Ergebnisgrinsen

Auch Kinder wollen angenehm Fahrrad fahren
Oder: Warum man besser früh die Weichen stellt

„Hey, können Sie mal unterschreiben?“ Der Fahrer der Spedition hat gerade ein neues Fahrrad abgeladen. Gemeinsam nehmen wir uns des riesigen Kartons mit der Aufschrift „Patria“ an und schieben ihn die Rampe hinunter. Dann unterschreibe ich, und der Lieferant macht sich wieder auf den Weg.

Ein Patria-Fahrrad packte ich immer gerne aus. Wochen zuvor hatte ich das Rad gemeinsam mit dem Kunden auf Basis der Velochecker-Daten im wahrsten Wortsinn „erarbeitet“.

Der erste Blick in den Karton ist immer der spannendste. Und der schönste. Vergleichbar mit dem Auspacken eines Weihnachtsgeschenkes. Passen Wunschtraum und Realität zusammen? Wird das Fahrrad die Leistung bringen, die der Kunde sich vorgestellt hat? Ist die Sitzposition so gefertigt worden, wie ich es vor Wochen bestellt hatte?

„Ein kaffeebraunes Petite mit schwarzen Teilen und 27-Gang-Dualdrive“, rufe ich die Treppe hinauf.

„Das ist doch das Fahrrad von Frau Rasic, oder?“

Es ist ein kleines, hübsches Rad, das sich meine Kundin Frau Rasic zusammengestellt hat. Kleine Leute trauen sich viel zu selten, ein kleines Fahrrad zu kaufen. Meist müssen es (zu) große Räder sein. Und oft kommen sie dann damit nicht klar. Frau Rasic hatte sich getraut und wird sich über die Fähigkeiten ihres neuen Rades noch wundern. Ihre Familie hatte bislang bei gemeinsamen Radtouren immer auf sie warten müssen. Das wird sich jetzt ändern. Vermutlich wird sie in Zukunft auf die anderen warten müssen.

Von oben schaut Daggis Kopf die Treppe hinunter. „Thomas, dein Beratungstermin ist hier.“

„Ich komme!“

Ich wasche mir noch kurz die Hände. Dann gehe ich nach oben und schaue in meinen Kalender.

„Familie Frank aus Leverkusen?“

„Herr Just?“

Nickend gehe ich in meine Ecke.

Die Abordnung der Familie Frank besteht aus dem Vater und zwei Kindern.

„Was treibt Sie zu mir?“

„Wir sind begeisterte Fahrradurlauber und Samuel …“ Papa Frank zeigt auf den Jüngsten, „Samuel soll jetzt mit einem eigenen Fahrrad mitkommen. Meinen Sie, dass er das schon schaffen kann?“

„Wie alt ist er denn?“

„Samuel ist sechs. Mit dem Sechzehn-Zoll-Rad geht das jetzt nicht mehr. Damit bleibt er immer hinter uns zurück. Nach zehn Kilometern ist er schlagkaputt. Ich glaube, so vermiesen wir ihm auf Dauer den Spaß. Deswegen sind wir hier.“

Ich drehe mich um und schaue Samuel an, der mit seinem Bruder auf dem Velochecker herum turnt.

„Hey, Samuel! Alle klar?“

„Sie dürfen auch Samy sagen. So nennen mich sowieso alle.“

„Wie gut kannst du denn Fahrrad fahren, Samy?“

„Richtig gut!“ Dabei klettert er weiter auf dem Velochecker herum und würdigt mich keines Blickes.

„Weißt du, was eine Gangschaltung ist?“

„Klar, so ein Ding hat Papa auch an seinem Rad.“

„Und was macht der Papa damit?“

„Schalten. Was sonst!“

Ich muss grinsen. „Und warum schaltet der Papa?“

Pause.

„Hättest du mal Bock, so ein Fahrrad zu fahren?“, frage ich weiter.

„Oh, ja! Aber muss ich das sofort richtig können?“

„Nein.“ Ich schüttele meinen Kopf und lächle. „Der Papa übt sicher ein bisschen mit dir. Ich zeig dir mal so ein Fahrrad.“

„Au ja!“

Samy klettert vom Velochecker herunter und schaut mich erwartungsvoll an.

Gemeinsam gehen wir in die Kinderradecke. Da gibt es Räder in den unterschiedlichsten Ausführungen und Farben. Sein Blick bleibt bei einem blauen BMX-Rad hängen.

„Das ist cool, das will ich! Wie viele Gänge hat das?“

„Gar keine. Und es ist ein Im-Gelände-Rumhüpf-Rad!“ Ich lenke seinen Blick auf einen kleinen orangefarbigen Flitzer. „Ich habe hier aber ein Fahrrad, mit dem dein Bruder keine Chance gegen dich hätte.“

Schwupp, steht der Bruder im Rampenlicht und drängelt sich in den Vordergrund. „Was? Wo?“

Ich ziehe ein gelbfarbenes Patria Skippy aus der Reihe.

„Hey, Samy, willste mal?“

Ich habe die Frage kaum beendet, schon zanken sich die Brüder um das Fahrrad.

„Jungs, passt mal auf! Samy fährt jetzt mit dem orangen Rad und du braust mit dem BMX hinterher. Was haltet ihr davon?“

Beide nicken. Ich stelle Samy das Patria Skippy ein und erkläre ihm alles ganz genau. Dann begleite ich die beiden auf den Bürgersteig vor unserem Laden.

„Hey“, rufe ich ihnen hinterher, „macht nix platt!“

„Also“, sage ich zum Vater, der seine Jungs den Bürgersteig hinunter sausen sieht. „Dieses spezielle Rad ist ein mitwachsendes Kinderrad. Der Radstand ist recht lang, der Sitzwinkel verhältnismäßig flach, das Tretlager hat sehr kurze Tretkurbeln und ist ausgesprochen tief konstruiert.“

Herr Frank schaut seinen Kindern nach und nickt mit dem Kopf.

„Durch diese Eigenart kommt das Kind mit den Füßen auf den Boden und kann gleichzeitig gut und kraftvoll treten. Wenn das Fahrrad beim Wachsen des Kindes verstellt wird, wird die Länge der Sitzposition beim Höherstellen des Sattels automatisch angepasst. Dafür stellen wir den Sattel ganz nach unten und verschieben ihn in der Befestigung nach vorne oder drehen nach Bedarf den Sattelkoben nach vorne. Das erforderliche Maß ermitteln wir mit dem Knielot.“

Herr Frank nickt munter weiter. Wobei ich nicht ganz sicher bin, ob ich ihn gerade mit meinem Detailwissen überfordere.

„Standardmäßig ist ein Vorbau montiert, der eine geringe Sitzlänge erzeugt. So ergibt sich dann eine Sitzposition wie auf einem 18-Zoll-Fahrrad. Wenn das Kind wächst, machen wir den Sattel höher, verschieben ihn weiter zurück und drehen den Sattelkloben wieder nach hinten in die Position, so dass der Sattel Richtung Gepäckträger verschoben ist. Dies kombinieren wir mit einem längeren- und weiteren Vorbau. So ähnelt die Sitzposition einem 24-Zoll-Fahrrad.“

Herr Frank nickt immer noch, und ich bin in meinem Element.

„Durch diese spezielle Bauart ist das Fahrrad über einen längeren Zeitraum auf den Fahrer passend einstellbar. Das bedeutet, dass das Fahrrad im Idealfall etliche Jahre benutzt werden kann. Daher macht es auch Sinn, nur hochwertige und leistungsstarke Ausstattungsteile zu verwenden. So garantiert das Rad fast schon Fahrspaß auch auf weiten Strecken.“

„Kann mein Sohn damit auf unseren Radtouren mitfahren?“, fragt Herr Frank.

„Also, mein Sohn konnte es!“

„Hatte der auch so ein Skippy?“

„Im Prinzip ja.“

„Und, wie hat das mit Ihrem Sohn auf den Radreisen funktioniert?“

„Das erzähle ich nachher, wenn Ihr Sohn dabei ist. Aber ich verrate schon mal so viel: Mit sechs Jahren ist meiner mit so einem Fahrrad von Dortmund bis auf die Insel Borkum gefahren.“

In diesem Augenblick kommen Samy und sein Bruder um die Ecke gefegt.

„Na, wie war es?“, möchte ich wissen.

„Toll! Viel schneller als mein Fahrrad und auch schneller als Jakobs.“ Dabei schaute er stolz auf seinen Bruder.

„Ach, so ein BMX taugt nix für die Straße!“, flucht der lauthals los.

„Mein Sohn hatte auch so ein Fahrrad“, sage ich. „Soll ich euch mal die Bilder zeigen?“

Gemeinsam gehen wir in die Fotoecke.

„Das ist mein Olli, da ist er etwa viereinhalb.“

„Und schon auf Radreise?“, staunt Herr Frank.

Ich nicke, und fast scheint es mir, als wären wir erst gestern unterwegs gewesen.

Bilanz:

Das erste Fahrrad stellt Weichen. Der Umgang mit ihm ist prägend. Genau aus diesem Grund muss ein gutes Kinderrad sorgfältig an die Möglichkeiten und Vorlieben des Nachwuchses angepasst werden. Wenn dieses Fahrrad dann auch noch so konzipiert ist, dass es doppelt so lange im Einsatz sein kann wie ein „normales“ Rad, spielt es seinen etwas höheren Preis schnell wieder ein.

Technik:

Gerade bei Kindern sind kurze Kurbeln und ein tiefes Tretlager entscheidend, denn sie sollten mit den Füßen vernünftig auf den Boden kommen und gleichzeitig die Knie beim Treten nicht so weit anwinkeln müssen. Der Lenker sollte so positioniert sein, dass auch starke Lenkeinschläge möglich sind, ohne dass dabei die fehlende Armlänge zum Problem wird.

Kapitel 8
Kapitel 10