Ich muss nicht nach Santiago

Tag 23: Sande – Westoverledingen

Im Herzen von Friesland

oder Gott muss ein Radfahrer sein.

Die Gruppe Santiano besingt in einem Ihrer Shantys, dass Gott ein Seemann sein soll. Ich bin nun zum Glück nicht in der Situation, dass ich Ihn fragen kann, aber wenn ich mir die Wetterberichte anhöre, dann ist überall in Deutschland zur Zeit Land unter. Nur da, wo wir sind, ist gerade schönstes Wetter. Heute hat uns der Navi auf eine hervorragende Tour geschickt und das Beste daran, wir sind immer zwischen dicken Regenwolken durch, so als hätten wir es darauf angelegt, Ihnen zu entgehen. Wir sind aber nur der Route gefolgt. Wenn ich jetzt aber Gott mit unserem Navi in Verbindung bringe….geht das auf jeden Fall zu weit und ich erinnere mich noch gut an die vielen Abenteuer die unser Navi für uns parat hatte.

Auf jeden Fall sitze ich gerade im Herzen von Friesland, habe gut gegessen, unser Zelt steht wieder an einem See, ich war vorhin schwimmen und das Wetter ist wie eben beschrieben …gut. Der Herrgott ist also definitiv auf unserer Seite. So kommt es mir wenigstens vor. Dabei habe ich schon ein wenig Schiss gehabt, wie wir heute Morgen von unserem Hotel gestartet sind. Bisher sind wir ja immer ganz bestimmten Motto-Routen gefolgt, aber jetzt sind wir einfach nur quer durch Friesland gefahren.

Das Frühstück in unserem Hotel war nicht so wie das Frühstück aus unserem Ghana-Express, aber es war ganz ordentlich. Wie jeden Morgen waren wir um 10.30 Uhr auf unserer Route. Ein paar Häuser neben dem Hotel war ein Supermarkt, so dass wir unsere Reserven auffüllen konnten.

So konnten wir mit frischen Leckereien den Fahrradtag beginnen. Die Route führte uns direkt auf hübsche Nebenwege. Wir fuhren wieder rustikale Feld- und Waldwege. Über allem lag ein leichter Mistgeruch, doch die Wohnhäuser war eins schöner wie das andere.

Die Bauernhöfe am Wegesrand gingen zum Teil ins gigantische über und die dazugehörigen Trecker hatten Hausgröße. Die Wege die wir fuhren, waren zwar Linealstraßen, aber wir hatten sie meist für uns allein, immer an einem Kanal entlang.

Überall am Weg stehen Bänke, Tische und leere Mülleimer. Es ist einfach schön hier. Da wir zum Teil ordentlichen Gegenwind hatten, nutzten wir einige der Bänke für eine zünftige Pause.

Für mich war heute das vorherrschende Thema, mein Traum von der letzten Nacht. Ähnlich wie Heike ihn vor ein paar Tagen hatte, träumte ich, wie mir ein Arzt mitteilte, dass ich nur noch kurze Zeit zu Leben hätte. In meinem Traum hatte ich mich sehr unsicher gefühlt und in Anschluss mit vielen anderen Ärzten geredet. In dem Traum haben sie mich aber, wie vermutlich auch in der Realität, alle recht einsilbig abspeisten. Erst eine Therapeutin aus einer Klinik aus Bad Wildungen (wieso träumt man denn so etwas) erlaubte mir einen Einblick in die Behandlung und die weiter Therapie bis zum Ende. Die anderen Patienten, in diesem Traum, waren alle sehr leidend und gebrochen. Darüber bin ich wach geworden und war sehr verstört. Mir war schon klar, dass ich in diesem Traum gerade die Sterbebegleitung meiner Schwiegermutter aufarbeitete und in einem Rutsch mit meinen Herz-Rhythmus-Störungen verband. Trotzdem war es ein Traum, der mich in eine Situation führte, die wir alle nicht wahr haben wollen, uns aber mit Sicherheit erreichen wird. Nach einer Weile wach liegen und grübeln, schloss ich zufrieden und müde wieder die Augen und nahm mir vor, bei einer Traumfortsetzung, der Therapeutin fröhlich und entschlossen zu sagen, dass ich nicht in der Traumklinik bleiben würde. Ich würde jetzt gleich wieder, so lange auf Radreise gehen, wie mir Zeit bliebe. Dabei hatte ich ein gutes und zufriedenes Gefühl. Lächelnd schlief ich wieder ein. Mir wurde plötzlich bewusst, dass diese Radreise in der Tat etwas mit Pilgern zu tun hatte und dass das Zelten ein wesentlicher Bestandteil davon war.

So Freunde, meinen Tee habe ich jetzt ausgetrunken, draußen ist es dunkel und meine Augen fallen zu. Mal sehen was ich heute träume.

Gute Nacht!

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