Ich muss nicht nach Santiago

Tag 8: Hartenbergsee – Lilienthal

Das „fast“ menschenleere Land

oder wieso die Route Pilgerpfad heißt

Irgendwie muss auf unserer Tour immer wieder an Hape Kerkelings Buch und seinen persönlichen Jacobsweg denken. Hape hat nach seinem Hörsturz das Pilgern begonnen und darüber geschrieben. Er erwähnt in seinen Texten die Gespräche mit sich selbst und die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Sein. Ich fand das beim Lesen des Buches schon ziemlich weit hergeholt, aber jetzt, so ganz ohne Fernsehen, Zeitung, Radio, in meist schönster, stiller Natur, mit der Eintönigkeit des Tretens und des abendlichen Zeltaufbauens, ergeht es mir ähnlich. Ich denke oft an meine Gesundheit, mein Herz und rede mit Heike über Gott und die Welt  und wir merken, dass viele der stressigen Dinge im Wesentlichen unwichtig sind. Ich glaube, wir pilgern.

Bei meinem ersten Blick aus dem Zelt drängt sich mir spontan die Frage auf, ob es auch zum Pilgern gehört, dass es des Nachts Hunde und Katzen regnet, wir am Morgen in einer Matschwüste aufwachen und unsere sieben mal sieben Sachen im Sauwetter einpacken müssen?

Gestern haben wir uns beim fröhlichen Frühstück überlegt, die Route etwas anders zu legen als es unsere ursprüngliche Planung vorsieht. Die Route hat dadurch etwas gleichmäßigere Etappen und durchquert das Alte Land. Was Heike zu Zeit sehr zu gelegen kommt, da ihre geschundene Sitzfläche nicht 2 x 92 km hintereinander überstehen muss. Da wir sehr viel Schotterwege und „wuseliege“ Feldsträßchen fahren, erleichtert ihr die neue Streckenplanung die nächsten Etappen deutlich. Nach dem ersten Blick aus dem Zelt, haben wir uns heute Morgen auch überlegt, gleich genüsslich in einer Bäckerei zu frühstücken und uns heute Abend ein Hotel zu gönnen. Wir finden, so packen sich nasse Sachen schon direkt leichter ein.

Kurz hinter dem Campingplatz finden wir einen freundlichen Truck-Stop, in dem schon einige Leute entspannt frühstücken. Dort lassen wir uns genüsslich nieder und lassen uns ein Frühstück bringen. Frisch gesättigt und zufrieden gehen wir dann auf Tour.

Die ganze Zeit fahren wir gegen den Wind und überwinden auch noch den einen oder anderen Hügel. Dabei fällt uns auf, dass weit und breit keine Menschenseele zu sehen ist. Alles ist dämpfig, mittlerweile trocken und still. Nach langer Zeit führt uns der Weg wieder  einmal durch richtige Wälder. Heike vergisst sogar das Maulen, wenn ich ihr die eine oder andere Bundesstraße einbaue. Obwohl ihr das immer wieder auftretende Eigenleben des Anhängers immer wieder ein „Ohhhh“ rausrutschen lässt.

Je näher wir an Bremen herankommen, je flacher wird die Gegend und es tauchen sogar die ersten Menschen auf. Diese sind aber ausgesprochen unfreundlich und wortlos.

… und plötzlich waren wir mitten in Bremen. Ein Verkehr, wie bei uns in Düsseldorf auch, aber für uns heute wie ein Schlag ins Gesicht. Autos, Fußgänger, Radfahrer wuseln wild durcheinander. Wir fühlten uns plötzlich wie ein Halligbauer in der Großstadt. Sogar der Dom konnte uns nicht zu einem Besuch ermuntern. Auch Kaffee und Apfelkuchen ließen wir links liegen. Nur raus hier. Je weiter wir uns von der Stadt entfernten, je ruhiger wurde es wieder. Stellenweise sah unser Tourweg so aus, als ob wir nach Feierabend mal eben nach Kaiserswerth radeln würden.

Die Suche nach dem heutigen Hotel erwies sich als etwas schwierig. Unser Navi führte uns immer wieder aus unserem Zielort Lilienthal heraus. Auch das Internet brachte uns nicht weiter. Erst ein freundlicher Herr auf seinem Balkon, wies uns den richtigen Weg.

Am Hotel angekommen, haben wir erst einmal die Räder in die Garage gestellt, das nasse Zelt ausgepackt und über die Räder zum Trocknen aufgehängt. Danach gingen wir aufs Zimmer und haben genüsslich und lange geduscht. Ich glaube, dass wir die einzigen Gäste waren. Der Hotelchef, ein netter älterer Herr, hat uns netterweise was zu Essen gemacht, was auch als ganz brauchbar herausstellte.

Jetzt sind wir mutterseelenallein in dem Hotel, sitzen auf der Terrasse, haben ein Glas Wein in der Hand und schreiben diese Zeilen.

Es war ein schöner Tag und langsam lerne ich Gelassenheit.

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