Mein kleiner Fahrradladen

Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Etwas nachdenklich stehe ich vor der Türe meines Fahrradgeschäftes. Eigentlich ist es ein Samstagabend wie am Ende jeder Arbeitswoche. Doch in meiner linken Hand halte ich gerade die Kündigung meines geliebten Fahrradladens, die ich gleich in den Briefkasten stecken werde. Ausdruckslos und nachdenklich schaue ich mich um. An der Sitzbank, die rund um den Baum vor unserem Laden steht, bleibt mein Blick hängen. Während mir endlose Geschichten durch mein Hirn rasen, setze ich mich hin und schaue, wie schon viele tausend Mal, auf meine Schaufenster. Eigentlich war es bis hierhin ein Leben wie in einem Roman. Während viele Leute unwillig zur Arbeit gehen und die Monate bis zum Urlaub oder bis zur Rente zählen, ist mein Arbeitsleben gespickt mit abenteuerlichen Storys, Helden und tollen Menschen. Alles dreht sich um legendäre Fahrräder und ihre Fahrer. In meinem Alltag gilt noch das selbstverständliche Versprechen eines alten Meisters. Es heißt, Ross und Reiter zusammen zu führen. Passend zur individuellen Statur eines Fahrers, genau für sein Fahrkönnen ausgelegt, soll ein Fahrrad gebaut werden. Dabei ist es eigentlich egal, ob jemand viel oder wenig Geld ausgeben kann. Auch preiswerte Fahrräder können, gut ausgewählt und eingestellt so manchen trüben Arbeitsweg zu einem echten Erlebnis machen.

Doch so ein Fahrradladen hat auch seine eigenen Erkenntnisse und Weisheiten. So manch ein verdutztes Gesicht blickt zu mir zurück, wenn ich ihm erläuterte: „Berge verliert man unten oder die Benutzung der Gangschaltung erspart den Weg zum Orthopäden.“ Natürlich gibt es auch Dummschwätzer und Helden. Wobei beide nicht immer leicht zu unterscheiden sind. Da gibt es den schwitzenden 130kg Fleischberg der leise, mit hartem Blick, fast zu sich selber murmelt, „ich will mit dem Fahrrad nach Australien“ und schickt dann Monate später seine Bilder, während sich ein braungebrannter, durchtrainierter und verbaler Radbote als absoluter Fahrrad-Blödmann herausstellt.

35 Jahre Fahrradladen. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Übergang zwischen Meisterschule und dem Arbeitsleben in einer Fabrik werden und jetzt ist es mein Berufsleben geworden. Arbeitsleben, Privatleben, innere Überzeugung, Berufung und Leidenschaft, alles hat sich für mich vermischt. Aber jetzt ist Schluss. Nicht dass mein Laden nicht mehr läuft, wobei man so richtig reich mit dieser inneren Arbeits-Einstellung vermutlich nie wird, aber ich habe immer noch gut zu tun. Doch der Zahn der Zeit nagt auch an mir und mein Orthopäde ist mittlerweile ein regelmäßiger Anlaufpunkt. Nachdem aber meine Frau mit schweren orthophädischen Problemen immer noch selbstverständlich, wie Lanzelot, an meiner Seite steht, habe ich den Entschluss gefasst, dass es Zeit ist.

Das bedeutet, dass unser Laden bald der Vergangenheit angehören wird. Doch es sind zu viele tolle Geschichten und Erkenntnisse geschehen, so dass ich einfach darüber berichten möchte.

Im Augenblick versuche ich aber gerade meinen Laden zu verkaufen. Ich treffe dabei auf Nachfolger, die meist branchenfremd sind. Dabei erlebe ich, wie exotisch meine Existenz auf Menschen wirkt, die von sich selber sagen:

„In meinem Berufsleben hat mir noch nie jemand, wirklich die Wahrheit gesagt“.

Wobei ich für mich und meine Kunden behaupten würde, dass wir uns diese Freiheit immer genommen haben. Für viele Interessenten gilt es aber auch abzuwägen, viel und hart zu arbeiten, viel und stetig zu lernen, nicht gerade üppig zu verdienen aber dafür immer wieder in das lachende Gesicht der Kunden zu sehen. Ja, vielleicht einmal als großer Meister angesehen zu werden, oder weiter in der bekannten Tretmühle mit Urlaub, Frust und regelmäßigem Gehalt seinen Weg zu gehen. Es ist sicherlich eine schwere Entscheidung.

Ich habe den Nachfolgern meine Hilfe angeboten, von den unterschiedlichen Menschen mit Ihren Fahrrädern erzählt und beleuchtet, dass so ein Fahrrad auch manchmal ein philosophisches Vehikel sein kann. Doch kein Nachfolger mag sich auf so ein Abenteuer einlassen.

Mit Willi, einem sehr guten Freund, habe ich oft über den Ladenverkauf und den damit verbundenen Umstellungs-Prozess in meinem Leben geredet. Je weiter dieser Prozess vorwärtskommt, umso mehr wird mir bewusst, wie unterschiedlich und eigenartig meine Lebenseinstellung geworden ist. So berichtet Willi, dass er für die Fahrt mit dem Auto zu uns über eine Stunde braucht.

„Tja“, sagte ich,

„es geht auf Weihnachten zu und die Versender haben alle Hände voll zu tun. Ich bin ja schon froh, dass es Kunden gibt, die unseren Laden aufsuchen, sich beraten lassen und auch kaufen, wo es doch alles und wirklich alles, erheblich billiger im Internet zu kaufen gibt. Natürlich kenne ich auch die Kunden, die sich bei uns im Geschäft beraten lassen und dann mit dem erworbenen Wissen, zu Hause, erheblich billiger den Abschluss bei einem Versender zu machen. Wer soll es diesen Kunden verübeln? Wir beraten schließlich freiwillig und ohne Zwang und wer gibt schon gerne zu viel Geld aus? Ob aber diesen Kunden klar ist, dass so ein Versender meist nichts mit seinem Produkt verbindet? Die größten dieser Marktteilnehmer beschäftigen Mathematiker, Juristen und Werbestrategen um großspurig rechts zu blinken und wenn es eng wird, links abzubiegen.“

Willi als alter Spediteur schaute mich nachdenklich an,

„Wie meinst du das?

„Na, schau mal! Ein Beispiel: Sie versprechen dir Erdbeer-Joghurt, bilden Erdbeeren ab, in der Werbung läuft die Dame sogar durch ein Erdbeerfeld, aber Erdbeeren sind so gut wie gar nicht drin. Uns ist das mittlerweile klar und wir akzeptieren es, aber wie ist das mit den Autos und dem Spritverbrauch? Was ist mit dem sauberen Diesel? Nicht dass wir nicht alle gewusst haben, dass es in der Realität anders ist, aber haben diese Marktteilnehmer nicht großspurig nach rechts geblinkt und hatten von Anfang an vor, nach Links zu fahren“?

Willi nickt und erwidert:

Das ist ja nichts Neues, aber fest seht, wenn diese Waren und diese Lastwagen nicht auf den Autobahnen unterwegs wären, hätten wir weniger Feinstaub, weniger Abgase, weniger Lärm, weniger leere Läden in den Vorstädten, weniger Arbeitslose und ich weniger Stau, wenn ich zu dir will.“

Ich unterbreche ihn:

„Das wird aber nicht besser werden! Dazu sind zu viele Menschen und Anbieter auf Bequemlichkeit und das Internet gepolt. Siehe einmal hier“:

Spontan ziehe ich mein Handy heraus und zeige Willi ein Bild einer ganzseitigen Anzeige aus einer meiner Fahrrad-Fachzeitungen. Zuhause hatte ich diese Anzeige gefunden und mit Pfeilen und Aufklebern umfangreich karikiert.

Auf dem Bild ist ein cooler Vollbartmann zu sehen. Toll angezogen, ist er vermutlich der Schwarm aller weiblichen Kunden. Passend für die Firma, für die er Werbung macht, sitzt er auf einem nicht minder attraktiven Elektrofahrrad. Er erweckt den Anschein, als wäre er gerade auf dem Weg zu einem Meeting. In der modischen Leder-Umhängetasche hat er vielleicht ein Tablett mit seinen neusten Entwürfen. Vielleicht trifft man sich in einem der italienisch anmutenden Cafes im Hintergrund des Bildes oder einfach in einem Büro eines Kunden. Eigentlich ist es ein schönes Bild und eine schöne und geschmackvolle Anzeige, wenn da nur nicht die Sitzposition des Fahrers wäre. Der Sattel ist viel zu weit ausgezogen, die Knie des Fahrers aber immer noch sehr stark geknickt. Vermutlich wäre er mit den Füßen flach auf die Erde gekommen, was oberflächlich betrachtet angenehm erscheint, aber jeden Orthopäden zum Wahnsinn getrieben hätte. Der Lenker war sehr nah am Sattel und optisch ansprechend, sehr tief montiert. Das sah sicherlich sehr cool und sportiv aus. Doch die Handgelenke und der Ellebogen des Fahrers waren „pielegerade“ durchgestreckt, die Schultern hochgezogen und der Hals vollzog einen scharfen Knick in Fahrtrichtung. Diese Körperhaltung ist ein Garant für Schulter- und Handgelenk-Beschwerden und eine Bereicherung für jeden Physiotherapeuten. Zusätzlich sind die Arme so dicht am Körper platziert, dass bei einer eventuellen Vollbremsung eine Verzögerung des Oberkörpers nicht hätte abgefangen werden können. Ein Sturz bei einer Brems-Notsituation ist so also durchaus vorstellbar. Dies gepaart mit dem Anspruch des Fahrers an seine Coolness und dem starken Antrieb des Motors, hatte damit durchaus das Format, die versprochene Sturzstabilität der herrlich gestylten Tablettasche vor dem Cafe testen zu dürfen.

Mit so einer Sitzposition wird dieser Fahrer maximal 2 Mal im Jahr zum „Bierholen“ fahren und niemals ein begeisterter Pendler werden.

Warum aber wird so eine optische Darstellung als Vorbild propagiert und damit ein zwar zweifelhafter, aber doch sehr wirkungsvoller Nachahm-Effekt erzeugt? Jetzt möchte ich gerne auf eine Stelle weiter vorn im Text verweisen. Hier ist Sie: „Diese Marktteilnehmer beschäftigen Mathematiker, Juristen und Werbestrategen um großspurig rechts zu blinken und wenn es eng wird, links abzubiegen!“

In einer zweifellos beratungsärmeren und damit unkritischer werdenden Welt, wo Endverbraucher sich hauptsächlich an Bildern und Videos aus dem Netz orientieren werden, macht es für einen zukunftsfähigen Hersteller absolut Sinn, nur 2 Rahmengrößen herstellen zu lassen und diese so zu bemaßen, dass möglichst viele davon in einen Container passen. Denn es macht auch Sinn, diese Fahrräder in einem Billiglohnland zu fertigen und da eine Vorlaufzeit der Ware von einem Jahr nicht unüblich ist, macht es auch Sinn, dass sich große und kleine Kunden für das gleiche Fahrradmodell zu entscheiden haben.

Wenn dann, in den in der Zukunft überwiegend vorkommenden Webshops oder Großflächenläden, mit ihren Kurz-Beratungen und Aushilfsverkäufern, die Kunden ohne eine ernsthafte Probefahrt zu fordern, vor so einem tollen Fahrrad stehen, geht es um das optische Erscheinungsbild und um die Marketing-Wirkung der Anbauteile. So wird halt schnell und reichlich Geld verdient. Ich frage mich nur, wer hier am Ende das Geld oder den ausgewiesenen Rabatt verdient hat, die Kunden oder der Händler b.z.w. der Hersteller? Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr verstehe ich, dass kaum ein Nachfolger versteht, was wir hier machen und womit wir unser Geld verdienen. Dabei ist diese Arbeit so wichtig und so lohnenswert.

„Was ist mit ihnen werter Leser? Wo habe Sie Ihr Fahrrad her? Wie kaufen sie sich ihre Produkte? Angenommen einmal, sie wären so ein oben genannter Kunde und damit etwas später der glückliche Besitzer von so einer kunstvollen Fahrrad-Erscheinung, wie sie auf diesem Bild zu sehen ist. Irgendwann werden sie dann vielleicht auf einen Typen treffen, der auf einem seltsam unspektakulär aussehenden Fahrrad sitzt. Sie werden sich vielleicht an einer Ampel oberflächlich begutachten. Zielsicher werden Sie feststellen, dass der Mann auf dem „Allerweltsrad“ 130kg wiegt. Wieder etwas später, werden Sie vielleicht aber erleben, dass Sie trotz E-Antrieb diesem Fahrer noch nicht einmal im Ansatz folgen können. Genau genommen hatten Sie auch nie eine Chance gegen ihn, denn Ihr Gegner hatte im Vorfeld NICHTS dem Zufall überlassen.

Dabei haben Sie als Kunde und Fahrrad-Käufer alles gut gemeint, Sie haben Geld ausgegeben, haben Anzeigen studiert und Rabatte erfragt. Sie haben in Foren gelesen und mit ihren Nachbarn gesprochen. Zu einem geilen Fahrrad werden Sie aber vermutlich nicht finden, denn dazu hätte es Fachwissen erfordert. Sie hätten sich durch kleine marketing- und werbelose Fahrradläden quälen müssen, in dem einen oder anderen Fahrradcafe Zeit verschwenden und den Leuten zuschauen müssen. Das aber, hätte Sie Zeit und den coolen Preis gekostet und wäre definitiv nicht zu Hause vor dem PC zu machen gewesen. So sind Sie ohne Wissen oder einer sinnvollen Vorstellung von ihrem zukünftigen Fahrrad-Untersatz losgezogen und haben dem größten Bild und dem fettesten Rabattzeichen vertraut. Ich sag nur „rechts blinken um dann links abzubiegen“.

Willi schaut sich das Bild an und nickt nachdenklich. Ich schaue mir derweil sein sauber geputztes Rad an. Dabei bleibt mein Blick an dem Navi hängen, den er an seinem Lenker befestigt hat. Nach einer kurzen Denkpause spreche ich Willi auf sein tolles Navigations-Gerät an. Er berichtet, dass er sich dieses Ding hätte schicken lassen. In Verbindung mit der dazugehörigen App eine echt perfekte Einrichtung. Ich fragte Ihn, wie er darauf gestoßen sei. Er berichtete, dass er sich zum Testen schon ein anderes System hatte schicken lassen. Ich lächele Ihn an, denke an den Stau, der ihn gerade verärgert hat und bemerke: Ich sag nur:

„rechts blinken ….!“

Er lächelt wissend zurück und antwortet,

„Diese Geräte kannst du schon gar nicht mehr im Geschäft kaufen. Meine Lautsprecheranlage wollte ich zum Beispiel bei einem kleinen Händler kaufen aber der Versender bot mir an, sie 100Tage kostenlos auszuprobieren und dann auch noch Geld zu sparen“.

Ich schaue Willi verständnislos an.

„Die Kleinladen-Besitzer oder besser gesagt die Kleinladen-Spinner machen die Beratung und der Versender zählt am Ende das Geld. Wenn das die Zukunft ist, dann ist das vermutlich auch richtig, aber wer von den Mathematikern, Juristen und Werbestrategen denkt dabei an das Wohl der Kunden die Gelenke? Wer von denen versucht einen dauerhaften Mehrwert für den zu findenden Kunden zu erreichen. Ich verstehe immer mehr warum so viel Kunden zu uns pilgern, aber keiner der jungen Geldverdiener unseren Laden übernehmen möchte“?

 

Ich musste spontan an eine Sendung über Outlets denken, die ich im TV gesehen habe. Dort wurde glaubwürdig berichtet, dass die meisten Waren gesetzeskonform und regelgerecht und vorrabattiert nur für dieses Outlet hergestellt wurden. Natürlich wurden sie im Vorhinein so kalkuliert, dass eine großzügige Rabattierung den zu erzielenden Gewinn nicht schmälern würde. Das Ganze passend präsentiert in Verbindung mit einem perfekten Verwirrspiel von Marken und Großflächenmarketing, ließen die Endverbraucher busweise über die Autobahn pilgern. Nur um sich reichlich mit vermeidlich günstiger Ware einzudecken, natürlich inklusive einiger Schnäppchen, die sich später als persönlich nichtbrauchbar herausstellen. In der Sendung wurden die Kunden mit dem Stil der Outlets konfrontiert, ohne dass sie auch nur einen Ton geglaubt hätten.

So gut kann Marketing sein. So verstehen sich viele jungen Geldverdiener! Ich sag nur rechts blinken ….!

Willi lehnte sich zurück und nachte es sich bequem, da er ahnte, dass ich jetzt so schnell nicht mehr aufhören würde.

„Für uns kleinen Händler hat dieses Marketing aber ungeahnte Folgen;
……und was ist mit dem Preis?“

Diese Frage klingt mir immer noch präsent in den Ohren.

Der Chef der kleinen Fahrrad-Manufaktur Patria, Jochen Kleinebenne hat mir dazu mal ein Geheimnis verraten:

„Der Preis sollte immer ein Hygienischer sein. Es geht um Sauberkeit, Klarheit und Bestständigkeit. Wenn ich mir einen teuren, wertvollen Gegenstand kaufe und ich erlebe, dass ich einen hohen Rabatt eingeräumt bekomme, so freue ich mich erst einmal. Danach frage ich mich ziemlich schnell, wie viel andere dafür bezahlen. Noch betrübter werde ich, wenn ich diesen Gegenstand wieder verkaufen möchte. Dann ist vielleicht der wertvolle Gegenstand nur noch einen Bruchteil wert. Für mich geht dabei der Wert eines Gegenstandes verloren. Wenn ich mir aber sicher sein kann, dass alle Kunden den gleichen Preis bezahlen, sehe ich den Gegenstand mit ganz anderen Augen. Wenn ich ihn wieder veräußern muss, werde ich auch mit Sicherheit mehr dafür bekommen. Das hygienische daran ist aber, dass sich alle Marktteilnehmer an den unreduzierten Preis halten müssen.“

Ich habe an diese Sätze oft gedacht.

„Wie geht es ihnen werter Leser? Wie ist das Gefühl, wenn ihnen ihr Küchenstudio routinemäßig 20% bis 50% Rabatt einräumt. Macht sich da nicht schnell das Gefühl breit, dass die Küche eigentlich viel billiger und die Rabatt-Aktion nur für das Marketing ist? Beschleicht sie nicht auch das Gefühl, dass die einen Kunden viel mehr Rabatt bekommen wie andere. Und, wie viel ist dann ihre Küche wert? Wirklich das, was ursprünglich drauf gestanden hat“?

Natürlich ist auch mir der Jäger- und Sammlertrieb meiner Kunden bewusst. Wenn ich tolle Waren sehe, die einen Makel haben, oder einfach zu viel, oder zur falschen Zeit gefertigt worden sind, schlage ich gerne zu und verschaffe meinen Kunden einen schönen Kaufanreiz. Nur können oder wollen wir uns nicht dafür extra Ware aus extra Kanälen holen. Ich meine, wenn die Ware ihren reduzierten Preis wert ist und mir fallen viele Fahrräder der ZEG ein, wo dies ernsthaft der Fall ist, habe auch ich kein Problem mit rabattierter Ware. Sie muss nur grundsätzlich meinem kritischen Blick standhalten. Die Qualität der Ware, das Fahrverhalten und die Ausstattung müssen zum reduzierten Preis passen, denn meine Kunden vertrauen mir und kommen viele Kilometer zu mir gefahren, um meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Daher mache ich mir den Einkauf nicht so leicht. Alles muss Probe-gefahren, getestet und probiert werden. Zu Hause dann werden die Modelle erst richtig unter die Lupe genommen, Musterkunden an den Händlerhimmel skizziert und andere Ausstattungsvariationen getestet. Ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren. Es kommt auch schon mal vor, dass wir ein gleiches Fahrrad wie eine Großfläche führen. Wir machen dann den gleichen für uns typischen Aufwand, beraten, passen an und wählen ergonomisch mit dem Kunden aus. Trotzdem schaffen wir es nicht, diese Fahrräder in angemessener Stückzahl zu verkaufen, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Preiswerte Ware hat auch preiswert auszusehen, preiswert im Laden zu stehen, preiswert in der Werbung zu sein und preiswert in der Kundenberatung. Bei so viel preiswert haben wir bei gleichen Preis und der besserer Beratungs- und Montage-Qualität natürlich keine Chance.

„So stark kann Marketing sein.“

Wenn wir dann aber ein erfolgreiches Fahrrad am Start haben, dann haben wir im Vorfeld auch einen sehr hohen Aufwand getrieben. Anders dagegen die Versender, die die Fahrräder meist noch nicht einmal Auspacken. Für uns folgt dann natürliche eine produktverliebte, ausgefeilte und langwierige Beratung. Das machen vermutlich nicht alle Fahrradhändler so, aber für meine Kunden ist das ein Pflichtprogramm. Ein Kunde hat mal im Vorfeld einer Beratung zu einem befreundeten anderen Kunden gesagt:

„Der Typ redet echt viel! Aber wenn du schlau bist, hörst du genau zu!“

Am Ende wird dann das Rad noch für den Kunden eingestellt. Was vielen Leuten nicht klar ist, dass dieser Aufwand auch bezahlt werden muss. Dabei ist die Preis-Kalkulation der Hersteller die gleiche, egal ob viel oder wenig Aufwand getrieben wird.

Wenn sie jetzt am Ende einer langen Beratung und kurz vor dem Erwerb eines tollen Fahrrades, laut schreiend nach Rabatt brüllen, kommt bei mir leise der Verdacht auf, dass sie sich einen Preis kaufen wollen und kein geiles Fahrrad, denn meist sind mir die Preise meiner Mitwettbewerber und die Qualität meiner Ware sehr wohl bekannt.

Da wir die Waren aber wirklich reduzieren und nicht mit irgendwelchen „Kunststückchen rauf und runter zeichnen“ kann der Rabatt bei mir immer nur kleiner ausfallen. Konkurrieren kann ich mit dem Preismarketing ja eh nicht, selbst wenn ich wirklich billiger wäre. So geht es bei uns um die Ware und um die Dienstleitung drum herum. Es geht um einen Mehrwert, den der Kunde bei uns automatisch mit erwirbt. Etwas, was sie nur bemerken, wenn sie selber etwas von der Materie verstehen. So gesellen sich meist nur Könner in unseren Laden und die Geldzähler zählen halt weiter ihr Geld.

Ich erinnere mich an eine prägende Situation am Anfang meiner Karriere. Unser kleiner Laden war „gestochen voll“. Meine Frau kämpfte mit allen Mitteln um alle Kunden zu ihrem Recht kommen zu lassen, während ich wie gewohnt ausführlich und begeistert eine unserer Rennmaschinen anpries. Der Kunde ließ sich alles erklären, fuhr diverse Mal Probe, ließ sich alles genau einstellen und ging am Ende mit mir seine individuelle Konfiguration durch. In meinem Kopf war ein tolles Rad entstanden. Nach eineinhalb Stunden sah mich mein Kunde ernsthaft an:

„und dieses Rad bauen sie mir jetzt für 1800DM!“ Ich schaute verwirrt in die Konfiguration und überlegte was noch sinnvoll zu ändern war. „Nein! Genau das Rad für 1800DM und nicht ein anderes!“ Ich hatte den Eindruck, dass in diesem Augenblick alle Stimmen im Raum leiser wurden. Viele Augenpaare drehten sich verstohlen in meine Richtung. Ich dachte nach. Dieser Kunde war bisher recht unfreundlich und bestimmend gewesen. Er hatte kein gutes Haar an dem Rad gelassen und doch war er zum Kauf entschlossen? Wie sollte ich mich verhalten? Wollte ich mit so einem Kunden, auf meine Kosten, die Garantiezeit finanzieren? War dies nicht einer der Umsätze, die am Ende zum Schmerzengeld werden konnten? War es das Wert, sich so behandeln zulassen? Die vergangenen 90Minuten gingen mir durch den Kopf.

„Ich komme ihnen gerne mit einem netten Zubehör entgegen…!“

„Nein! 1800DM! Genau das hat mir ein anderer Händler angeboten!“

Auf einmal war es mir klar, es gab Geschäfte, die machte besser die Konkurrenz. Ich schaute ihn lächeln an:

„Uff, jetzt ist es besser!“ Mit diesen Worten zeriss ich lächelnd den Auftrag. Bedankte mich bei dem Kunden und ließ ihn einfach zurück. Dieser blicke mir verdutzt nach und mischte sich in mein nächstes Kundengespräch:

„Was ist denn jetzt? Ich will dieses Rad haben!“

Ich schaute ein wenig traurig zu Ihm herüber: „Nein! Jetzt nicht mehr! Das Rad ist jetzt Geschichte!“

„Hören sie mal, sie sind Kaufmann, für Geld tun sie alles! Ich will das Rad!“

 

Spontan musste an ein entscheidendes Gespräch mit meiner Mutter denken.

Ich hatte Sie damals gefragt: „Mama, wann hat man genug Reichtum?

Sie lächelte mich damals an und begann mit einer Erklärung, die ich nie wieder vergessen sollte.

„Weist Du, “ begann Sie, „zu wenig Geld zu haben, ist schon ein echtes Problem, aber wie viel davon ist genug? Reichen drei oder vier Nullen hinter einer Ziffer auf Deinem Konto, oder sind es erst sechs Nullen die Dich reich machen? Für mich ist Geld so etwas wie Werkzeug, mit dem sich vieles Erreichen lässt. Es ist so etwas wie ein Hammer, eine Säge oder vielleicht ein Bleistift. Mit so einem Bleistift lassen sich mit einer kundigen Hand, viele schöne Bilder malen oder nette Geschichten schreiben. Nun haben manche Menschen aber Angst davor, eines Tages ohne Bleistift zu sein. Deshalb beginnen Sie immer mehr Bleistifte zu sammeln. Dies ist so lange in Ordnung, wie es um das Schreiben von Geschichten geht und nicht um das Anhäufen von Bleistiften. Denn wenn das Sammeln von Bleistiften, das Schreiben verdrängt, dann läuft definitiv etwas falsch. Dann wird Reichtum hinderlich und behindert das wesentliche, was unser Leben ausmacht, nämlich das Schreiben von Geschichten!“

In meiner Zeit als Selbständiger war mir der tiefe Sinn in dieser Geschichte stets ein roter Faden bei meinen Entscheidungen. Sicherlich nehme auch ich als Kaufmann an dem Fluss des Geldes teil, aber geht es immer nur um das Geld oder geht es auch um Inhalte und Werte. Ich für mich hatte irgendwann beschlossen, dass es bei mir in erster Linie um Fahrräder gehen soll. Trotzdem musste stets sichergestellt sein, dass am Ende des Monats unser aller Gehalt bezahlt werden muss. Das war die Voraussetzung. Es gilt wie immer eine Balance zu halten, diesmal zwischen meiner Fahrradverliebtheit und einem vernünftigen Auskommen für uns alle und ich fühlte, dass diese Balance jetzt gerade, schwer ins Wanken geriet.

„Nein!“ Erwiderte ich, „wenn sie viel Glück haben, dürfen sie mich am Ende bezahlen aber kaufen können sie mich nie!“ Dann bedankte ich mich freundlich und widmete mich meinem Kunden. Mir war augenblicklich klar, dass ich so nie reich werde, aber es fühlte sich gut und authentisch an. Heute, am Ende meiner Karriere haben sich meine Kunden an mein seltsames Rabattverhalten gewöhnt. Die einen nennen mich eine Apotheke und kommen nur, wenn keiner mehr weiter weiß und die Anderen fragen erst gar nicht nach Rabatt. Wir haben mit der Zeit unseren Platz und unsere Rolle gefunden. Es entwickelte mit der Zeit aber auch eine Skepsis. Wie wollen wir Nachhaltigkeit, Achtsamkeit gegenüber der Umwelt und den Mitmenschen erreichen, wenn wir alle unkritisch auf jede Werbestrategie reagieren.

„Folgen sie mir doch bitte einmal bei einem Gedankengang: wenn sie selber nirgendwo einen Kredit bekommen und eine Firma die überwiegend Mathematiker, Juristen und Werbestrategen beschäftigt, bietet ihnen jetzt bequem einen Ratenkauf zu 0%Zinsen an, sollten sie als kritischer Mensch mit Hirn nicht blitzartig schreiend davon laufen“?

Ich finde, solange die Gemeinschaft der Händler aus Großen und Kleinen, Lauten und Leisen, Teuren und Billigen besteht und ihnen eine breite Auswahl bieten kann, kann jeder Kunde für sich selber entscheiden was er will und welcher Händler der Richtige ist. Was ist aber, wenn sich für viele der kleinen Läden trotz einem vernünftigen Auskommen kein Nachfolger finden lässt? Was ist, wenn wir viele der selbständigen Handwerksmeister verlieren und damit auch viel Wissen verloren geht? Was kommt dann?

Bei meinen Gedanken wird mir immer mehr klar, wie alt ich geworden bin. Zu meiner eigenen Entschuldigung möchte ich aber anführen, dass ich mit vielen meiner Kollegen versuche, die guten alten Zeiten hoch zu halten. Für uns ist ein altgedienter Messenger (Radbote) ein Held und ein altes Gazelle Rennrad eine Ikone und jemand der mit so einem Rad kunstvoll gekonnt umzugehen versteht, aller Ehren wert. Wenn ich mir ansehe, wie VIEL wir zurzeit zu tun haben, dann gibt es immer noch viele Kunden, die auch anders über die Dinge denken und sich eine kritische Haltung erhalten haben. Doch wo gehen meine Kunden in der Zukunft hin? Was ist, wenn in 10Jahren der kleine inhabergeführte Einzelhandel Vergangenheit ist? Wer macht dann die Beratungen für die Großläden und die Versender? Wer kümmert sich dann um die Kunden der Nachbarschaft und nimmt ihre Pakete an? Wer löst dann die technischen Probleme der Kunden? Was ist, wenn unsere Innenstädte nur noch Großkettenläden beherbergen?

Vermutlich sind dann die Kunden der Versender und Großflächenläden von heute, die, die morgen am lautesten schreien werden. Sie werden vermutlich aufgebracht reagieren und auf die immer größer werdende Kundenwüste hinweisen. Dabei wissen sie gar nicht, was eine andere Kundengruppe wirklich verloren hat. Diese Menschen haben nämlich auf geilen Rädern eine tolle Zeit verbracht und diese so angenehm verbrachte Zeit, ist der eigentliche Reichtum.

Willi, der diese Ansprache schon in den unterschiedlichsten Versionen gehört hatte, lächelte mich verständnisvoll an.

 

„Du ohne deinen Fahrradladen? Nein, das kann es gar nicht geben! Das darf es nicht geben, aber denk doch einmal so:
Die, die ein Fahrrad von Dir haben, können sich wissend und genießend zurücklehnen. Denn sie werden wissen, dass sie niemals ein besseres werden bekommen können, aber diese Leute haben ja eins! Aber die, die so ein Fahrrad bräuchten, wenn du nicht mehr da bist, werden niemals erfahren, was sie hätten bekommen können“!

Ich seufzte tief und entspannte mich wieder und entgegnete:

„Aber bitte, lass uns immer daran denken, das Geld findet vielleicht wieder zu uns zurück, aber unsere Zeit tut das niemals!
Es tut mir leid, wenn die Geldzähler und Schnell-Geld-Verdiener-Mentalität so weit gegangen ist, dass sich keiner unseren Gewinn weiter verdienen möchte, nur weil er dafür dann auch eine meisterliche Arbeit hätte abliefern müssen.“

Kapitel 2