Ergebnisgrinsen

Die Feierabend-Tour zum Schlossturm
Oder: Wie sieht Pfefferminze im Glas aus?

Wenn die Uhr ihren kleinen Zeiger auf die Zahl sechs zubewegt, kommt bei mir immer Freude auf. Jetzt sind es nur noch 40 Minuten, dann geht es mit dem Fahrrad nach Hause.

Heute Abend werde ich noch eine extra Runde Richtung Schlossturm drehen. Dort will ich die Redakteurin treffen, mit ihr einen Cappuccino trinken und dabei gemütlich auf den Rhein schauen. Vermutlich wird sie noch einiges von mir wissen wollen, aber für einen Artikel in der Zeitung ist das schon in Ordnung.

Ich setze mich an meinen Laptop und beginne, meine Bestellungen abzuarbeiten. Hinter mir wird der Laden immer leerer und Daggi nimmt sich des Tagesabschlusses an. Heike ist noch unten in der Werkstatt. Sie wird vermutlich gerade ihre in Reih und Glied stehenden Reparaturfahrräder ins Werkstattlager bringen.

Abends hat jeder von uns seine antrainierte Routine. Ich werde gleich mein Fahrrad Richtung Tür stellen und Heike wird hochkommen und Daggi beim Abschluss helfen. Punkt 18:30 Uhr ruft einer von uns „Feierabend!“ und macht das Licht aus. Dann treffen wir uns an der Theke und arbeiten kurz den Tag auf.

„Du triffst noch die Tante von der Presse?“, will Werkstattmaus Heike von mir wissen.

„Willste mit?“, frage ich. „Die will bestimmt auch mal etwas über die handwerklichen Künste weiblicher Mechaniker erfahren.“

Heike blickte kurz auf und schüttelte den Kopf.

„Hab ich mir gedacht! Ihr geht nach Hause und ich muss wieder schuften …“

„Tu nicht so! Kaum geht es um eine hübsche Frau, reißt du dich um die Arbeit. Wenn du dich mal so um die Probefahrten kümmern würdest!“ Keck schaut mich meine Heike an.

„Tja, einer muss sich halt opfern“, entgegne ich.

„Na, dann zisch mal los und mach nicht zu lange!“

„O.k. bis nachher. Tschüss ihr zwei!“

Daggi schaut kurz von ihrem Kassenbericht hoch und nickt geistesabwesend. Ich enterte mein Fahrrad und sause los.

Es ist ein schöner Abend. Schon nach wenigen Metern ist die Arbeit vergessen und ich genieße die Fahrt. Ich rolle meine Haustrecke entlang. Diese Tour bin ich schon derart oft gefahren, dass mein Fahrrad sie vermutlich auch ohne mich meistern würde. Da in den Nebenstraßen um diese Uhrzeit kaum noch Verkehr fließt, rolle ich so dahin, schaue mal hier hin, mal dort hin und lasse die Eindrücke an mir vorbeiziehen. Es ist ein wirklich schöner Abend.

Ich schlängle mich immer weiter Richtung Rhein, fahre durch den Nordpark und genieße die Blütenpracht. Auf dem großen Schotterplatz sind die Boule-Spieler aktiv. Gekonnt platzieren sie ihre polierten Kugeln. Ich bleibe eine Weile stehen und schaue zu.

Dann muss ich weiter, schließlich will ich nicht unpünktlich sein. Am Rhein angekommen, fahre ich am Jachthafen vorbei in Richtung Altstadt. Überall sind Menschen unterwegs und genießen ihre freie Zeit. In der Ferne kann ich den Schlossturm erkennen. Ich schaue auf die Uhr in meinem Fahrradtacho. Es ist 19:15 Uhr. Optimal! Da kann ich sogar noch entspannt mein Fahrrad abstellen.

Das Anschließen des Rades ist immer ein besonderer Prozess. Ich lasse mir stets einen Augenblick Zeit und überlege genau, wo ich mein Fahrrad im Auge behalten kann. Auf jeden Fall werde ich es mit mindestens zwei Schlössern sichern.

Direkt am Schlossturm steht ein passendes Verkehrsschild. Genau in Sichtweite des Cafés. Hier schließe ich mein Fahrrad an und stopfe meinen Helm in die Packtasche. Dann hänge ich meine Schultertasche um und schlendere in Richtung der Tische.

Links außen kann ich die Redakteurin ausmachen. Sie sieht mich und winkt mir zu. „Herr Just! Hier!“

Ich nicke und gehe zu ihr. „Hallo! Wo haben Sie denn Ihr Fahrrad stehen? Sagen Sie jetzt nicht, Sie sind mit dem Auto hier.“

Sie grinst spitzbübisch. „Nee, ich habe die Öffis genommen!“

„Echt, mit Bus und Bahn? War das nicht zu umständlich?“

„Nein, nein, ich musste von meinem letzten Einsatz nur ein paar Stationen fahren. Aber Sie sind ja tatsächlich mit dem Fahrrad gekommen. Echt vorbildlich! Oder haben Sie das nur für das Protokoll gemacht?“

Ich setze mich an ihren Tisch und binde meine Tasche an den Nachbarstuhl. „Also wirklich! Solch gemeine Anspielungen kosten immer direkt ein Kaffee! Damit das mal klar ist“, feixe ich. „Einen Tag ohne Fahrrad kann ich mir zwar vorstellen – muss ich aber nicht!“

„Das Sie sowas als Fahrradhändler sagen ist klar.“

Die Kellnerin kommt um die Ecke und bleibt an unserem Tisch stehen. „Sie wünschen?“

Die Redakteurin schaut mich an.

„Ich nehme einen Pfefferminztee. Wenn Sie haben mit echter Minze.“

„Haben wir. Und Sie?“

„Das nehme ich auch“, sagt die Redakteurin.

Die Kellnerin verschwindet hinter der Theke.

„Zum Thema: Wie kommen Sie eigentlich zu Ihrem Job?“

„Tja, das ist schwer zu erklären“, beginne ich zu erklären. „Nach der Meisterschule habe ich bei einer Firma Motorradrahmen gerichtet und Renn-Motorräder in die richtige Form gebracht. Dieser Job war spannend, sollte aber nur eine kleine Auflockerung nach der Meisterschule sein. Da meine Arbeitsstelle weit weg von meinem Wohnort lag, kam ich auf die Idee, in Düsseldorf einen kleinen Laden zu eröffnen. Dort wollte ich mich um Motorradrahmen, Mofas, Motorroller und als Beiwerk auch um Fahrräder kümmern.“

Die Redakteurin macht sich wieder eifrig Notizen.

„Die Idee war gut. Aber ich war noch jung und hatte die Rechnung ohne die Kunden gemacht. Die Fahrradkunden kamen zwar reichlich zu mir, aber die Motorradkunden blieben aus. Dann schaute eines Tages ein Mann vorbei, der mit einem Fahrrad nach Asien fahren wollte. Ich war baff erstaunt. Mit dem Fahrrad auf eine so weite Reise? Ja, sagte der Mann. Er hatte schon einen perfekten Plan ausgearbeitet. So richtig mit Stückliste, Übernachtungsmöglichkeiten und allem Drum und Dran. Ich habe ihm dann das Fahrrad gebaut und war beeindruckt, wie professionell er sein Vorhaben umsetzte.“

„Verstehe“, sagt die Redakteurin.

„Diese Aufgabe hat mich derartig fasziniert, dass ich für eine Weile bei diesem Thema geblieben bin. Inzwischen gut 30 Jahre, um genau zu sein …“

Die Redakteurin lächelt. „Sind denn alle Fahrradkunden so professionell?“

„Tja, was soll ich sagen? Einige ja, andere nein. Die Fahrradtourenfahrer und Radreiseleute sind jene, die aus meiner Sicht am realistischsten an die Sache rangehen.“

„Wodurch kommt das?“

„Wenn Sie tausend Kilometer und mehr auf einer Radreise zurücklegen wollen, sind eine gute Vorbereitung und eine realistische Sicht auf sich selbst und auf das Fahrrad schon die halbe Miete. Wobei sich die Einstellung vermutlich nicht von einem ernsthaften Radsportler unterscheidet.“

„Ihr Pfefferminztee“, unterbricht uns die Kellnerin.

„Prima, danke!“

Freundlich stellt uns die Dame zwei große Gläser mit frischer grüner Minze auf den Tisch.

„Wie würden Sie Ihre typischen Kunden beschreiben?“, hakt die Redakteurin nach.

„Schwer zu sagen. Da gibt es viele, die um die Ecke wohnen und ihr Fahrrad bringen, weil die Luft raus ist. Es gibt aber auch Kunden, die aus Finnland, Portugal oder Russland anreisen. Mich persönlich reizen die schwierigen Fälle am meisten. So habe ich zum Beispiel Körperbehinderte, die meinen höchsten Respekt verdienen und mir mitunter knifflige Aufgaben stellen.“

„Geben Sie mal ein Beispiel“, fordert mich die Redakteurin auf.

„Ich denke da an eine einbeinige Tandemfahrerin, der Sie besser nicht die Tür aufhalten, wenn sie ihr Fahrrad in den Laden schiebt. Oder einen Dozenten, der mit Multiple Sklerose jeden Tag Fahrrad fährt und sich dabei eine vergleichbare Leistung abringt, als müsste unsereins jeden Morgen auf den Mount Everest steigen. Es gibt aber auch Menschen, die aus sportlichem Interesse auf ihren Körper achten und Wert darauf legen, dass sie mit dem größtmöglichen Vergnügen auf dem Fahrrad sitzen.“

Ich nehme mein Glas Tee in die Hand und lasse den Duft der Pfefferminze in meine die Nase steigen. Genießerisch schließe ich die Augen: „Feierabend!“

„Gibt’s noch konkretere Beispiele?“

„Mir fällt da eine Frau ein, die regelrecht Angst auf dem Fahrrad hatte.“

„Dann würde ich an ihrer Stelle das Radfahren einfach sein lassen“, sagt die Redakteurin.

„Nicht, wenn die ganze Familie fahrradbesessen ist.“

„Angst auf dem Fahrrad – erzählen Sie mal!“

„Sie kam mit ihrem Mann in den Laden. Der Mann sprach mich erbost an: „Meine Frau braucht ein Fahrrad! Sie will als Reiserad ein Klapprad!“ Kopfschüttelnd ging er dann in eine andere Ecke des Ladens.

Ich habe die Frau mit in meine Ecke genommen, wo wir in Ruhe miteinander sprachen und sie mir von ihrem Problem erzählte. Dabei stellte sich heraus, dass sie einfach sehr ängstlich war und dachte, wenn sie so tief sitzt, würde sie sicherer mit den Füßen auf den Boden kommen. Ich habe sie dann mit einem Klapprad unsere Rampe hinunter geschickt und danach wieder herauf. Anschließend war das Klapprad gestorben.

Was die Frau brauchte, war ein lenkträges Fahrrad mit einem stabilen Geradeauslauf und einer sehr aufrechten Sitzposition. So ein Fahrrad haben wir uns von Patria aus dem „Wanderzirkus“ schicken lassen und für ein Wochenende ausgeliehen. Es passte perfekt.

Dienstag kam die Frau dann in den Laden, um zu bestellen. Sie hat sich gefreut wie eine Schneekönigin, als sie ihr Fahrrad nach vier Wochen in Empfang nehmen konnte. Drei Monate später kam der Ehemann alleine in den Laden. Stinksauer. „Ein Leben lang habe ich auf meine Frau gewartet – jetzt wartet sie auf mich“, fluchte er. „Ich will auch so ein Fahrrad!“

Wir haben ihm dann das passende Rad gebaut. Natürlich ohne den speziellen Trägheitsfaktor. Gemeinsam haben die beiden später diverse schöne Radreisen unternommen.“

„Tolle Geschichte“, pflichtet mir die Redakteurin bei.

Ich nicke und beschäftige mich wieder mit meinem Tee. In diesem Augenblick schwebt die Kellnerin um die Ecke: „Alles in Ordnung?“

„Ja. Haben Sie noch Bruschetta auf der Karte?“, frage ich.

„Haben wir. Einmal?“

Ich schaue die Redakteurin an.

„Bringen Sie zweimal“, sagt sie.

Eiligen Schrittes geht die Kellnerin wieder Richtung Tresen.

„Wie finanzieren Sie eigentlich diese aufwendigen Beratungen? Als Coach würden Sie vermutlich das gleiche Geld verdienen und müssten nicht noch ein Fahrrad dazu liefern“, sagt die Redakteurin.

„Ganz einfach: Bei mir bekommen die Kunden keinen Rabatt. Mit der höheren Marge kann ich einen Teil der Beratung finanzieren. Ich finde, zu einem angemessenen Preis gehören auch ein stolzes Produkt, ein erstklassiger Service und eine perfekte Beratung. Stimmt das alles, geht es mir wie einem guten Koch. Dann bin ich zufrieden und möchte auch das entsprechende Geld dafür sehen.

Ich kann aber jene Kunden sehr gut verstehen, die im Geschäft XY ohne Beratung und ohne Service nach Rabatt fragen. Solange ein Kunde über ausgefeiltes Fachwissen verfügt, ist es denkbar, dass er ohne Beratung auskommen kann. Sei es im Geschäft XY oder im Internet. Oft kommt ohne Beratung aber ein ziemlicher ergonomischer Unsinn bei raus. Und wenn ein Kunde beim Discounter am Ende gar den gleichen Preis ohne Beratung bezahlt wie bei mir mit Beratung und Service, dann ist das einfach nur dumm.“

Ich komme so richtig in Fahrt.

„Na, mit der Einstellung stehen Sie in der Geschäftswelt aber mächtig alleine da, oder?“, unterbricht mich die Redakteurin. „Gibt es in Ihrem Geschäft nicht auch jene Jäger und Sammler, die nur auf einen Nachlass scharf sind? Ich kenne in meinem Kollegenkreis etliche solcher Menschen. Für sie definiert sich der Wert eines Produktes über den persönlich ausgehandelten Rabatt.“

Ich fühle ein großes Unbehagen in mir aufsteigen. „Oh ja, diese Kunden kenne ich!“ Mein Gesicht spricht Bände.

Die Redakteurin grinst spitzbübisch: „Was geht Ihnen gerade durch den Kopf?“

„Ich denke an einen Kunden, den ich vor einiger Zeit in meiner Beratungsecke sitzen hatte.“

Interessiert schaut sie mich an. „Was war denn mit diesem Kunden?“

Ich nehme mir den Keks, der auf meinem Unterteller liegt und knabberte nachdenklich daran herum. „O.k., ich erzähle es Ihnen!“

Bilanz:

Über ein Fahrrad lässt sich vortrefflich schwatzen – aber noch viel mehr lässt sich damit erleben. Wichtig ist letztlich, dass man es auch tut!

Kapitel 12
Kapitel 14