Ergebnisgrinsen

Der Nürburgring als Fahrrad-Teststrecke
Oder: Warum ist der Kerl so schnell?

Ich bin gerade dabei, die Details des neuen Fahrrades von Herrn Dietrichs in die Bestell-Tabelle einzutragen. Mal geht es dabei um einen Ständer an seinem Low-Rider-Gepäckträger, mal um die Bergübersetzung an seiner Rohloff-Gangschaltung.

Während ich alles schriftlich fixiere, schaut sich Herr Dietrich die Bilder an der Fotowand an. „Sind Sie das, mit dem Fahrrad auf dem Nürburgring?“

„Ja“, antworte ich.

„Kann man da Fahrrad fahren?“

Ich nicke.

„Wie ist das da mit einem Fahrrad?“

Ich schaue sehnsüchtig auf die Fotos an der Wand. „Oh, da drücken Sie bei mir auf einen ganz emotionalen Knopf.“

Er schaut mich neugierig an.

„Bei dem Thema Fahrrad und Nürburgring komme ich schnell ins Schwärmen.“

Ich setze mich auf meinen Velochecker und beginne zu erzählen. „Angefangen hat alles vor knapp zwei Jahren im Café Burghof in Kaiserswerth. Dort saß ich immer mit meinem Freund Willi auf ein Bier. Wir hatten uns angewöhnt, nach unserem wöchentlichen Schwimmtermin auf einen Salat und ein Bier einzukehren.“

Ich erkläre kurz, wer Willi ist und denke bei mir: „Eigentlich ist der Kerl an allem schuld!“ Bei diesem Satz kann ich mir ein Lächeln kaum verkneifen. Er ist genau wie ich, ein Nürburgring-Verrückter. Wir beide haben dort viel Zeit verbracht. Wir haben hier mit Motorrädern und Gespannen etliche Lehrgänge besucht. Wir haben hier gelernt, wie schnelles und sicheres Motorradfahren geht.

Schnell fanden wir einen Freundeskreis, der immer mitfuhr und genau so verrückt war wie wir. Irgendwann wurde unser Motorsport-Trainer schwer krank und bat mich, Instruktor zu werden. So bin ich plötzlich bei Gespann-Lehrgängen in einer neuen Rolle aufgetaucht. Diese Lehrgänge fanden hauptsächlich am Nürburgring statt. Dabei ging es übrigens nicht ums Rasen, sondern vielmehr um Perfektion. Eben darum, etwas langsam und präzise zu tun und genau dadurch schnell zu werden.

Auf jeden Fall saßen wir wie üblich an unserem Tisch im Burghof, als Willi meinte, wir müssten einmal ein Nürburgring-Fahrrad bauen. Er hätte etwas von einer Fahrradveranstaltung auf dem Ring gelesen. Da müssten wir doch hin und mitfahren. Für mich als Fahrradhändler wäre es sozusagen meine Pflicht.

Dabei muss man wissen, dass Willi seit seiner Kindheit an Gelenk-Rheuma leidet. Das hält ihn zwar nicht von seinem regelmäßigen Training ab, schädigt aber auf Dauer seine Gelenke. So kamen wir nach etlichen Bierchen auf eine wilde Idee. Wir würden ein sehr sportliches Patria-Reiserad und ein Pedelec kreuzen. Die Idee fing schnell an, uns zu gefallen. Wir entschieden uns für einen zulassungsfreien 250-Watt-Antrieb, da dieser eine deutlich größere Reichweite des Akkus ermöglichen würde. Wir mussten von 30 Kilometer Vollgasbetrieb in den steilsten Bergen ausgehen. Einen Namen hatten wir auch schon: Patria Speedster.

Solch ein Fahrrad würde Willis Gelenke schonen und seine Muskeln gleichzeitig bis an die Grenzen des Möglichen belasten. Mit der Motorunterstützung würde so ein Gefährt auch noch echt schnell sein. Ob wir aber gegen Rennräder in den Ring steigen könnten, stand noch in den Sternen.

Die erforderliche hohe Durchschnittsgeschwindigkeit würden wir mit dem kleinen Motor an den steilen Bergauf- und Bergab-Passagen herausholen. Auf geraden Strecken würden wir hingegen mit diesem Motor gegen die Rennradfahrer chancenlos sein. Aber es ging ja zum Ring – und da ist es nun mal sehr hügelig.

Es wurde an etlichen Abenden diskutiert, geträumt und Bier getrunken. Die Idee reifte, und sechs Monate später stand ein Gespräch mit Herrn Kleinebenne, dem Chef der Firma Patria, an. Eine ganze Weile schwieg mein Gegenüber und hörte nur zu. Ich konnte mir am Telefon lebhaft seinen Gesichtsausdruck vorstellen. Von Kopfschütteln bis Vogelzeigen war bestimmt alles dabei.

Schließlich wurden die Fahrräder konstruiert und gebaut. Eins für mich und eins für Willi. Für jeden einen Prototypen.

Bei diesen Worten zeige ich auf mein Fahrrad, das direkt vor Herrn Dietrich steht.

Nachdem die Fahrräder geliefert wurden, begannen wir, wie wild zu trainieren. Willi fuhr regelmäßig seine 30 Kilometer am Tag, und irgendwann brachte er zu unserem Burghoftermin eine Anmeldung für ein Nürburgring-Fahrradtraining mit.

So hatten wir also ein Jahr nach dem Aufkommen der spinnerten Idee einen Starttermin mit dem Fahrrad auf dem Nürburgring vor Augen. Wir hatten uns auch eine gute Erklärung gestrickt, warum wir mit einem Pedelec antreten würden. Wir waren schließlich körperbehindert. Ich mit meinem künstlichen Hüftgelenk und Willi mit seinem Rheuma. Wir fanden das gerecht.

Die letzten vier Wochen vor dem Termin steigerten wir unser Training auf 40 Kilometer täglich. Willi startete sein Training jeden Morgen um 5 Uhr. So ein Trainingseifer konnte natürlich nicht unentdeckt bleiben. Unsere alten Freunde Ali, Stephan und Walter bekamen schnell mit, dass wir wieder etwas Verrücktes vorhatten.

Sie begannen, neugierig Fragen zu stellen. Irgendwann teilten sie uns dann mit, dass man Verrückte wie uns doch nicht alleine fahren lassen konnte. Sie müssten schon als Betreuer einfach mitkommen. Stephan, der Krankenpfleger, sicherte die medizinische Versorgung, während Ali, Walter, Willi und ich fahren würden.

Dann war es soweit. An einem Freitagabend ging es zum Nürburgring.

Willis und meine Sitzposition waren auf maximale Leistung eingestellt. Ich hatte mir sogar einen Liegeaufsatz an den Lenker gebaut und die Reifen gegen das extremste und leichtlaufendste Material getauscht, das für Geld zu kaufen war.

Auf dem Parkplatz am Nürburgring wurden wir rasch in die Realität zurückgeholt. Alle anderen Teilnehmer des Trainings waren durchtrainierte Radrennfahrer. Das Material, das sie benutzten, war nicht der übliche bunte Krempel, sondern durchweg absolutes Spitzenmaterial.

In dieser Gesellschaft fielen wir mit fast zwei Meter Größe, einem Alter von deutlich über 50 Jahren, einem Körpergewicht von über 110 Kilo und unseren Pedelec-Ungetümen extrem auf. Ich denke, wir waren die absoluten Exoten.

So machten wir uns auf den Weg, unsere Start-Armbändchen abzuholen. Am Vor-Start wurden die Blicke der Rennfahrer ernsthafter. Eine Renn-Amazone fragte, auf meinen Akku zeigend: „Ist da Leben drin?“

Ich lächelte sie an und nickte schweigend.

Ein älterer Rennradfahrer sagte: „Mit dem fahren wir dann besser nicht.“

Endlich gab es das Start-Signal.

Ali und Walter machten sich im Pulk der Rennradfahrer sofort auf und davon. Willi und ich hatten uns vorgenommen, den Start abzuwarten. Wir wollten hinter dem Feld herfahren, um nicht gleich in Wettkampfstimmung zu geraten.

So standen wir beide am Start und sahen zu, wie sich das Feld entfernte. Alle Rennfahrer fuhren hübsch hintereinander in Zweierreihen an der rechten Straßenseite bergab auf eine enge Rechtskurve zu. Unten an der Rechtskurve würden sie dann bremsen müssen, um schließlich die ganze Mercedes-Arena wieder hinauf zu strampeln.

„Rechte Straßenseite und Rechtskurve!“ Bei dieser Fahrweise schlug mein Fahrtechnik-Verstand einen Purzelbaum. „Gut, ich kenne hier jede Blume mit Vornamen, aber das müssen die Fahrer doch auch sehen. Mit so einer Fahrlinie ist kein Blumentopf zu gewinnen!“

Willi schaute mich entgeistert an und zeigte auf den Rennradtross.

Nach einem kurzen zunicken legten wir uns auf die Lenker, stellten den Strom auf volle Power und fuhren an der linken Straßenseite dem Feld hinunter.

Oben war ich Dritter. Willi direkt hinter mir.

„Upps, da wollte ich doch gar nicht hin“, dachte ich, „egal, jetzt wird gerannt!“

Ich näherte mich dem an zweiter Position liegenden Radler. Dieser sah ganz nach unserem Ali aus. Der Fahrer hatte die gleiche drahtige spartanisch durchtrainierte Körperhaltung und saß auf einem sportlichen MTB.

Im Hatzenbachbogen flog ich an ihm vorbei.

Weit vor mir war ein Rennradfahrer zu sehen, der tief geduckt auf seinem Rennlenker Tempo machte. Er hatte ein schwarzes Fahrrad, ein schwarzes Trikot mit weißem Piratenkopf und einen schwarzen Helm.

Kaum hatte ich Ali überholt, drehte sich der Pirat um, sah mich kommen und erhöhte das Tempo.

Der Kerl sah nicht nur wie ein Pirat aus, er fuhr auch wie einer. Seine Körperhaltung, sein Stil und die Art, wie er mich ansah, sprachen eine deutliche Sprache. Er war nicht gewillt, mich einfach so vorbei zu lassen.

Bergab gibt es am Nürburgring Stellen, wo man mit 100 Stundenkilometern durch die Kurvenpassagen feuert. Da waren ein gut liegendes Fahrrad und eine gute Streckenkenntnis von großem Vorteil. Es handelte sich hier zwar nur um einen belanglosen Trainingstermin, aber nichts ist schöner als eine banale Rauferei mit einem ernstzunehmenden Gegner.

Ich machte mich so flach wie möglich und fuhr die leichte Abfahrt am Übergang GP Strecke/Nordschleife mit Volllast. Langsam näherte ich mich dem Piraten.

Dieser schien schon zu ahnen was sich da anbahnte, ging berghoch aus dem Sattel und machte weiter Tempo. Da hatte ich mit meinem schweren Fahrrad trotz des Stroms nichts entgegenzusetzen. Dann aber kamen die schnellen Bergabkurven. Ich machte mich wieder flach und versuchte, mein höheres Gewicht in mehr Tempo zu verwandeln. An den später folgenden bis zu 17 Prozent ansteigenden Bergen würde ich ja zum Ausgleich meinen Strom haben.

Meine Rechnung ging auf. Kurz vor dem extrem kurvigen Streckenstück Hatzenbach war ich an meinem Gegner dran. Mein Tempo war sehr hoch, und ich rollte ohne zu bremsen in die erste Ecke hinein. Mit dem Fahrrad war das zwar viel langsamer als mit meinem Motorrad, aber dennoch keineswegs unspektakulärer.

Ich fuhr ganz dicht auf den Piraten auf, um ihn dazu zu verleiten, mit zu hohen Tempo in die erste Linkskurve zu fahren. Genau so kam es dann auch. Ich nutzte die Chance und zog links an ihm vorbei. Der Pirat hängte sich sofort in meinen Windschatten und folgte mir mit wenigen Metern Abstand. Kaum ging es in den ersten Anstieg, zog er wieder an mir vorbei. Bei dem Überholvorgang hatte er so einen Zug drauf, dass ich dachte, mich überholt ein Bus.

Ich ließ mich nicht entmutigen und versuchte, den Anstieg zu überstehen. Am Ende des Hügels ging ich aus dem Sattel und brachte mein Anfangstempo für die nächste Abfahrt so hoch wie es mir eben möglich war. Dann ging es dicht über das Fahrrad gelegt in die nicht einsehbare Schwedenkreuzkurve.

Mein Pirat wurde vor mir schnell größer. In der Bremszone zu der sehr engen Arembergkurve war ich wieder an ihm dran. Er fuhr sehr früh innen in die Kurve hinein und steuerte leicht bremsend auf die Brücke zu. Das hatte ich gesehen und nutzte eine weite Linie, um nicht bremsen zu müssen. Mit einem deutlichen Geschwindigkeitsüberschuss fuhr ich an ihm vorbei.

„Jetzt hat ihn der Bus überrollt“, dachte ich bei mir.

Um an dem in weiter Ferne auftauchenden Anstieg viel Schwung zu haben, fuhr ich in der stark kurvigen Abfahrt immer auf die Randsteine und steuerte so gerade, wie es mir möglich war. Mein Tacho zeigt 90 Stundenkilometer, als der Pirat aus meinem Windschatten heraus mit einem Grinsen an mir vorbei zog.

„Wow, der war bestimmt zehn Kilometer schneller. Er spekuliert auf den Anstieg“, ging es mir durch den Kopf.

Der Pirat war so schnell bergab, dass ich ihn nicht halten konnte. Das musste an der Bremswirkung meines Motors liegen. An der Steigung hoch zum Adenauer-Forst würde sich vermutlich unser Geplänkel entscheiden. Hier ging es so steil hoch, dass man oben fast neben den Radfahrern her gehen konnte. Hier sollte mein Motor mal so richtig zeigen, was in ihm steckte.

Am folgenden Anstieg fuhr ich neben meinem Gegner. Plötzlich sprach er mich an: „Warum mit Strom? Das ist feige!“

„Erstens bin ich eine fette Eule, zweitens ein alter Sack, drittens stolzer Besitzer einer Gelenk-Prothese und viertens ein Fahrrad-Techniker, der wissen will, was Räder aushalten“, konterte ich.

„Ist trotzdem feige! Jedes Mal wenn ich dich abgefangen habe, tauchst du wieder auf.“

„Es macht trotzdem Spaß, mit dir hier zu fahren“, sagte ich. Dann lud ich durch und zischte am steilsten Stück mit voller Motorleistung davon.

Weiter oben drehte ich mich um, um zu sehen, wie konkurrenzfähig mein Fahrrad am Berg war. Der Pirat war ein ganzes Stück zurück gefallen. Weit hinter mir meinte ich, Willi sehen zu können. So fuhr ich mit leicht verhaltenem Tempo die flachen Stücke durch. Langsam aber sicher machte sich meine Lunge bemerkbar. Der Berg war doch steil gewesen. Ich holte mir meine Trinkflasche heraus und erfrische mich etwas.

Der Pirat schloss wieder auf und ging längsseits. „Boh, an steilen Bergen kann ich deinen Apparat nicht halten“, sagte er.

„Dafür hast du mir gezeigt, dass du bergab viel schneller bist. Verfluchter Motor“, erwiderte ich.

Ich ließ den Piraten ziehen und setzte mich in seinen Windschatten. Die beiden langgezogenen Linkskurven des Metzgesfeld fuhren wir so hintereinander her. In der ersten engen Kurve der Kallenhadt ging es dann stark bergab. Sofort setzte ich mich nach vorne und lies mein Rad auf der Ideallinie ohne Bremse laufen. Am Anfang folgte mir der Pirat in wenigen Metern Abstand. Dann kam die links-rechts Kombination mit den Bodenwellen.

„Tja, so ein Reiserad hat da doch einige Vorteile“, ging es mir durch den Kopf. Ich ließ es jetzt mit vollem Tempo laufen. In Breidscheid auf der Brücke war ich schon 100 Meter vor meinem Gegner. Dann kam der extremste Anstieg der Rennstrecke.

Mit der Motorunterstützung fuhr ich am Limit die Ex-Mühle herauf. Mit einem Tourenrad ohne Strom kam man hier unweigerlich ans Schieben, so steil war dieser Anschnitt. Ich fuhr hier mit über 20 Stundenkilometern rauf. Das würde den Piraten erst einmal schocken. Auf der etwas flacher werdenden Anfahrt zum Bergwerg versuchte ich, das Tempo so hoch wie möglich zu halten.

Dieser Plan war aber ein Fehler, wie ich später merken sollte.

Nach dem Bergwerk ging es zunehmend immer steiler den Berg hinauf. So lange ich meine 300 Watt trat, würde der Motor auch seine volle Leistung dazu beitragen. So konnte ich einen großen Teil der Strecke langliegend mit 25 Stundenkilometer hoch donnern.

Der Pirat war weg, aber meine Lunge verabschiedete sich allmählich auch. Jetzt rächte sich das hohe Tempo. Ich begann, immer hektischer Luft zu holen und bekam meinen Atem nicht mehr unter Kontrolle.

Meine Leistung ließ immer mehr nach. Weil der Motor aber nur das dazu gibt, was ich an Kraft auf die Pedale drücke, ging er nun auch in die Knie. Damit wurde es für mich noch schwieriger. Gang für Gang wurde ich langsamer. Ich war eindeutig zu schnell angegangen – und das rächte sich jetzt doppelt.

„Anfängerfehler“, ärgerte ich mich.

Der Pirat war weithin nicht zu sehen. Wenn ich an der Steigung wieder zu Kräften kommen wollte, musste ich vom Fahrrad runter. Meine Lunge pfiff aus dem letzten Loch. Mein Puls lag bestimmt bei über 180 Schlägen. In diesem Zustand gefährdete ich mich selber.

Also stieg ich ab und schlenderte gelangweilt wirkend zu einer Leitplanke. Mein Atem rasselte dabei wie wild. Ich setzte mich hin und versuchte, dabei entspannt auszusehen. Nur für den Fall, dass mich jemand sah.

Es dauerte bestimmt drei Minuten, bis der Pirat zu sehen war. Zügig kam er den Berg hinauf. Ich ging, als ob ich auf ihn gewartet hätte, wieder zu meinem Fahrrad. Der Pirat würdigte mich keines Blickes und schoss vorbei.

Meine Lunge war zwar noch nicht wieder die alte, aber ich sauste hinterher. An der Steigung hoch zur hohen Acht war ich dann wieder an ihm dran. Er sah immer noch so fit aus wie am Start. Ich folgte ihm ein Stück und setzte mich mit Beginn der nächsten Abfahrt wieder nach vorne. Im Tiefflug ging es den Berg hinunter.

Im Streckenstück Brünnchen stand Stephan und hielt Ausschau nach mir. Ich richtete mich kurz auf und gab ihm Zeichen: Daumen hoch.

Schwupp war der Pirat vorbei. Ich konnte Ihm zwar folgen, aber meine Lunge begann wieder zu rasseln. Er schaute sich um und prüfte meinen Zustand. Ich glaube, ihm gefiel, was er in meinem Gesicht sah.

„Das war‘s, der ist fertig“, stand da zu lesen.

Würde ich mit dem zweiten Platz vorlieb nehmen müssen?

Ich ließ mich zurückfallen, setzte mich gerade hin und machte ein erschöpftes Gesicht. Wobei ich mich dabei nicht zu verstellen brauchte. Der Pirat grinste.

„Abwarten!“, dachte ich und mobilisierte die letzten Kräfte.

So langsam hinterließen die Berge auch bei meinem Gegner ihre Spuren. Im Anstieg zum Galgenkopf war ich plötzlich wieder neben ihm.

„Fiese Ecke hier oben, was? Hier bin ich mal furchtbar abgeflogen“, begann ich einen Smalltalk.

Alleine, dass ich hier noch flüssig reden konnte, war für mich die höchste Körperbeherrschung. Er schwieg und würdigte mich keines Blickes.

Wir fuhren das winzige Bergabstück am Ende des Streckenstücks Galgenkopf mit vollem Tempo hinunter. Ich hatte mir fest vorgenommen, dass ich eher vom Fahrrad fallen wollte als noch einmal freiwillig vom Gas zu gehen. In der Ebene konnte mir der Pirat noch folgen, aber an dem letzten leichten Anstieg hoch zum Ziel fiel er zurück.

„Das war‘s!“, schoss es mir durch den Kopf.

Ich fuhr noch eine Runde auf dem GP Kurs, um mich wieder auf Normaltemperatur zu bringen. Nach 30 Kilometer Vollgas kam ich endlich ins Ziel.

Hier warteten Betreuer und Freunde auf ihre Schützlinge. Der Pirat war noch nicht da. Er musste also auch noch eine Abspannrunde gefahren sein.

Ein älterer Herr sah sich mein Fahrrad an. „Sie waren ziemlich flott mit dem Ding unterwegs, aber wozu denn Strom?“

„Meine Hüftprothese braucht das“, schwindelte ich ein wenig.

Ich ging auf und ab und wartete auf den Piraten. Ich wollte ihm die Hand schütteln. Meinen Respekt hatte er sich wahrlich verdient.

Drei Minuten später sah ich den Piraten auf das Ziel zufahren. Er war müde und erwiderte meinen Blick nicht. Ich ging auf ihn zu und lachte ihn an. „Gib‘s doch zu, das war die beste Klopperei in der ganzen Renn-Saison.“

Ich lachte ihn an und hob die rechte Hand. „Komm, gib mir die Fünf!“ Er überlegte kurz, dann begann er zu grinsen. „Du hast Recht, das war eine nette Klopperei!“

Er schlug in meine Hand ein und sagte zu mir und dem älteren Herren: „Fünf Mal habe ich die Schweinebacke abgeledert, und der Sauhund kommt doch jedes Mal wieder ran!“

„Sei froh, dass bei deinen Rennen so Dinger mit Motor nicht zugelassen werden“, sagte der ältere Herr zu dem Piraten.

Ich ging wieder zurück an die Strecke. Die anderen mussten jetzt auch bald kommen. Weit hinten am Horizont konnte ich Ali sehen, wie er in gelassener Körperhaltung aus seiner GP-Runde kam. Es war mittlerweile dunkel geworden in der Eifel. Ich war in meinen Gedanken immer noch beim Fahren.

„Hey Thomas, wie war es?“ Hinter mir stand Stefan.

„Ich bin erster geworden“, berichtete ich erschöpft aber stolz, „und bei dir? Was ist mit Willi?“

„Der hat sich bei mir einen neuen Akku geholt und auf Walter gewartet. Zusammen sind sie dann wieder los gefahren. Sahen fröhlich aus.“

„Da kommen sie!“

Irgendwo auf der Strecke waren sich die beiden begegnet und fuhren jetzt gemeinsam gen Ziel. Ich glaube, wir waren in diesem Moment die glücklichsten Menschen auf der Welt.

Bilanz:
Eindrucksvolle Rennstrecken-Momente brauchen manchmal keine PS, sondern nur begeisterte Akteure, gegenseitigen Respekt und den Mut, die eigenen Grenzen auszuloten.

Technik:
Auch mit körperlichen Einschränkungen sind hohe Leistungen möglich. Aber dafür sind eine perfekte Fahrrad-Anpassung und eine akkurate Sitzposition unverzichtbar.

Kapitel 6
Kapitel 8