Ergebnisgrinsen

Leistungssteigerung durch Ergonomie
Oder: Wer tritt denn da für mich mit?

„Das mit dem Wirkungsgrad habe ich jetzt verstanden. Dann ist das Petite quasi das Fahrrad für Ihren „Pimpf“ geworden?“

Ich nicke.

Die Redakteurin schaut auf ihren Notizblock. „Können Sie mir sagen, wie ich das alles auf eine Viertelseite bekommen soll? Mir raucht langsam der Schädel.“

Ich lächele sie an. „Ich möchte Ihnen einfach nur verdeutlichen, wie viel Spaß so ein Fahrrad machen kann. Viele Leute wissen gar nicht, dass man ein Fahrrad nicht einfach von der Stange kaufen sollte.“

Es gibt Menschen, die haben zwei Autos, drei PCs, ein Baumarktrad, gleichzeitig aber Burnout, Kreislaufschwäche oder Bewegungsmangel. Woran das liegt? Besser müsste ich fragen: Wie kommen diese Personen an ihre tägliche Dosis Bewegung? Wenn Sie mich fragen, müssen diese Leute einen Weg finden, ihr Fahrrad in den Alltag einzubinden. Sei es, dass sie ihr Auto drei Kilometer von zu Hause entfernt abstellen, oder dass sie jeden Morgen die Zeitung mit dem Fahrrad holen gehen.

Vielleicht fahren Sie ja schon bei schönem Wetter mit dem Fahrrad zur Arbeit. Wahrscheinlich aber tun Sie es nicht. Aber warum? Eine Möglichkeit ist, dass Ihr Fahrrad einfach nicht zu Ihnen passt. Fahrrad fahren fühlt sich dann an, als würde man „in Gummistiefel joggen“.

„Soll ich Sie zum Abschluss noch auf den Velochecker setzen?“, frage ich die Redakteurin. „Es dauert nur 20 Minuten, dann sind Sie entlassen. Einverstanden?“

Ich schaue sie fragend an und ziehe das gelbe Gestell aus der Ecke hervor.

„Was ist denn das genau?“, will sie wissen. „Aussehen tut es wie ein Hometrainer oder wie ein Spinning-Fahrrad in einem Fitness-Studio. Was machen Sie denn genau damit?“

Ich setze mich auf meinen Barhocker und betrachte mit ihr das Gerät. „Das mit dem Spinningrad war schon nicht schlecht. Dieses Messinstrument hat die Firma Patria entwickelt und heißt Velochecker. Es ist eigentlich ein Fahrrad-Ergonomie-Leistungs-Prüfstand. Ein langes Wort, daher nennen wir es kurz den Velochecker. Ähnliche Geräte gibt es schon länger für Profirennfahrer und für ihre speziellen Probleme. Für Alltags- und Tourenfahrer ist der Velochecker einer der ersten Messinstrumente dieser Art.“

Die Redakteurin nickt, während ich weiter erkläre. „Ich kann mit diesem Gerät jedes Fahrrad und jede Sitzposition originalgetreu nachbilden. Zusätzlich kann ich mit diesem Schalter den Tretwiderstand rauf und runter regeln. Ich stelle so zum Beispiel die Maße Ihres alten Fahrrades ein. Wenn Sie dann draufsitzen, lasse ich Sie einen leichten Widerstand treten. Gerade so stark, dass es Ihnen ein bisschen zu viel ist. Dann beginnen wir Schritt für Schritt, Ihre Sitzposition nach bestimmten Regeln und Gesetzmäßigkeiten zu überprüfen und zu verändern. Sie sagen mir dabei, wie sich das Ganze anfühlt und ob sich der Tretwiderstand verändert hat.“

Das soll an Erklärung reichen.

„Hätten Sie Lust?“

Sie nickt neugierig und schwingt sich auf den Sattel des Velocheckers. „Los geht’s!“, ruft sie fröhlich.

„Nun mal langsam! Was haben Sie denn für ein Fahrrad und wie sitzen Sie da drauf?“

Sie zeigt an mir vorbei auf ein gemütliches 26-Zoll-Stadtrad. „So ein Hollandrad, wie das da, habe ich.“

Ich höre ihr zu und schmunzle leicht, da dieses Fahrrad gar kein Hollandrad ist. Dann ziehe ich das Rad heraus. „Genau so eins?“

„Ich glaube ja, aber der Lenker ist anders, bequemer glaube ich.“

Ich stelle ihr die Maße dieses kleinen und zierlichen Fahrrades ein. „Stimmt es so?“

„Nein“, sagt Sie aufgeregt. „Der Sattel ist viel zu hoch. Ich komme mit meinen Füßen sonst immer bequem an die Erde. Der Lenker ist auch nicht richtig.“

Ich stelle alles nach ihren Wünschen ein. Auf ihrem Gesicht macht sich ein Lächeln breit. „Ja, genau so!“

Ich erhöhe den Tretwiderstand. Sofort ändert sich das Lächeln.

„Hallo, das ist aber anstrengend!“

„Sie sind heute eben im Gegenwind gestartet“, erwidere ich.

Sie trampelt engagiert weiter.

„So, prägen Sie sich einmal diesen Tretwiderstand ein.“

Sie nickt.

„Dann stellen wir mal Ihre Sitzposition ein. Den Widerstand werde ich aber nicht verändern, der ist nachher genauso wie eben.“

Sie nickt erneut.

„Nun lassen Sie mal Ihre Beine senkrecht nach unten hängen und drücken Sie die Knie durch. Zehen nach oben ziehen.“

Ich versuche, eine Pedale unter ihrem Fuß zu drehen. Das geht aber nicht, da die Pedale oberhalb des Knöchels an den Fuß stößt.

„Das geht nicht, da fehlt ein Stück. Den Sattel machen wir dann mal zehn Zentimeter höher.“

Sie schaut erschreckt. „Zehn Zentimeter? Aber …“

Ich lasse sie nicht ausreden. „Bitte die Füße auf die Pedale stellen und den Po anheben.“

An der Rahmenhöhen-Verstellung stelle ich ihr zehn Zentimeter mehr ein. Dann prüfe ich die Beinlänge erneut. „Versuchen Sie noch einmal zu treten.“

„Das sitzt sich jetzt aber ziemlich hoch. Es ist aber viel leichter zu treten.“ Sie sieht mich verwundert an.

„So, und jetzt machen Sie einmal beide Pedale auf die gleiche Höhe. Und bitte genau waagerecht.“

Ich überprüfe das Knielot. Bei dieser Prüfung muss die Kniescheibe genau über der Pedalachse sein. „Da fehlt aber auch ein wenig. Noch einmal bitte hoch mit dem Po.“

Ich verstelle ihr den Sattel zwei Zentimeter nach hinten. Jetzt hat sie genug Platz für ihren langen Oberschenkelknochen. Durch diese Einstellung wird die Tretkraft exakt senkrecht auf die Pedale ausgeübt.

„Sie haben einen langen Oberschenkel. Wenn Sie mit dieser Einstellung Ihres Fahrrades längere Strecken fahren, tun Ihnen bestimmt die Knie weh, oder?“

„Was Sie alles wissen“, sagt Sie schmunzelnd.

„So und jetzt wieder trampeln.“

Sie beginnt mit dem Treten und schaut mich verwundert an. „Da ist ja überhaupt kein Tretwiderstand mehr zu spüren.“

„Oh doch, an der Bremse war ich nicht dran.“

Ich schaue ihr eine Weile beim Treten zu. „Schauen Sie einmal links in den Spiegel. Ihre Schultern sind hochgezogen und Ihr Rücken ist krumm wie ein Kleiderbügel.“

Während sie in den Spiegel schaut, sagt sie leise zu sich: „Stimmt. Nach 20 Kilometern Fahrrad fahren ist mein Rücken nicht mehr zu gebrauchen.“

„Abwarten“, entgegne ich und stelle ihr den Lenker auf eine durchschnittliche Höhe für diesen Fahrradtyp ein. Das dafür erforderliche Maß entnehme ich einer großen Tabelle an meiner Fotowand.

„So, und jetzt wieder trampeln“, fordere ich sie auf.

Sie ist baff. „Das ist ja jetzt viel, viel leichter zu treten.“

„Es kommt noch besser. Schauen Sie bitte wieder in den Spiegel während Sie treten. Ich verstelle Ihnen dann die Länge des Rahmens.“

Ich beginne, an der Längenverstellung zu arbeiten. „Mit der Rahmenlänge korrigieren wir die Krümmung des Rückens. Der längere Rahmen streckt Ihren Rücken, bringt Sie ein bisschen in Vorlage und sorgt für mehr Tretkraft.“

Während ich ihr das erkläre, ziehe ich den Lenker weiter von der alten Position nach vorne weg und schaue dabei auf den Winkel zwischen Schulterblatt und Oberarm. „Dieser Winkel sollte 90 Grad betragen. Wenn ich den Rahmen länger ziehe, wird der Winkel größer. Schiebe ich den Rahmen in die andere Richtung, wird der Winkel kleiner. Sagen Sie mir bitte, wie sich das anfühlt.“

Sie kontrolliert sich im Spiegel. „Wow, die Schultern sind unten, der Rücken ist gerade und das Treten klappt komplett ohne Widerstand.“

Nach einer Weile fragt sie: „Das ist aber auch anstrengend für die Rückenmuskulatur. Können Sie den Lenker vielleicht noch etwas bequemer einstellen?“

„Eine gewisse Spannung gehört in den Rückenmuskel“, antworte ich. „Er soll Sie schließlich gerade halten, wenn Sie laufen. Bei Reha-Einrichtungen lässt man Sie bei Rückenleiden sehr gerne Rad fahren, damit der Rücken trainiert wird. Wenn es Ihrem Rückenmuskel aber zu viel ist, kann ich Ihnen die Sitzposition ein wenig aufrichten. Diese Empfindung ist übrigens abhängig von Ihrer momentanen Tretkraft. Viel Spannung in den Beinen, viel Spannung im Rücken – und umgekehrt.“

Mit diesen Worten ziehe ich den montierten Lenker aus dem Velochecker heraus und tausche ihn gegen einen anderen, etwas bequemeren, aus. Zum Ausgleich verstelle ich Höhe und Länge der Lenkposition ein wenig.

„Ist es so besser?“

In ihrem Gesicht macht sich wieder ein Grinsen breit, das eine tiefe Zufriedenheit ausdrückt. „Oh ja, so ist es super, so macht Radfahren Spaß.“

„Und diese Sitzposition bauen wir Ihnen dann in das Patria Trondheim. Sie erinnern sich? Das ist der Flitzer von eben. Und damit geht es dann jeden Morgen in die Redaktion. Was meinen Sie?“

Sie schaut mich nachdenklich an. „Machen Sie mir mal einen richtig schweren Tretwiderstand auf das Gerät!“

Ich drehe ihr den Tretwiderstand so hoch, dass sie kräftig ins Schwitzen kommt.

„Jetzt bitte den Lenker noch etwas tiefer.“ Energisch tritt sie in die Pedale.

Die Bremse an dem Velochecker kommt ans Qualmen.

„Das lässt sich aber immer noch gut treten“, strahlt sie mich an.

Ich stelle ihr die alte Sitzposition ihres 26-Zoll-Hollandrades ein. Sofort bricht sie die Tretbewegung ab. Sie bekommt die Pedale überhaupt nicht mehr bewegt.

„Das ist nicht Ihr Ernst, oder?“, schaut sie mich an.

„Nein“, sage ich lächelnd, „das ist Ihre alte Sitzposition“.

Für einen kurzen Moment ist sie sprachlos. Verzweifelt schaut sie auf Ihren Notizblock. „Wie soll ich das denn bloß in 30 Zeilen zu Papier bringen? Darüber müsste man eigentlich ein ganzes Buch schreiben.“

Nachdenklich steigt sie von dem Gerät ab und beginnt ihre Sachen einzupacken.

Ich beobachte sie schweigend.

„Ich möchte Sie noch so viel fragen, aber ich muss zu meinem nächsten Termin“, sagt sie.

Ich nicke. „Ich habe auch in 20 Minuten eine Ergonomie-Beratung für ein Reiserad.“

„Sie haben was?“ Verdutzt setzt sie sich wieder hin.

„Eine Ergonomie-Beratung. Da kommen Leute zu mir, die schon viele Radreisen unternommen haben und immer wieder Beschwerden im Nacken und in den Handgelenken verspüren. Sie wollen ihre Sitzpositionen überprüfen lassen oder sich ein neues Reiserad kaufen. Für so eine Beratung bringen sie ihre alten Fahrräder mit, und wir schauen uns gemeinsam die Sitzposition an. Die Überprüfung geschieht auf den jeweiligen Rädern und auf dem Velochecker.“

„Was bekommen Sie für so eine Beratung?“

„Für so eine Beratung muss der Kunde nur den Zeitaufwand bezahlen. Und wenn dabei herauskommt, dass der Kunde ein neues Fahrrad braucht, rechne ich ihm sogar das Beratungshonorar auf den Kaufpreis an.“

Sie überlegt: „Werden Sie ihm dann nicht immer ein neues Fahrrad empfehlen?“

Ich höre einen leicht spitzfindigen Unterton aus ihrer Bemerkung heraus. „Dann müsste mein Paket, das ich ihm zeigen kann, so viel besser sein, dass er ganz von alleine auf diese Idee kommt. Ist mein Paket nur in Nuancen besser, bauen wir sein altes Fahrrad passend um.“

Nervös schaut sie auf ihre Uhr. „Was sind das für Leute, die solche Räder haben oder solche Touren unternehmen?“

Ich gehe langsam mit ihr zur Tür. „Was halten Sie davon, wenn wir uns heute Abend in dem Straßen-Café am Schlossturm in der Altstadt treffen. Wenn Sie etwas Zeit mitbringen, erzähle ich Ihnen noch ein wenig über die Leute, die auf solchen Rädern sitzen. Hätten Sie Interesse?“

Sie schaut während des Gehens auf ihr Smartphone. „So um 19:30 Uhr? Ich zahle aber!“

„Von mir aus. Und kommen Sie bitte mit dem Fahrrad.“

„Nein! Das tue ich nach dem heutigen Gespräch ganz bestimmt nicht.“ Mit diesen Worten verlässt die Journalistin eiligen Schrittes meinen Laden.

Ich schließe die Tür hinter ihr und gehe in meine Werkstatt.

Bilanz:
So, wie Sie während eines leckeren Essens wissen, dass es Ihnen schmeckt, so werden Sie auch wissen, wann Ihnen Ihr Fahrrad passt. Sie wissen aber nicht, welche Zutaten in Ihrem Essen stecken, und Sie werden genauso wenig wissen, was an Ihrem Fahrrad nicht stimmt. Sie werden auch nicht wissen, was Sie ändern müssen. Wenn Sie etwas ändern wollen, machen Sie es wie beim Kochen: Ändern Sie immer nur eine Zutat. Für das komplette Rezept steht Ihr Fahrradhändler bereit.

Kapitel 3
Kapitel 5