Ergebnisgrinsen

Feierabend
Oder: Warum der Feierabend auf dem Rad schöner ist

„Harte Entscheidung! Passiert Ihnen denn so etwas oft?“, will die Redakteurin wissen.

„Nein. Meine Kunden machen mein Rabattverhalten meist ausgesprochen locker mit. Gute Beratung und gute Bezahlung scheinen in Mode zu kommen. Ich habe übrigens noch eine kurze Geschichte zum Thema Rabatt. Eine Zeit lang war ich mal in einem Hersteller-Forum aktiv. Das Hauptthema waren Rennräder. Ich hatte mich als Privatmann angemeldet und wollte vor allem sehen, wer sich dort mit Beiträgen verewigte. Der Online-Kauf wird in diesem Marktsegment nämlich immer wichtiger.

Eine Person schrieb: „Ich bin 195 Zentimeter groß und möchte gerne Rennrad fahren. Welche Rahmenhöhe passt zu mir?“

Ein anderer antwortete: „Das hängt von deiner Schrittlänge ab.“

Darauf der erste: „Wie misst man die?“

Jetzt kam ich ins Spiel: „Da musst du dir einen Besenstiel so zwischen die Beine klemmen, dass du dich fast selber hoch hebst.

„Auf diese Weise komme ich auf 85 Zentimeter“, kam die Antwort.

Ich erwiderte: „Die Schrittlänge entspricht circa der Hälfte der Körperlänge (mal mehr, mal weniger). Somit wärst du ja nur 1,70 Meter groß.“

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Das sei schon in Ordnung so. Er bräuchte eine Rahmenhöhe von 58 Zentimetern.

Nur zur Info: Ich messe 1,98 Meter und habe eine Schrittlänge von 99 Zentimetern sowie eine Rahmenhöhe von 66 Zentimetern.

Ich antwortete: „Wenn du noch nie Rennrad gefahren bist und nicht weißt, was dir passt, lass dir doch helfen. Da gibt es so Leute, die heißen Fahrradhändler! Da kann man ganz billig Sachverstand mieten. Du bringst dem Händler eine Flasche Rotwein mit und fragst, ob du das Fahrrad deiner Wahl eine halbe Stunde ausleihen darfst. Dann weißt du bestimmt mehr.“

Ruckzuck kam die Antwort: „So ein Quatsch!“ Händler? Das sei doch so eine sinnlose „Geldabpumpeinrichtung“. Er hätte eine Adresse im Netz, da könne er supergünstig ein Rennrad bekommen.

Ich habe mich dann lieber stillschweigend aus der Debatte ausgeklinkt.

Nach ein paar Tagen konnte ich im Forum lesen: „Prima! Ich habe eine Rahmenhöhe 58 Zentimetern als Kohlefaser/Technik blabla für 3000 Euro bekommen.“ Das wäre ja der Schnäppchen schlechthin, hätte sonst mindestens 4000 Euro gekostet.

Vier Wochen später folgte der Hilferuf: „Ich kann auf meinem Rennrad nicht sitzen. Der Lenker ist fast 20 Zentimeter tiefer als der Sattel. Gibt es einen Hollandrad-Lenkervorbau, um das Fahrrad bequemer zu machen? Und gibt es so etwas auch in Kohlefaser?“

Ich konnte mir beim Lesen dieser Zeilen ein Schmunzeln nicht verkneifen. Das Fahrrad war für den Mann absolut wertlos. Vielleicht hatte er ja einen Sohn, der 1,80 Meter groß war, ansonsten konnte er das Fahrrad getrost über seinen Porsche an die Wand hängen.

Das blöde an der Geschichte war, dass der Mann jetzt ein Fahrrad hatte und garantiert auch kein weiteres mehr kaufte. Schon gar kein teures Rennrad. Ich habe mich gefragt, wie die Geschichte gelaufen wäre, wenn er hier in Düsseldorf zu unseren Rennrad-Spezialisten gegangen wäre. Vermutlich hätte er zwar weniger Rabatt bekommen, dafür aber ein Rad, das „passt“. Und erstklassige Rennräder gibt es auch schon für 2000 Euro.

So etwas ist doch einfach dämlich, oder?“, frage ich die Redakteurin.

„So sind die Leute halt“, sagt sie. „Da ändern Sie und ich nichts mehr dran.“

„Vermutlich haben Sie Recht. Mich ärgert nur eins: Das Rennrad war Spitzenklasse, der Fahrer war motiviert, die Bereitschaft, Geld auszugeben, war da, und was kommt am Ende dabei raus? Ein wertloses Gerät für 3000 Euro.“

„Auf Online-Handel stehen Sie nicht so richtig, oder?“, fragt die Redakteurin mit einem kecken Lächeln.

Ich beginne mich zu beruhigen und lächele zurück: „Merkt man das?“

Irgendwann schaut die Redakteurin auf ihre Uhr. „Vielleicht mache ich mal eine Reportage über Sie und Ihre Kollegen hier in Düsseldorf. Geschichten gibt es ja anscheinend mehr als genug. Ich melde mich auf alle Fälle wieder bei Ihnen. Ist das okay?“

Ich schaue gedankenverloren in Richtung Rhein. „Wenn wir es mit Ihrer Hilfe schaffen, dass wir kleinen Fahrradhändler mit unserem begeisterten Schaffen weiterhin eine Existenzberechtigung haben, wenn die vielen tollen Ideen auf diese Weise an den Mann oder die Frau gebracht werden und unsere Kunden mit Freude Fahrrad fahren, und wenn diese Fahrradfahrer auch noch Wert auf Qualität legen, dann immer gern.“

„Ich hätte gern 16 Euro“, sagt die Kellnerin.

Die Reporterin schaute mich durchdringen an und sagt: „Ich zahle!“

„Danke“, erwidere ich.

Wir stehen gemeinsam auf und gehen zu meinem Fahrrad.

„Feierabend!“, sage ich.

„Genau. Und jetzt geht‘s ab nach Hause.“

Ich reiche der Redakteurin die Hand und verabschiede mich. Es war ein langer und aufregender Tag gewesen. Ich habe interessante Leute getroffen und viele spannende Gespräche geführt. „Ganz nebenbei“ habe ich einige sehr schöne Fahrräder verkauft.

Ich für meinen Teil bin heute gerne zur Arbeit gefahren und habe mich auf meinen Job gefreut. Wer kann das schon von sich sagen! Sicher, man kann mit meinem Geschäft keine Reichtümer anhäufen. Aber geht es wirklich darum? Aus meiner Sicht nicht.

Ich schwinge mich auf mein Fahrrad, stelle mir den Lenker hoch und nehme eine gemütliche Sitzposition ein. Den Strom lasse ich ausgeschaltet und rolle entspannt in Richtung Heimat.

Ich schaue mich um. Die Leute sitzen auf den Mauern und schwatzen miteinander, Pärchen gehen verliebt in den Abend hinein, und der Rhein sieht wieder traumhaft aus.

Ich werde die Heimfahrt genießen! Sie auch?

Bilanz:

Ein gutes Fahrrad ist wie eine gute Flasche Wein. Bei beiden kommt es auf Geschmack und Genuss an.

Kapitel 14
Nachwort