Ich muss nicht nach Santiago

Tag 22: Bremerhaven – Sande

Der Tag der Fähren

oder wenn der Wind in den Ohren schweigt.

Heike bekommt immer einen ganz verzückten Gesichtsausdruck, wenn sie das Geschrei von Möwen hört. Das Meer mit seinen Deichen ist Ihr Gebiet. Schweigend und lächelnd fährt Sie dann mit Ihrem Rad und genießt dabei.

Durch den Tipp von unseren Cuxhavener Camping-Nachbarn, die wir in den ersten Tagen unserer Reise getroffen hatten, die Personenfähre Lühe / Wedel zu benutzen, kamen wir auf die Idee nach weiteren „Geisterfähren“ Ausschau zu halten. Mit der Fähre Brunsbüttel / Cuxhaven, ist uns ja schon einmal eine tolle Verbesserung unserer Route gelungen. Sie machte es uns möglich, schön an der Nordseeküste entlang zu fahren und nicht endlose Kilometer im Hinterland „schrubben“ zu müssen.

Heute sollte aber unser größter Clou starten. Ich hatte gestern auf einer Karte in der Rezeption unseres Campingplatzes eine Personenfähre gesehen, die auf keiner meiner Landkarten zu erkennen war. Durch den Einsatz dieser Fähre brauchen wir nicht ellenlange Schleifen um die Flussmündungen zu ziehen, sondern wir würden einfach darüber hinweg fahren. Für heute Morgen steht damit die Fähre Bremerhaven / Blexen auf dem Plan, die uns auf die Halbinsel Butjardingen übersetzen wird. Dort werden wir eine tolle Tour am Deich lang fahren, um dann am anderen Ende der Halbinsel mit einer weitern Fähre von Eckwarderhörne nach Wilhelmshaven überzusetzen. Ein wenig war mir dabei mulmig, gleich zwei Geisterfähren an einem Tag benutzen zu wollen. Die Möglichkeiten, dass wir bei einer oder zwei Abfahrten des Fährschiffs pro Tag, nicht dabei sind, ist einfach recht groß, aber keine Reise funktioniert ohne Abenteuer.

Heute Morgen war der Himmel Wolken verhangen und es regnete immer wieder mal. Trotzdem freuten wir uns auf den heutigen Tag.

Unser Frühstück mussten wir unter dem Vordach eines verlassenen Camping-Wagens einnehmen. Das hinderte uns aber nicht daran, mit Sanddornmarmelade, frischen Brötchen und verschiedenem Käse zu frühstücken. Langsam habe ich den Verdacht, dass ich der einzige Radreisende bin, der fett und kugelrund wieder nach Hause kommt.

Zwischen zwei Schauern machten wir unser Zelt trocken und brachten es auch halbwegs vernünftig in unsere Hängertasche. Das komplizierte Trocknen und Einpacken kostete uns aber Zeit, die wir heute doch lieber als etwas Zeitreserve hätten gebrauchen können. Den Weg zu der ersten Fähre hatten wir im Kopf, da wir ihn uns in den letzten beiden Pausentagen recht genau ausgeguckt hatten.

In leichtem Nieselregen verließen wir unseren Campingplatz mit einer ziemlichen Verspätung. Ich fuhr recht flott über die schmalen Kanalwege, um die Fähre noch zu erwischen. Heike fuhr laut fluchend und jeden Hubbel laut ausmalend hinter mir her.

„Ja,….sie ist ja schon tapfer, wenn Sie trotz Ihrem „Schiss“ so an mir dran bleibt!“

Ich sagte nichts und feuerte vorweg. Schnell waren wir in der City von Bremerhaven und damit auch an der Fähre. Unsere Zeitplanung hat so gepasst, dass wir ohne zu bremsen auf die Fähre auffuhren, die danach auch sofort ablegte.

„Das war der erste Streich!“

Auf Butjardingen angekommen, hatten wir Zeit. Wir fuhren gemütlich im Gegenwind am Deich lang und ließen uns von allem und jedem zu einer Pause überreden. In Fedderwarder Siel wollten wir in einem bekannten Cafe ein Stück Kuchen erbeuten, es war aber geschlossen. So ließen wir uns an einer Fischbude nieder und versuchten uns an der deutschen Version von Fish and Cips. Ich muss zugeben, es war ja nun kein Kuchen, aber es war lecker.

Frisch gestärkt setzten wir unser Fahrt fort, als ich aus dem Augenwinkel einen älteren Herrn neben einem Rad auf der Straße liegen sah. Er bemühte sich erfolglos wieder aufzustehen und wirkte sehr klapprig dabei. Wir eilten sofort zu Ihm, um Ihm aufzuhelfen. Er beteuerte lautstark, dass er der Fitteste sei und jetzt weiter fahren wolle. Lächeln nahm Heike Ihn unter den Arm und führte Ihn auf die andere Straßenseite, wo ein Haus stand. Einem Jungen deutete ich, dass er einen Stuhl holen solle. Er wetzte auch sogleich los und kam mit einem Stuhl und einem Glas Wasser wieder. Dann setzte sich der Klapprige und erzählte uns etwas von sich. Eine Dame gesellte sich dann noch dazu. Gemeinsam redeten wir dem Mann gut zu, sich abholen zu lassen, aber nach 10 Minuten „eierte“ er wieder von dannen.

Mir lag aber immer noch der fehlende Kuchen im Hirn. Kurz vor der zweiten Fähre tat sich aus dem Nichts eine Ferienanlage auf. Dort gingen wir dem gewünschten Kuchen nach. Aus dem traurigen, verhangenen Nieselregentag war mittlerweile wieder ein schwülheißer Sommertag geworden.

In Eckwarderhörne angekommen, gingen wir auf die Suche nach der Fährstelle. Die war aber so gut versteckt, dass wir in einer Imbissbude danach fragen mussten. Der Herr hinter dem Tresen brachte uns dann aber auf den richtigen Weg. Es dauerte zwar noch eine Stunde, bis die Fähre kam, aber wir waren froh, dass wir sie gefunden hatten.

Wie das Schiff anlegte und der Matrose eine gefühlt senkrechte Leiter an die Bordwand legte wurde mir ganz schwarz vor Augen. Bestimmend sagte der Seemann :

„Der Hänger muss ab!“

„ÄHHHHHHHH?????“

„Kannst Du ja aber auch probieren!“

„Machen wir!“

So versuchten wir das Riesengefährt über die Hühnerleiter zu bugsieren. Mit einigen helfenden Händen und der einen oder anderen Schramme an meinem Bein gelang es dann.

„Tja, Das war der zweite Streich!“

Zufrieden saßen wir an Deck und genossen die Überfahrt. Wir fuhren an Wilhelmshaven, dem Marinemuseum und einer großen Anzahl alter Kriegsschiffe vorüber.

Für heute Abend hatten wir uns ein Hotel reserviert, denn es war doch schon sehr spät geworden. So radelten wir noch die 10 km zum Hotel und machten es uns dann auf der Terrasse bei einem Essen gemütlich.

Es war heute ein schöner Tag am Deich gewesen, die Möwen haben geschrieen und Heike hat gelächelt.

In Wilhelmshaven bin ich dann entspannt mit 21 km/h einen Hügel „hinaufgerollt“ und habe mich heimlich gefragt was wohl in dem Kuchen gewesen ist, dass mir das Fahren so leicht fällt. Bis mir auffiel, dass ich in den Ohren Windstille verspüren konnte. Beim genauen Hinsehen fiel mir weiterhin auf, das sich die Grashalme kräftig nach vorne bogen.

„Rückenwind, ………endlich mal!“

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