der Mann schaute mich lange und nachdenklich an:
„Ich habe so oft zu meinem Sohn geredet! Aber er versteht mich nicht. Er sieht nur das Geld, welches umsonst ausgegeben wird und damit nicht für ihn zur Verfügung steht. Aber wenn es sie tröstet, ich bin ja hier und ich freue mich diebisch auf mein neues Rad, glauben Sie mir!“

„Danke und seien sie sich sicher, ihr neues Fahrrad enthält deutlich mehr wie nur Material und tolle Bauteile. Und das, was es mehr enthält, können sie in keinem Forum herunterladen oder sich irgendwann online dazu bestellen. Versprochen“!

Kapitel 9
Kapitel 11