Ergebnisgrinsen

Die Werkstatt als Hexenküche
Oder: Wie aus vielen Teilen ein Ganzes wird

„Thomas, Probe fahren!“, ertönt es.

Die Werkstatt ist mein zweites Zuhause. Nirgendwo sonst kann man so still und konzentriert seiner Arbeit nachgehen. Nur komme ich leider nicht allzu oft dazu, mich in Ruhe in Details zu vertiefen. Zum Glück arbeitet hier aber eine tolle Mechanikerin, die in der „Hexenküche“ das Sagen hat und immer einen guten Job macht. Nur zur Probefahrt lässt sie immer mich antreten, wenn ein Fahrrad oberhalb einer bestimmten Größe getestet werden muss. So gehe ich halt runter in die Werkstatt.

Unsere Werkstatt befindet sich im Untergeschoss. Hinter der Theke führt eine enge Treppe hinunter. Die Fahrräder der Kunden und die Anlieferer müssen den Weg über die Einfahrt mit der Aufschrift „Werkstatt“ nehmen. Die Abfahrt ins Untergeschoß geht über eine steile Rampe, die wie eine Wendeltreppe gewunden ist. Unten im Werkstattbereich gibt es einen Innenhof samt Mini-Tiefgarage.

In diesem Innenhof haben wir uns häuslich eingerichtet. Hier unten stehen Bierbänke, ein Tisch, eine große Markise und ein Sonnenschirm. In den Sommermonaten verbringen wir hier unsere Mittagspausen. Die Sonne scheint dann über die Dächer, die Vögel zwitschern, und der pittoreske Ort lässt Gedanken an ein kleines italienisches Bistro aufkommen. Wenn die Zeit reicht, gönnen wir uns sogar ein halbes Stündchen im Liegestuhl.

Die kleine Tiefgarage nutzen wir als überdachte Probefahrt-Bahn. Die Größe des Raumes lässt aber nur eine Kreisbahn zu. Durch die vielen Jahre Übung fahre ich die Bahn fast mit geschlossenen Augen und immer knapp an den Wänden vorbei. Hier unten brauche ich nicht auf Passanten, Autotüren oder spontane Lenkmanöver etwaiger Verkehrsteilnehmer achten. Hier geht es immer schön im Kreis herum.

Die Belastbarkeit des Antriebs teste ich auf dem Weg die Wendeltreppen-Rampe hinauf. Hier offenbaren sich die Unterschiede der verschiedenen Räder. Mit dem einen Fahrrad kommt man die Rampe überhaupt nicht hoch. Dabei habe ich oft das Gefühl, dass ich gleich die Pedale aus dem Tretlager breche. Dann gibt es wiederum Räder, mit denen ich locker mit 15 Stundenkilometern die Rampe herauf schnelle, ohne dass ich mich sonderlich anstrengen müsste.

Mit meinem Reiserad-E-Bike-Prototypen habe ich die Rampe mit über 20 Stundenkilometer geschafft. Rekord! Dabei muss ich aber sehr aufpassen, um nicht oben entweder mit einem Sprung auf dem Bürgersteig zu landen oder vorher schon auf der Rampe aus der Kurve zu fliegen.

Von dem Innenhof aus geht es durch eine übergroße Glastür in die Werkstatt. Hier sind an einer Seite auf engem Raum zwei Arbeitsplätze eingerichtet. An der gegenüberliegenden Wand befindet sich ein Regal mit einer großen Menge an Haken, Ersatzteilen, Ordnern und Stapelboxen. Hier unten entstehen dann auch die individuell angefertigten Fahrräder.

Bei der Bestellung werden alle Details genau schriftlich festgehalten. Von der Sitzposition bis hin zur Ausstattung jedes einzelnen Rades. Anschließend übermittele ich die Daten an den Fahrradhersteller. Das kann zum Beispiel die Firma Patria sein. Patria fertigt das Fahrrad dann exakt nach diesen Parametern und Einstellungen an. So entsteht das Rad exakt nach der Vorgabe des Händlers. Mitunter sind die Wünsche der Kunden derart speziell, dass noch etliche klärende Telefonate mit dem Hersteller nötig sind.

Ist das Fahrrad fertig, kommt es als halb fertiger Bausatz zu mir in die Werkstatt, wo ich mit der Montage beginne. Dabei werden oft noch individuelle Änderungen mit berücksichtigt. Der eine Kunde möchte einen speziellen Lenker, der andere braucht eine spezielle Übersetzung, oder es werden spezielle Reifen verlangt.

Wenn das Fahrrad fertig montiert ist, fahre ich es ausgiebig Probe. Dann stellt sich heraus, ob das Rad auch wirklich all das kann, was der Kunde wünscht. Das fertige Fahrrad kommt anschließend samt Namenszettel in den Laden. Dort wartet es auf seinen stolzen Besitzer. Der wird umgehend telefonisch informiert, dass er sein Schmuckstück abholen kann. Viele meiner Kunden sind dann ganz aufgeregt und können es kaum noch erwarten, ihr Rad endlich in Empfang zu nehmen.

Wenn der Kunde kommt, sehen wir uns gemeinsam sein Fahrrad an. Dabei überprüfen wir zuerst die Sitzposition, die vor der Bestellung auf dem Velochecker festgelegt wurde. Mein persönlicher Ehrgeiz ist es, dass das Fahrrad auf Anhieb genau passt. Danach gehen wir gemeinsam alle Details des Rades Stück für Stück durch.

Stimmt alles und ist die Sitzposition korrekt, muss das Fahrrad bei etlichen Proberunden beweisen, dass die Velochecker-Theorie und die Fahrrad-Wirklichkeit übereinstimmen. Dabei werden letzte Korrekturen an der exakten Sitzposition und der richtigen Bedien-Ergonomie vorgenommen.

Irgendwann kommt dann der Augenblick, an dem der Kunde mit einem zufriedenen Grinsen die Straße betritt und sein Rad ausgiebig testet. Manch ein Kunde strahlt dabei derart, dass man Angst bekommt, dieses Grinsen könnte bleibende Gesichtsmuskel-Lähmungen zur Folge haben. Ich glaube ja, dass es eigentlich für die Kunden, den Hersteller und uns Händler um genau diesen Moment geht. Dieses Gefühl ist für mich das Ergebnis-Grinsen.

Nach 200 Kilometern müssen alle Fahrräder noch einmal zurück in die Werkstatt. Die Räder brauchen eine Erstinspektion. Bei den neuen Bauteilen hat sich dann so viel angepasst und eingespielt, dass die Anfangs perfekt funktionierende Mechanik oft schon etwas nachgelassen hat. Bei dieser Erstinspektion wird das Fahrrad wieder in den Ursprungszustand versetzt. Alle Schraubverbindungen, Züge, Speichen und technischen Details werden genau überprüft. Danach funktioniert das Fahrrad meist für mehrere tausend Kilometer einwandfrei.

Bei der Erstinspektion bekomme ich oft ein erstes Feedback über das Fahrrad, seine Fähigkeiten und die Sitzposition. Oft erzählen die stolzen Besitzer auch schon die ersten Storys über ihr neues Rad. Ich habe Kunden, die haben ihr individuelles Fahrrad jetzt schon seit über 20 Jahren – und das Grinsen ist immer noch da!

Bilanz:
Ein Fahrrad besteht im Prinzip aus simpler Mechanik – aber im Prinzip kann ein Mensch auch nicht fliegen!

Kapitel 4
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