Ergebnisgrinsen

Das Fahrrad als körperlicher Ausgleich
Oder: Warum manchmal ein Pfleger Pflege braucht

Nachdem ich Familie Frank zur Tür gebracht habe, schaue ich den Dreien noch einen Augenblick nach. Dann schallt eine Stimme von unten aus der Werkstatt: „Thomas, kommst du mal Probefahren?“

Ich mache mich auf den Weg. An unserer Verkaufstheke werfe ich noch kurz einen Blick in den Kalender. Dort leuchtet mich in großen roten Lettern ein Eintrag an: „Berni, Dienstrad, 17:00 Uhr.“

Berni ist ein Spitzname. In Wirklichkeit heißt der Typ Bernhardt, wobei er besonderen Wert auf das „dt“ am Ende seines Namens legt. Mit Berni bin ich schon mit allem was zwei Räder hat auf dem Nürburgring unterwegs gewesen. Wir haben Motorradlehrgänge absolviert, haben zusammen Gespannfahren gelernt und waren gemeinsam MTB fahren. Ein wahrer Freund halt.

Berni kommt heute zu mir, weil wir uns Sorgen um ihn machen. Er hatte seine Entspanntheit verloren, war nur noch am Schuften und hetzte auf der Arbeit von einem Termin zum anderen. Wir Freunde hatten uns zusammengesetzt und wollten ihn zu einem Dienstrad überreden. Aber ich erzähle die Geschichte besser von Anfang an.

Willi und ich saßen wieder einmal im Burghof und beredeten bei Salat und Weizenbier unsere ganz normalen Alltagsprobleme.

„Ich mache mir Sorgen um Berni“, sagte Willi.

Berni ist einer der engagiertesten Krankenpfleger die es gibt. Er hat freiwillig jede Menge Zusatzausbildungen gemacht und dabei die Vorliebe für Intensivmedizin entdeckt. Zurzeit arbeitete er in einer Firma, die häusliche Krankenpflege in ganz schwierigen Fällen bietet. Er war eigentlich der medizinische Kopf der Firma. Als Mensch passte er gut in ein griechisches Heldenepos. Er war wortkarg, asketisch, durchtrainiert, immer konzentriert und perfekt organisiert.

„Berni? Was ist denn mit dem?“, wollte ich wissen.

„Den verheizen sie gerade!“

„Im Job?“

Willi nickte. „Den rufen sie Tag und Nacht an. Der hat kaum noch Zeit für sich. Jeder andere wäre schon umgefallen, doch sein Chef drückt ihm immer mehr Patienten aufs Auge. So wie Berni gestrickt ist, geht der an dieser Situation kaputt.“

Ich nickte schweigend.

„Er trainiert auch kaum noch, hat für seine Freunde keine Zeit mehr und ist nur noch jobtechnisch unterwegs. Das muss doch schief gehen!“

„Triffst du ihn denn noch?“

„Das wird auch immer seltener.“

Berni hatte sich in eine heikle Situation manövrieren lassen und seine persönliche Balance verloren. Er ignorierte seine körperlichen Bedürfnisse. Sein Verstand schwang das Zepter – und der Körper hatte pflichtgemäß zu funktionieren. Einen Ausgleich zwischen Stress und Entspannung oder zwischen Arbeit und Freizeit gab es bei ihm nicht mehr.

So eine Phase macht vermutlich jeder einmal durch. Und eine Weile geht das ja auch meist gut. Wird es aber zu einem Dauerzustand, enden solche Geschichten in einer gesundheitlichen Katastrophe. Selbst so eine geniale Konstruktion wie der menschliche Körper braucht regelmäßige Pflege und Aufmerksamkeit. Bekommt er diese über einen langen Zeitraum nicht, reagierte er empfindlich. Die vielen Menschen mit Rückenleiden, Kreislaufproblemen, Burnout und Stresserkrankungen sind der beste Beweis für diese These.

Mir fielen die Worte meines alten Kampfsport-Meisters wieder ein: „Willst du deinen Gegner zu Boden werfen, nimm ihm zuerst seine Balance. Danach ist er fast wehrlos und leicht zu besiegen. Sorge im Gegenzug dafür, dass du deine Balance behältst, sonst wirst du das Opfer.“

Das besondere an den Weisheiten dieses alten Meisters war die Tatsache, dass der Bursche fast immer Recht hatte. Im Augenblick sah es auf jeden Fall so aus, dass Berni seine Balance verloren hatte.

„Hat er denn noch Zeit, überhaupt irgendwas an Sport zu machen?“, wollte ich wissen.

„Wann denn? Der kommt ja kaum noch zur Toilette!“, sagte Willi.

„Dann müssen wir ihm den Sport in seinen Alltag hineinstricken.“

„Wie soll das denn gehen?“, fragte Willi.

Ich musste wieder an meinen Mester denken. „Was macht ihr Esel für ein Krafttraining? Gutes Training gehört in den Alltag hinein. Geht zu Fuß, fahrt mit dem Fahrrad zur Arbeit, stellt euch auf ein Bein, wenn ihr euch die Zähne putzt, oder legt das durchgestreckte Bein auf die Fensterbank, wenn ihr euch die Socken anzieht“, hatte der uns einmal gemahnt. „Wenn du irgendwo warten musst, stell dich in deine Grundstellung und verlagere dein Gewicht ganz langsam von einem Fuß auf den anderen. Ihr vergeudet zu viel Zeit mit Kraftübungen hier beim Training.“

Lange Zeit fand ich diese Sprüche eher lästig, aber später haben sie mir viel geholfen. Was bedeutete dieses Wissen aber für unseren Freund?

„Wir lassen Berni einfach mit einem Fahrrad zu seinen Patienten fahren“, schlug ich vor.

„Dauert das nicht zu lange?“, warf Willi ein.

„Ich habe in meinem Auto einen Bordcomputer. Auf dem habe ich mir mal bei Stadtfahrten die Durchschnittsgeschwindigkeit anzeigen lassen“, erwiderte ich.

„Und, was hattest du da so im Schnitt drauf?“

„So um die 20 Kilometer.“

Willi machte ein erstauntes Gesicht. „Och, das ist aber wenig!“

„Und da war die Einparkzeit und die Parkplatzsuche noch nicht mal mit eingerechnet“, sagte ich.

„Du hast Recht“, grübelte Willi, „da könnte man mit einem Fahrrad in der Stadt tatsächlich schneller sein“.

„Was glaubst du, warum es Rad-Boten gibt?“

„Das sind aber viele Kilometer, die da zusammenkommen. Da müsste Berni mächtig strampeln, wenn der seine ganzen Patienten mit dem Fahrrad besuchen will.“

„Vielleicht reicht ihm ja ein Tag in der Woche. An diesem einen Tag legt er halt alle Patienten auf einen engen Raum zusammen.“

„Und was ist mit all dem Krempel, den er immer dabei hat?“, fragte Willi.

„So ein richtiges Reiserad schmeißt so ein bisschen Krempel nicht um. Da kommen ein paar Ortliebs drauf und dann haut das schon hin.“

Gemeinsam schauten wir aus dem Fenster und musterten die vorbeifahrenden Radfahrer.

„Was für ein Fahrrad hat Berni eigentlich?“, wollte ich von Willi wissen.

„Ein Villiger Tourenrad. Nettes Teil, aber zu langsam.“

„Hat er nicht noch ein Rennrad?“

„Ja, aber da fährt er nie mit. Das ist ihm zu zappelig und unsicher.“

„Da hätte ich bestimmt was für ihn.“ Ich dachte spontan an ein Patria Renn-Reiserad, ein sogenanntes Randonneur. So ein Fahrrad konnte man so bauen, dass es verflucht schnell sein würde. Es würde ein gutes Licht haben, Gepäck in großen Mengen tragen können und dabei immer noch so schnell sein wie ein Rennrad. Mit Bernis Pflegetaschen am Träger und einer auffälligen Farbe wäre es ein echter Hingucker.

Auf den Packtaschen würde unter dem Logo des Anbieters in großen Lettern geschrieben stehen: „Für sie treten wir richtig (r)ein!“ Quasi der Rennservice der häuslichen Krankenmedizin.

Ich sagte leise zu mir selbst: „Durch den Trick mit dem Fahrrad würde er zu seinem körperlichen Ausgleich kommen. Gleichzeitig hätte er Gelegenheit, die Patienten während des Radelns aus dem Kopf zu verbannen. Er würde auf der Fahrt von einem Patienten zum nächsten runterkommen. Ich denke, das würde ihn wieder auf Kurs bringen.“

Ich musste an den Burnout-Lehrgang denken, den ich vor einiger Zeit besucht hatte. Tenor war, dass die Betroffenen im Vorfeld des Erschöpfungszustands meist euphorisch waren und gar nicht merkten, dass sie körperlich ausbluteten. Was diesen Menschen fehlte, war ein körperlicher Ausgleich und eine Zeit geistiger Ruhe. Das alles würde Berni sich auf dem Fahrrad holen können. Und er würde nicht einmal seine rare Freizeit dafür opfern müssen.

„Berni wird vermutlich das Fahrrad nehmen, weil es damit schneller geht. Dass es für ihn körperlich besser ist, wird eher nebensächlich sein“, dachte ich laut vor mich hin.

„Triffst du Berni demnächst? Wenn ja, erzähl ihm von unserem Plan und jage ihn mal zu mir in den Laden“, forderte ich Willi auf.

„Mach ich, geht klar!“

Nun warte ich also auf Berni. Pünktlich um 17 Uhr taucht er auf.

„Ich hätte um ein Haar nicht herkommen können, einer meiner Patienten hat alle seine Medikamente aus Frust ins Klo geschmissen!“

Ich schüttele vielsagend den Kopf. „Willst du einen Kaffee oder ein Wasser?“

„Dann lieber ein Wasser! Ich habe aber nur eine Stunde Zeit, dann muss ich weiter zum nächsten Termin.“

„Komm mit, ich hol dir dein Wasser.“ Ich gehe in meine Ecke und Berni folgt mir. Auf dem Laptop suche ich Bilder von unserem letzten Motorrad-Lehrgang und lasse sie als Diashow laufen.

„Kommst du noch zum Motorradfahren?“, frage ich ganz beiläufig.

„Ja, wenn auch nicht mehr so oft.“

„Ich fand den Lehrgang ja klasse. Und wie wir dann abends noch auf der Terrasse von dem Hotel saßen …“

Berni taucht in seine Gedankenwelt ab und murmelt leise: „Das ist irgendwie schon lange her.“

„Warum fährst du denn immer weniger?“

„Keine Zeit. Und wenn ich dann zu Hause bin, ist da auch noch meine Tochter, der Haushalt und …. ich bin einfach zu kaputt.“

„Willi und ich haben da etwas ausgeheckt“, sage ich.

Berni grinst. „Hat Willi schon erzählt. Ihr wollt mich aufs Fahrrad setzen.“ Sein Gesicht sieht neugierig aus.

„Stimmt, hör mir zu.“ Ich beginne, ihm von unserem Plan zu erzählen. Bei meinen Erklärungen muss ich immer wieder daran denken, dass ich einen Mediziner vor mir habe.

„Du brauchst ein Dienstrad“, fasse ich meine Ausführungen in einem Satz zusammen.

Berni setzt ein zweifelndes Gesicht auf. „Das wird nicht gehen, das habe ich dem Willi schon erklärt, die Anfahrt dauert zu lange.“

„Abwarten! Was wäre, wenn du das Rennrad nehmen könntest? Würdest du eine praktikable Route an einem Arbeitstag in der Woche hinbekommen?“

„Mit dem Rennrad? Vom Tempo her vielleicht, aber nicht bei Regen und mit meinen Utensilien auf dem Rücken.“

„Lassen wir einmal das Wetter und die Ausrüstung beiseite. Würde es generell gehen?“

„Ich weiß nicht. Bei Kopfsteinpflaster und Regen?“

Irgendetwas blockiert Berni. „Kann es sein, dass dir das Rennrad als Alltagsfahrzeug Angst macht?“

Berni schaut nachdenklich aus dem Fenster. „Ja, vielleicht.“

„Dann tu mir einen Gefallen und fahre einmal mit dem Randonneur.“ Ich stiefele los und stelle ihm das Fahrrad vor seine Füße. „Fahr mal damit! Sei in fünf Minuten wieder hier, o.k.?“

Berni betrachtet das Rad, entert es und zischt durch die Tür. Draußen biegt er nach rechts ab und zieht davon. Ich schaue nach links die Straße hinunter. Dort würde er gleich wieder auftauchen.

Einige Minuten später sehe ich ihn die Straße hochdonnern.

„O.k., bau mir so ein Ding!“, ruft er mir schon von weitem zu.

Ich grinse. So ist Berni! Bloß nicht lange um den heißen Brei herumreden. Es könnte ja ein Wort zu viel sein.

„Komm erst einmal wieder rein“, fordere ich ihn auf.

Berni fährt mit dem Fahrrad in den Laden. „Was gibt es da zu reden? So ein Ding in roter Farbe bitte!“

„Jetzt kommst du erst einmal auf den Velochecker.“

„Mach nicht so einen Wind, besorg mir so ein Fahrrad.“

„Nix da, komm jetzt!“

Während er auf dem Velockecker sitzt und sich von mir vermessen lässt, frage ich ihn über das Probe gefahrene Fahrrad aus.

„Wie fährt es sich?“

„Sicherer als mein Rennrad. Etwas bequemer. Und ich kann viel beherzter in die Kurven fahren.“

„Wie ist das mit dem Speed? Reicht der aus?“

„Da ich mich auf dem Ding sicher fühle, bin ich auf jeden Fall schneller als auf dem Rennrad. Was kann ich denn da an Gepäck mitnehmen?“

„Das ist ein Reiserad. Da passt richtig was rauf.“

In der Zwischenzeit haben wir gemeinsam seine Sitzposition bestimmt und beginnen nun, das Fahrrad zu konfigurieren.

„Stell dir einmal vor, du würdest jeden Freitag alle deine Patienten so in einer Route zusammenlegen, dass du den ganzen Tag mit dem Fahrrad unterwegs sein könntest. Was würdest du dafür brauchen?“

„Gutes Licht, eine gute Gangschaltung, eine stabile Technik und einen guten Gepäckträger.“

„Meinst du, dass du das versuchen willst?“

Er schaut mich durchdringend an. „Klar! Bin ich jetzt fertig?“

Gemeinsam stellen wir am Rechner sein Fahrrad zusammen und besprechen alle Details. Pünktlich um 17:55 Uhr ertönt ein Glockengeläut aus seiner Tasche.

„Du, ich muss wieder los. Sind wir soweit?“

„Ja. Ich kümmere mich um den Rest. Das Fahrrad steht fix und fertig in vier Wochen bei mir im Laden.“

„Dann sehen wir uns, wenn das Fahrrad da ist, einverstanden?“

Ich bringe Berni zur Tür und drücke ihm seine Unterlagen in die Hand. „Von mir aus treffen wir uns auch schon vorher mal.“

Den letzten Satz bekommt er kaum noch mit. Eiligen Schrittes ist er schon wieder unterwegs zu seinem Auto und hat dabei sein Handy am Ohr.

Bilanz:

Die regelmäßige Nutzung eines Fahrrades im Alltag ist eine der besten Stressbewältigungs-Strategien. Viele der üblichen Stress-Erkrankungen ließen sich deutlich reduzieren, wenn mehr Menschen zumindest auf kurzer Distanz mit dem Fahrrad unterwegs sein würden.

Kapitel 10
Kapitel 12