Ergebnisgrinsen

Von Menschen und Werten
Oder: Warum manche nur das Zweitbeste bekommen

An einem Sonnabend im vergangenen Herbst betrat eine Familie mit einem kleinen Kind unseren Laden. Der Mann ging als erster durch die Tür und schaute sich die Fahrräder an.

„Führen Sie Räder der Marke Patria?“, fragte er. „Für meine Frau immer nur das Beste!“

Ich wurde in meiner Beratungsecke hellhörig und drehte mich der Familie zu. „Habe ich da Patria gehört? Da bin ich vermutlich gefragt. Kommen Sie doch bitte zu mir.“

Während sich das Kind weiter umschaute, kamen die Eltern in meine Ecke.

„Für meine Frau bitte ein Patria mit der folgenden Ausstattung …“

„Guten Tag“, unterbrach ich den Mann. „Was hätten Sie denn gerne, gnädige Frau?“

Die Dame sah mich durch ihre modische Brille freundlich an. „Ein schönes Tourenrad hätte ich gerne. Eines, mit dem ich meine Alltags-Sachen erledigen kann, mit dem ich aber auch wieder auf Tour gehen kann.“

„Was fahren Sie denn momentan?“

„Eine sehr bequeme Gazelle.“

„Und wie soll Ihr neues Traumrad aussehen?“

Sie schaute ihren Mann an. Der antwortete: „Patria, Boston, am besten mit einer Nabenschaltung.“

Ich schaute wieder die Dame an, ging zu einem blauen Tourenrad mit der Aufschrift Patria Boston und zog es in ihr Blickfeld. „Dieses Fahrrad ist etwas Besonderes unter den Tourenräder. Keines ist so gut ausbalanciert zwischen Schnelligkeit, Gelassenheit im Fahrverhalten und einer besonderen Robustheit. Was meinen Sie, hätten Sie Lust auf eine Probefahrt?“

Die Dame machte ihren Mann auf ihr unruhiger werdendes Kind aufmerksam: „Magst du mit ihm zum Bäcker gehen?“

Der Mann nickte, wendete sich von uns ab und widmete sich seinem Knirps.

Ich fragte die Dame: „Fahren Sie viel mit dem Rad?“

„Na ja, ich fahre viel im Alltag, aber vielleicht, wenn der Kurze mal älter ist.“

Ich musste spontan an die Touren mit meinem Sohn Olli denken. „Der ist schon jetzt alt genug, glaube sie mir!“

Ich ging mit der Dame zu meiner Fotowand und erzählte schwärmend von den gemeinsamen Radreisen mit Olli. Während ich redete, schaute sie verträumt auf die Bilder.

„Ja, da hätte ich auch Lust drauf“, sagte sie.

„Da müssen sie nicht warten. Ein paar freie Tage und ein geiles Rad. Schnappen Sie sich Ihren Sohn und fahren Sie einfach los. Der Rest kommt dann schon!“

„Schöner Gedanke, aber zeigen Sie mir doch bitte das dazu passende Fahrrad.“

Ich stellte das blaue Patria ein und drückte es ihr in die Hand. Beim Herausschieben erklärte ich ihr alle Funktionen. Sie lauschte aufmerksam und stieg aufs Rad. Dann fuhr sie los.

Beim Hinterherschauen machte ich mir ein Bild über die Sitzposition und über die erforderlichen Änderungen.

„Die war mal recht sportlich“, murmelte ich vor mich hin, „kleiner, länger und einen anderen Sitzwinkel“.

Einige Minuten später hielt die Dame wieder vor unserem Laden. „Es ist schon sehr schön zu fahren, es passt aber noch nicht richtig.“

In den nächsten eineinhalb Stunden erörterten wir die gewünschten Details. Mal ging es um die Bremsen, mal um die Farbe der einzelnen Bauteile. Langsam nahm das Fahrrad Gestalt an.

Dann betrat der Mann wieder den Laden. „Seid ihr immer noch dabei? Den Kleinen habe ich im Auto vor den DVD-Player gesetzt.“

Die Dame blickte unruhig auf die Uhr: „Können wir nächste Woche Samstag weiter machen?“

„Na klar! Direkt um zehn Uhr?“

„Einverstanden.“ Sie nickte, nahm ihre Jacke und ging mit ihrem Mann nach draußen, während ich mir Notizen zum Beratungsgespräch machte.

Die Redakteurin sitzt gemütlich in ihrem Stuhl und hört mir gespannt zu. „Wie ist es weitergegangen mit der Familie?“

„Am nächsten Sonnabend ist die Dame mit Mann und Maus wieder bei uns erschienen. Ich habe sie auf den Velochecker gesetzt und mit ihr die Sitzposition ausgefeilt. Der Mann ist mit dem Sohn irgendwo hingefahren.“

„Hat Sie denn das Rad letztlich auch bestellt?“

„Ach was! Nachdem alle Details ausgesucht und festgelegt waren, sagte sie, dass sie vor dem abschließenden Kauf noch mit ihrem Mann sprechen müsse.“

„Und dann ist sie einfach so gegangen?“

„Nein, für die Velochecker-Beratung habe ich ihr eine Schutzgebühr von 50 Euro abgenommen, die die Kundin bei einer Bestellung erstattet bekommt.“

„Und weiter?“

„Sie hat dann einen dritten Termin erbeten, den sie dreimal spontan verschoben hat. Vier Monate später war sie dann wieder bei mir im Laden.“

„Wieder mit Mann und Maus?“

„Na klar!“

„Dann hat sie aber bestellt, oder?“

„Warten Sie ab“, sage ich und beginne zu erzählen. „Pünktlich um 10:40 Uhr erschien besagte Familie zu ihrem 10-Uhr-Termin. Die Dame kam zu mir in die Ecke. Ich holte meine Notizen heraus und begann, den Velochecker für eine letzte Bestätigung der Werte einzustellen, als der Mann das Zepter übernahm.

„Wir haben unsere Vorstellung von dem Rad meiner Frau noch einmal grundlegend geändert und heute muss es schnell gehen, wir haben nicht viel Zeit“, sagte er im Befehlston.

Ich begann, alle Änderungswünsche des Paares zu notieren und geduldig auf alle Fragen zu antworten.

„Darf ich die Räder noch mal fahren?“

„Klar!“

„Und kann ich noch mal auf den Velochecker?“

„Klar!“

„Und Moosgrün und Ledersattel sind auch möglich?

„Klar!“

„Und diese Reifen fahren auf diesem Rad auch wirklich am besten?“

„Klar!“

So erörterte ich in den nächsten 90 Minuten geduldig alle Details. Am Ende wagte ich dann zu fragen: „Dann bestellen wir jetzt Ihr Fahrrad?“

„Ja, bitte!“

Ich füllte gerade das Bestellformular aus, als sich der Mann meldete: „Was kostet das Rad eigentlich?“

Er schaute auf das Formular und las die Zahl ab.

„Zweitausendvierhundertfünfzig? Das ist nicht Ihr ernst?“ Bestimmend fügte er an: „Hören Sie mal, überall bekomme ich zehn Prozent Nachlass und bei einer solchen Summe erst recht!“

Ich füllte mein Formular weiter aus und antwortete mit ruhiger Stimme: „Schauen Sie, ich verhelfe Ihrer Frau wirklich gerne zu einem außergewöhnlichen Rad und berate Sie gerne aufwendiger als es allgemein üblich ist, aber am Ende des Tages müssen Sie mich bezahlen …“

Der Mann schnitt mir das Wort ab. „Nein, nein, so kommen Sie nicht raus! Nicht bei dem Preis!“

Ich legte meinen Stift nieder und schaute das Paar an. Der Mann sah aufgebracht aus, während die Dame wirkte, als ginge es ihr um das neue Rad.

„Wenn ich Ihnen eine Freude machen kann, schenke ich Ihnen ein halbes …“

Wieder wurde ich unterbrochen: „Nein, nein, ich lasse mich nicht mit 25 Euro abspeisen!“

Ich begann mich zu ärgern. „Bitte, ich habe sechs Stunden Beratungszeit geleistet und der Gegenwert, den Ihre Frau erhält, ist es bestimmt wert. Wenn Sie meinen Stundenlohn einrechnen, haben Sie schon einen ordentlichen Rabatt eingefahren. Dazu noch das halbe Schloss und die Erstattung der Velochecker-Beratung, damit haben Sie doch einen guten Handel gemacht.“

Das Gesicht des Mannes verfinsterte sich weiter, während seine Frau ruhig einwarf: „Wir wollen doch nur ein wenig handeln.“

Er übernahm wieder die Gesprächsführung, während ich hilfesuchend seine Frau ansah. „Ihr Stundenlohn wird ja wohl nicht so ausgeprägt sein, dass er ernsthaft ins Gewicht fällt. Nein, nein, so geht es nicht. Nicht bei der Summe! Da werden Sie uns schon entgegenkommen müssen, sonst werden wir das Rad woanders kaufen.“

Langsam waren wir an dem Punkt angelangt, an dem ich eine Entscheidung treffen musste. Spontan kam mir ein Gespräch mit meiner Mutter in den Sinn. Ich hatte sie einstmals gefragt: „Mama, wann ist man reich genug?“ Sie lächelte mich an und begann mit einer Erklärung, die ich nie vergessen sollte. „Weist du“, sagte sie, „zu wenig Geld zu haben, ist ein echtes Problem, aber wie viel davon ist genug? Reichen drei oder vier Nullen hinter einer Ziffer auf deinem Konto, oder sind es sechs Nullen, die dich reich machen? Für mich ist Geld so etwas wie Werkzeug, mit dem sich vieles erreichen lässt. Vergleichbar mit einem Hammer, einer Säge oder einem Bleistift. Mit so einem Bleistift lassen sich mit einer kundigen Hand viele schöne Bilder malen oder nette Geschichten schreiben. Nun haben manche Menschen aber Angst davor, eines Tages ohne Bleistift zu sein. Deshalb beginnen sie, immer mehr Bleistifte zu sammeln. Das ist so lange in Ordnung, wie es um das Schreiben von Geschichten geht und nicht um das Anhäufen von Bleistiften. Denn wenn das Sammeln von Bleistiften das Schreiben verdrängt, läuft definitiv etwas falsch. Dann wird Reichtum hinderlich und steht dem im Weg, was unser Leben ausmacht, nämlich das Schreiben von Geschichten.“

In meiner Zeit als Selbständiger galt mir der tiefe Sinn dieser Geschichte stets als Roter Faden bei meinen Entscheidungen. Sicherlich nehme auch ich als Kaufmann am Fluss des Geldes teil, aber in erster Linie geht es mir um die Fahrräder. Natürlich muss dabei sichergestellt sein, dass am Ende des Monats unser aller Gehalt bezahlt werden kann. Das ist die Basis. Doch es gilt, eine Balance zu halten, in diesem Fall zwischen meiner Fahrradverliebtheit und einem vernünftigem Auskommen für uns alle. Und genau jetzt fühlte ich, dass diese Balance gerade schwer ins Wanken geriet.

Ich schaute den Mann ernst an und sagte entschlossen: „Ich möchte Sie warnen, Sie bewegen sich gerade auf dünnem Eis. Warum soll ich Ihnen meinen Lohn als Nachlass einräumen? Meinen Sie vielleicht, die gesamte Kaufsumme ist mein persönliches Taschengeld?“

Er antwortete mit erregtem Gesichtsausdruck: „Sie scheinen ein guter Handwerker und ein guter Fahrradmann zu sein, aber als Kaufmann müssen Sie noch viel lernen! Ich könnte mir in meinem Job so etwas nicht erlauben. Sie müssen nehmen, was Sie bekommen können, sonst gehen wir woanders hin und Sie machen gar keinen Umsatz.“

Ich wurde wirklich sauer. Wollte ich diesen Kunden überhaupt noch ein Fahrrad maßschneidern? Musste ich mich in meinem Laden so unter Druck setzen lassen? Ging es überhaupt noch um das Fahrrad, oder nur noch ums Geld? War ich bereit, mich so behandeln zu lassen? Nein und nochmals nein! Ich hatte so viele nette Kunden und war auf diesen Typus Mensch definitiv nicht angewiesen!

Ich schaute dem Mann tief in die Augen. Dann nahm ich das Formular, lächelte und zerriss es.

„Ich baue Ihr Rad nicht“, teilte ich den Herrschaften mit.

Die Frau schaute mich durchdringend an: „Herr Just, wir wollen doch nur handeln!“

Der Mann übernahm wieder das Gespräch und brüllte jetzt laut in den Laden hinein: „Los, kommen Sie uns entgegen und machen Sie jetzt das Geschäft!“

Ich schaute ihn ruhig an und antwortete: „Nein! Wenn wir uns jetzt schon so zanken, dann wird das kein gutes Geschäft und schon gar kein gutes Fahrrad. Ich bleibe dabei, ich baue es nicht!“

Traurig blickte ich die Frau an, da ich wusste, dass es ihr um das Fahrrad gegangen war.

Der Mann dagegen schaute mich wütend an. „Warum machen Sie jetzt so eine Kurzschlusshandlung? Schließlich haben Sie den Zank mit mir und nicht mit meiner Frau. Wenn Sie das Fahrrad doch noch bauen wollen, dann lassen Sie es mich wissen.“

„Nein, es gibt das Rad nicht!“

„Dann gehe ich jetzt woanders hin und Sie werde ich durchs Internet ziehen! Los, wir gehen!“

Wutschnaubend verließen die Kunden meinen Laden.

„Jetzt bekommt Ihre Frau halt doch nur das Zweitbeste“, murmelte ich leise und ein wenig traurig vor mich hin.

Bilanz:

Manchen Menschen geht es um die Dinge als solche, anderen dagegen nur ums Geld.

Kapitel 13
Kapitel 15