Ich muss nicht nach Santiago

Tag 10: Sauensiek – Elmshorn

Und es gibt es doch, das Auenland,

oder wie eine Gegend den Wind überlistet.

Freunde, ich habe es gesehen, das Auenland. Eine Gegend voller kühler Bäche, Wiesen mit Vieh darauf, Waldstücke, gewundene Wege und Tage mit einem ersten und zweiten Frühstück. Zum Abend natürlich ein paar Töften dazu. (Für nicht Herr der Ringe Fans, Kartoffeln)

Nein, im Ernst, genau hier muss Tolkin seine Inspiration für das Buch Herr der Ringe her haben. Überall hier gibt es gemütliche, freundliche Menschen, die Zeit haben, nette kleine Häuser, knorrige Bäume, Felder mit Mais, Korn und Obst so weit das Auge reicht. Die meisten Häuser sind einfach schön, nicht protzig aber sehr liebevoll. Die Bedienung an der Kasse beginnt direkt ein Gespräch mit Dir und alle Kunden warten geduldig oder lachen amüsiert mit. Man merkt, dass wir uns dem Alten Land nähern. Ich habe schon viel Schönes darüber gehört und es ist in der Tat eine Reise Wert.

Unser Campingplatz für die letzte Nacht, war sehr nobel, wenn auch erst auf den zweiten Blick. Unser Platz war gut geschützt, in mitten von hohen Bäumen. Heike hatte die Nacht nicht so gut geschlafen und weil etwas Bauchgrummeln hatte. Bei mir grummelte eher die Tatsache, dass wir heute eine Fähre suchen werden, die uns Tage vorher andere Campinggäste empfohlen hatten und die unser Navi nicht kennt. Noch vor dem eigentlichen Aufstehen war ich daher schon mit dem Laptop zugange um die Route für heute wirklich Dingfest zu machen. Durch diese speziellen Bedingungen, starteten wir unseren Tag 30 Min später wie sonst.

Das Frühstück war wie immer ein Festakt (für Campingverhältnisse). Wir ließen uns Zeit und redeten über dies und das. Dann machte sich Heike fertig und ich begann mit einpacken. Um 10.45 Uhr bezahlten wir und fuhren los. Der Gegenwind war noch heftiger wie Gestern. Ich hatte mir aber überlegt, den Lenker etwas tiefer einzustellen um dadurch mehr Tretleistung produzieren zu können. Dieser Plan ging auf, zumal wir heute viele kleine, wild durcheinander gewürfelte Wege, verschiedener Beschaffenheit und vor uns hatten. Mal waren es Bundesstraßen, oder Waldwege und dann auch geteerte Wirtschaftswege.

Mein Hirn war seltsam ruhig heute. Während meine Beine VOLLLAST getreten haben, träumte ich so vor mich hin. Lange Zeit versuchte ich mir zum Beispiel das Rezept für meine Obstpizza fertig auszudenken………! Da die Wege recht schmal waren, fuhren Heike und ich lange Zeit hintereinander her und schwiegen uns an. Vielleicht lag es auch an der wunderschönen Gegend, in der es so viel zu sehen gab!

Mitten im Alten Land, in mitten von herrlichen Obstplantagen machten wir dann unsere erste Rast. Heike, die immer noch unpässlich war, legte sich etwas hin. Ich machte mir Sorgen um Sie. Während sie schlief, futterte ich für zwei und beschloss nicht an die Waage zu Hause zu denken.

Langsam näherten wir uns der Stelle, wo der Campinggast uns die Fähre versprochen hatte. In der Tat war an dieser Stelle auch wirklich eine Anlegestelle. Aber das, was da vor uns lag, war nicht das Flüsschen Elbe aus meinem Schulatlas, das war eher ein fließendes Binnenmeer mit RIESIGEN Schiffen darauf. Die schipperten in Sichtweite, majestätisch vor unseren Füßen entlang. Ringsum standen Fressbuden und viele geparkte Autos. Es herrschte hier trotz der Hitze ein reges Treiben. Wir kämpften uns bis zum Anleger vor und erfuhren dort, dass die nächste Fähre erst in ca.2 Stunden fahren würde. So hatten wir hier einen langen Aufenthalt, den wir uns mit Kakao und Kuchen zu versüßen wussten. Wir gesellten uns zu den vielen anderen Radreisenden und tauschten nette Geschichten aus.

Dann kam die Fähre. Wir sollten die Fahrräder über eine Treppe oder einen eng gewundenen Steg, direkt über der Wasserkante, an Bord schaffen. Mir wurde ein bisschen bange bei dem Gedanken an Heikes Schwerlaster. Wie es dann aber losging, funktionierte alles tadellos. An Bord suchten wir uns einen kühlen Platz mit einer schönen Aussicht und schauten dem geschäftigen Treiben auf dem Wasser zu. Die Fähre schlängelte sich durch die mit riesigen Pötten voll gestopfte Fahrrinne. Ein beeindruckendes Schauspiel.

Wie wir drüben anlegten und aussteigen wollten, spielte auf einmal eine Fanfare das Deutschlandlied und eine Stimme aus einem Lautsprecher sprach ein paar Worte dazu.

„Na, jetzt übertreiben die aber……!“

Nein, das galt nicht uns, hier wurde jedes Schiff mit Namen, Ladung und Herkunft angesagt. Wir schoben unsere Räder still durch das Gewusel in Richtung Elbdeich.

Die Deichwege waren wieder ein Stück Auenland. Schafe direkt am Weg, eine tolle Gegend und ein Fuchs der nach dem Weg fragt.

Es war mittlerweile auch schon spät geworden und der Weg war immer noch lang. Da es Heike immer noch nicht gut ging, und Morgen eine 92er Etappe anstand, trafen wir daher die Entscheidung, die morgige Etappe etwas zu kürzen und heute in einem Hotel zu übernachten. Wir Beide sind schlag kaputt und es ist mittlerweile auch schon 18.30 Uhr, als wir in Elmshorn eintreffen. Wir mussten mehrere Hotels anrufen, bis wir endlich eins gefunden hatten, welches auch noch ein Doppelzimmer frei hatte. Das Zimmer, welches uns dann aber gezeigt wurde, war ein Palast, unsere Räder durften im Festsaal parken und das Essen in dem zum Hotel gehörigen Restaurant war ein Gedicht.

Ja, wir finden, Tolkin muss hier gewesen sein.

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