Ich muss nicht nach Santiago

Tag16: Breisach – Cuxhaven

Die Geister-Fähre

oder wie der Ostwind zum Freund wird.

Das Hotel-Zimmer war im Prinzip eine komplette, feudale Ferienwohnung mit einer Terrasse im Blumengarten. Von Außen betrachtet, war dieser Gasthof nur eine nette Kneipe, aber beim genaueren Hinsehen, taten sich ungeahnte Qualitäten auf. Der Hotel-Chef war zwar buchstäblich ein Junge, damit auch sehr unsicher und „stisselig“, aber das Essen war prima und wie wir jetzt feststellen durften, waren die Zimmer Weltklasse. Wenn ich so nachdenke, ist diese Radreise sowieso die Tour der zweiten Blicke. Einen Zeltplatz, bei dem ich um ein Haar schreiend weg gelaufen wäre, erwies sich später als das Urlaubseldorado, ein anderer Zeltplatz ist 500 Meter vorher gar nicht zu sehen und dann aber umso riesiger und ein ganzer Landstrich erweist sich als das Motorradtraumland, in das man sonst nur Führerscheinlose geschickt hätte. Tja, man sollte immer zweimal hinsehen.

Auf jeden Fall haben wir nach der Anstrengung am Vortag, gut geschlafen. Heike war schon um 22.oo Uhr in die Horizontale gegangen, während ich noch geschrieben habe. Heute Morgen musste es aber schnell gehen, denn wir wollten heute über die Elbe und hatten uns vorgenommen mit einer Fähre zu fahren, von denen die einen sagten:

„Die gibt es seit 10 Jahren nicht mehr,“ oder andere:

„Hab ich schon mal gehört,…….die fährt aber nur wenn sie will!“

Wir suchten also eine Fähre über die Elbe, die es vermutlich nicht gab, die, wenn sie fuhr, dies nur Di und Mi tun sollte und die, wenn überhaupt, dann um vier Uhr ablegen würde. Bei solchen Rahmenbedingungen sind zwei Stunden Zeit zum Suchen und zum organisieren gut eingeplant, aber wenn alles klappt, wären wir heute Abend auf einem Zeltplatz in Cuxhaven Dune. Direkt an der Nordsee. Quasi mit Blick auf das Meer. Wir fanden, das war das Wagnis wert.

Um 9.45 Uhr saßen wir, für uns sehr ungewöhnlich früh, auf unseren Rädern und machten uns auf zum Nord-Ostsee-Kanal. Diesen wollten wir „mit einer Hand im Wasser“ bis nach Brunsbüttel fahren.

Heute hatten wir unseren Navi , von dem Routen Modus auf den Track-Modus umgestellt. Denn so wie wir bisher mit dem Navi klar gekommen sind, konnte das Heute nur in einer Katastrophe enden. Allen Widrigkeiten zum Trotz, waren wir aber schnell am Kanal. Der Weg war gut zu fahren und die Boote auf dem Wasser ergaben ein bekanntes aber auch leicht langweiliges Bild, genau so, wie wir es mögen. Uns kamen riesige Container-Schiffe, aber auch nette, kleine Segelschiffe entgegen. Wir konnten gar nicht genug fotografieren. Den Kanal überquerten wir zwei, drei mal, wobei wir beim ersten Mal schon versuchten, so lange wie möglich auf der Seite mit dem meisten Schatten zu fahren. An den Fährstationen hatten wir jedes Mal nette Gespräche mit anderen Radreisenden. Der Radweg, der direkt am Kanal entlang lief, braucht nicht weiter beschrieben zu werden, denn er sah am Anfang genau so aus, wie am Ende, aber der Wind, DER WIND kam diesmal aus der richtigen Richtung und bescherte uns die ganze Zeit wunderbaren Rückenwind. Tja, bei Ostwind sollte man halt immer gen Westen fahren, denn dann ist er richtig angenehm.

In Brunsbüttel angekommen, fanden wir den Schiffsanleger, mit ein wenig Hirnschmalz, ziemlich direkt. So kauften wir uns an der Touristen-Info unsere Schiffstickets. Mit diesen in der Tasche war uns jetzt wohler, denn wir hätten uns hier sonst eine Bleibe suchen müssen. So war uns jetzt nach einer fetten Pause. Wir fanden auch direkt an der Schleuse eine Bank, mit dem Blick auf den Hafen und im Schatten. Hier breiteten wir unsere Essenssachen aus und stillten, den bis hierher, aufgekommenen  Hunger. Dabei schauten wir den Segelschiffen, den Motorjachten und den Riesenpötten zu und genossen das rege Treiben an der Megaschleuse.

Unser Schiff legte pünktlich um 15.30 an und sofort gingen die ersten Radreisenden an Bord. Der Einstieg war aber in der ersten Etage und mit einer engen Treppe nach oben.

„ Du….., Thomas…… guck mal, die wollen doch nicht im Ernst, dass wir die Fahrräder da hoch schieben…… (Heikes Rad wiegt mit Gepäck ca 80kg!)?“

„Doch, doch, sieht ganz danach aus.“

„Dann nehme ich aber dein Fahrrad und du das mit dem Hänger.“

„OK.“

Sofort machten wir uns auf den Weg, unsere Fahrräder auf das obere Schiffsdeck zu schieben. Es war schon ein gewaltiger Kraftakt. Es eilte aber sofort Schiffspersonal zu Hilfe und schließlich haben wir es geschafft.

Direkt nach der Abfahrt, befuhren wir eine der Megaschleusen. Mit unserem Schiff fuhr eines dieser riesigen Containerschiffe, mehre Segelschiffe, ein Binnenschiff und ein Schlickrutscher mit in die Schleuse.

„Ich kann Euch sagen, so dicht neben so einem Riesenklotz von Schiff, wird einem ganz anders. Unruhig schaute ich die riesige Bordwand hoch und hoffte, dass der Steuermann ein freundlicher Mensch ist.“

Dann bestellten wir uns ein Stück Gummikuchen und einen Kakao. Hier fiel mir wieder schmerzlich auf, dass ich keinen Kaffee mehr trinken darf. Ich, als alte Kaffee-Tante, leide wie ein Köter und der Kakao kann meinen Kaffee nicht im mindesten ersetzen. Auf der zweieinhalb stündigen Bootsfahrt, lehnten wir uns aber zurück und genossen den Tag, Zufrieden ließen wir in netten Gesprächen die bisherige Tour an uns vorüber gleiten. Wir waren in diesem Urlaub schon an vielen interessanten Orten gewesen.

Wie heißt es so schön:

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen!

(Und wenn er mit dem Fahrrad fährt, doppelt so viel)

Um Halbsieben legte das Boot an und wir suchten unseren Campingplatz. Dieser war wie üblich sehr versteckt und auf den ersten Blick sehr grauselig,…… aber das hatten wir ja schon. Beim Einchecken versuchte Heike sich an einem Smalltalk und erzählte dem Platzwart, dass wir aus Düsseldorf kämen und einen Gespannhersteller in Kappeln besucht hätten. Darauf sagte der:

„Sie meinen nicht Peter Sauer?“

„Doch, den meine ich!“

„Ein Freund von mir hat so ein Gespann von Ihm…….“

„Kann es sein, dass er Detlef heißt und dass er mit einer Heike verheiratete ist?“

„…………..Woher wissen Sie das?“

„Tja,“ schmunzelte meine Heike, „die Gespannwelt ist klein!“

Staunend brachte er uns an unseren Platz, trug uns Grüße auf, falls wir Detlef und Heike sehen würden und besorgte uns eine Kabeltrommel. Das Zelt war schnell aufgebaut und um 20.30 Uhr saßen wir in einer Beach Bar bei herrlichem Essen und einer kalten Fassbrause.

Das nenne ich Urlaub…………..und jetzt gute Nacht!

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