Ergebnisgrinsen

Ein Artikel in der Zeitung

Oder: Wenn eine Schreibfeder mit dem Fahrrad kollidiert

Wenn ich morgens mit meinem Fahrrad ins Geschäft fahre, wird der Unterschied zum Autofahren am deutlichsten. Kaum sitze ich hinter dem Lenkrad, denke ich auch schon an den bevorstehenden Arbeitstag mit all seinen Herausforderungen.

Wenn ich hingegen auf meinem Fahrrad sitze, sehe ich die Bäume und rieche die Lindenblüten. Jeden Morgen treffe ich die Frau mit ihrem dicken Hund. Jeden Tag schlendern die zwei wie Wachsoldaten die Düssel entlang. Schon von weitem rufe ich ihnen als Klingelersatz einen „guten Morgen“ entgegen. Freundlich dreht sich die Frau um und erwidert meinen Gruß.

Ich ertappe mich dabei, dass ich die Fahrt genieße und das, obwohl sie mich zu meiner Arbeit führt. Es ist vermutlich die Mischung aus leichtem Ausdauer-Training, Sightseeing und Fahrspaß, die den besonderen Reiz der Zur-Arbeit-Tour ausmacht – und schneller als mit dem Auto bin vermutlich obendrein.

Wenn ich in meinem Geschäft angekommen bin, stelle ich mein Fahrrad unter die Fotowand. Dann starte ich die Rechner an der Theke und gehe in meine Beratungsecke.

In meinem Geschäft habe ich in der hinteren linken Ecke meinen Arbeitsplatz. Dort befindet sich ein kleiner Stehtisch mit drei Barhockern. Um mich herum stehen und hängen die verschiedenartigsten Fahrräder. Alle sind von erstklassigen Herstellern und wurden von mir auf ihre speziellen Eigenschaften hin konfiguriert.

„Konfiguriert“ heißt, dass ich bei diesen Fahrrädern innerhalb bestimmter Grenzen die Ausstattung, Farbe und Sitzposition nach den Wünschen und Bedürfnissen meiner Kunden frei gestalten kann.

An den Wänden in meiner Sitzecke hängen Bilder und Texte von meinen Kunden und Fotos von meinen Radreisen. Daneben hängen große Tabellen mit Zahlenwerten und Farbmuster-Rohre. Der wohl wichtigste Gegenstand ist jedoch der vollautomatische Kaffeeautomat.

Mein wichtigstes Handwerkszeug steht in der Ecke neben mir. Ein Fahrrad-Simulator namens Velochecker. Dieses Gerät hat die Firma Patria in Zusammenarbeit mit uns Stützpunkthändlern entwickelt, um die Maßanfertigung von Fahrradrahmen zu ermöglichen. Ich kann, während der Kunde darauf in die Pedale tritt, alle wichtigen ergonomischen Maße einstellen, um so verschiedene Sitzpositionen auszutesten. Dank einer eingebauten Leistungsbremse ist es sogar möglich, Leistungsvergleiche anzustellen. Dadurch lässt sich exakt bestimmen, in welcher Sitzposition der Kunde am meisten Leistung erzeugen kann.

Auf diesem Gerät haben schon die verschiedensten Kunden gesessen und beim fröhlichen Schwitzen wahre ergonomische Wunder erlebt. Es ist halt ein Unterschied, ob ich ihnen Leichtlauf und Leistungszuwachs verspreche oder sie ihn am eigenen Leib erleben können.

Wie jeden Morgen schaue ich in meinen Kalender und verschaffe mir einen Überblick, was mich den Tag über erwartet. Oben links lese ich den Eintrag: „Artikel in der Zeitung, 10 Uhr.“

Für heute hat sich eine Redakteurin der lokalen Presse angekündigt. Sie möchte gerne einen Bericht über Fahrräder schreiben. Dabei geht es ihr vor allem um die verschiedenen Arten von Fahrrädern und ihre besonderen Vor- oder Nachteile.

Vor einigen Tagen hatte ich bereits mir ihr telefoniert. Sie klang amüsant und wissbegierig. Ich wollte sie sanft an meine Radgeber-Texte meiner Web-Seite verweisen, aber Sie meinte: „Die habe ich selbstverständlich alle gelesen! Stichprobe gefällig?“ Ich musste grinsen und dachte bei mir „Die hat‘s aber drauf“.

Auf diese Dame wartete ich also nun.

Da bei mir morgens mein Hirn auf Notstrom läuft, gönne ich mir erst einmal einen Kaffee. Dann stelle ich mein Fahrrad in die angestammte Ecke und stecke das Ladekabel in die Akkubuchse. Anschließend starte ich meinen Laptop und beginne mit der üblichen Morgenroutine. Als ich mich gerade mit den E-Mails beschäftige, geht die Ladentüre hinter mir auf.

„Guten Morgen“, tönt es laut und fröhlich.

Ich sehe von meinem Laptop auf. In der Türe steht eine adrette schwarzhaarige Dame mittleren Alters. „Die Dame von der Presse, vermute ich?“

Sie schaut zu mir. „Herr Just?“

Ich nicke und lächele. „Kommen Sie rein. Soll ich Ihnen auch einen Kaffee machen?“

Sie geht in meine Richtung. Sofort fällt ihr Blick auf die Fahrräder. Sie schaut sich schweigend um, während ich mich um ihren Kaffee kümmere.

„Mit Milch und Zucker?“, frage ich.

Sie löst sich von den Fahrrädern und sagt „schwarz“.

Ich sitze wie immer auf meinem Velochecker und überlasse ihr den Stehtisch mit den Barhockern für Ihr Equipment.

„Um was geht es?“, frage ich freundlich.

„Ich wollte mit Ihnen eigentlich über Tandems und Senioren-Fahrräder reden.“

„Das mit den Tandems könnte schwierig werden.“ Ich schaue sie ein wenig erstaunt an, da ich in meinem Geschäft überhaupt keine Tandems ausstelle. „Woher wissen Sie überhaupt, dass ich etwas von Tandems verstehe?“

Sie schaut mich an. „Ich bin von der Presse.“ Nach einer Pause fügt Sie hinzu: „Der ADFC hat mich vorinformiert.“

Ich nicke in Ihre Richtung. Aha, daher weht also der Wind.

Sie zückt ihren Schreibblock und schaut mich fragend an: „Sie haben wirklich gar keine Tandems?“

Ich lehne mich zurück. „Eigentlich nicht.“

Ihr Gesichtsausdruck beginnt sich zu verdunkeln.

Ich versuche zu erklären: „Tandems sind ein kleiner und sehr schwieriger Markt. Das was die Kunden haben wollen, traue ich mich meist nicht zu verkaufen, und das, was ich den Kunden verkaufen möchte, wollen diese meist … nicht bezahlen.“ Nach einer kurzen Pause füge ich hinzu: „Sie dürfen nicht vergessen, dass ich schließlich die Gewährleistung zwei Jahre lang garantiere.“

Sie schaut mich erstaunt an. „Gewährleistung? Die gibt doch immer der Hersteller des Produktes. Da kann Ihnen doch Wurst sein, wie ein Produkt gebaut ist. Der Hersteller zahlt das doch.“

Ich blicke sie ein wenig mitleidig an und schüttle weise mein Haupt. „Die meisten Hersteller zahlen gar nichts und ersetzen höchstens die Teile. Einige wenige zahlen den uns entstehenden Aufwand. So bleibt aber der Großteil der Kosten bei uns Händlern hängen. Da überlegt man sich schon zweimal, was man in den Verkaufsraum schiebt und für was man gerade stehen soll.“

„Was bedeutet das für die Tandems?“, will die Frau von der Presse wissen.

Ich zeige auf einiger der Bilder in meiner Fotoecke.

„Wir haben hier ein vollgefedertes Reise-Tandem von der holländischen Firma Koga Miyata. Damit haben wir viele Radreisen gemacht und viele schöne Dinge erlebt. Wir, das war mein langjähriger Trainingspartner Willi und ich. Willi war Boxer und Kampfsportler und mein Trainingspartner.“

Als ich Willi in unserem Kampfsport-Verein kennenlernte, war er schon lange lungenkrank. Er hat trotz seiner Behinderung immer mit vollem Einsatz gekämpft und guten Sport geboten. Um seine Kondition zu trainieren sind wir viel Tandem gefahren. Dabei haben wir festgestellt, dass seine Angst vor der Luftarmut genau diese auslöst. Wenn er mit seinem Solorad einen Berg hinauf sah, war seine Luft schon weg. Auf dem Tandem dagegen hatte er den Ansporn, leistungsmäßig nicht hinter seinem Vordermann zu bleiben. Immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, Thomas macht das schon im Notfall. Auf diese Weise sind wir gemeinsam auf große Radreisen gegangen. Mit diesem erprobten Tandem haben wir dann auch einige andere Teams ausgestattet.

„Tandems sind die Krönung der Fahrradtechnik. Nichts ist so hoch belastet, nichts geht so schnell kaputt, nichts macht so viel Spaß und ist so schnell zu fahren“, schwärme ich.

Sie schreibt eifrig mit. „Wieso ist ein Tandem denn so schnell?“

„Eine Silhouette, zwei Fahrer mit je 250 Watt, zwei Mal so viel Drehmoment und nur zwei Reifen. Das macht schnell“, erkläre ich. „Nur bedenken Sie bitte, die beiden Fahrer müssen denken, lenken, trampeln und atmen wie ein einziger Mensch. Nur wenn das funktioniert, ist so ein Tandem schnell. Wenn Sie sich vor einer Fahrt gestritten haben geht meist gar nix mehr.“

Um ein Tandem gut zu fahren, muss der Vordermann immer ein Ohr nach hinten gerichtet haben. Er fragt sich stets: „Was macht mein Hintermann?“ Ich nehme einen Schluck aus der Kaffeetasse, während die Dame nachdenklich auf ihren Schreibblock starrt.

Plötzlich schaut Sie mich an. „O.k., ich denke, das Thema Tandem gibt für meinen Artikel nicht sehr viel her. Was ist mit Seniorenrädern?“ Sie schaut mich erwartungsvoll an.

„Welche Senioren meinen Sie? Die Menschen, die mit knapp 80 Jahren auf der Uhr mit dem Fahrrad nach Portugal fahren, oder die Senioren, die mit gut 30 pausenlos zu Hause vor dem Rechner sitzen?“

Ich schaue sie verschmitzt an. Sie erwidert meinen Blick und setzt zu einer Frage an: „Aber die typische Oma …?“

Mein Gesicht nimmt einen strengen Ausdruck an.

„O.k., die typischen Senioren gibt es bei Ihnen auch nicht. Das habe ich verstanden. Das Thema gibt also auch nix her.“ Sie schüttelt mit dem Kopf. „Und über was soll ich denn nun schreiben?“

„Was halten Sie von einem andern Thema: Fahrräder für Radtouren und die ergonomische Anpassung? Oder das Fahrrad und die ergonomisch Anpassung?“

„Ist das nicht eher ein Thema für Freaks? Etwas für Leute, die alles mit dem Fahrrad erledigen?“ Sie schaut mich fragend an und beginnt zu erzählen: „Schauen Sie, ich habe mir seinerzeit ein 26-Zoll-Rad gekauft. Das passt mir, denn ich bin nicht so groß. Und wenn ich mit den Füßen auf die Erde kommen will, ist das Fahrrad doch o.k., oder? Was soll denn da noch angepasst werden?“

Dieser Satz hat bei mir stets den gleichen Effekt wie ein kräftiger Tritt in den Unterleib. Mit einem fordernden Unterton sage ich: „Mitkommen!“

Gemeinsam gehen wir zu einem Spezialrad für kleine Menschen.

„Dieses besondere Fahrrad trägt die Bezeichnung Patria Petite. Es hat eine kompetente Kollegin in Frankfurt mit Patria zusammen entwickelt. Janice ist wie ich Fahrradhändlerin aus Leidenschaft. Sie misst aber nur 1,55 Meter. Ihr größter Wunsch war es, ein professionelles Fahrrad für kleine Menschen anbieten zu können. So hat sie irgendwann in Verbindung mit der Firma Patria dieses Reiserad für kleine Personen angestoßen. Petite halt.“

Ich nehme das Fahrrad aus der Ausstellung, schiebe es zur Tür und sage zu der Dame von der Zeitung: „Sind Sie schon mal ein zu kleines aber böses Fahrrad gefahren?“

Sie schaut mich belustigt an und geht auf das Fahrrad zu. „Das Kinderrad? Meinen Sie das ernst? Und warum nennen Sie es böse?“

Ich lächele sie vielsagend an. „Fahren Sie mal ein Stück mit dem Rad. Ich denke, das erklärt es viel besser als ich es mit Worten könnte.“

Sie schaut weiterhin recht belustigt drein und entert das Fahrrad. „Ich soll also eine Runde um den Block fahren?“

Ich nicke und erklärte ihr kurz die Bedienung von Schaltung und Bremse. Dann startet sie zu Ihrer Probefahrt.

Nach einer Runde kommt sie mit einem weithin strahlenden Lächeln auf mich zu gesaust. „Wow, das Ding ist ja witzig! Es ist so schnell und so wendig. Es ist so einfach um die Ecke zu zirkeln. Und wie das Ding abgeht!“

Sie überschlägt sich fast beim Sprechen. „Aber Sie haben Recht, es ist mir wirklich zu klein.“

Die Journalistin kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. „Da möchte man echt klein sein! Ein geniales Teil!“

Sie schaut mich an, und ich beginne, ihr die Details zu erklären: „Kleine und große Menschen haben nun einmal komplett verschiedene Maße. So macht ein kleiner Mensch mit den üblichen Pedalarmen eine viel zu große Pedalhubbewegung. Bei dieser extremen Bewegung und dem starken Kniewinkel hat das Bein aber eigentlich gar keine Kraft mehr.“

Ich mache ihr die Bewegung vor und fahre fort: „Das Bein wird so zu einer langsamen Bewegung gezwungen. Dazu kommt noch, dass das so angewinkelte Knie sehr unangenehm belastet wird. Da die reine Muskelmasse bei einem kleinen Menschen aber von Natur aus geringer ist als bei einem großen, muss der Kleine den Nachteil eigentlich mit einer hohen Wiederholungsrate ausgleichen.“

Die Frau von der Presse hört mir andächtig zu. „Die für den kleinen und leichten Fahrer so wichtige hohe Tretdrehzahl schafft das Bein mit so langen Kurbeln aber nicht. Daher ist bei diesem Fahrrad die ganze Konstruktion auf kürzere Pedalarme ausgerichtet. Normale Pedalarme haben eine Länge von 170 Millimetern, bei dem Petite ist aber die ganze Rahmenkonstruktion auf maximal 160 Millimeter Kurbeln ausgelegt.

Damit das perfekt funktioniert, ist das Tretlager im Rahmen tiefer eingebaut. Der Rahmen ist kürzer gefertigt, damit der Oberkörper nicht überstreckt wird. Ein relativ flacher Sitzrohrwinkel gleicht die kurzen Kurbeln aus. Durch diese Änderungen kommt ein kleiner Mensch endlich einmal an die gleiche Tretbewegung wie ein großer. In seiner Gesamtheit sieht das Fahrrad wie ein perfektes Kinderrad aus. Es ist nur viel …“

„Böser“, ergänzt sie.

Ich nicke zustimmend. „Was bei so einem speziellen Fahrrad eine weitere wichtige Rolle einnimmt, ist die Schaltung mit den dazu passenden Gängen. Kleine Personen sollten idealerweise ihren Vorteil in hohen Tretdrehzahlen suchen. Dafür ist aber eine gute Schaltung unerlässlich.“

Während meiner Erklärung macht sich die Reporterin ständig Notizen. „Was wäre denn, wenn ich so ein Fahrrad haben wollte?“

„Käme das Petite für Sie in Frage, so würde ich Sie jetzt auf den Velochecker setzen. Auf diesem Gerät bekämen wir dann heraus, ob Ihnen das Fahrrad passt und was Ihr Körper für eine Sitzposition benötigt. So würden wir erfahren, ob Sie eher gemütlich und leistungsarm sitzen wollen oder ob Sie eine sportlich langgestreckte Position bevorzugen, samt eines kräftigen Pedaldrucks.“

Ich schaue sie an. „Wollen Sie mal?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nachher vielleicht, zeigen Sie mir doch noch ein anderes Fahrrad.“

Ich überlege. Soll ich ihr nach dem Fahrrad für kleine Menschen das genaue Gegenteil präsentieren? Eines für die Übergroßen? „Na, dann kommen Sie mal mit, ich zeige Ihnen mal mein eigenes Fahrrad. Dann haben Sie den passenden Fahrer direkt mit dabei.“

Ich gehe mit ihr in die Ecke, in der mein Fahrrad steht. „Das ist ein Patria Speedster in übergroß.“ Ich zeige auf das rote Fahrrad in meiner Ecke.

Sie kommt näher und schaut auf das Fahrrad.

„Dieses Fahrrad ist eine Mischung aus dem Profi-Reiserad Patria Ranger und einem elektrisch unterstützten Pedelec. So wie es hier steht, ist es durch die Zusammenarbeit von Patria und mir entstanden. Die Rahmenhöhe hinten misst 66 Zentimeter, vorne sind es 70 Zentimeter. Das Oberrohr ist vier Zentimeter länger als normal. Weil meine Oberschenkelknochen besonders lang sind, ist der Sitzrohrwinkel zwei Grad flacher als normal. An diesem Fahrrad sind die Pedalarme sogar fünf Millimeter länger als es Standard ist.“

Sie stellt sich vor meinen Sattel und legt demonstrativ den Arm darauf. Der Sattel reichte ihr bis unter die Achseln. „Das Fahrrad ist aber ein Riesenteil. Und was bedeutet das ganze Fahrradchinesisch, das Sie mir gerade erklärt haben?“

„Dass es groß ist und dass es mir haargenau passt. Ich bin schließlich knapp zwei Meter groß und 110 Kilo schwer. Wo ich hintrete, da wächst kein Gras mehr.“

Sie schaute sich das Fahrrad ein wenig genauer an. „Wenn das kleine Fahrrad so durchdacht ist, wie ist das dann bei diesem Fahrrad?“

Ich lächele sie an. „Da ein großer Mensch auch lange Beine hat, macht er, im Vergleich zu einem kleinen Menschen, eine viel kleinere Pedalhub-Bewegung. Nun habe ich aber eine viel größere Muskelmasse als ein kleiner Mensch. Um diese Muskelmasse richtig in Einsatz bringen zu können, brauche ich auch eine ausreichend lange Bewegung.“

Sie hört mir wieder schweigend zu. „Damit ich dies erreichen kann, hat mein Fahrrad längere Pedalarme. Somit ist der Pedalhub etwas größer, und ich kann meine Kraft länger und stärker auf die Pedalarme wirken lassen. Damit ich mein Bein für diese Bewegung ausreichend strecken kann, ist der Rahmen für meine langen Beine extra hoch gefertigt.“

Sie nickt.

„Da ich aber auch 110 Kilo mitbringe, muss der Rahmen besonders steif sein. Nur so verpufft meine Kraft nicht in einem schwammigen Rahmen. Und damit mein langer Oberkörper gut untergebracht wird, ist der Rahmen nicht nur hoch, sondern auch länger gebaut. So kann ich meinen Oberkörper weit über die Pedale beugen und so die volle Beinkraft ausnutzen.“

„Verstehe“, sagt sie.

„In diesem Punkt haben die meisten großen Fahrradrahmen ihre Schwachstelle. Hohe Rahmen können die Hersteller leicht bauen, aber lange und stabile Rahmen sind schwierig zu fertigen. Fazit: Wird ein Fahrradrahmen höher und länger, wird auch der Radstand, also die sichtbare Länge des Rades, länger. Durch diese spezielle Konstruktion unterstützt das Fahrrad meinen harten Tritt und rollt dank des langen Oberrohres sehr gut geradeaus. Damit lässt es sich auf geraden Straßen und lang gezogenen Kurven sehr schnell fahren.“

Sie blickt von ihrem Notizblock auf. „Und der E-Antrieb? Wozu brauchen Sie so etwas?“

„Hm.“ Ich suche nach einer einfachen Erklärung. „Ich leiste an guten Tagen bis zu 350 Watt Tretleistung, mein E-Antrieb schafft 250 Watt, und beim Beschleunigen kurzzeitig sogar bis zu 600 Watt. Beine und Motor gemeinsam leisten beim Beschleunigen so viel, dass es an Kreuzungen zum Abhängen der meisten Autos ausreicht.“

Sie guckt mich ungläubig an.

„In der Stadt habe ich immer viel Stop-and-go-Verkehr. Da ich so groß bin, muss ich viel Gewicht beschleunigen. Mit so einem E-Antrieb ist das aber ein derartiger Leistungs-Zugewinn, dass ich unter dem Strich meist schneller durch die Stadt komme, als wenn ich im Auto sitzen würde. So eine Akkuladung kostet dabei nur einige Cent. Die Energie-Effizienz ist bei diesem Pedelec so gut, dass ich, auf Benzin umgerechnet, mit einem Liter Sprit rund 1300 Kilometer weit kommen würde.“

Sekundenlang ist die Journalistin über ihren Schreibblock in Gedanken vertieft. „O.k., das Thema Petite und Speedster habe ich im Kasten. Und was ist mit den normalen Menschen?“

Sie schaut mich fragend an.

Ich grinse und schweige.

„Ich weiß schon, Sie sagen jetzt: Wer ist schon normal? Aber im Ernst, was ist mit den Normalen?“

Ich mache eine kurze Pause und beginne dann zu erzählen: „Bei den Fahrradfahrern üblicher Größe und Statur kommt es sehr stark darauf an, was sie für Fahrstrecken bevorzugen und was sie an persönlichen Details benötigen.“

Ich gehe mit ihr zu einem dick bereiften Fahrrad. „Bestes Beispiel ist dieses Patria Terra. Dieses Rad ist ein 26-Zoll-Reiserad. Es ist sehr präzise und spielerisch zu fahren. Alles an diesem Fahrrad ist auf Handlichkeit, Fahrbarkeit und Beherrschbarkeit im Gelände ausgelegt. Wenn Sie mit so einem Fahrrad unterwegs sind, werden Sie über Feldwege rumpeln und Treppen herunterfahren, obwohl Sie wissen, dass es unvernünftig ist. Und an der Ampel werden Sie versuchen, die Füße im Stand nicht aufzusetzen.“

Bei diesen Worten stelle ich das Fahrrad in die Mitte des Ladens. Dann steige ich auf und beginne, im Stand zu balancieren.

Sie schaut mir schweigend zu. Dann lächelt sie: „Bei Ihnen sieht das Fahrrad aber winzig aus.“

Während ich weiter balanciere, antworte ich ihr: „Es ist ja auch nicht meines. Denn dann würde es meiner Körperhaltung angepasst und wäre vermutlich meinem Fahrrad sehr ähnlich.“

Wer braucht denn so ein Fahrrad?“, fragt sie.

Ich stelle das Fahrrad ab und gehe mit ihr zu meiner Fotowand. Dort zeige ich ihr Bilder von vollgepackten Rädern auf verschlungenen Bergpfaden, Waldwegen und endlosen Stränden.

„Wenn die Strecke so übel wird, dass Sie nicht mehr wissen, wie Sie Ihr Fahrrad schieben sollen, können Sie mit diesem Rad einfach weiterfahren. Ganz egal, wo es langgeht. Mit einem guten Fahrrad ist es anstrengender, einen Berg hochschieben als ihn hochzufahren.“

„Und der Nachteil dieses Fahrrad-Pakets, wenn ich so sagen darf?“

„Dieses Fahrrad ist im Highspeed, auf topebenen geraden Strecken … Na, da gibt es halt schnellere.“

„O.k., das habe ich. Und was wäre, wenn ich einfach nur auf der Straße schnell von A nach B kommen will?“

Ich lächle Sie geduldig an. „Dann könnte ich Ihnen das Speed-Treckingrad Patria Trondheim zeigen.“

Wir gehen zu einem kleinen und filigran aussehenden Trekkingrad. „Diese spezielle Ausführung eines Fahrrades ist als Reise-Fahrrad konstruiert worden. Es ist sehr robust und gepäckstabil. Gleichzeitig ist diese Rad aber eines der schnellsten Trekkingräder, die technisch realisierbar sind. Und glauben Sie mir, trotz der Bezeichnung „Reiserad“ hat der Bock nur eines im Sinn. Der will rennen, rennen und nochmal rennen!“

Sie schaut mich ungläubig an. „Das meinen Sie nicht im Ernst, oder?“

„Doch!“ Ich schaue Sie verschmitzt an. „Es hat in etwa Ihre Größe. Ich finde Sie sollten es mal ausprobieren.“

Mit sichtbarem Respekt schwingt sie sich auf den Sattel. Ich erkläre ihr die Funktionsweise von Schaltung und Bremse, dann radelt sie los. Die erste Runde fährt sie noch vorsichtig und verspannt, aber schon in der zweiten rast sie mit einem fetten Grinsen an mir vorbei.

„Darf ich noch eine?“, ruft sie mir zu.

Ich nicke. „Klar!“

Am Ende der dritten Runde steuert sie wieder den Laden an. „Damit macht Fahrrad fahren aber Spaß, “ ruft sie begeistert. Schnaufend schiebt sie das Fahrrad wieder in den Laden.

„O.k., und was für eine Fahrrad-Konstruktion war das jetzt?“

„Chapot Madame, Sie kommen der Sache näher.“ Ich verneige mich demonstrativ und leicht übertrieben. Dann erkläre ich ihr die maßgeblichen Eckdaten. „Kurzer Radstand, sehr agile, fast nervöse Lenk-Geometrie, stark vorgebeugte Sitzhaltung für viel Druck auf den Beinen. Einen Rahmen mit extrem steifen Tretlagerbereich und elastischen Rohren zum Lenker und Sattel hin. Dies zusammen ergibt dann mit der richtigen Bereifung und einer guten Übersetzung einen richtigen Touren-Renner mit einem perfekten Wirkungsgrad.“

Bei meiner Erläuterung schüttelt Sie amüsiert mit dem Kopf. „Was ist denn ein Wirkungsgrad?“

„Das erkläre ich Ihnen nachher.“ Dann zeige auf ein Fahrrad in unserem Fenster. „Und so etwas gibt es noch in richtig böse. Es hat dann einen Rennlenker und einen Rahmen aus ganz speziellen Rohren. So ausgestattet heißt das Fahrrad Randonneur und ist …“

Sie schaut energisch zu mir hoch und macht dabei eine abwehrende Handbewegung. „Danke, das reicht jetzt!“

„Aber einen hätte ich da noch. Ich möchte Sie zum Abschluss noch auf den Fahrrad-Simulator setzen.“

Sie grübelt einen Moment, schaut auf die Uhr und gibt sich dann geschlagen, „Aber erst nach einem Kaffee.“

Ich gehe schmunzelnd in meine Ecke zur Kaffee-Maschine. „Den haben Sie sich redlich verdient.“

„Noch eine Frage zu dem Fahrrad für kleine Personen. Das hat doch 26 Zoll, oder? Warum sind denn jetzt die Räder an diesem Fahrrad kleiner?

Ich schenke ihr einen Kaffee ein. „Schwarz, oder?“

Sie greift zur Tasse und nickt.

„Das ist ganz einfach. Bei dem Patria Terra, einem 26-Zoll-Reiserad, sind die Reifen dick und schwer. Damit sind sie aber auch so stabilisierend, dass sie kleiner sein müssen, um trotzdem ein handliches Fahrrad zu erzeugen. Hätte das Rad die größeren 28-Zoll-Reifen, müssten die Reifen extrem leicht ausfallen, um nicht mit einem trägen Handling unangenehm aufzufallen. Um jetzt aber die kräftigen Reifen einsetzen zu können, macht man den Durchmesser kleiner und reduziert damit die Kreiselkräfte des einzelnen Laufrades.“

Mit diesen Worten drücke ich ihr ein einzelnes, loses Laufrad in die Hand. Als sie es vor sich hält, drehe ich es sehr schnell an. „So, und nun drehen Sie sich mit dem Laufrad in der Hand im Kreis“, fordere ich sie auf. Sie macht es und erlebt ein sich wild bewegendes Laufrad, das von alleine die wildesten Schaukel-Bewegungen ausführt.

„Diese Fliehkraft-Eigenschaft nennt man Drall, und der wiederum hängt mit dem Kreiselgewicht und dem Durchmesser zusammen. Dieser Drall ist das stabilisierende Element beim Fahrradfahren. Nur durch diesen Effekt ist Radfahren überhaupt möglich. Ein kleiner Durchmesser erzeugt dabei eine geringere Kreiselkraft und damit auch einen weniger stabilen Geradeauslauf.“

„Aber das Fahrrad für die kleinen Personen hat doch gar keine kräftigen Reifen“, wirft sie ein.

„Sie erinnern sich doch daran, dass das Petite so klein und so wendig ist. Das liegt an den kleinen, sehr schmalen und leichten Reifen. Nur durch die Verwendung solcher Räder können die Rahmenmaße so viel kleiner werden. So ist das Fahrrad klein, extrem handlich, ja fast zappelig und sehr schnell. Eben ein kleines wildes Teil.“

„Die 26-Zoll-Räder verbaut man also nicht wegen der Größe, sondern meist wegen der Lenkeigenschaften?“

Ich nicke.

„Woher haben Sie eigentlich diesen Benutzer-Gruppen Denkansatz?“, will sie wissen.

„Da hat mich mal jemand aus einem ganz anderen Technikbereich drauf gebracht“, erwidere ich. „Der tiefere Sinn hinter der Unterscheidung in verschiedene Benutzer-Gruppen wie große und kleine Fahrer ist mir vor vielen Jahren bei einem Motorrad-Renn-Event in Zolder deutlich gemacht geworden. Ich erzähle es Ihnen.“

Bilanz:
Ein Fahrrad gleicht genau so wenig einem anderen Rad, wie ein Mensch einem anderen gleicht. Entsprechend sollte jeder Mensch bei seinem Fahrrad auf einem individuell angepassten Rad bestehen.

Technik:
Kurze Kurbeln reduzieren den Kniebeugewinkel und senken die Gelenkbelastung des Knies. Wenn sie zu Einsatz kommen, muss die gesamte Sitzposition angepasst werden, da sich alle Maße ändern. Das gleiche gilt auch für längere Kurbeln.

Kapitel 1
Kapitel 3