Ich muss nicht nach Santiago

Tag 9: Lilienthal – Sauensiek

Wie ich lernte Bundesstraßen zu hassen

oder was ich an Ventilatoren so mag.

Das kleine, einsame Hotel, in dem wir gelandet waren, stellte sich schnell als DIE gelungene Beschäftigung eines sehr regen Rentnerpaares heraus. Gestern Abend bekamen wir einfach die Schlüssel und waren Herrscher über das Anwesen, während die Besitzer ins Konzert gingen. Die beiden alten Leutchen hatten bestimmt schon die dollsten Sachen gerockt und waren topmodern eingestellt. Genauso war auch das Hotel. Es war topmodern und liebevoll, auch wenn man merkte, dass die Besitzer dies hier nur noch zum Zeitvertreib und als Erinnerung an alte Zeiten aufrechterhielten. Der Hotelier war bestimmt 70 Jahre alt und seine Pumpe war noch viel mehr durcheinander wie meine. Dies hielt Ihn aber nicht davon ab, ein flottes Leben zu führen.

Das Frühstück, das sie nur für uns auftischten, hätte jedem großen Haus gut zu Gesicht gestanden. Lange haben wir noch mit dem Betreiber-Paar zusammen gesessen und in wilden Anekdoten geschwelgt. Trotzdem haben wir es geschafft um 10.30 Uhr los zukommen. Zuerst haben wir in der Garage unsere zum Trocknen ausgebreiteten Sachen ordentlich wieder eingetütet. Dann fuhren wir zu dem alten Ausgangspunkt zurück und starteten unsere heutige Touretappe. Heute stand der Fernradweg Bremen-Hamburg auf dem Plan.

Zu meinem Schrecken zeigte mein Navi direkt einmal 10 km Bundesstraße an. In unserer Gegend wäre das sogar eine der schönsten Bundesstraßen gewesen. Nett zu gucken, nicht zu warm, linealstraßengerade, ertragbar laut ……. ABER GEGENWIND! Alles hätte so schön sein können, aber wenn Du aufhörst zu treten und nach gefühlten 20 Meter stehst, ist Fahrradfahren eine echt öde Angelegenheit. Es sei denn man hat wie Heike einen E-Antrieb an seinem Fahrrad. Sie machte sich jetzt einen Spaß daraus, mir jetzt und hier beizubringen, warum Bundesstraßen bei Fahrradtouren generell doof sind. Flötend fuhr sie vorweg und zeigte mal nach rechts und mal nach links, während ich wie um mein Leben strampelte. Mein Navi zeigte mir an, dass wir diesen Weg 6 km gerade aus fahren mussten. Ich traute mich gar nicht, dies meiner Heike mitzuteilen. Sie fragte mich darauf hin:

„ Du, Schatz……., wann sind wir denn auf dem Radweg?“

Langsam dämmerte mir, warum der Fernradweg Bremen-Hamburg in der Karte so geradlinig verlief.

„Das ist …….. der Radfernweg Bremen-Hamburg!“

Da wir nicht nebeneinander fahren konnten, fuhr ich schweigend hinter ihr her nutze jedes Quäntchen Windschatten und schaute mir die Häuser an.

„Wie lange geht das denn hier noch an der Bundesstraße entlang?“

In diesem Augenblick erreichte unser Navi das erste Zwischenziel und zeigte an, dass er der momentanen Straße noch 13 km folgen wollte.

„ Frag nicht!“ presste ich atemlos heraus.

Da diese Linealstraße ca. 50 km mehr oder minder geradeaus ging, bedeutete das für mich, prima Wind zum segeln, aber leider nicht zum Fahrrad fahren. Um mich abzulenken, schaute ich mir die Häuser und Heikes Anhänger an, der über jede Unebenheit die wildesten Bocksprünge veranstaltete. Trotz ihres Schwubbelhängers schien Heike heute gute Laune zu haben.

„ Du, Schatz“, sagte sie zu mir, … „hätten wir nicht heute 92 km auf dem Zettel gehabt?“

Diesmal kamen die laute OHHHHH und Argggggg Rufe von mir.

„Ich hasse Gegenwind. Weist du, wenn der Wind ein Ventilator wäre, dann würde ich ihn jetzt einfach nehmen und hinter mich stellen. Aber so, kann ich den Gegenwind nur hassen!“ Obwohl es auch etwas Meditatives hat, schweigend und still an seiner körperlichen Leistungsgrenze zu fahren. Mir gingen plötzlich die seltsamsten Gedanken durch den Kopf. Ob man eigentlich eine Obstpizza machen kann…….., was nimmt man dann als Käse?

Alle 15 km fragte meine Heike brav und liebevoll, ob wir jetzt nicht eine Pause machen wollten. Meistens sagte ich zu. Bei Km-Stand 45 war wieder so eine Pause fällig. Ich bestellte zu diesem Zweck beim Universum ein nettes Cafe. Nach 2 km saßen wir dann auch gemütlich draußen bei Kuchen, Limo und Kakao. Nachdem dies so gut funktionierte, bestellte ich dann auch noch schöne Waldwege und Windstille. Ihr werdet es nicht glauben, die Waldwege kamen dann auch, aber der Wind blieb. Tja, ist ja auch schon mal ein Teilerfolg.

Ohne uns zu verfahren, führte uns unser Weg zu dem anvisierten Campingplatz, der sich recht einladend plötzlich vor uns auftat. Bei tollem Wetter und einem Platz, herrlich im Schatten, bauten wir unsere sieben mal sieben Sachen auf und zauberten danach aus unserem Ghana-Express ein hervorragendes Abendbrot,

…… und jetzt wird das Licht ausgemacht und geschlafen, was mir sicher gelingen wird.

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