Ich muss nicht nach Santiago

Die Testtour nach Xanten

Die genaue Planung unserer Pilgerreise begann mit Heikes entschlossenem Ausruf: „Und diese Tour,…….. machen wir jetzt mit den Fahrrädern und mit einem Zelt“

„Mit einem, … WAS …?“

„ZELT!“

„WAS… wollen wir mit einem Zelt machen?“ „Na, … unsere Radreise! Ich lächelte ein wenig überrascht zurück und begriff in diesem Augenblick, dass meine bessere Hälfte die Worte sehr ernst gemeint hatte. In Gedanken ging ich spontan die Checkliste meines körperlichen Zustandes durch und kam zu der ernsten Frage: „Ist Zelten bei einem starken Hüftleiden eigentlich ein guter Plan?“ Heike schien meine Gedanken zu lesen und strahlte mich einfach nur an. Ich schaute still zurück,…….denn Heike schien ihrem Bauch zu folgen und das war schon in der Vergangenheit immer eine gute Richtungsangabe gewesen. „Du wolltest doch immer mal zu Deinem Freund und Gespannbauer Peter Sauer nach Kappeln fahren. Genau da fahren wir jetzt mit dem Fahrrad hin. Immer dem Jakobsweg oder genauer dem Pilger-Radweg D7 folgend und mit einem Zelt!“

„Mit was für einem ZELT?“

„Kaufen wir!“

„Und unsere Knochen…..?“

„Geht schon!

„Und was ist das für eine Pilger-Route“

„Die stand letztens in einer Fahrradzeitung. Das ist ein Stück des deutschen Teils des Jakobsweges. Ich sag doch, wir brauchen nicht nach Santiago und wir brauchen auch nicht zu laufen!“ Spontan musste ich an das Buch von Hape Kerkeling denken und lächeln.

Ein paar Tage später wurde uns klar, dass wir für diese Tour neues Equipment brauchten. Wir hatten in der Vergangenheit schon einige Radreisen unternommen. Diese endeten abends aber immer in einem Bett und nicht auf der Erde. So mussten wir uns mit einem gewissen Komfort ausrüsten, den wir auch auf einem Fahrrad transportieren konnten. Es wurde uns aber auch klar, dass wir die Ausrüstung vor dem großen Einsatz, auf einer Testtour werden testen müssen. So gingen wir mit wilden Vorstellungen zu unserem Outdoor Spezialisten. Der Verkäufer im Laden nickte ganz professionell und lotste uns gekonnt durch die Ausstellung. „Ein Zelt, welches in eine Zigarrenkiste passt, welches sich selber aufbaut und welches auch Stehhöhe hat….. kein Problem, kommen Sie bitte mit. „Was ist mit einer Isomatte?“

„Darf ich Ihnen unsere 6cm selbstaufblasbare Version zeigen? Dort auf dem Kiesbett können Sie probeliegen….!

So gingen wir 2 Stunden später mit einem ganzen Sack voller Ausrüstungs-Gegenstände nach Hause. Sofort wurde uns aber auch klar, dass wir für diese Menge an Zeug einen Anhänger brauchen würden. Nach den üblen Erfahrungen mit dem Einradanhänger von Koga, vor ein paar Jahren, richteten wir unser Augenmerk diesmal auf ein Exemplar von Weber. Wir besorgten uns kurzerhand so ein Exemplar und einen passenden Packsack dazu.

Ein paar Tage später war der Anhänger da. Wir waren uns schon der Problematik bewusst, dass wir auf der einen Seite dringend Komfort benötigten, aber auf der andern Seite nur zwei Fahrräder hatten. Zum Glück hatten wir uns bei den Stühlen für 2 dreibeinige Hocker entschieden, die sehr klein faltbar waren, aber für einen Tisch blieb neben den Kopfkissen, Zelt, Isomatten, Folien, Schlafsäcken, Stromkabeln, Wasserkocher, Gaskocher, Campinggeschirr, Laptop, Werkzeug und Lampe überhaupt kein Platz mehr. So standen wir eines Abends mit rauchendem Hirn, in der Werkstatt und experimentierten mit dem Anhänger herrum, um dessen Ladefläche als Tisch zu benutzen. Nach einigen ergebnislosen Versuchen, stand Heike irgendwann mit der Gehhilfe von meiner Mutter im Raum.

„Geht damit was…..?“ Diesmal lächelte ich, denn ich konnte mir unseren Anhängertisch sofort vorstellen.

Eine Route für unsere Testtour war schnell gefunden. Heike wollte schon immer mal in das Römermuseum nach Xanten fahren. So kamen wir auf folgende Idee: den ersten Tag nach Xanten, den zweiten Tag ins Römer-Museum, den dritten an die Krickenberger Seenplatte und dann über die Nordkanalroute wieder nach Hause. Wir schätzten die Länge der Tour auf ca. 230km. So eine Strecke ist nun wirklich nicht unlösbar, aber mit so einem riesigen Berg an Ausrüstung……..?

Am Vorabend der Tour begannen wir unsere Sachen zu packen. Das Pack-System hatten wir uns ja schon bei vielen Touren erarbeitet, aber diesmal hatten wir noch zusätzlich das ganze Campingzeug dabei. Wie ich den riesigen Berg an Ausrüstung in unserem Wohnzimmer auf einem Haufen liegen sah, wurde mir ganz „Angst und Bange“ und es bedurfte einiger „Heikelächler“ um mich wieder aufzubauen. Da wir aber definitiv nicht mehr im liegen essen konnten und wollen, ich den Schneidersitz als Quälerei ansehe und wir mittlerweile auch bequem liegen müssen, um überhaupt schlafen zu können, werden wir alles, was auf dem Berg liegt, auch wirklich dabei haben müssen.

„……..das kann ja nur eine Katastrophe werden!“

Der erste Tag:

Ich hatte schlecht geschlafen. Permanent träumte ich davon, wie ich von einem Fahrrad-Anhänger überrollt wurde. Heute Morgen würde unsere Test-Tour starten. Ich belud unsere Fährräder. Heike fuhr mit Stromunterstützung, ich aber ohne. Meinen E-Antrieb hatte ich mir wohlweislich ausgebaut. Ich dachte mir dabei, wenn ich fühlen will, was mein Körper mir zu sagen hat, dann sollte ich Ihn auch alleine machen lassen.

Einige Zeit später, fuhren wir voll beladen unsere ersten Testrunden.

Nach einer letzten Überprüfung starteten wir unsere Tour nach Xanten. Der Campingplatz war bestellt, die Ausrüstung verladen und die Route im Garmin gespeichert. Das Wetter war einigermaßen und die Laune gigantisch. So gerüstet konnte eigentlich nix mehr schief gehen.

Oder doch…….?

Ich fuhr entspannt so vor mich hin und versuchte geistesabwesend in dem Durcheinander von Herzschlägen den richtigen Rhythmus auszumachen, als mich ein Telefonanruf erreichte:

„WANN SCHAUST DU DICH EIGENTLICH MAL UM………? UND WÜERDEST DU BITTE ZUR KREUZUNG ZURÜCKKOMMEN? DER ANHÄNGER HAT GERADE DIE GRÄTSCHE GEMACHT!“

Ich wendete sofort mein Rad und fuhr Heike entgegen. „Der Anhänger hat die letzten Kilometer schon so furchtbar geschwubbelt. Dann musste ich an der Kreuzung einen plötzlichen Schlenker machen. Auf einmal hat dann die Plattform gelöst und die Tasche ist umgekippt. Ich glaube das die jetzt ein Loch hat.“ Ich prüfte den Verriegelungsmechanismus des Hängers und stellte fest, dass ich bei der Montage einen Denkfehler gemacht hatte und aus Versehen die Plattform nicht richtig verriegelt hatte. Schnell lud ich den Hänger ab und korrigierte meinen Fehler. Dann ging es weiter in Richtung Xanten. Heike gewöhnte sich schnell an das Fahren mit dem Anhänger. Dadurch, dass Sie mit Stromunterstützung fahren konnte, war Sie mir in allen Fahrsituationen trotz des Anhängers stets deutlich überlegen. So manches Mal, wenn ich mit 21km/h dahin glitt, konnte ich plötzlich hinter mir so ein überlegenes Rollgeräusch hören und wurde danach von einem fahrrädrigen Lastzug überholt. Die Augen der Passanten hätte ich dabei am liebsten gefilmt.

Natürlich haben wir auf unserem Weg kein Cafe ausgelassen und wir haben Picknick mitgenommen, als ginge es darum, am Zielort verhungernde Kinder zu retten. Viele Passanten schauten uns mit einem verwunderten Blick an, der zu sagen schien: Die kommen bestimmt direkt aus Ghana,….. oder die fahren da vielleicht gerade hin. Wir lächelten beide und schwiegen.

Dann kam die Stunde der Wahrheit. Wir waren auf dem Campingplatz in Xanten angekommen. Die Parzelle, die wir bekamen, war groß, windgeschützt und hatte einen Stromanschluss. Da wir ein Elektro-Fahrrad, eine Lampe und einen Wasserkocher benutzen, war das eine wichtige Voraussetzung. Dann fingen wir an, unser Equipment aufzubauen.

Den größten Spaß hatten wir natürlich mit unserem Anhängertisch!

Allein die Tatsache, dass wir nach 85 km, inklusive Packen, Strecke suchen und Premiere-Aufbau, jetzt schon fertig waren, sorgte für eine unaussprechliche Freude. Vor der ersten Nacht im Stoffmobil war ich aufgeregt wie ein Jugendlicher bei seinem ersten Date.

Mir gingen die Worte meines alten Freundes Stephan durch den Kopf:

„Nicht das, wie reinkommen ist das Problem, sondern das wie morgen früh wieder raus…!“ Und er musste es wissen, denn er war fast so alt wie wir und er zeltete regelmäßig.

Der zweite Tag:

Ich schob meine zwei Kopfkissen zur Seite und öffnete den Reisverschluss. Dabei entdeckte ich, dass Stephan ein wenig unrecht hatte. Meine Knochen funktionierten immer noch klaglos. Unser Verkäufer hatte demnach einen guten Job gemacht. Vielleicht war es aber auch unsere Erfahrung mit unserem Camping-Büsschen gewesen, die uns geholfen hatte. Auf jeden Fall schlief Heike noch. Ich hatte wie immer, in einer ungewohnten Umgebung, die erste Nacht sehr unruhig geschlafen. Nun trieb mich aber meine Blase nach draußen. Ich schnappte mir Heikes Fahrrad und ging auf die Suche nach einem WC. Nach einigen Erkundungsrunden über den immer noch friedlich schlafenden Campingplatz, fiel mir dann das entsprechende Gebäude ins Auge. Als ich wieder am Zelt war, schob sich gerade meine Heike mit einem ähnlichen Problem aus dem Stoffmobil. Sie hatte sich aber direkt Ihre Duschsachen mit unter den Arm geklemmt, um sich danach unter einer warmen Dusche gerade zu biegen. Auch Sie kletterte entspannt nach draußen und enterte das freigewordene Fahrrad. Ich nahm mir mein Buch und legte mich wieder hin. Ein bisschen verspürte ich ein wohliges Gefühl in mir. Wir hatten es echt getan, wir waren Zelten gegangen. In meinen Gedanken verbanden sich die vielen langen Radtouren die wir unternommen hatten, mit den Zelt-Erfahrungen die ich als Pfadfinder, in der Jugendgruppe und als junger Mann mit Freunden erlebt hatte. Auf jeden Fall steigerte es das rudimentäre Gefühl des Fahrradfahrens noch einmal deutlich. Plötzlich wurden Wolken zu einem Krimi und das Abwaschen zu einem gesellschaftlichen Event.

Als ich Heike auf Ihrem Rad ankommen sah, setzte ich mich in Richtung Dusche in Bewegung. Die Dusche war wieder einmal eine intellektuelle Herausforderung. Auf einem Schild, in mitten von einem wild aussehenden Kasten stand folgende Anleitung:

Schmeißen Sie, wenn rote Lampe, dann ist besetzt, geht auch bei mehreren.

Mit mehreren Männern standen wir davor, wie vor einem Glücksspiel-Automaten und versuchten durch Einwurf von Duschmarken zu dem Hauptgewinn, „heißes Wasser“ zu gelangen. Einige erfolglose Duschmarken und zahlreiche Adrenalinschübe später, standen wir aber alle im warmen Regen.

Wie ich wieder am Zelt ankam, hatte Heike schon das Frühstück gemacht. Stolz setzten wir uns an den Hängertisch und genossen unseren Komfort. Die mitgebrachten Lebensmittel ließen keinen Zweifel aufkommen, dass es ein schöner Tag werden sollte. Entspannt saßen wir, aßen, tranken den Tee und ließen den gestrigen Tag an uns vorüberziehen. Ich glaube wir waren zufrieden.

Nachdem in unserem Stoffmobil alles wieder wohnlich war, setzten wir uns auf die Räder und machten uns auf ins Römermuseum, auf welches ich mich so gefreut hatte. Viele Jahre hatte ich die Römerzeit mit einer gefühlten Sammler- und Jägerzeit gleichgesetzt, obwohl ich ja wusste, dass die Römer eine hochstehende Kultur hatten. Das aber, was wir hier erlebten, schlug dem Fass den Boden aus. Alle Menschen, die hier früher gelebt hatten, konnten schreiben und lesen, alle Türen hatten Schlösser und das obwohl ich gelernt hatte, dass diese erst im Mittelalter erfunden wurden. Die Kutschen die hier nachgebildet ausgestellt waren, hätten im Wilden Westen bestimmt ein steile Karriere gemacht und die Politiker unterschieden sich in NICHTS von den heutigen. Der Oberhammer war aber die Terme! Wenn es so eine Einrichtung hier und heute so geben würde, würden sich dort nur die oberen 10000 tummeln. Etwas so ausgefeiltes und luxuriöses konnte ich mir heute kaum vorstellen. Als Höhepunkt konnten wir in einer römischen Herberge römisch speisen. (natürlich im sitzen) Die Herberge und das Essen verschlug uns glatt die Sprache!

Die schöne Altstadt von Xanten war leider durch eine Kirmes übervoll mit Menschen und Lärm, so dass wir hier flüchten mussten. So haben wir eine nette Radtour zu einem gemütlichen Landgasthof gemacht, um dort mit langen Gesprächen und einem leckern Essen, den tollen Tag ausklingen zu lassen. Der Weg zu unserem Zelt, war wie nach Hause kommen und gemütlich haben wir dann nach ein paar Buchseiten die Augen zugemacht.

Der dritte Tag:

Etwas sorgenvoll blickte ich auf den Berg an Ausrüstung und Verpflegung, der in die wenigen Taschen verstaut werden wollte. Irgendwie überkam mich das Gefühl, dass andere Radreisende viel weniger zu transportieren hatten. Da wir es aber geschafft hatten, hierher zu kommen und auch ausgesprochen komfortabel zu nächtigen, schienen wir ja alles richtig gemacht zu haben.

Für den kompletten Abbau und das Verstauen benötigten wir ca. eine Stunde. Dann konnte es losgehen, zu unserer nächsten Etappe auf unserer Testtour. Unser Ziel war der de Witt See im Nettetal, in der Nähe von Venlo. Dieses Gebiet war uns durch zahlreiche Radtouren sehr vertraut und der Biergarten am Birkhof zog uns magisch an. So startete ich das GPS Gerät und entfaltete die Karte. Schließlich führte Heike uns über winzige Wege und Nebenstraßen gen Holländische Grenze. Hemmungslos in unsere schöne Strecke verliebt, vergaßen wir vollkommen, den Zeltplatz zu kontaktieren. So haben wir das 10km vor dem Eintreffen nachgeholt. Das niederschmetternde Ergebnis:

„Wir nehmen keine Zelter!“

„Na Prima!“

Die Angaben in unserem Garmin waren unverständlich, so dass wir mit Hilfe des Handys nach Campingplätzen Ausschau hielten. Nachdem wir dann mehrere angerufen hatten, blieb eigentlich nur noch einer, direkt an der Autobahn, übrig.

So laut wie er uns auf der Karte erschien, war er dann auch. Trotzdem war er wunderschön gelegen und reizvoll. Jeder Parzelle war mit Strom ausgestattet und ein paar Meter weiter war ein Camping-Freibad. Alles war ordentlich und genau das, was wir uns vorstellt hatten. Nach 35 Minuten stand unser Stoffmobil. So langsam spielten wir uns mit dem Aufbauen ein.

Um den Abend angemessen ausklingen zu lassen, setzten wir uns noch auf die abgeladenen Räder und fuhren zu besagtem Biergarten Birkhof. Dort ließen wir es uns gut gehen und verbrachten einen schönen Abend. Dann ging es mit einem vollen Bauch, einem guten Gefühl und aufkommender Dunkelheit zurück zum Zelt und in den warmen Schlafsack. Es war ein schöner Tag!

Die Heimreise

Es war schon ein wenig traurig, alles wieder in die Taschen zu verstauen und uns auf den Rückweg zu machen. Eigentlich hatten wir uns gerade so richtig eingelebt und unsere eigene Routine gefunden. Das Abbauen und Einpacken ging schon deutlich besser. Mit ein bisschen mehr Übung, sollte das auch in einer halben Stunde möglich sein. So saßen wir um 11.30 auf den Rädern und starteten bei bestem Sonnenbrandwetter unsere letzte Etappe. Da wir die Strecke schon fast aus dem Kopf fahren konnten, war jetzt die Gelegenheit, sich so richtig auszutoben und allen Instinkten der Wegführung freien Lauf zu lassen. Selbst für unser Picknick fand sich ein hervorragendes Plätzchen im Grünen. Je näher wir unserem Zuhause kamen, umso mehr freute ich mich auf eine Badewanne. Über winzige, schmale Feldwege, direkt vor den Toren von Düsseldorf mäanderten wir uns in Richtung Heimat. Die letzten Kilometer führten uns mit der Rheinfähre über den Rhein und den Rheindeich nach Hause. Die Blicke der anderen Leute hättet Ihr sehen müssen………..!

So kann unsere Radreise kommen!

Vorwort
Tag 1