Ergebnisgrinsen

Der etwas andere Tag
Oder: Wo kommen Ihre Geschichten her?

Kennen Sie das? Sie fahren nach einem langen Arbeitstag nach Hause. Es war wieder mal ein Tag mit aufreibenden Meetings und einem endlosen E-Mail-Verkehr. Endlich sitzen Sie im Auto – und schon stehen Sie im Stau. Irgendwo vor Ihnen hat es vermutlich einen Unfall gegeben. Oder eine Baustelle versperrt den Weg. Das geht an die Nerven. Und kostet Zeit.

Als Sie endlich zu Hause sind, geht jeder seinen persönlichen Dingen nach. Das Abendbrot wird im Stehen verzehrt, im Wohnzimmer sitzt der Rest Ihrer Familie vor dem Fernseher.

Wenn ich mir die Szene vorstelle, muss ich ganz zwangsläufig an ein bestimmtes Abendessen denken. Ein Erlebnis aus meiner Kindheit. „Papa, erzähl!“, quengelten die vier Kinderaugen an unserem Abendbrottisch. Mein Vater war nach einem langen Tag in seiner Schlosserei müde nach Hause gekommen und freute sich auf seine Familie. Mein Bruder Manfred und ich konnten diesen Augenblick stets kaum erwarten. „Erzähl uns die Geschichte mit dem Motorrad.“

Manfred war acht Jahre jünger wie ich. Mit gerade mal vier Jahren war er bestimmt noch nicht an einer Motorradgeschichte interessiert. Aber unser Vater strahlte immer so, wenn er sie erzählen durfte. „Lasst Papa erst einmal in sein Brot beißen“, mischte sich unsere Mutter mit einem verständnisvollen Lächeln ein. „Also, die Motorradgeschichte“, versuchte mein Vater gleichzeitig zu essen und zu erzählen. Er lächelte, und vier erwartungsvolle Kinderaugen warteten gespannt auf den Anfang.

„Na gut, hört zu. Ich hatte wie jeden Abend um sieben Uhr Feierabend. Ich zog mir meine Motorradsachen an, um mit meiner Maschine nach Hause zu fahren.“

Zwischen zwei Sätzen biss Vater rasch in sein Brot, um dann mit vollem Mund weiter zu erzählen.

„Ich zog meine Lederhaube an, streifte mir meine Brille über und ging zu meiner Horex Regina.“

Horex Regina! Allein schon die Erwähnung des Namens veränderte unseren Vater. Irgendwie sah er mit einem Schlag stolzer aus, begeisterter und weit weg von seinen sonst so üblichen Erwachsenen-Themen.

„Nach einem Tritt auf den Kickstarter setzte sich der Motor mit einer Geräusch-Kaskade in Gang. Pott, Pott, Pott!“, machte mein Vater den Klang nach.

Vor meinen Augen erschien wieder dieses Motorrad, das ich ein, zwei Mal flüchtig auf Bildern in seiner Brieftasche gesehen hatte.

„Ich fuhr meinen üblichen Heimweg. Die Straßen waren noch nicht so voll wie heute und man konnte noch richtig Motorradfahren. Ich lauschte dem Geräusch des Motors, fühlte den Wind, erlebte die Kühle des Abends und konzentrierte mich auf die Strecke. Jede Gerade und jede Kurve musste bewusst erlebt und auf der perfekten Linie gefahren werden.“

Mein Vater war ganz weit weg in seinen Gedanken. Sein Brot lag unbeachtet auf seinem Teller, während er mit seinem imaginären Motorrad an unserm Esstisch saß. „Wenn dann die Linie passt und du an der richtigen Stelle den Gashahn aufziehst, ist die Horex ein sehr schnelles Motorrad.“

Mein Vater hängte sich dabei rechts aus seinem Stuhl heraus und sah aus, als nehme er an einem Rennen teil.

„Wie ich so durch die Felder fahre und die letzten Häuser hinter mir lasse, vernehme ich von hinten einen dumpf-bollernden Ton, der von einem hochverdichteten und ausgesprochen starken Motor stammt. Diesen Ton hat nur ein Motorrad. Eine Norton!“

Im Gesicht unseres Vaters spiegelten sich Anerkennung, Respekt und Rauflust. „Das dumpfe Bollern kam schnell näher. In der Tat, es war eine Norton.“

„So eine Norton“, klärte mein Vater uns Zuhörer auf, „war das damals schnellste für Geld käufliche Motorrad. Es gab zwar stärkere und schwerere Maschinen, aber keine war schneller in den Kurven.“

Wir verstanden zwar nicht den Zusammenhang zwischen stark, schwer oder schnell, aber Vaters Begeisterung ließ uns erahnen, dass eine Norton so ziemlich das tollste Gefährt sein musste, das diese Welt zu bieten hatte.

„Nach zwei Kurven war die Norton hinter mir. Den Fahrer konnte ich im Spiegel sehen. Er zelebrierte die Kurven genauso wie ich. Am Ausgang der nächsten Kurve überholte er mich dann. So etwas konnten meine Horex und ich doch nicht auf uns sitzen lassen.“

Mein Vater lächelte. „Ich setzte mich hinter die Norton und begann, meine Linie noch perfekter auszufahren und den Motor meiner Horex optimal zu nutzen.“

Der Küchenstuhl war längst zu einem Motorrad geworden, und wir Kinder hingen an Vaters Lippen. Mir war dabei so, als hätte ich jedes Geräusch leibhaftig hören können.

„Im Windschatten folgte ich der Norton mit 140 Sachen.“ Mein Vater schwelgte in Gedanken.

„Von hinten betrachtet, sah die Norton mit ihrem Fahrer federleicht aus. Fast konnte man den Eindruck haben, sie würde an einer Schnur durch die Gegend gezogen. Plötzlich drehte sich der Norton-Fahrer um. Er schaute mir direkt ins Gesicht und grinste dabei.“ Mein Vater machte das Grinsen nach. Er strahlte dabei von einem Ohr zum anderen. Dabei leuchteten seine Augen auf eine besondere Art.

„Dann gab die Norton Gas und sprintete davon. Ich fuhr im Windschatten hinterher. Irgendwann kamen wir an eine Kreuzung, an der ich eigentlich hätte links abbiegen müssen. Ich fasste kurzerhand den Entschluss, ein paar Kilometer dranzuhängen und der Norton noch ein Stück zu folgen. So fuhren wir mit großem Vergnügen und reichlich Schräglage Richtung Duisburg.“ Bei dem Wort Schräglage legte sich der Küchenstuhl bedrohlich auf zwei Beine und ächzte dabei gefährlich. Die Mine meiner Mutter verfinsterte sich dabei, und sie schüttelte sanft lächeln den Kopf.

„Plötzlich kamen die ersten Häuser in Sichtweite. Der Fahrer der Norton drosselte sein Tempo und schaute sich um. Ich fuhr neben ihn und lächelte den Fahrer an. Er lächelte zurück und zeigte mir anerkennend den nach oben gestreckten Daumen. Ich erwiderte die Geste und streckte ihm ebenfalls den nach oben gestreckten Daumen entgegen.“ Noch für eine ganze Weile blieb mein Vater gedankenversunken auf seinem Stuhl sitzen und lächelte still in sich hinein. Er sah dabei sehr glücklich aus.

„Nun wird aber gegessen“, griff meine Mutter resolut in das Geschehen ein. „Männer!“, sagte sie lächelnd und schüttelte den Kopf.
Jahrzehnte später denke ich noch oft an diesen Abend zurück. Mein Vater war eigentlich nur von seiner Arbeitsstelle nach Hause gefahren. Sonst war nichts passiert. Eigentlich. Wenn heute Väter nach Hause fahren, haben Sie dann auch so viel zu erzählen? Ist das Abendrot dann auch so spannend?

Ist es heute noch möglich, den Nachhauseweg zu einem Erlebnis zu machen, ohne ständig im Stau zu stehen oder als Verkehrsrüpel die Umwelt zu gefährden? Wo holt sich der moderne Mensch den Stoff, aus dem solche Geschichten geschnitzt werden, und wo solch ein „Ergebnisgrinsen“ entstehen kann?

Ich habe heute mit meinem Fahrrad das gleiche Gefühl, wie es vermutlich mein Vater mit seiner Horex hatte. Begeisterungsstürme lösen bei mir Namen wie Patria, Simplon, Cannondale oder Idworks aus. Mit so einem Gerät kann die Fahrt nach Hause schon mal ein wenig länger dauern und mit einem tiefen Grinsen enden.

Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Montag vor nicht allzu langer Zeit. Ich hatte wie jede Woche meinen freien Tag. Nach einem Frühstück mit der Familie holte ich mein Fahrrad aus dem Keller.

Ich zog still und konzentriert meinen Helm auf und streifte meine Handschuhe über. Die ersten Meter mit meinem Rad waren, für mich, immer die entscheidensten. Sie gaben Aufschluss darüber, wie es mir heute ging, zum Beispiel ob die Erkältung der letzten Woche schon der Vergangenheit angehörte. Ich entschied mich an diesem Montag für das gelassene Fahrradfahren. Ich fuhr entspannt und neugierig in Richtung Düssel. Der Tacho pendelte sich ruhig im Zehnerbereich ein, während ich meine Umgebung beobachtete. Überall gab es etwas zu sehen, was aus dem Auto heraus kaum wahrzunehmen ist.

Kaum war ich an der Düssel angekommen, sah ich einen Radboten, der brav an der roten Ampel wartete. So kamen wir beide nebeneinander zu stehen. Einem spontanen Gefühl folgend, stellte ich meinen Lenker auf eine sehr sportliche Sitzposition ein und das Display für den E-Antrieb auf die Stufe Zwei. Der Radbote, der vermutlich 20- bis 30 Tausend Kilometer im Jahr auf seinem Rad saß, interessierte das überhaupt nicht.

Bei Gelb enterte er seinen umgebauten Renner und zog mit kräftigem Tritt los. Ich hängte mich an Ihn ran und konnte Ihm dank meines elektrischen Hilfsmotor auch gut folgen.  Der Radbote hörte mich hinter sich und begann noch einen Zahn zu zulegen. Nun wollte ich auch in die gleiche Richtung fahren und folgte Ihm im gleichen Stil. Das schien den Recken vor mir, an seiner Radboten-Ehre zu packen. Mit einem gespannten Gesichtsausdruck ging er aus dem Sattel und beschleunigte die vor uns liegende Brückenauffahrt hoch. Ich grinste dabei, machte mich etwas flacher auf meinem Fahrrad und überholte Ihn dabei. „Jetzt nur nicht nachlassen“ schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. So fuhr ich in einem hohen Tempo, mit dem Radboten im Schlepptau, über die Brücke.

Je weiter wir fuhren, um so mehr  konnte ich den Radboten, hinter mir lassen. Stolz reduzierte ich ein wenig mein Tempo, da mir trotz der elektrischen Unterstützung, langsam die Luft ausging. So fuhr ich an eine sehr belebte Kreuzung heran. Ich konnte erkennen, dass die Ampel gleich auf gelb umschlagen würde. So nahm ich etwas Körperspannung heraus und ließ mich vor der Kreuzung ausrollen.

In diesem Augenblick zog der Radbote mit einem sehr hohem Tempo und lautem Geschrei an mir vorüber. „BANSAI-BANSAI“ rufend, überholte er mich und fuhr mit einem halsbrecherischem Tempo in die Kreuzung hinein. Die Geschwindigkeit des Radboten war viel zu hoch um hier und jetzt Abbiegen zu wollen. Ohne zu Bremsen raste der Radbote aber in die Kreuzung hinein. Dort wo der Abzweig nach Rechts abging, rutschte er mit einem Ruck, mit dem Po aus dem Sattel, legte sich in eine Rechtskurve um abzubiegen. Dabei war sein Po so tief über dem Boden, dass er ähnlich wie ein Motorradrennfahrer nur noch mit einem Bein auf dem Sattel saß. So bog er, ohne abzubremsen, um 90 Grad stumpf nach rechts ab.

Ich hatte mich aufgerichtet und schaute mit ängstlichem Blick auf den Radboten. Ich hätte geschworen, dass kein Mensch hier, ohne zu bremsen, heile abbiegen kann. Er konnte, er zirkelte sein Rad kunstvoll um die Kurve und sah dabei noch recht gelassen aus. Dann lachte er frech, während er sich wieder auf seinen Sattel setzte, und blickte stolz in meine Richtung. Ich lachte zurück und nickte Ihm zu. Er nickte zurück, zwinkerte mir mit einem Auge zu und zog mit einem kräftigen Tritt von dannen. Ich habe Ihm noch eine ganze Weile nachgeschaut. „Man war der schnell! Das war ein echter Profi, ein richtiger Messenger, ja, ich konnte verstehen, warum diese Leute den Ruf des Besonderen innehatten.“

Diese kleine Wegesrad-Greschichte regte mich aber auch zum Denken an:

Wie vernünftig ist Fahrradfahren eigentlich wirklich? Geht es dabei in erster Linie um die Ökologie und die Umwelt, oder geht es auch um mich, dem Mensch auf dem Fahrrad?

Mir geht es um eine gute Zeit und um die kleinen Geschichten, die es eigentlich nur auf einem Fahrrad zu erleben gibt. Abends dann, zu Hause am Abendbrottisch, gibt mein Stuhl auch hin und wieder gefährliche Geräusche von sich und das Abendbrot kann dann auch etwas länger dauern.

Bilanz:
So mancher Heimweg hat das Zeug, zum Höhepunkt des Tages zu werden. Man darf nur nicht gerade mit dem Auto im Stau stehen. Ein perfekt abgestimmtes Fahrrad kann dabei der entscheidende Schlüssel zum Glück sein.

Kapitel 2