Ich muss nicht nach Santiago

Vorwort

Eigentlich hatte mich Friedhelm drauf gebracht. Bei einem Trainingstermin in unserem Reha-Studio erzählte ich Ihm aufgewühlt von meiner Herz-Geschichte. Er hörte mir zu und schaute mich treuselig an, während ich Ihm von meinem letzten Wochenende erzählte:

„Ich war zu einem Motorrad -Training unterwegs, auf das ich mich seit Monaten gefreut hatte. Die Woche davor war in unserem Fahrradgeschäft wieder einmal eine nervenaufreibende Woche gewesen. Ich hatte mit vollem Einsatz gearbeitet und wieder einmal versucht, 110Prozent zu leisten. Mein Motorrad wurde aus diesem Grund auch erst in der Nacht vorbereitet und zur Schlafenszeit meine Sachen gepackt. Am nächsten Tag war die 500km Autobahnfahrt angenehm langweilig und eine willkommene Gelassenheitsübung. Trotzdem bekam ich unterwegs leichte Herzrhythmus Probleme. Dieses Phänomen hatte auch schon in der Vergangenheit erlebt, aber bisher immer tapfer ignoriert.

Wie ich endlich am Zielort eintraf, machte der Motor meines kleinen Motorrades, mit ungesundem Getöse, seine letzten ordnungsgemäßen Umdrehungen. Ich ärgerte mich furchtbar darüber, dass dieses Training, ähnlich wie im letzten Jahr, wieder zu einem Ärgernis zu werden schien. Dabei hatte ich das Fahrzeug extra wegen dieses Trainings in einer Werkstatt kontrollieren lassen.

Am Hotel angekommen, versuchte ich den Motor mit Bordmitteln zu reparieren, was mir aber nicht gelang. Dafür wuchs meine Wut und Enttäuschung ins Unermessliche. Plötzlich fühlte ich eine heftige Emotionswelle über mir zusammenschlagen. Dabei drehte mein Herz schlagartig auf Vollgas und raste los. Das Ganze wurde begleitet von einem heftigem Herzstolpern und großer Atemnot. Zuerst ließ ich mir nichts anmerken, obwohl ich ziemlich Panik hatte. Nachdem es in der Nacht nicht besser wurde, ließ ich mich von meinem Sohn am nächsten Morgen nach Hause holen. Dieser setzte mich, ohne einen Protest ernsthaft zuzulassen, direkt bei meinem Hausarzt ab. Der Arzt untersuchte mich sehr lange, schaute mich schließlich sehr streng an und empfahl mir:

Keinen Stress mehr, keinen Alkohol, keinen Kaffee und nie wieder Ausbelasten!“

Friedhelm schaute mich interessiert an und hörte mir andächtig zu. Dann sagte er plötzlich:

„Dir fehlt das……. NICHTS!“

Ich hatte ja mit vielem gerechnet, mit einem freundlichen Nicken oder einen mitleidigen Blick, ja vielleicht sogar einer der Ratschläge die man selber weiß, aber nicht wahr haben will. Er aber erzählt mir etwas von einem „Nichts“.

„Weißt Du Thomas….., führte Friedhelm weiter aus, „Fernöstliches Wissen lehrt uns, dass es neben einer großen Anstrengung und einem angestrengten Versuch sich zu erholen, auch das Nichts gibt. Uns Europäern mag das seltsam und unsinnig erscheinen, aber was uns oft fehlt, ist eine sinnfreie Zeit. Eine Zeit ohne jeden Sinn, ohne Mühe, ohne Worte, ohne Verstand, ja vielleicht sogar ohne Gedanken. Nur in dieser Zeit findet unsere Seele oder nennen wir es auch, unser Innerstes, seine Ruhe. Viele Menschen haben dies verlernt, hetzen zur Arbeit und danach zur Entspannung. Alles ist verplant, angestrengt, voller Sinn und Verstand und wo ist da die Pause? Was bedeutet für Dich eigentlich das Wort Pause? Wenn Du darüber nachdenkst, wirst merken, dass Dir bei der Erklärung schnell die Worte ausgehen. Zurück zu Deiner Pumpe, vielleicht waren Dir die Anstrengungen der letzten Zeit einfach zu viel und Dein Herz hat Dich einfach mal ANBRÜLLEN wollen. Was denkst Du……….?“

Wortlos und vermutlich auch mit offenen Mund stand ich vor Ihm. Mein erster Gedanke war:

Volltreffer, das saß!   

NICHTS,……… woraus besteht es, wo finde ich es oder besser gesagt, wie komme ich dorthin?

Friedhelm lächelte mich an, drehte sich dann langsam um und ging unter die Dusche. Ich schaute Ihm nach. Nach einer Weile sagte ich nachdenklich:

„Ich glaube ich weiß was Du meinst………., aber ich muss darüber erst einmal nachdenken, auf jeden Fall danke ich Dir.“

Dann nahm ich mein Handtuch und ging zum Training.

Wieder zu Hause angekommen, dachte ich über Friedhelms Satz, mit dem Nichts, nach und beriet mich mit meiner Frau. Die hörte sich gespannt meine Geschichte an. Dann lächelte sie mich sanft an und sagte mit fester Stimme:

„Wir machen den Laden vier Wochen lang zu und machen eine Pilgerreise.“

Ich entgegnete neugierig: „Wo wollen wir denn hin? Etwa auf den Jakobsweg nach Santiago, so wie Hape Kerkeling oder wie all die anderen?“

Sie schüttelte lächelnd den Kopf, „nein………., wir müssen nicht laufen und wir müssen auch nicht nach Santiago!“

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